10.07.2020

Wintersport, Täuferherrschaft und de Uelske Pinxenkranz

Abbildungen auf Notgeldscheinen erzählen von lokalen Besonderheiten

Nikola Böcker

Wer an die wirtschaftliche Situation vor 100 Jahren denkt, dem kommen vermutlich Bilder von Schubkarren gefüllt mit Geldscheinen oder Brotpreise in Höhe von mehreren Milliarden Reichsmark in den Kopf. Die Geldpolitik der Kriegsjahre und die folgenden hohen Reparationszahlungen führten in Deutschland im Jahr 1923 zu einer Hyperinflation, also einer fast vollständigen Entwertung des Geldes. In dieser Situation behalf man sich mit sogenanntem Notgeld, das heute u.a. auch eine spannende historische Quelle darstellt.

Der Begriff Notgeld beschreibt grundsätzlich einen Geldersatz, der im Zahlungsverkehr anstelle der gesetzlichen Zahlungsmittel genutzt wird, wenn diese fehlen. Notgeld gab es bereits in der Antike und auch in der Frühen Neuzeit und in der Moderne gab es immer wieder Jahre, in denen Notgeld zum Zahlungsmittel wurde. Dies geschah ebenso nach den beiden Weltkriegen in Deutschland oder etwa noch in den 1970er Jahren in Italien. Oft wurden als Grundlage für Notgeldscheine alte, einseitig bedruckte Papiere wie Postkarten, Plakate, Tapeten, teilweise sogar Spielkarten oder Lotterielose verwendet. In Einzelfällen traten auch Materialien wie Textilien, Glas, Ton oder Steingut auf, etwa bei den seit 1920 hergestellten Münzen aus Meißener Porzellan.

Eine rechtliche Grundlage gab es für das Notgeld nicht. Der Staat musste es jedoch meist dulden, da es an staatlichen Zahlungsmitteln mangelte. Er handhabte die Situation mit Verwaltungsanweisungen, um zumindest Missbräuche zu verhindern. Trotz dieser Einschränkungen gab es um 1920 im Deutschen Reich zwischen 2000 und 3000 öffentliche und private Ausgabestellen, vor allem von Städten und Privatfirmen, teils auch von Gemeinden, Ämtern, Sparkassen und anderen Behörden. Der Gesamtbetrag an Notgeld für diesen Zeitraum wird auf etwa 300 bis 400 Millionen Mark geschätzt.

Notgeld war aber nicht nur Zahlungsmittel in Krisenzeiten. In der Zeit zwischen dem Ersten Weltkrieg und der Hyperinflation zeigt ein besonders interessantes Phänomen: Die Gestaltung der Notgeldscheine wurde immer elaborierter und individueller. Während zwischen 1914 und 1919 zunächst Behelfsausgaben, dann Kleingeldscheine und -münzen und schließlich Großgeldscheine in Umlauf gebracht wurden, traten zwischen 1919 und 1922 vermehrt auch Notgeldscheine auf, bei denen nicht ihre Funktion als Zahlungsmittel, sondern ihr Sammelwert im Vordergrund stand. Bei diesen besonders gestalteten Serienscheinen handelt es sich letztlich um Pseudo-Geld. Sie wurden in Serien von Scheinen desselben Nominals mit ähnlicher Gestaltung teilweise sogar über Kataloge angeboten. Es gab sie in vielen deutschen Städten und Gemeinden. Besonders bekannt sind die „Bielefelder Seidenscheine“, neben denen sich in der Textilstadt auch solche aus Jute, Samt oder Leinen fanden.

Obwohl schon frühere Notgeldscheine Besonderheiten der Gestaltung aufweisen, wird dies bei den Serienscheinen besonders deutlich. Sie zeigen gewisse Gestaltungsnormen, wobei auf der Vorderseite des Scheins das Nominal und die Ausgabestelle sowie das Ausgabedatum und die Gültigkeitsdauer abgedruckt sind. Die Rückseite dagegen ist oft aufwändig gestaltet und verrät Einiges über die Absichten der Ausgabestellen und -orte bei der Scheinproduktion. Historische Szenen stehen hier neben Abbildungen von Personen, Gebäuden oder Landschaften aus dem örtlichen Umfeld.

Auch im Archiv der Kommission Alltagskulturforschung für Westfalen findet sich Notgeld, das die Eigenschaften von Serienscheinen aufweist. Oft werden örtliche Besonderheiten oder charakteristische Landschaften abgebildet, so etwa auch auf den Scheinen der Stadt Münster, die unter anderem den Dom und das historische Rathaus zeigen:

Um den Wintersport als Wirtschaftsfaktor weiter auszubauen und sich diesbezüglich im Gedächtnis zu halten, wählte man in Winterberg und Neuastenberg passende Motive:

Deutlich wird, dass die Serienscheine hier nicht nur als Sammlungsobjekt, sondern gleichzeitig auch als Werbemittel fungieren. Die lokale Selbstdarstellung erfolgte außer über landschaftliche Besonderheiten und Möglichkeiten der Freizeitgestaltung auch über Bräuche, Sagen oder (vermeintlich) geschichtliche Ereignisse. Eine Serie der Stadt Detmold etwa zeigt auf den Rückseiten mehrerer Scheine Szenen der Varusschlacht sowie Verse aus dem Lied mit der Eingangszeile „Als die Römer frech geworden“:

Die Stadt Lüdinghausen bildete auf ihrem Notgeld mit dem „Schwengellang“ einen lokalen Brauch ab. Hier ging es wohl darum, eine lokale Besonderheit hervorzuheben und zur Identifikation anzubieten:

Der Osterbrauch, der Ende des 19. Jahrhunderts erstmals erwähnt wurde, ist tatsächlich nur für die Stadt Lüdinghausen dokumentiert. Junge Männer drehten sich dabei am Ufer der Stever in einer Kette an den Händen gefasst im Kreis bis durch die Zentrifugalkraft nach und nach jeweils die letzte Person in der Kette in den Fluss befördert wurde.

Ähnliches zeigt auch das Notgeld der Stadt Oelde. Auf den Rückseiten einer Serie ist der Brauch „Oelder Pfingstenkranz“ abgebildet, der ebenso ein Ortsspezifikum darstellt:

Hier zeigt sich auch eine Besonderheit einiger westfälischer Notgeldscheine. In der Bezeichnung „De Uelske Pinxenkranz“ wird ebenso wie im Titel des Liedes „O Buer, wat kost‘ ju Hei?“ die niederdeutsche Sprache auf dem Notgeldschein als lokales bzw. regionales Identifikationsmoment angeboten. Die Verwendung des Dialekts bei der Gestaltung der Scheine findet sich auch in anderen westfälischen Orten. Aus Westerkappeln stammt beispielsweise eine Serie des Vereins für Heimatkunde, die die Sage der heiligen Reinhild von Riesenbeck („Sünte Rendel“) abbildet. Für die begleitende Erläuterung wurde eine niederdeutsche Fassung der Sage von Karl Wagenfeld genutzt:

Auch Münster schloss sich diesem „Trend“ an und verwendete den Dialekt, um die Geschichte der Täuferherrschaft zu erzählen:

Notgeldscheine der frühen 1920er Jahre, besonders die sogenannten Serienscheine, stellen nicht nur Zahlungsmittel oder Sammlungsobjekte dar, sondern sind auch Ausdruck lokaler Identitätsangebote. Diese bedienten ein breites Spektrum zwischen ländlichen Bräuchen, lokalen Trachten, Wirtschaftsfaktoren oder  – z.B. im Ruhrgebiet – auch politischer Agitation.

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Schlagworte: Nikola Böcker · Erster Weltkrieg · Weimarer Republik