Der Handwagen der Familie Schenk
1946 lud Selma Schenk das Notwendigste auf einen Handwagen und verließ mit ihren Kindern das Zuhause im Riesengebirge im heutigen Polen. Diesen Leiterwagen nutzte die Familie Schenk bereits in den 1930er Jahren, um Tierfutter aus den Nachbarorten zu transportieren. Als Kleinkind begleitete Selma Schenks Sohn Reinhard seine Großmutter auf diesen Fahrten und wurde im Wagen gezogen. Als sich Selma Schenk 1946 auf den etwa 750 Kilometer langen Weg nach Westen machte, war sie allein mit den noch jungen Kindern unterwegs. Ihr Ehemann Richard war zu diesem Zeitpunkt noch in sowjetischer Kriegsgefangenschaft.
Infolge des Zweiten Weltkriegs flohen insgesamt mehr als 12 Millionen Deutsche aus den ehemals deutschen Ostgebieten oder wurden nach Kriegsende von hier vertrieben. Schlesien, das Riesengebirge und somit auch der Ort Pfaffengrund wurden auf der Potsdamer Konferenz im Sommer 1945 Polen zugesprochen. Auf Druck der polnischen Exilregierung mussten mehr als drei Millionen Deutsche allein Schlesien verlassen. An ihrer Stelle wurden Polen aus dem sowjetisch besetzen Ostpolen angesiedelt. Unter den Vertriebenen befand sich Selma Schenk mit ihren Kindern. In Ermangelung anderer Transportmittel packte sie einen Teil ihrer Habe auf einen Handwagen und machte sich zu Fuß auf den Weg nach Westen. Die Kinder durften sich auf dem Wagen ausruhen, wenn sie nicht mehr gehen konnten, Über Umwege kam die Familie erst nach Emsdetten und dann nach Bielefeld.
Geflüchtete und Vertriebene in Bielefeld nach 1945
Bielefeld nahm tausende Geflüchtete und Vertriebene auf. Die bereits 1944 einsetzenden Ströme von Geflüchteten, Ausgebombten und Vertriebenen, die auch mit Kriegsende 1945 nicht abrissen, sorgten dafür, dass bereits im Juli 1947 die Aufnahmekapazitäten Bielefelds vollständig überschritten waren. Im September 1950 lebten über 150.000Menschen in der Stadt – mehr als vor Kriegsbeginn.
Wohnraum war knapp. Im Luftkrieg wurde Bielefeld stark zerstört. Auch die Versorgung mit Lebensmitteln war zunächst schwierig. Eine Integration der Geflüchteten und Vertriebenen galt in dieser Situation als nachrangig. Zunächst stand die Deckung der Grundbedürfnisse im Vordergrund. Doch auch später erfolgte Integration in erster Linie ökonomisch (Lastenausgleich), weniger kulturell oder sozial. Viele Geflüchtete und Vertriebene hofften zudem auf eine zeitnahe Rückkehr in ihre Heimat und schlossen sich in Landsmannschaften zusammen, um dahingehende Interessen zu vertreten. In der Kreisvereinigung der ostdeutschen Landsmannschaften des Stadtkreises Bielefeld e.V. gab es beispielsweise 16 Untergruppen, die überwiegend Menschen aus Schlesien repräsentierten.
Sennestadt: Neuanfang und Neubau
Die Wohnraumnot sorgte in der jungen Bundesrepublik für politischen Druck und forcierte Forderungen nach konkreten Lösungen. Die Verabschiedung des Ersten Wohnungsbaugesetzes zur Wohnraumbeschaffung im April 1950 hatte in diesem Zusammenhang vor allem zum Ziel, Personen zu versorgen, die ihre Wohnung im Zuge des Zweiten Weltkriegs verloren hatten. Schnell war auch in Bielefeld klar, dass neuer Wohnraum nötig sein würde, der über die Vorkriegskapazitäten hinaus ging. Bielefeld, das sich bis 1973 in die Stadt Bielefeld und den Kreis Bielefeld unterteilte, hatte selbst kaum Bauland-Reserven. Allerdings verfügte die benachbarte Gemeinde Senne II über brach liegende Flächen. Der gemeinsame Ausschuss der Stadt Bielefeld und des Landkreis Bielefeld plante, dort über3.000 öffentlich geförderte Wohnungen zu bauen, die mehr als 10.000 Menschen ein Zuhause geben sollten. Die Planstadt „Sennestadt“ nahm ihren Anfang.