Der weite Weg nach Westen. Geflüchtete und Vertriebene in Bielefeld nach 1945

05.05.2026 Niklas Regenbrecht

Leiterwagen, ca. 1930er Jahre, Historisches Museum Bielefeld

Der Handwagen der Familie Schenk

1946 lud Selma Schenk das Notwendigste auf einen Handwagen und verließ mit ihren Kindern das Zuhause im Riesengebirge im heutigen Polen. Diesen Leiterwagen nutzte die Familie Schenk bereits in den 1930er Jahren, um Tierfutter aus den Nachbarorten zu transportieren. Als Kleinkind begleitete Selma Schenks Sohn Reinhard seine Großmutter auf diesen Fahrten und wurde im Wagen gezogen. Als sich Selma Schenk 1946 auf den etwa 750 Kilometer langen Weg nach Westen machte, war sie allein mit den noch jungen Kindern unterwegs. Ihr Ehemann Richard war zu diesem Zeitpunkt noch in sowjetischer Kriegsgefangenschaft.

Infolge des Zweiten Weltkriegs flohen insgesamt mehr als 12 Millionen Deutsche aus den ehemals deutschen Ostgebieten oder wurden nach Kriegsende von hier vertrieben. Schlesien, das Riesengebirge und somit auch der Ort Pfaffengrund wurden auf der Potsdamer Konferenz im Sommer 1945 Polen zugesprochen. Auf Druck der polnischen Exilregierung mussten mehr als drei Millionen Deutsche allein Schlesien verlassen. An ihrer Stelle wurden Polen aus dem sowjetisch besetzen Ostpolen angesiedelt. Unter den Vertriebenen befand sich Selma Schenk mit ihren Kindern. In Ermangelung anderer Transportmittel packte sie einen Teil ihrer Habe auf einen Handwagen und machte sich zu Fuß auf den Weg nach Westen. Die Kinder durften sich auf dem Wagen ausruhen, wenn sie nicht mehr gehen konnten, Über Umwege kam die Familie erst nach Emsdetten und dann nach Bielefeld.

Geflüchtete und Vertriebene in Bielefeld nach 1945

Bielefeld nahm tausende Geflüchtete und Vertriebene auf. Die bereits 1944 einsetzenden Ströme von Geflüchteten, Ausgebombten und Vertriebenen, die auch mit Kriegsende 1945 nicht abrissen, sorgten dafür, dass bereits im Juli 1947 die Aufnahmekapazitäten Bielefelds vollständig überschritten waren. Im September 1950 lebten über 150.000Menschen in der Stadt – mehr als vor Kriegsbeginn.

Wohnraum war knapp. Im Luftkrieg wurde Bielefeld stark zerstört. Auch die Versorgung mit Lebensmitteln war zunächst schwierig. Eine Integration der Geflüchteten und Vertriebenen galt in dieser Situation als nachrangig. Zunächst stand die Deckung der Grundbedürfnisse im Vordergrund. Doch auch später erfolgte Integration in erster Linie ökonomisch (Lastenausgleich), weniger kulturell oder sozial. Viele Geflüchtete und Vertriebene hofften zudem auf eine zeitnahe Rückkehr in ihre Heimat und schlossen sich in Landsmannschaften zusammen, um dahingehende Interessen zu vertreten. In der Kreisvereinigung der ostdeutschen Landsmannschaften des Stadtkreises Bielefeld e.V. gab es beispielsweise 16 Untergruppen, die überwiegend Menschen aus Schlesien repräsentierten.

Sennestadt: Neuanfang und Neubau

Die Wohnraumnot sorgte in der jungen Bundesrepublik für politischen Druck und forcierte Forderungen nach konkreten Lösungen. Die Verabschiedung des Ersten Wohnungsbaugesetzes zur Wohnraumbeschaffung im April 1950 hatte in diesem Zusammenhang vor allem zum Ziel, Personen zu versorgen, die ihre Wohnung im Zuge des Zweiten Weltkriegs verloren hatten. Schnell war auch in Bielefeld klar, dass neuer Wohnraum nötig sein würde, der über die Vorkriegskapazitäten hinaus ging. Bielefeld, das sich bis 1973 in die Stadt Bielefeld und den Kreis Bielefeld unterteilte, hatte selbst kaum Bauland-Reserven. Allerdings verfügte die benachbarte Gemeinde Senne II über brach liegende Flächen. Der gemeinsame Ausschuss der Stadt Bielefeld und des Landkreis Bielefeld plante, dort über3.000 öffentlich geförderte Wohnungen zu bauen, die mehr als 10.000 Menschen ein Zuhause geben sollten. Die Planstadt „Sennestadt“ nahm ihren Anfang.

Luftaufnahme Sennestadt Richtung Lämershagen/Hillegossen, Fotograf: Kurt Guntmann, o.D. // Stadtarchiv Bielefeld, Best. 400,3/Nr. 12-5-35; Foto: Kurt Guntmann

Prof. Dr. Hans Bernhard Reichow (1899 – 1974) gewann den Wettbewerb um den Entwurf der Siedlung. Nach seiner Planung und ganz im Zeichen der Zeit sollte Sennestadt eine autogerechte und moderne Siedlung werden, die alle Bereiche des privaten und öffentlichen Lebens abdeckte. Die Gründung der Sennestadt GmbH erfolgte 1956. Noch im gleichen Jahr begann der Bau; zwei Jahre später der Erstbezug. Das Einwohnerziel von mehr als 10.000 Personen erreichte Sennestadt bereits 1960.

Elbeallee, 1965 // Stadtarchiv Bielefeld, Best. 400,3/Nr. 12-5-280, Fotograf: Möller
Häuserbau Sennestadt, 1958 // Stadtarchiv Bielefeld, Best. 400,3/Nr. 12-5-294, Fotograf: Otto Sudmann
Luftbild, 1972 // Stadtarchiv Bielefeld, Best. 400,3/Nr. 12-5-103, Fotograf: Abraham

Längst hatte sich der Projektname „Sennestadt“ verselbstständigt und war Synonym für die Siedlung geworden. Mit dem Erhalt des Stadtrechts 1965 wurde die Gemeinde auch offiziell in Sennestadt umbenannt. Zu dem Zeitpunkt lebten dort mehr als 17.000 Menschen; 40 Prozent von ihnen waren Geflüchtete und Vertriebene. Und Sennestadt wuchs weiter: Infrastruktur und Industrie entwickelten sich über die ursprünglichen Pläne hinaus rasant. Sennestadt, seit 1973 in die Stadt Bielefeld eingemeindet, war nicht nur ein politischer Erfolg, sondern für viele Menschen ein neuer Anfang.

Ende 1946 erreichte Selma Schenk mit ihren Kindern Westdeutschland. Sie kamen zunächst im münsterländischen Emsdetten an. Dort stieß schließlich auch Richard Schenk wieder zu seiner Familie. 1958 zog die Familie nach Bielefeld; wenn auch nicht nach Sennestadt. Und mit ihr kam auch der Handwagen. Mittlerweile neu angestrichen stand er zunächst im Keller. Später beförderte Reinhard Schenk seinen Enkel darin im Park und zum Einkaufen, bevor der Leiterwagen schließlich, mit Blumen bepflanzt, zehn Jahre im Garten stand. Ende 2025 wurde er dem Historischen Museum Bielefeld angeboten. In der Sonderausstellung „Familiensache. Leben zwischen Ideal und Alltag“ ist der Leiterwagen noch bis zum 14. Juni im Originalzustand zu sehen und erinnert an das Schicksal vieler Menschen, die in der Sennestadt, in Bielefeld oder anderswo eine neue Heimat gefunden haben.

 

Literatur:

Günther, Judith, 15. Juli 1965: Die Gemeinde Senne II wird zur Stadt Sennestadt, in: historischer-rueckklick-bielefeld.com – URL: https://historischer-rueckklick-bielefeld.com/2015/07/01/01072015/ [zuletzt aufgerufen am 27.03.2026]

Vogelsang, Reinhard, Geschichte der Stadt Bielefeld, Bd. III. Von der Novemberrevolution 1918 bis zum Ende des 20. Jahrhunderts, Bielefeld 2005.