Einem weiteren Aspekt der Geschichte des Landtages beleuchtete Thomas Lienkamp in seinem Vortrag zur Quellenlage im LWL-Archivamt. Die Quellen zum Provinziallandtag und seinem Rechtsnachfolger, dem LWL, decken einen weiten Zeitraum ab. Lienkamp beschrieb drei Bestände näher: Der Bestand 101 deckt schwerpunktmäßig die Arbeit des alten Landtages von 1826 bis 1886 ab. Der Bestand 102 befasst sich mit der Zeit von 1887 bis 1933 und enthält etwa die Akten des Provinzialausschusses. Im Bestand 103 befinden sich die Akten des Büros der heutigen LWL-Landschaftsversammlung. Diese Bestände sowie viele weitere Quellen im LWL-Archivamt bieten zahlreiche Anknüpfungspunkte für die Forschung.
Den Abschluss des Blockes zum Jubiläum des Provinziallandtages bildete ein Vortrag von Anke Kuhrmann, von der LWL-Denkmalpflege, über das LWL-Landeshaus. Kuhrmanns Beschreibung der Geschichte des Landeshauses zeigte die Verbindung von Baudenkmal und politischer Geschichte. Bezogen wurde das Landeshaus, damals noch ein Bau der Neo-Renaissance, 1901. Zuvor hatten das Münsteraner Schloss und später das Rathaus den Sitzungen des Westfalenparlaments Platz geboten, nun aber erforderten die neuen Aufgaben neue Räumlichkeiten für Verwaltung und Fuhrpark. Die prunkvolle Fassade vermittelte landschaftliches Selbstbewusstsein.
Im Bombenkrieg wurde das Haus stark zerstört und nach Kriegsende durch den Architekten Werner March, einem ehemaligen Mitarbeiter Albert Speers, in einem schlichten Stil, der Tradition und Moderne zusammenführen sollte, wiedererrichtet.
Im Abendvortrag widmete sich die Historikerin Ulrike Ludwig von der Universität Münster einem alltagsgeschichtlichen Thema, und zwar der brieflichen Überlieferung in Westfalen aus der Zeit des 30jährigen Krieges. Im Zentrum des Referats stand das Projekt „Privatbriefe im Dreißigjährigen Krieg – Fokus Westfalen“. Dabei geht es aus Gründen um die Überlieferung von Briefen Adeliger, vor allem adeliger Frauen, im 17. Jahrhundert. Diese Briefe geben einen Eindruck davon, wie die Einschränkungen durch den Krieg, die kriegerischen Aktivitäten, die Bedrohungen und Gräuel individuell wahrgenommen wurden und welche Themen jenseits der großen Ereignisse das Leben der Zeitgenossen bestimmten.
Ludwig stellte mehre Beispiele aus den Briefen vor. Besonders eindringlich ist das Schicksal der vierfachen Mutter Johanna Elisabeth von der Lippe, die nach dem Schlachtentod ihres Mannes als „Militärunternehmerin wider Willen“ die Verantwortung für die Truppen ihres Mannes übernahm.
An diesem und anderen Beispielen wurde vor allem die Bedeutung von persönlichen Netzwerken, insbesondere auch von Frauennetzwerken deutlich. Das Projekt wird demnächst auf einer eigenen Internetseite vorgestellt, auf der die Briefe mit Transkriptionen und erläuternden Texten eingesehen werden können.
Am zweiten Tagungstag stand das 800jährige Stadtjubiläum von Hamm im Mittelpunkt. Als erste Referentin des Tages sprach Mechthild Black-Veldtrup über die Beziehungen des ersten westfälischen Oberpräsidenten Ludwig von Vincke zu Hamm, die sich auf Basis seiner Tagebücher gut nachzeichnen lassen. Hamm als Standort einer preußischen Kriegs- und Domänenkammer besaß sowohl für die preußische Verwaltung als auch für Vincke selbst, der über seine Ehefrau familiäre Bindungen in die Provinzstadt hatte, eine große Bedeutung z. Vinckes Tagebucheinträge dokumentieren dementsprechend das gesellschaftliche Leben in Hamm in den Gesellschaftshäusern der Stadt ebenso wie die schlechten Straßenverhältnisse zwischen Münster und Hamm, die seinen Alltag belasteten, weil er in Personalunion der Kriegs- und Domänenkammer in Münster und Hamm vorstand. Als Oberpräsident setzte sich von Vincke intensiv für die Verbesserung der Infrastruktur auch und gerade in Hamm und Umgebung ein. Seine beruflichen und familiären Bindungen an die Provinzstadt standen ihm bei verwaltungsstrategischen Entscheidungen allerdings nicht im Wege: Bei der Neuordnung des preußischen Westens im Zuge der Annexion großer Teile Westfalens und des Rheinlandes setze sich von Vincke dafür ein, dass nicht Hamm, sondern das neugewonnene und zentraler gelegene Arnsberg zum Sitz einer Bezirksregierung wurde.
Der Vortrag zeigte die Verflechtungen von Stadt- und Landesgeschichte auf, wobei das Bild durch individuelle Sichtweisen und Erfahrungen abgerundet wurde.