„Dat is jo äin Wunner“. Die Anfänge des Rundfunks aus Hörer:innenperspektive (I. Teil)

28.04.2026 Niklas Regenbrecht

Familie Böer vor dem Detektor. Diese Geräte funktionierten ohne eigene Stromversorgung, waren jedoch für den Betrieb auf die elektromagnetischen Wellen einer starken und nahen Sendeanlage angewiesen. Vater Richard Böer macht eine Hörpause, während seine Frau Marta und die gemeinsame Tochter Ingeborg lauschen (Recklinghausen 1927; Archiv für Alltagskultur, 1998.00846).

Yannick Rüskamp

Am 23. Oktober 1923 wurde der Rundfunk in Deutschland für zivile Zwecke freigegeben. Rund ein Jahr später nahm die Westdeutsche Funkstunde AG (WEFAG) den Sendebetrieb auf. Wegen der Besetzung des Ruhrgebiets wurde das erste Sendestudio in Münster eingerichtet. Nach der Räumung des Ruhrgebiets zog die WEFAG ins Rheinische, wo sie ab dem 1. Januar 1927 Westdeutsche Rundfunk AG (WERAG) hieß; sie ist die Vorläuferin des heutigen WDR.

Als die ersten Sendungen über den Äther gingen, blieb der Empfang vielerorts noch für viele Jahre ungenügend. Der ländliche Raum war dabei doppelt benachteiligt. Einerseits lagen die wenigen, noch leistungsschwachen Sender in urbanen Gebieten, andererseits verfügte die ländliche Bevölkerung nicht über die finanziellen Mittel sich mit den, anfangs sehr teuren, Empfangsgeräten auszustatten. Das Radio blieb in der Weimarer Republik ein großstädtisches „Mittelschichtsmedium“, welches an der Wende zu den 1930er-Jahren bereits in jedem zweiten Beamten- und Angestelltenhaushalt, gegenüber jedem siebten Arbeiterhaushalt, zu finden war. Auf dem Land war die Abdeckung mit Radiogeräten eher gering. Das zeigt sich auch anhand der Rundfunkgebühren, die nur etwa 13 Prozent der ländlichen Haushalte entrichteten. 

Hör- und Sehmedien waren innerhalb der historischen Forschung durch ihr politisches Instrumentalisierungspotential lange Zeit diskreditiert. Die frühe Zeitgeschichte gab dem geschriebenen Wort gegenüber audiovisuellen Medien den Vorzug. Entsprechend dieser Tendenz verstand sich die historische Forschung zum Rundfunk lange Zeit als Institutionen- und Politikgeschichte. In jüngerer Zeit kamen zwar programmgeschichtliche Betrachtungen hinzu, doch der Blick auf den Rundfunk von Seite der Produktion persistiert. Die Perspektive von Radiohörer:innen wurde bislang kaum eingenommen. Für die Einführungsphase des Rundfunks ist diese Perspektive mangels Quellen auch schwer zu fassen. Die konkreten Hörerlebnisse können wegen fehlender Originalaufnahmen früher Radiosendungen heute kaum mehr nachvollzogen werden. Hinzu kommt, dass der derzeit bekannte Bestand an verschriftlichten Erinnerungen der ersten Radiohöhrer:innen sehr überschaubar ist.

Aufbau des Rundfunkgeräts von Rudolf Martini (Hagen 1926; Archiv für Alltagskultur, 2003.07551)

Zusatz zur Frageliste Nr. 38

Umso bemerkenswerter ist, dass im Alltagskulturarchiv eine Reihe von Manuskriptberichten vorhanden ist, die von der Zeit erzählen, als das Radio eine revolutionäre Neuerung dargestellt hatte. Als in den 1960er-Jahren das Fernsehen seinen Siegeszug antrat, versandte die Kommission an ihre Gewährspersonen eine Frageliste zum Thema „Fernsehen“, welche der Auftakt zu einer ganzen Serie von „zeitgemäßen Themen“ sein sollte.

Obwohl es eigentlich um das Fernsehen gehen sollte, wurden die Gewährsleute aufgefordert „Altvertrautes aus Ihrer eigenen Erinnerung“ – auch über die Einführung des Rundfunks – zu berichten. 21 Personen fügten ihrem Manuskript zum Hauptthema ihre Radiogeschichten bei. Interessant hierbei ist, dass zwei Personen sich hier sogar ausgiebiger als zum Fernsehen und eine weitere Person sich ausschließlich zum Rundfunk äußerten. Darüber hinaus finden sich acht sehr knapp gehaltene Aussagen, sowie einige Vergleiche zum Fernsehen in den Manuskripten.

Verbreitung und früher Radiobetrieb

Entsprechend der im Fragebogen formulierten allgemeinen Bitte, über die „Einführung des Rundfunks“ zu schreiben, beziehen sich die meisten Gewährspersonen auf die ersten Radiogeräte im Ort und die Anschaffung von Empfängern für den eigenen Haushalt. Der größtenteils eher geringen Bargeldbestände zum Trotz gelang es einigen technikaffinen Bastlern mit eigenen Konstruktionen die Ätherwellen zu empfangen – das war im Gegensatz zu den im Handel angebotenen Geräten allemal billiger. Dass das neue Medium auch auf dem Land durchaus auf Interesse stieß, zeigt sich unter anderem daran, dass bei den ersten Radiobesitzern regelrechte Hörgemeinden zusammenkamen. Weil der frühe Lautsprecherbetrieb zu Beginn oftmals unbefriedigend war, sodass „man sie in einzelnen Fällen wieder gegen Kopfhörer eintauschte“ (MS3418), stellte das gemeinsame Hören ein herausforderndes Unterfangen dar. Die Neuheit erzeugte Spannung bei allen Beteiligten. Zugleich „durfte jeder Schweigen, damit man verstehen konnte, was gesendet wurde“ (MS4754). Von einer kreativen Lösung mit der Limitation durch die Kopfhörer umzugehen, berichtet ein pensionierter Lehrer aus Gohfeld:

„Zuletzt mochten über 20 Personen im Klassenzimmer sein, von denen jeder gern ein paar Töne mitbekommen wollte. Ich holte meinte Geige; wenn man 2 Kopfhörer darauf legte, konnte man in etwa 2 m Entfernung Gemeinschaftsempfang haben, wenn auch ziemlich leise“ (MS4728)

Eine weitere Herausforderung in den frühen Jahren des Radiobetriebs bestand in der Notwendigkeit eines Akkumulators sowie einer Anodenbatterie, welche immer wieder aufgeladen bzw. ausgetauscht werden mussten, bevor ein Stromnetz und entsprechende für den Kabelbetrieb entwickelte Geräte flächendeckend vorhanden waren. Waren die Umstände des Betriebs am Ende günstig genug, so schwand die Skepsis gegenüber dem neuen Medium oft sehr rasch:

„Als ich meinen bäuer[l]ichen Verwandten auf dem Dorf erzählte, ich könne Nachrichten aus Berlin direkt hören, zweifelte der 78 jährige Schwiegervater meiner Schwester dies an. ‚Ich gläw ment, wat ick hort und seihen haw‘, sagte er. Er kam zu Besuch. Ich stellte den Apparat an. Als er Nachrichten über die Wettervorhersage hörte u. dann auch von der Landwirtschaft hörte, sagte er: ‚Dat is jo äin Wunner‘. Als ich ½ Jahr später ihn besuchte, hatte er auch ‚soun Kasten‘.“ (MS4912)

War der Empfang dagegen schlecht, dann hörte man „nur tüt-tüt-tüt, und niemand zeigte auch nur die geringste Neigung, sich so ein ‚Ding‘ anzuschaffen“ (MS3418). Der Rundfunk bewies sich schon bald auch als Segen für Blinde, welchen damit eine deutlich bessere Teilhabe am gesellschaftlichen und politischen Leben möglich war. Der jüngere Bruder eines Studienrates bekam kostenlos als Erster in der Gegend ein Rundfunkgerät gestellt. Dadurch erreichten ihn nicht nur Unterhaltungs- und Informationssendungen, sondern es intensivierten sich auch seine sozialen Kontakte, weil „namentlich am Sonntagnachmittag“ interessierte Nachbarn bei ihm einkehrten (vgl. MS2639).

Dieses Beispiel zeigt, dass die Anzahl der Nutzer:innen anfangs um ein Vielfaches diejenige der Besitzer:innen von Empfängern überstieg. Radiohören war ein soziales Ereignis und die Inhalte der Sendungen bildeten noch lange Zeit später Gesprächsanlässe. Die Anschaffung von handelsüblichen Geräten folgte erst langsam und zusehends ab der Wende zu den 1930er-Jahren.

 

Literatur und Quellen:

Cebulla, Florian (2004): Rundfunk und ländliche Gesellschaft, 1924 – 1945. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

Lindenberger, Thomas (2004): Vergangenes Hören und Sehen. Zeitgeschichte und ihre Herausforderungen durch die audiovisuellen Medien. Zeithistorische Forschungen 1 (1): S. 72 – 85.

Archiv für Alltagskultur, Frageliste Nr. 38: Fernsehen/Radio.

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