14.07.2020

Landleben und Landtechnik im Wandel

Getreideernte per Muskelkraft, Lengerich (Emsland) um 1930. Foto: Bildarchiv des Emslandmuseums Lingen

Landleben und Landtechnik im Wandel

Andreas Eiynck

Es ist wieder soweit – die heiße Jahreszeit steht vor der Tür. Und das war früher nicht die Urlaubszeit, sondern die Zeit, in der die Schnitter und die Binderinnen auf die Felder zogen, um mit harter Arbeit in der prallen Sonne mit einfachsten Geräten per Muskelkraft das Korn zu ernten. Die Getreideernte durch die „bäuerliche Hofgemeinschaft“ wurde zu einem Symbol der agrarromantischen Volkskunde und wird in vielen Publikationen und Museen bis heute so dargestellt.

Wer heute die Geschichte der letzten hundert Jahre auf dem Lande verfolgt, stößt dabei zwangsläufig vor allem auf Technikgeschichte. Denn die Zeit der Schnitter ging schon im späten 19. Jahrhundert ihrem Ende entgegen, als die Mähmaschinen als erste, zunächst noch mit Pferden angetriebene Erntemaschinen auch in Deutschland Einzug hielten. Es war wohl kein Zufall, dass gerade die härteste aller Männerarbeiten in der Landwirtschaft von einer Maschine übernommen wurde, denn die Arbeit für die Binderinnen und somit für die Frauen blieb bis auf Weiteres die gleiche.

Nach dem Ersten Weltkrieg kamen die „Selbstbinder“ auf, die das Getreide nicht nur mähten, sondern auch zu Garben zusammenlegten und verknoteten. Ein patentierter Knoter war lange Zeit das Firmenzeichen des Landmaschinenherstellers Claas in Harsewinkel, getreu dem Motto „Weltbekannt ist weit und breit die Claas’sche Bindesicherheit“. Ein Selbstbinder war aber nicht nur teurer als eine Mähmaschine, sondern er auch konnte auch nicht mehr von einem Pferd alleine angetrieben werden – erforderlich waren mindestens zwei, besser drei Zugtiere. So setzte mit der Mechanisierung auch der Konzentrationsprozess in der Landwirtschaft ein, der nach dem Prinzip „wachse oder weiche“ bis heute anhält. Kriege und Notzeiten, Agrarprogramme und zahllose Lippenbekenntnisse zum „bäuerlichen Familienbetrieb“ konnten diese Dynamik nicht aufhalten. Denn die Technik entwickelt sich immer weiter.

Nach der Währungsreform (1948) war die Landwirtschaft gekennzeichnet vom sogenannten „1950er-Syndrom“. Die Zahl der Arbeitskräfte ging stark zurück, während gleichzeitig der Düngereinsatz, der Motorkrafteinsatz und die Erträge stark anstiegen. Die Grundlage dafür bildete die Maschinenkraft des Traktors und symbolhaft steht dafür der „Lanz Bulldog“, der dann im Laufe der 50er-Jahre rasch von leistungsstärkeren Traktoren anderer Hersteller abgelöst wurde. Mit diesen landläufig auch Schlepper oder Trecker genannten Zugmaschinen war es möglich, immer schwerere und komplexere Landmaschinen anzutreiben.

Pause bei der Feldarbeit, Bawinkel, Heuermann Hüer bei Bauer Többen, um 1965. Foto: Bildarchiv des Emslandmuseums Lingen.

Hierzu gehörten etwa die Stalldungstreuer, welche die äußerst unbeliebte Arbeit des Miststreuens mechanisierten. Bis dahin musste man den schweren Stallmist in Muskelkraft mit der Mistforke aufladen, abladen und verteilen. Eine geradezu legendäre Landmaschine wurde in diesem Zusammenhang der „Krone Optimat“, ein Miststreuer mit Kratzboden und Streuwerk, den der Ingenieur Bernd Deupmann aus Catenhorn bei Rheine entwickelt hatte. Rund 200.000 Stück setzte die Landmaschinenfabrik Krone aus dem emsländischen Spelle davon bis in die 1970er-Jahre ab.

Ein anderes Erfolgsmodell jener Jahre waren die Ladewagen, mit denen ein Fahrer alleine die gesamte Heuernte bewerkstelligen konnte. In Zeiten knapper werdender Arbeitskräfte auf dem Lande war dies eine unschätzbar nützliche Erfindung für die damals noch sehr zahlreichen Milchviehbetriebe.

Zum Symbol für die volltechnisierte Landwirtschaft schlechthin generierte nach dem Zweiten Weltkrieg jedoch der Mähdrescher. Er war eine Erfindung aus den USA, wo die ersten Combiner – von 40 Pferden gezogen – schon im späten 19. Jahrhundert im Einsatz waren. Ausgerüstet mit einem Motor wurden die gezogenen Mähdrescher rasch leistungsfähiger, bis schließlich selbstfahrende Modelle die technische Führung übernahmen. Der westfälische Hersteller Claas stellte beide Varianten her, seit 1946 den gezogenen Mähdrescher „Super“ und seit 1953 mit dem „Herkules SF“ den ersten Selbstfahrer. Damit sowie mit den Nachfolgemodellen „Columbus“ und „Matador“ errang Claas eine führende Marktposition.

Eines ist allen Mähdreschern gemeinsam: das Mähen und Dreschen wird hier von einer einzigen fahrbaren Maschine in einem Zuge direkt auf dem Acker erledigt. Ein unwahrscheinlicher Fortschritt in der Produktivität innerhalb weniger Jahrzehnten. Die Mithilfe der Familie bei der Getreideernte war damit weitgehend überflüssig geworden oder beschränkte sich auf das Verladen der Strohballen, die nun mit einer weiteren Maschine gepresst wurden.

Die Erntetechnik hat somit auch das Landleben verändert. Die Erntezeit reduziert sich heute auf wenige Tage oder Stunden, in denen zumeist ein Lohnunternehmen mit seinen leistungsfähigen, aber eben auch teuren Maschinen, die gesamte Getreideernte erledigt. Hochbetrieb herrscht heute nicht mehr auf dem Hof, sondern beim Lohnunternehmer, der in dieser Jahreszeit quasi Tag und Nacht im Einsatz ist.

Landtechnik von anno dazumal, hier am Mähdrescher 36 von John Deere im Krone-Museum. Foto: Andreas Eiynck.

Gemütlicher ist das Leben auf einem Bauernhof dadurch nicht geworden, denn der Landwirt konzentriert sich heute in Nordwestdeutschland vor allem auf die Viehwirtschaft und arbeitet im Stall. 356 Tage im Jahr und rund um die Uhr, auch Weihnachten und Ostern. Dies ist sicherlich auch ein Grund, warum die Zahl der landwirtschaftlichen Familienbetriebe immer weiter abnimmt.

Alle hier genannten Maschinen findet man als voll funktionsfähige Originale im Krone-Museum in Spelle, das 2020 konzeptionell und optisch völlig neugestaltet wurde. Es informiert nicht nur über die Geschichte der Familie und der Firma Krone mit ihren Landmaschinen, sondern zeigt auch die Entwicklung der Landtechnik allgemein. Schwerpunkte liegen auf den frühen Traktoren und Bodenbearbeitungsgeräten, Stalldungstreuern, Ladewagen und Maishäckslern. Hinzu kommen Highlights aus den Anfängen der Landmaschinen wie ein Lanz-Landbaumotor von 1917, ein Hanomag-WD-Großpflug von 1918 und der legendäre Hanomag-Traktor AR 38 aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg. Die Mechanisierung des Dreschens zeigen Großdreschmaschinen von Ködel&Böhm sowie der sogenannte „Lanzknecht N 100“, die erste ganz aus Stahl gebaute Dreschmaschine überhaupt.

Landtechnik von anno dazumal, hier am Mähdrescher 36 von John Deere im Krone-Museum. Foto: Andreas Eiynck.

Und auch einige frühe Mähdrescher sind in der großen Maschinenhalle des Museums zu bewundern: Ein John Deere Präriemähdrescher von 1940, der ursprünglich für den Einsatz in Algerien beschafft wurde und später nach Europa gelangte, sowie der berühmte „Claas Columbus“, von dem in Harsewinkel insgesamt etwa 60.000 Stück gebaut wurden.

Das Krone-Museums ist an jedem Donnerstagnachmittag von 14 bis 17 Uhr sowie nach Vereinbarung geöffnet. Der Eintritt ist frei. Telefon: 05977 935 793, Email: museum@krone.de , homepage: www.krone-museum.de

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Schlagworte: Andreas Eiynck · Landwirtschaft