Yannick Rüskamp
Erinnerungen an das Sendeprogramm
Besitz oder Zugang zu einem Empfangsgerät sind nur eine Facette privater Perspektiven auf das Radio. Viele Gewährsleute erinnern sich auch sehr genau an das gesendete Programm. Die Erinnerungen fallen oft zusammen mit der Nennung von Rundfunkpersönlichkeiten und Sendeanstalten:
„Ich erinnere mich, daß der Sender Langenberg von besonderer Bedeutung war, daß der Indendant [sic!] des ersten Rundfunkorchesters Leo Eisold hieß, daß jeden Samstag von 8 – 9 ‚Lustiger Abend‘ war und daß sehr viel Kitsch geboten wurde“ (MS3418)
Der Horizont der Radiohörer:innen erweiterte sich über die eigene Region hinaus. Da sich Radiowellen nicht um Grenzen scheren, erfreute man sich auch ausländischer Radioprogramme. Eine Bäuerin aus Alstätte berichtet beispielsweise von sonntäglichen Gottesdienstübertragungen aus dem holländischen Hilversum (vgl. MS5988). Die konkrete Rekapitulation von Sendeinhalten ist in den Manuskripten oftmals an wichtige Bezugspersonen der Gewährsleute gekoppelt. Das war für die Akzeptanz und die Einschätzung der Relevanz des neuen Mediums von entscheidender Bedeutung:
„Einmal wurde eine Sendung mit dem Nachtwächter vom Lambertiturm in Münster gegeben. Den Nachtwächtervers sprach Karl Wagenfeld. Meine Mutter, die den echten Nachtwächter in ihrer Jugend noch erlebt hatte, wollte diese Sendung gerne hören. Und sie staunte nicht wenig, daß sie das Horn und den Vers des Nachtwächters im eigenen Zimmer hören konnte.“ (MS4689)
Vielfach bleibt es aber bei der kurzen Rekapitulation von Nutzungsmotiven – Information und Unterhaltung. Obwohl viele, in der Landwirtschaft tätige Personen sich nach eigener Aussage keine Zeit zum Radiohören nehmen mochten, war das Abhören des tagesaktuellen Wetterberichts von großem praktischem Wert. Sie profitierten auch von der Durchgabe von Preisen für landwirtschaftliche Produkte auf den nahen Märkten.
Radio im Nationalsozialismus
Die Einführung des Radios war, gemessen an der zahlenmäßigen Verbreitung in Haushalten, bis in die frühe Zeit nach den Zweiten Weltkrieg hinein nicht abgeschlossen. Der „Volksempfänger“ (Gemeinschaftsprodukt verschiedener Hersteller, zuerst Georg Seibt), mit dem die Nationalsozialisten versuchten, ihre Ideologie fest im privaten Raum zu verankern, blieb – so die neuere Forschung – gemessen an der antizipierten Dichte an Rundfunkgeräten hinter den Postulaten der Propagandisten und Funktionäre zurück. Die Manuskripte der Gewährspersonen erwecken aber vielfach den Eindruck, als habe es kein Radioprogramm abseits von Propaganda und Kriegsmeldungen gegeben. Die Nostalgie, welche den allerersten Ätherwellen galt, schwindet, obgleich die hier eingebrachten Erinnerungen nicht weniger auf bekannte Personen fixiert bleiben.
Auffällig diesbezüglich ist die Rekapitulation von Bemerkungen ortsansässiger Bekannter:
„Nach dem Ausbruch des ‚Dritten Reiches‘ meinte er [der Nachbar]: ‚Me mott nit alles gloiwen, bat das Radiohr vertellt.‘ Ein anderer nannte das Ministerium für Volksaufklärung und Propaganda ‚Ministerium für Volksverdummung und Klimbim.‘. Ein dritter meinte, das Schönste am Rundfunk sei der Ausschaltknopf. Er nannte ihn ‚dat Pinnekeln, met diäm me diäm Göbbels dat Miul stoppen kann, we’me fölt, dat he lügt.‘“ (MS2689)
Die Figur des „Ausschaltknopfs“ taucht gleich in mehreren Manuskripten auf. Der Charakter dieser Erinnerungen ist entlastender Natur. Sie implizieren, dass man sich mitnichten passiv vom „Lügen Jubkens (Göbbels)“ (MS2657) verführen ließ, sondern selbstredend den Apparat abdrehte, wenn der Sendeinhalt zu unglaubwürdig und manipulativ erschien. Die Nennung vom Abhören ausländischer Sendeanstalten, welches unter Strafe stand, erfüllt denselben Zweck. Beides erlaubt den Rückzug auf einen kollektiv anerkannten, politisch entlastenden Gemeinplatz.
Fest mit einer eingehenderen Behandlung der NS-Zeit verknüpft sind Erinnerungen aus der Nachkriegszeit. Nur solche Gewährspersonen, welche zuvor auch näher auf das Radiohören im Nationalsozialismus eingegangen waren, behandelten die Nachkriegszeit. Hier wird deutlich, welcher Stellenwert die biografische Kohärenz für die Gewährsleute innehat. Eine bewusst offen gelassene Leerstelle würde nicht nur ihre Glaubwürdigkeit unterminieren, sondern würfe ebenfalls Fragen über das Leben der Gewährsperson zwischen 1933 und 1945 auf, und somit über mögliche Mitgliedschaften in NS-Organisationen oder Teilnahme an Feldzügen oder Kriegsverbrechen. Staatlicherseits erfüllte der Rundfunk in der NS-Zeit die Funktion die „Volksgemeinschaft“ zwischen Frontsoldaten und den daheim verbliebenen Angehörigen zu simulieren, wie es im weihnachtlichen Wunschkonzert der Wehrmacht besonders zum Ausdruck kommt. Die beiden Gewährspersonen, welche sich detaillierter zu diesem Zeitabschnitt äußerten, distanzieren sich in ihren Texten deutlich vom Nationalsozialismus oder versuchen, ihre damalige Position zu rationalisieren.