200 Jahre Westfalenparlament und 800 Jahre Hamm. Der 77. Tag der Westfälischen Geschichte

12.05.2026 Niklas Regenbrecht

Am Tag der westfälischen Geschichte am 17./18. April 2026 kamen Geschichtsinteressierte aus Westfalen und darüber hinaus im Gustav-Lübke-Museum in Hamm zusammen. (Foto: Jannik Richter)

Jannik Richter

Am 17. und 18. April richteten der Verein für Geschichte und Altertumskunde Westfalens und die Historische Kommission für Westfalen des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe im Gustav-Lübcke-Museum in Hamm den 77. Tag der westfälischen Geschichte aus. Die Veranstaltung stand unter dem besonderen Vorzeichen zweier Jubiläen, einerseits des zweihundertjährigen Bestehens der Landschaftsversammlung („Westfalenparlament“) und andererseits des 800jährigen Bestehens der Stadt Hamm. Neben diesen beiden Schwerpunkten wurden Fragen der Alltagsgeschichtsforschung und der Geschichtsvermittlung behandelt.

Als Vorsitzender der Historischen Kommission war es Mechthild Black-Veldtrup in ihrer Begrüßungsrede ein besonderes Anliegen, auf das 200jährige Jubiläum des „Westfalenparlaments“ zu verweisen. Sie leitete damit über zu dem Vortrag von Gerd Dethlefs über die Entwicklung des Provinziallandtages mit dem Schwerpunkt der Umwandlung vom ständischen Parlament zur landschaftlichen Selbstverwaltung zwischen 1870 und 1890. Am Anfang des Provinziallandtages stand nach Dethlefs noch eine zutiefst ständisch geprägte, um die Ideen der preußischen Reformer angereicherte, Staatsidee. Der Landtag befasste sich zwar aktiv und kontrovers mit aktuellen Fragen, politische Entscheidungen konnten allerdings vom preußischen Staat ohne Probleme verhindert werden. Den Weg hin zur landschaftlichen Selbstverwaltung sieht Dethlefs in der Fürsorgetätigkeit des Landtages. Sie war der erste Bereich, in dem längerfristige Verpflichtungen eingegangen und folgerichtig eine eigene Verwaltung aufgebaut wurde. Erste Impulse einer erweiterten landschaftlichen Selbstverwaltung, etwa in den Bereichen Straßenbau und Kultur, ergaben sich aus der Annexion verschiedener Gebiete durch Preußen nach dem Krieg von 1866.

Einem weiteren Aspekt der Geschichte des Landtages beleuchtete Thomas Lienkamp in seinem Vortrag zur Quellenlage im LWL-Archivamt. Die Quellen zum Provinziallandtag und seinem Rechtsnachfolger, dem LWL, decken einen weiten Zeitraum ab. Lienkamp beschrieb drei Bestände näher: Der Bestand 101 deckt schwerpunktmäßig die Arbeit des alten Landtages von 1826 bis 1886 ab. Der Bestand 102 befasst sich mit der Zeit von 1887 bis 1933 und enthält etwa die Akten des Provinzialausschusses. Im Bestand 103 befinden sich die Akten des Büros der heutigen LWL-Landschaftsversammlung.   Diese Bestände sowie viele weitere Quellen im LWL-Archivamt bieten zahlreiche Anknüpfungspunkte für die Forschung.

Den Abschluss des Blockes zum Jubiläum des Provinziallandtages bildete ein Vortrag von Anke Kuhrmann, von der LWL-Denkmalpflege, über das LWL-Landeshaus. Kuhrmanns Beschreibung der Geschichte des Landeshauses zeigte die Verbindung von Baudenkmal und politischer Geschichte. Bezogen wurde das Landeshaus, damals noch ein Bau der Neo-Renaissance, 1901. Zuvor hatten das Münsteraner Schloss und später das Rathaus den Sitzungen des Westfalenparlaments Platz geboten, nun aber erforderten die neuen Aufgaben neue Räumlichkeiten für Verwaltung und Fuhrpark. Die prunkvolle Fassade vermittelte landschaftliches Selbstbewusstsein.

Im Bombenkrieg wurde das Haus stark zerstört und nach Kriegsende durch den Architekten Werner March, einem ehemaligen Mitarbeiter Albert Speers, in einem schlichten Stil, der Tradition und Moderne zusammenführen sollte, wiedererrichtet.

Im Abendvortrag widmete sich die Historikerin Ulrike Ludwig von der Universität Münster einem alltagsgeschichtlichen Thema, und zwar der brieflichen Überlieferung in Westfalen aus der Zeit des 30jährigen Krieges. Im Zentrum des Referats stand das Projekt „Privatbriefe im Dreißigjährigen Krieg – Fokus Westfalen“. Dabei geht es aus Gründen um die Überlieferung von Briefen Adeliger, vor allem adeliger Frauen, im 17. Jahrhundert. Diese Briefe geben einen Eindruck davon, wie die Einschränkungen durch den Krieg, die kriegerischen Aktivitäten, die Bedrohungen und Gräuel individuell wahrgenommen wurden und welche Themen jenseits der großen Ereignisse das Leben der Zeitgenossen bestimmten.

Ludwig stellte mehre Beispiele aus den Briefen vor. Besonders eindringlich ist das Schicksal der vierfachen Mutter Johanna Elisabeth von der Lippe, die nach dem Schlachtentod ihres Mannes als „Militärunternehmerin wider Willen“ die Verantwortung für die Truppen ihres Mannes übernahm.

An diesem und anderen Beispielen wurde vor allem die Bedeutung von persönlichen Netzwerken, insbesondere auch von Frauennetzwerken deutlich. Das Projekt wird demnächst auf einer eigenen Internetseite vorgestellt, auf der die Briefe mit Transkriptionen und erläuternden Texten eingesehen werden können.

Am zweiten Tagungstag stand das 800jährige Stadtjubiläum von Hamm im Mittelpunkt. Als erste Referentin des Tages sprach Mechthild Black-Veldtrup über die Beziehungen des ersten westfälischen Oberpräsidenten Ludwig von Vincke zu Hamm, die sich auf Basis seiner Tagebücher gut nachzeichnen lassen. Hamm als Standort einer preußischen Kriegs- und Domänenkammer besaß sowohl für die preußische Verwaltung als auch für Vincke selbst, der über seine Ehefrau familiäre Bindungen in die Provinzstadt hatte, eine große Bedeutung z. Vinckes Tagebucheinträge dokumentieren dementsprechend das gesellschaftliche Leben in Hamm in den Gesellschaftshäusern der Stadt ebenso wie die schlechten Straßenverhältnisse zwischen Münster und Hamm, die seinen Alltag belasteten, weil er in Personalunion der Kriegs- und Domänenkammer in Münster und Hamm vorstand. Als Oberpräsident setzte sich von Vincke intensiv für die Verbesserung der Infrastruktur auch und gerade in Hamm und Umgebung ein.  Seine beruflichen und familiären Bindungen an die Provinzstadt standen ihm bei verwaltungsstrategischen Entscheidungen allerdings nicht im Wege: Bei der Neuordnung des preußischen Westens im Zuge der Annexion großer Teile Westfalens und des Rheinlandes setze sich von Vincke dafür ein, dass nicht Hamm, sondern das neugewonnene und zentraler gelegene Arnsberg zum Sitz einer Bezirksregierung wurde.

Der Vortrag zeigte die Verflechtungen von Stadt- und Landesgeschichte auf, wobei das Bild durch individuelle Sichtweisen und Erfahrungen abgerundet wurde. 

Passend zum Stadtjubiläum gab es Glückskekse. Ihr Inhalt bezog sich auf das Stadtjubiläum von Hamm. (Foto: Jannik Richter)

Die Einbindung der Lokalgeschichte in übergeordnete politische Zusammenhänge deutete sich ebenso in dem folgenden Vortrag von Christian Klusemann über die Denkmaltopografie von Hamm an Anlässlich des 800jährigen Jubiläums der Stadt ist ein Band über die Baudenkmale in der Provinzstadt in Vorbereitung. Die Veröffentlichung vereint fotografische Dokumentation und Fachaufsätze zu denkmalhistorischen Themen der Stadtgeschichte. Bemerkenswert ist die Aufnahme vom kurzen Beschreibungstexten über alle Straßen, an denen sich Denkmäler befinden.  Weitere Informationen zu dem Projekt sind online abrufbar: https://www.lwl-dlbw.de/de/publikationen/denkmaltopographien/ und https://www.hamm.de/immobilienmanagement/untere-denkmalbehoerde/ueberblick/denkmaltopographie. Klusemann betont neben dem wissenschaftlichen Wert ebenfalls  die Möglichkeit zur Bewerbung und Darstellung einer historisch wichtigen, gegenwärtig aber eher unscheinbaren Stadt und sieht die Denkmaltopographie auch als Teil eines Tourismusangebots.

Ebenfalls touristisch interessant ist das Projekt „HEIM@T HAMM“, das von der Leiterin des Hammer Stadtarchivs, Franziska Rohloff, vorgestellt wurde. Ziel des Projektes ist ein digitaler Stadtrundgang mittels Augmented-reality Funktionen in einer Smartphone-App. Neben den Bürgern und Bürgerinnen Hamms sollen auch Touristen und speziell Kinder durch die Präsentationen angesprochen werden. An zwölf Orten in der Innerstadt wird mittels verschiedener Vermittlungstechniken in frei wählbarer Reihenfolge die Stadtgeschichte erlebbar. Neben 3D-Rekonstruktionen und digitalen Avataren historischer Persönlichkeiten werden kleine Spiele und sammelbare Objekte angeboten, die einen niedrigschwelligen, spielerischen Zugang ermöglichen.

Das Projekt ist personell und technisch durchaus eine Herausforderung, bot und bietet weiterhin eine Möglichkeit für das Stadtarchiv zur Vermittlung von Geschichte und technischen Skills. Interessierte können sich die App ab dem 15. Juni herunterladen und auf Entdeckungsreise in Hamm gehen. (https://digitaleshamm.de/projektnews/heimt-hamm-digitaler-stadtrundgang-zum-800-jahrigen-jubilaum-der-stadt-hamm/ ).

Der 77. Tag der westfälischen Geschichte verband viele wichtige Themen von der Parlaments- bis zur Alltagsgeschichte und Geschichtsvermittlung und bot Informationen und Anknüpfungspunkte für Fachwissenschaftler:innen wie auch für ein an Stadt- und Landesgeschichte interessiertes Laienpublikum. Der 78. Tag der westfälischen Geschichte wird am 9. und 10. April 2027 in Brilon stattfinden.