Themenraum Kolonialismus. Eine Ausstellung im Stadtmuseum Münster

29.08.2025 Niklas Regenbrecht

Das partizipative Angebot einer Abstimmung in Echtzeit und die Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage geben im Themenraum Kolonialismus im Stadtmuseum Münster Anlass zum Austausch. (Foto: Cantauw)

Christiane Cantauw

Kolonialismus wird spätestens seit der Jahrtausendwende auf breiter Basis in der Wissenschaft und in der Geschichtsvermittlung als wichtiges Themenfeld wahrgenommen. Buchpublikationen, Stadtführungen, Lehrveranstaltungen, Promotionsprojekte, Vorträge, Tagungen, Kunst(projekte), digitale Angebote und Museumsausstellungen liefern seitdem Daten, Fakten und Impressionen zur deutschen Kolonialgeschichte. Diese war zwar vergleichsweise kurz und wurde deshalb lange als „Episode“ abgetan, hatte aber für die wirtschaftliche, politische und kulturelle Entwicklung der kolonisierten Länder und für die betroffenen Menschen langandauernde Folgen, die vielfach bis heute wirken.

Über Anzahl, Bedeutung und Lage von Kolonialwarenläden in Münster klärt eine Karte auf. (Foto: Cantauw)

Viele Stadtgesellschaften haben sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten aufgemacht, um historische Spuren des Kolonialismus ganz konkret in ihrer Stadt sichtbar zu machen. Das ist auch in Münster geschehen: mit kolonialgeschichtlichen Rundgängen des Stadtarchivs, mit Buchpublikationen beispielsweise von Christin Fleige über die Völkerschauen im münsterschen Zoo, mit Lehrveranstaltungen an der Universität Münster oder mit der Ausstellung „Aus Westfalen in die Südsee“, die 2019 im Stadtmuseum in Münster gezeigt wurde, um nur einige der Angebote zu nennen.

Mit dem „Themenraum Kolonialismus“, der am 22. August 2025 im Stadtmuseum eröffnet wurde, ist nun ein weiteres Informationsangebot hinzugekommen. Der Themenraum wurde kuratiert von Sarah Albiez-Wieck und Johannes Jansen vom Historischen Seminar der Universität Münster sowie von der Stadtmuseumsleiterin Barbara Rommé. An der Erarbeitung der Inhalte waren auch zahlreiche Studierende beteiligt, die in mehrsemestrigen Projekten nach geeigneten Objekten gesucht und Ausstellungstexte verfasst haben.

 

Die Ausstellung gliedert sich in drei Ausstellungseinheiten (Objektpräsentation, Umfrage, weiterführende Informations- und Vernetzungsangebote), die nicht hinter-, sondern nebeneinander angeordnet sind und sich in Form verschiedener Ebenen ergänzen. Informationsangebote wie eine kleine Bibliothek mit aktuellen wissenschaftlichen Publikationen oder die Lebensgeschichte der in Münster aufgewachsenen May Ayim (1960 – 1996), die als Zeugnis afrikanischen „Empowerments“ gelesen werden kann, finden sich neben der digitalen Präsentation von zahlreichen Objekten aus lokalen Archiven und Museen wie Plakaten, Fotografien, Karten oder Gemälden. Außerdem werden an vielen Stellen der Ausstellung die Ergebnisse einer Forsa-Umfrage dokumentiert. Diese bundesweit bislang einzige quantitative repräsentative Befragung von mehreren tausend Menschen präsentiert ein aktuelles Meinungsbild zum Thema Kolonialismus, das von Fragen zur Bedeutung des Kolonialismus für die betroffenen Länder und ihre Bewohner:innen bis hin zu Fragen des Umgangs mit Bezeichnungen wie „Neg**prinz“ oder „Moh**napotheke“ reicht. Als Ergänzung zu den historischen Befunden, aber auch als Diskussionsgrundlage ist die Befragung ein attraktives Instrument, dessen Reichweite in der Ausstellung ebenfalls thematisiert wird. Als partizipatives Angebot wird das Instrument der Befragung auch innerhalb der Ausstellung genutzt, um beispielsweise die Haltung des Publikums zur Restitution von kolonialem Raubgut abzufragen.

59,9% der Befragten einer repräsentativen Umfrage sehen die Kolonialherrschaft aus heutiger Perspektive als Unrecht an, 21,7% meinen dagegen, die kolonisierten Gebiete hätten von der deutschen Kolonialherrschaft profitiert. (Foto: Cantauw)

Aus der Not der räumlichen Enge haben die Kurator:innen des Themenraums insofern eine Tugend gemacht, als sie sich entschlossen haben, die Objekte nicht im Original, sondern als Digitalisate zu zeigen, die an drei Medienstationen abrufbar sind. Die zahlreichen Plakate, Gemälde, Fotografien und vieles mehr aus Archiven und Museen in Münster werden eingehend auf ihre historische und aktuelle Bedeutung hin befragt. Das setzt beim Museumspublikum natürlich die Bereitschaft voraus, viele Texte zu lesen. Belohnt wird diese Bereitschaft durch Erkenntnisse über lokale Ausprägungen des Kolonialismus, des Kolonialrevisionismus und des Postkolonialismus, die wiederum durch die Ergebnisse einer Straßenbefragung in Münster ergänzt werden.  

Was ist mit „kolonialem Blick“ gemeint und wie kann und will man mit Fotografien umgehen, die Menschen herabwürdigen? Solche Fragen galt es im Kuratorenteam und im Beirat der Ausstellung vorab zu klären. (Foto: Cantauw)

Dass ein Themenfeld wie Kolonialismus nicht über die Köpfe der Betroffenen hinweg verhandelt werden kann, fand in der Miteinbeziehung von zahlreichen Initiativen, Vereinen und lokalpolitischen Gruppierungen wie dem Integrationsrat der Stadt Münster, dem Verein afrikanische Perspektiven oder dem Eine Welt Netz NRW, um nur einige zu nennen, seinen Ausdruck. Auch im Rahmen der Ausstellungseröffnung wurde dieser Perspektive durch die Miteinbeziehung von aktuellen Texten afrikanischer Autor:innen Rechnung getragen, die von Mitgliedern von Caktus - Junges Theater präsentiert wurden.       

Die Bandbreite dessen, was die sogenannten Schutzgebiete in Übersee um die Wende zum 20. Jahrhundert für die Bürgerinnen und Bürger in Münster bedeuteten, kann in einer Ausstellung natürlich nur angedeutet werden. Wie anderswo in Deutschland auch changierte die Einstellung der Münsteraner:innen zwischen Geschäftsinteressen (beispielsweise als Kolonialwarenhändler:innen), Großmannssucht, missionarischem Eifer, (vermeintlich) wissenschaftlichem Interesse, nationalen Aufwallungen, Karrierechancen für Einzelne, Sensationsgier angesichts exotischer fremder Kultur und Desinteresse. Rassismus, Menschenverachtung, Ausbeutung, Tod und Leid, die mit dem Kolonialismus verbunden waren, haben wohl nur wenige zur Kenntnis genommen. Immerhin zeigte sich Zoodirektor Hermann Landois 1885 entsetzt über den Umgang von Robert A. Cunningham mit den Mitgliedern der Gruppe, die dieser im Rahmen einer der sogenannten Völkerschauen im münsterschen Zoo zur Schau stellte. Das hinderte ihn allerdings nicht daran, weitere Völkerschauen zu veranstalten – nur nicht in Zusammenarbeit mit Cunningham.

Fast 70% der in einer repräsentativen Umfrage Befragten sprachen sich in einer repräsentativen Umfrage für die Beibehaltung rassistischer Begriffe aus. (Foto: Cantauw)

Alles in allem lässt sich sagen, dass der Themenraum nicht nur globale Verflechtungen und lokale Verantwortlichkeiten zeigt, sondern auch, wie wichtig und gewinnbringend es ist, räumliche und menschliche Distanzen zu überbrücken.

Zur Information:  

Der Themenraum Kolonialismus ist noch bis zum 15. Februar 2026 im Stadtmuseum Münster zu sehen. Der Eintritt ist frei.