„Me mott nit alles gloiwen, bat das Radiohr vertellt“, Die Anfänge des Rundfunks aus Hörer:innenperspektive (II. Teil)

08.05.2026 Niklas Regenbrecht

Das heimliche Abhören von „Feindsendern“ mit einer Decke um den Klang zu dämmen. Nachstellung in der Ausstellung „Stunde Null – Kreis Coesfeld 1945“ (Kolvenburg bei Billerbeck, 1995; Dietmar Sauermann, Archiv für Alltagskultur, 1996.00927).

Yannick Rüskamp

Nachdem die Erinnerungen an die Einführung des Radios vor einiger zeit Thema in diesem Blog waren, soll es nun um das Sendeprogramm gehen.

Erinnerungen an das Sendeprogramm

Besitz oder Zugang zu einem Empfangsgerät sind nur eine Facette privater Perspektiven auf das Radio. Viele Gewährsleute erinnern sich auch sehr genau an das gesendete Programm. Die Erinnerungen fallen oft zusammen mit der Nennung von Rundfunkpersönlichkeiten und Sendeanstalten:

„Ich erinnere mich, daß der Sender Langenberg von besonderer Bedeutung war, daß der Indendant [sic!] des ersten Rundfunkorchesters Leo Eisold hieß, daß jeden Samstag von 8 – 9 ‚Lustiger Abend‘ war und daß sehr viel Kitsch geboten wurde“ (MS3418)

Der Horizont der Radiohörer:innen erweiterte sich über die eigene Region hinaus. Da sich Radiowellen nicht um Grenzen scheren, erfreute man sich auch ausländischer Radioprogramme. Eine Bäuerin aus Alstätte berichtet beispielsweise von sonntäglichen Gottesdienstübertragungen aus dem holländischen Hilversum (vgl. MS5988). Die konkrete Rekapitulation von Sendeinhalten ist in den Manuskripten oftmals an wichtige Bezugspersonen der Gewährsleute gekoppelt. Das war für die Akzeptanz und die Einschätzung der Relevanz des neuen Mediums von entscheidender Bedeutung:

„Einmal wurde eine Sendung mit dem Nachtwächter vom Lambertiturm in Münster gegeben. Den Nachtwächtervers sprach Karl Wagenfeld. Meine Mutter, die den echten Nachtwächter in ihrer Jugend noch erlebt hatte, wollte diese Sendung gerne hören. Und sie staunte nicht wenig, daß sie das Horn und den Vers des Nachtwächters im eigenen Zimmer hören konnte.“ (MS4689)

Vielfach bleibt es aber bei der kurzen Rekapitulation von Nutzungsmotiven – Information und Unterhaltung. Obwohl viele, in der Landwirtschaft tätige Personen sich nach eigener Aussage keine Zeit zum Radiohören nehmen mochten, war das Abhören des tagesaktuellen Wetterberichts von großem praktischem Wert. Sie profitierten auch von der Durchgabe von Preisen für landwirtschaftliche Produkte auf den nahen Märkten.

Radio im Nationalsozialismus

Die Einführung des Radios war, gemessen an der zahlenmäßigen Verbreitung in Haushalten, bis in die frühe Zeit nach den Zweiten Weltkrieg hinein nicht abgeschlossen. Der „Volksempfänger“ (Gemeinschaftsprodukt verschiedener Hersteller, zuerst Georg Seibt), mit dem die Nationalsozialisten versuchten, ihre Ideologie fest im privaten Raum zu verankern, blieb – so die neuere Forschung – gemessen an der antizipierten Dichte an Rundfunkgeräten hinter den Postulaten der Propagandisten und Funktionäre zurück. Die Manuskripte der Gewährspersonen erwecken aber vielfach den Eindruck, als habe es kein Radioprogramm abseits von Propaganda und Kriegsmeldungen gegeben. Die Nostalgie, welche den allerersten Ätherwellen galt, schwindet, obgleich die hier eingebrachten Erinnerungen nicht weniger auf bekannte Personen fixiert bleiben.

Auffällig diesbezüglich ist die Rekapitulation von Bemerkungen ortsansässiger Bekannter:

„Nach dem Ausbruch des ‚Dritten Reiches‘ meinte er [der Nachbar]: ‚Me mott nit alles gloiwen, bat das Radiohr vertellt.‘ Ein anderer nannte das Ministerium für Volksaufklärung und Propaganda ‚Ministerium für Volksverdummung und Klimbim.‘. Ein dritter meinte, das Schönste am Rundfunk sei der Ausschaltknopf. Er nannte ihn ‚dat Pinnekeln, met diäm me diäm Göbbels dat Miul stoppen kann, we’me fölt, dat he lügt.‘“ (MS2689)

Die Figur des „Ausschaltknopfs“ taucht gleich in mehreren Manuskripten auf. Der Charakter dieser Erinnerungen ist entlastender Natur. Sie implizieren, dass man sich mitnichten passiv vom „Lügen Jubkens (Göbbels)“ (MS2657) verführen ließ, sondern selbstredend den Apparat abdrehte, wenn der Sendeinhalt zu unglaubwürdig und manipulativ erschien. Die Nennung vom Abhören ausländischer Sendeanstalten, welches unter Strafe stand, erfüllt denselben Zweck. Beides erlaubt den Rückzug auf einen kollektiv anerkannten, politisch entlastenden Gemeinplatz.

Fest mit einer eingehenderen Behandlung der NS-Zeit verknüpft sind Erinnerungen aus der Nachkriegszeit. Nur solche Gewährspersonen, welche zuvor auch näher auf das Radiohören im Nationalsozialismus eingegangen waren, behandelten die Nachkriegszeit. Hier wird deutlich, welcher Stellenwert die biografische Kohärenz für die Gewährsleute innehat. Eine bewusst offen gelassene Leerstelle würde nicht nur ihre Glaubwürdigkeit unterminieren, sondern würfe ebenfalls Fragen über das Leben der Gewährsperson zwischen 1933 und 1945 auf, und somit über mögliche Mitgliedschaften in NS-Organisationen oder Teilnahme an Feldzügen oder Kriegsverbrechen. Staatlicherseits erfüllte der Rundfunk in der NS-Zeit die Funktion  die „Volksgemeinschaft“ zwischen Frontsoldaten und den daheim verbliebenen Angehörigen zu simulieren, wie es im weihnachtlichen Wunschkonzert der Wehrmacht besonders zum Ausdruck kommt. Die beiden Gewährspersonen, welche sich detaillierter zu diesem Zeitabschnitt äußerten, distanzieren sich in ihren Texten deutlich vom Nationalsozialismus oder versuchen, ihre damalige Position zu rationalisieren.

Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung nach dem Zweiten Weltkrieg war das Radio bald in jedem Haushalt anzutreffen. Ein Junge schaltet ein Modell der Phillips Philetta-Serie für eine „[g]emütliche Abendstunde“ ein (Dr. Hedwig Happe; Archiv für Alltagskultur, 2015.00307).

Verschiebung der Medienhierarchie

Die Radioeinführung endet in vielen Manuskripten noch in der Pionierzeit. Der sich noch in den 1960er-Jahren abspielende Einführungsprozess des Fernsehens erhält in den Gewährsleuteberichten deutlich mehr Raum, auch weil auf eine separate Frageliste zum Radio verzichtet worden war.

Hatte sich das Radio in den 1950er-Jahren endlich als „Hegemon der häuslichen Freizeit“ (Axel Schildt) etabliert, so änderte sich dies bereits im folgenden Jahrzehnt wieder. Ausschlaggebend dafür ist das jetzt zusätzlich vorhandene Fernsehgerät, welches nach Ansicht der meisten Gewährspersonen eine noch bessere Teilhabe am kulturellen und politischen Leben gewährleiste, auch weil es die Aufmerksamkeit der Zuschauenden mehr binde. Ebendas wird durch andere wiederum negativ ausgelegt, weil man früher beim Radiohören nebenbei „noch lesen und schreiben“ konnte (vgl. MS4974).

In der Gesamtbetrachtung verschoben sich die Nutzungszeiten und damit zusammenhängend die potenziellen Programme und Zielgruppen. Der Fernseher besetzte vor allem die heimische Abendgestaltung, welche zuvor dem Rundfunk gehört hatte. Rundfunkschaffende reagierten mit der Einführung von, bis heute gängigen, Magazinprogrammen, bei denen Musik und Kurznachrichten abwechseln, einer zunehmenden Anlehnung an angloamerikanische Populärmusik sowie Orientierung an den Bedürfnissen von Personen außer Haus, allen voran motorisierten Verkehrsteilnehmer:innen.

Kontraste

Anders als das Fernsehen wird das Radio von den Gewährspersonen nicht in dem Umfang als Störung der alltäglichen Routinen empfunden. Überhaupt fungiert das Radio in ein paar Manuskripten als Kontrastfolie für den Vergleich mit den neueren ‚Flimmerkästen‘. In Bezug auf das gesendete Unterhaltungsprogramm hielt nach Ansicht einer noch deutlich der nationalsozialistischen Diktion verhafteten Nortruper Hofbesitzerin das Fernsehen der „Gegenwart de[m] Vergleich“ mit der „Reinheit der ersten Jahre des Rundfunks“ nicht stand. Überhaupt werde ein viel zu inklusives Demokratieverständnis praktiziert:

„Wenn ein junger, noch sehr junger Zeitungsmann den deutschen Kanzler, die Spitze des Reiches zur Rede stellen darf, warum er dies so macht und nicht so? Das geht mir zu weit. Der Jugendliche verdiente einen Hieb über den Schnabel. Ich respektiere die Spitze des Reiches. Wir haben sie gewählt, dann soll auch das Vertrauen da sein, daß wir gut geführt werden und nicht soll der Kanzler einem so Weltunkundigen gegenüber Rechenschaft ablegen brauchen.“ (vgl. MS2593)

Vor dem Hintergrund der Erfahrungen mit dem Radio und dem Nationalsozialismus hebt ein Bauer aus Hemmerde das Manipulationspotential des Fernsehens hervor, verknüpft mit der Forderung danach, dass sich „der Staat mehr als bisher um die inneren Angelegenheiten“ kümmern solle, um „nicht wiederum in das Fahrwasser der zwanziger Jahre“ zu geraten (vgl. MS2598). Eine weitere Gewährsperson kritisiert den als zu dominant empfundenen Einfluss der Rundfunkintendanten auf das Sendeprogramm mit dem Hinweis: „Das dritte Reich ist uns allen noch zur Genüge im Gedächtnis“ (MS5476). Diese Äußerungen werfen Schlaglichter auf die Aushandlungsprozesse einer „entnazifizierten“ Bevölkerung mit den Kontrollinstanzen einer neuen, demokratischen Gesellschaft, welche sich nicht einfach als Antimodernismus abwerten lassen.

 

Literatur und Quellen:

Dussel, Konrad (2000): Vom Radio- zum Fernsehzeitalter. Medienumbrüche in sozialgeschichtlicher Perspektive, in: Schildt, Axel; Siegfried, Detlef; Lammers, Karl Christian (Hgg.): Dynamische Zeiten. Die 60er Jahre in den beiden deutschen Gesellschaften. Hamburg: Hans Christians Verlag, S. 673 – 694.

König, Wolfgang (2003): Mythen um den Volksempfänger. Revisionistische Untersuchungen zur nationalsozialistischen Rundfunkpolitik, Technikgeschichte 70 (2): S. 73 – 102.

Schildt, Axel (1993): Hegemon der häuslichen Freizeit: Rundfunk in den 50er Jahren, in: ders.; Sywottek, Arnold (Hgg): Modernisierung im Wiederaufbau. Die westdeutsche Gesellschaft der 50er Jahre. Bonn: Dietz, S. 458 – 476.

Archiv für Alltagskultur, Frageliste Nr. 38: Fernsehen/Radio

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