Westfälische Schülerzeitungen – eine zeitgeschichtliche Fundgrube

03.02.2026 Niklas Regenbrecht

Barbara Stambolis

Eine Sammlung von Schülerzeitungen im Archiv für Alltagskultur gibt Auskunft darüber, was Jugendliche in Westfalen interessierte. Seit den 1970er Jahren beteiligten sie sich an Friedens- und Antiatomkraftdemonstrationen. Sie diskutierten Alternativen zum Wehrdienst und stellten die Glaubwürdigkeit politischer Entscheidungsträger in Frage. Und sie wollten durchaus nicht alles glauben, was über sie selbst, die als Generationen X und Y etikettierten Altersgruppen, geschrieben wurde. 

Skepsis gegenüber generationellen Labels

Auf die „Generation Golf“, zu der Menschen gezählt werden, die ungefähr zwischen 1965 bis 1975 geboren wurden, folgten eine „Generation X“, in etwa die Jahrgänge 1970/75 bis 1985 und eine „Generation Y“, die zwischen 1985 und 2000 Geborenen umfassend. Daneben ließen sich weitere Generationenlabels nennen. Nach Recherchen des Kulturwissenschaftlers Kaspar Maase gewannen generationelle Etikettierungen in den 1990er Jahren gegenüber den vorangehenden Jahrzehnten auf dem Buchmarkt erheblich an Bedeutung. Nicht nur der Fachbuch- und Belletristik-Markt verzeichnete ein wachsendes Interesse an generationellen Zuschreibungen, sie waren auch Gegenstand von Beiträgen in Wochenmagazinen wie „Spiegel“ oder „Stern“. In letzterem wurde 1999 beispielsweise ausführlich über die Generation Y berichtet.

Auch jenseits solcher generationellen Etikettierungen äußerten sich die Autor:innen von Schülerzeitungen aus Petershagen, Dortmund oder Rheda-Wiedenbrück immer wieder kritisch, manchmal distanziert ironisch darüber, wie Erwachsene Jugendliche einschätzten und über sie urteilten. 1977 zum Beispiel erschien im „Radieschen“ eine Karikatur über klischeehafte Beschwerden, „mit der heutigen Jugend“ sei „nix mehr los. Demonstrationen, Straßenschlachten, Krawalle. Ärger und unausgewogenes Zeugs wo man hinguckt …“

Karikatur: „Mit der heutigen Jugend …“, in: Radieschen. Schülerzeitung des Städtischen Gymnasiums Petershagen, Nr. 1, 1977, S. 19, Sammlung Archiv für Alltagskultur, Münster, K03161.0008.

1977 brachten Schüler*innen aus Petershagen in ihrer Zeitung ein Gedicht des arabischen Schriftstellers Kahlil Gibran – verkürzt und leicht abgewandelt –, welches viele Jugendliche damals gekannt haben dürften. Es beginnt mit den Zeilen: „Deine Kinder sind nicht deine Kinder. Sie sind die Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selbst …“. Dieses Gedicht war einem Buch des Pädagogen Alexander Sutherland Neill vorangestellt. Sein unter dem Titel „Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung – das Beispiel Summerhill“ veröffentlichter Rückblick erlangte in den späten 1970er Jahren Kultstatus. Neills Credo lautete, es gelte, Kindern jede mögliche Entwicklungsfreiheit zu lassen und die Autorität der Erwachsenen als Erzieher so weit wie möglich zu begrenzen. Bei den Jugendlichen fanden auch philosophische Überlegungen Erich Fromms Anklang, der u.a. schrieb, elterliche Liebe bedeute nicht, ein Kind zu besitzen, sondern dafür Sorge zu tragen, dass es sich zu einem eigenständigen Individuum entfalte. (S.66 – 77)

Ende der 1970er und in den 1980er Jahren thematisierten Jugendliche wiederholt Protestaktionen, die sich gegen die Stationierung atomarer Mittelstreckenraketen in Westdeutschland richteten. Später war die Reaktorkatastrophe in Tschernobyl ein Anlass, vor den Folgen friedlicher Nutzung von Atomenergie zu warnen. Antiatom- und Friedensbewegung mobilisierten junge und ältere Bürger*innen. Aus heutiger Sicht zeitlose Symbole, beispielsweise der auf unzähligen Buttons verbreitete Slogan „Atomkraft? Nein danke“ fanden Eingang in Schülerzeitungen.

Karikatur, in: Radieschen Nr. 1, 1977, S. 33, Sammlung Archiv für Alltagskultur, Münster, K03161.0008.
Radieschen Nr. 1, 1977, Titelseite, Sammlung Archiv für Alltagskultur, Münster, K03161.0008.

Es mag überraschen, dass Jugendliche bereits in den 1970er Jahren die Frage aufwarfen, inwieweit es erlaubt sein müsse, für Kundgebungen gegen Aufrüstung dem Unterricht fernzubleiben, „Schwänzen für den Frieden“ müsse erlaubt sein. Nicht nur das Thema Frieden im Unterricht, sondern auch die Teilnahme an Demonstrationen trage dazu bei, Jugendliche zu demokratischen Bürger*innen zu erziehen.  An Friedenswochen und Ostermärschen beteiligten sich Schüler*innen und Lehrer*innen und stellten ihr Anliegen beispielsweise in Dortmund und Petershagen vor. Ein weiterer Schwerpunkt des Schüler*innen-Engagements waren Solidaritätsaktionen für demokratische Bewegungen in Lateinamerika, allem voran in Chile. Jugendliche erinnerten an die Ermordung Salvador Allendes und die folgenden Jahre der Militärdiktatur unter Augusto Pinochet.

In ihrer Freizeit – auch darüber geben die Schülerzeitungen Aufschluss – besuchten die in den Redaktionen tätigen Jugendlichen unter anderem Diskotheken und interessierten sich für diverse musikalische Trends und Unterhaltungsangebote. Begeistert waren sie, dass Hape Kerkeling ihnen nach einem Auftritt in einer Diskothek in Bückeburg-Cammer ein ausführliches Interview gab. Den DJ dieser in den 1980er Jahren in der näheren und weiteren Umgebung ausgesprochen angesagten Diskothek „Up de Deel“, befragten sie nach seiner Arbeit. Er sprach unter anderem über Hip-Hop, Neue Deutsche Welle, Breakdance oder Radio FFN, einen Privatsender, der 1982 seinen Betrieb aufnahm und wegen seines Musikprogramms bei den Schüler*innen gute Resonanz fand. Einen Artikel widmeten Jugendliche 1988 der Punkband „Einstürzende Neubauten“, die in Hannover ein Konzert gegeben hatte und die aus Petershagener Sicht ihr Publikum wohl eher in urbanen Zentren als in peripheren Regionen und kleineren Städten finde.

Diese Beispiele sind aufschlussreich, jedoch keineswegs repräsentativ für die Mehrheit der Jugendlichen im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts. Umfrageergebnisse belegen, dass sie allenfalls exemplarisch für Jugendliche und junge Erwachsene mit höheren Bildungsabschlüssen sind. Deshalb nehmen sie in der westfälischen Schülerzeitungs-Sammlung viel Raum ein.

Il Fiasco, Titelseite Juni 1999, Sammlung Archiv für Alltagskultur, Münster, K03161.0015.
Il Fiasco, Juni 1999, Leitartikel (Auszug), S. 6, Sammlung Archiv für Alltagskultur, Münster, K03161.0015.

Generation Y – „Man bin ich cool man!“

Einen ausführlichen Artikel im „Stern“ unter der Überschrift „Generation Y. Die Sechzehnjährigen“ war eine komplette Ausgabe der Petershagener Schülerzeitung „Il Fiasco“ im Juni 1999 gewidmet. Auf deren Titel ist ein Junge mit Baseballcap zu sehen; er sagt „Man bin ich cool man!“. Ferner enthält die Titelseite den Hinweis auf den Leitartikel (Autorenkürzel ROE): „Was Soziologen von unserer Generation halten.“ Letzterer trägt die Überschrift „I‘ m cool man ... Ne PHAT“. Er zitiert ausschnittweise Sätze aus dem Bericht im Stern, auf der ersten Seite umrahmt der Text ein großes Y, das Generationenlabel, um das es geht. Ein ironischer Tenor durchzieht den Beitrag, hier ein Auszug: „Bist zu ca. 16 Jahre alt und findest manches so unheimlich cool? Dann bist du leider total out. Es heißt nämlich unter Hiphoppern nicht mehr cool, sondern du müsstest dann schon sagen: ‚das ist phat (sprich: fett).‘ Cool, oder etwa nicht? […] Laut ein paar ‚Soziologen‘ gehörst du nämlich ansonsten nicht mehr den ‚no-future-kids‘ der sogenannten Generation X an, sondern der neuen, der tollen, der individuellen Generation Y.“ Im Fazit, Jugendliche täten „gut daran, alles selbst in die Hand zu nehmen.“ Denn „Individualität“ sei nach Erkenntnissen der Jugendforschung das zentrale Merkmal der Generation Y.

Titelseite und zitierter Text aus dieser Petershagener Schülerzeitung 1999 sind voller Anspielungen für die jugendlichen Leser*innen. So bezieht sich der Slogan „I’ m cool man“ auf einem Song, der in den ersten Monaten des Jahres 1995 kurzzeitig Platz fünf der deutschen Single-Charts eroberte. Dieser bezieht sich auf den Werbetext des Schweizer Musikers Peter Steiner, der mit einem alten Mann in den Bergen für Milka-Schokolade wirbt; der Spot beginnt so: „Ah – ein Stadtmensch! Sie glauben wohl auch, dass wir hier oben etwas altmodisch sind. Aber das stimmt nicht.“ Der letzte Satz lautet: „Aber Vorsicht: It’ s cool, man!“. Mit Bezug auf diesen Werbespot stellte die Petershagener „Fiasco“-Redaktion also auf witzige Weise schematische Darstellungen von Jung und Alt sowie Stadt und Land in Frage. Sie spielte auf intelligente – eigensinnige – Weise mit damals bekannten Versatzstücken wissenschaftlicher und medialer generationeller Selbst- und Fremdzuschreibungen.

Zwischen manchen der skizzierten Themen, die in den Schülerzeitungen zur Sprache kamen und aktuell virulenten Problemen sind unschwer Zusammenhänge herzustellen. Kritik an politisch Verantwortlichen, skeptische Distanz gegenüber Urteilen Erwachsener und der Anspruch, eigene Wege zu gehen, ziehen sich als rote Fäden durch Selbstzeugnisse und persönliche Rückblicke und gewinnen in westfälischen Quellen auf anschauliche, vielleicht auch hin und wieder überraschende Weise Konturen.         

 

Quellen

Sammlung Schülerzeitungen des Archivs für Alltagskultur, Münster 

Literatur und Internetverweise

Alexander Sutherland Neill: Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung. Das Beispiel Summerhill, Reinbek 1969.

Andreas Albes: Generation Y. Die Sechzehnjährigen, in: Stern 13, März 1999, S. 76-88.

Barbara Tuchman: Wann ereignet sich Geschichte, in: dies.: In Geschichte denken. Essays, Düsseldorf 1982, S. 33-39.

Erich Fromm: Die Kunst des Liebens, (deutsch zuerst 1980) München 2007.

Hans-Peter Schwarz: Die neueste Zeitgeschichte, in: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte 51, 1, 2003, S. 5-28.

Kaspar Maase: Farbige Bescheidenheit. Anmerkungen zu einem postheroischen Generationsverständnis, in: Ulrike Jureit, Michael Wildt (Hg.): Generationen. Zur Relevanz eines wissenschaftlichen Grundbegriffs, Hamburg 2005, S. 220-242.

Niklas Regenbrecht: Radieschen, Rotkehlchen und Papperlapapp. Das Archiv für Alltagskultur übernimmt Schüler- und Abiturzeitungen aus Petershagen, https://www.alltagskultur.lwl.org/de/blog/archiv-fur-alltagskultur-uebernimmt-schuelerzeitungen/ (zuletzt aufgerufen am 28.11.2025).

XXL feat. Peter ‚Cool Man‘ Steiner: https://www.offiziellecharts.de/charts/titel-details-2925 (zuletzt aufgerufen am 1.12.2025).

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Schlagwort: Barbara Stambolis