11.08.2020

Für Volk und Vaterland: die Erbswurst

Ab 1934 finden sich Werbeanzeigen der Firmen Hohenlohe und Knorr im Sauerländischen Gebirgsboten, der Mitgliederzeitschrift des Sauerländischen Gebirgsvereins. Beworben wurde die Erbswurst, eine Fertignahrung, die den Wanderern beiderlei Geschlechts ans Herz gelegt wurde. (Fotos: Cantauw, KAF)

Für Volk und Vaterland: die Erbswurst

Christiane Cantauw

Der junge kräftige Wanderer ist mit Wanderschuhen, einer kurzen aufgekrempelten Wanderhose, einem Hemd mit Schillerkragen und einem Rucksack mit darauf befestigtem Kochtopf so recht für eine längere Wanderung ausgestattet. An seiner Seite geht eine lebensgroße Wurst, die mit einem Gesicht, zwei Armen und zwei Beinen sowie einem Wanderstock und einem Rucksack ebenfalls wie ein Wanderer daherkommt. Ein Wegweiser deutet an, dass Wurst und Wanderer aus „Schwachfeld“ gekommen sind. Nun bewegen sie sich mit strammen Schritten Richtung „Kraftburg“. Die Zeichnung, mit der 1934 u. a. im Sauerländischen Gebirgsboten für die Hohenlohe Erbswurst geworben wurde, ist mit „Der rechte Weg“ überschrieben.

Die Hohenlohesche Nährmittelfabrik AG aus dem württembergischen Gerabronn schaltete in den 1920er und 1930er Jahren zahlreiche Anzeigen im Sauerländischen Gebirgsboten. Beworben wurde meistenteils die Erbswurst, die den – in den Werbeanzeigen überwiegend jungen – Wanderern ans Herz gelegt. Auch die C. H. Knorr A.G. aus Heilbronn a. N. warb im Gebirgsboten für seine Erbswurst, sie sei „leicht mitzunehmen, billig und praktisch“. 100 Gramm Erbswurst ergäben vier Teller Suppe und kosteten nur 19 Pfennig.

Ab 1934 finden sich Werbeanzeigen der Firmen Hohenlohe und Knorr im Sauerländischen Gebirgsboten, der Mitgliederzeitschrift des Sauerländischen Gebirgsvereins. Beworben wurde die Erbswurst, eine Fertignahrung, die den Wanderern beiderlei Geschlechts ans Herz gelegt wurde.

Bei der Erbswurst handelt es sich um ein nahezu unbegrenzt haltbares Fertiggericht, dessen Eignung für die Verpflegung von Soldaten schnell erkannt wurde. Aus Erbsmehl, Speck, Salz, Zwiebeln und Gewürzen hatte der Berliner Koch und Konservenfabrikant Johann Heinrich Grüneberg 1867 durch Entzug von Wasser ein Trocken-Gemisch erzeugt, das in Pergamentpapier oder Tierdärme abgefüllt und durch die Zugabe von Wasser und erneutes Aufkochen zu einer Suppe verarbeitet werden konnte. Die preußische Militärverwaltung kaufte Rezept und Know-how für 37.000 Taler und ließ die Erbswurst ab 1870 fabrikmäßig herstellen. Im Deutsch-Französischen Krieg (1870/71) wurde sie erstmals als Soldatenverpflegung genutzt.

Ab 1889 bot Knorr das Produkt mit veränderter Rezeptur an und machte es zu einem Massenprodukt in der zivilen Küche, das zum Beispiel auch Bergsteigern, Expeditionen und den jugendlichen Wandervögeln ans Herz gelegt wurde. Diese Zielgruppen boten sich an, weil sie auf eine leicht mitzunehmende und haltbare Verpflegung angewiesen waren.

 

Bei den Wanderern hatte sich außerdem um die Jahrhundertwende fast schon ein Wettbewerb um möglichst geringe Kosten von Wanderfahrten entsponnen, weil man diese Form der Freizeitgestaltung für möglichst breite Bevölkerungsschichten attraktiv machen wollte. In einer Handreichung des Alt-Wandervogel wird deshalb auch auf die Erbswurst als geeignete Verpflegung verwiesen. Ein Kessel, der für die Zubereitung essentiell war, wurde als Ausrüstungsgegenstand angeraten.

Das Abkochen in der Natur, also die Zubereitung von Mahlzeiten in einem mitgeführten Kessel auf offenem Feuer, war ein beliebtes Thema unter jugendlichen Wanderern*innen. Um die Nützlichkeit der Erbswurst in diesem Zusammenhang herauszustellen, lobte die Firma Knorr einen Fotowettbewerb aus, der Material für künftige Werbekampagnen liefern sollte.

Die kostengünstige Durchführbarkeit von Gruppenwanderungen war in Broschüren, Handreichungen und Artikeln in einschlägigen Verbandszeitschriften ein beliebtes Thema. Der Volksschullehrer Richard Schirrmann (1874 - 1961), Gründer des deutschen und des internationalen Jugendherbergswerks, begeisterter Fürsprecher des Jugendwanderns und späterer Herbergsvater der weltweit ersten, im Jahr 1912 eröffneten Jugendherberge in Altena, zählt einen Kochkessel, eine Pfanne und Spiritusflaschen zu den unentbehrlichen Ausrüstungsgegenständen einer Wanderfahrt. Er geht in seinem Beitrag zum Thema „Volksschülerwanderfahrten“ (Sauerländischer Gebirgsbote 6 (1911)) davon aus, dass in der Regel selbst gekocht wird – im einschlägigen Jargon nannte man das „Abkochen in der freien Natur“. Zu den Kosten einer solchen Verpflegung schreibt Richard Schirrmann: „Unter gewöhnlichen Verhältnissen rechne ich mit Einschluß der Bahn-Heimfahrt pro Tag und Person M. 1.- bis M. 1.20. Essen und Trinken bestreiten wir täglich mit M. 0.50 bis M. 0.75. So haben wir auf einer dreitägigen Wanderung nach dem Siebengebirge M. 4.50, auf einer achttägigen von hier nach Holland 300 km weit nur M. 10.- pro Kopf verausgabt, einschließlich Eisenbahnfahrt.“

Ab 1934 finden sich Werbeanzeigen der Firmen Hohenlohe und Knorr im Sauerländischen Gebirgsboten, der Mitgliederzeitschrift des Sauerländischen Gebirgsvereins. Beworben wurde die Erbswurst, eine Fertignahrung, die den Wanderern beiderlei Geschlechts ans Herz gelegt wurde.

Ob es Erbswürste bei den von Richard Schirrmann veranstalteten Volksschulwanderfahrten gab, ist nicht bekannt; zumindest schreibt er nichts davon. Wovon er aber schreibt, ist, wozu die Wanderungen eigentlich dienen sollten: „Wir brauchen ein willensstarkes, gesundes, tatenfreudiges Geschlecht für alle Zukunft. Denn ‚die Zukunft wird schließlich dem Volke gehören, das sich körperlich am widerstandsfähigsten und damit am wehrfähigsten hält!‘ (Graf Posadowsky).“

Folgt man dieser Argumentation Richard Schirrmanns , dann hatte auch die seit den 1920er Jahren im Wandergepäck mitgeführte Erbswurst ihren Anteil an der Erziehung der Wanderjugend zu wehrfähigem Nachwuchs und stand so in der Tradition der in den Anfangsjahren für die soldatische Verpflegung hergestellten Erbswurst.

Knorr produzierte die Suppenpulvertabletten übrigens auch nach dem Zweiten Weltkrieg weiter. Erst 2018 nahm  der britisch-niederländische Konsumgüterkonzern Unilever, zu dem Knorr seit 2000 gehört, den Artikel wegen mangelnder Nachfrage aus dem Programm.

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