Yannick Rüskamp
Am 23. Oktober 1923 wurde der Rundfunk in Deutschland für zivile Zwecke freigegeben. Rund ein Jahr später nahm die Westdeutsche Funkstunde AG (WEFAG) den Sendebetrieb auf. Wegen der Besetzung des Ruhrgebiets wurde das erste Sendestudio in Münster eingerichtet. Nach der Räumung des Ruhrgebiets zog die WEFAG ins Rheinische, wo sie ab dem 1. Januar 1927 Westdeutsche Rundfunk AG (WERAG) hieß; sie ist die Vorläuferin des heutigen WDR.
Als die ersten Sendungen über den Äther gingen, blieb der Empfang vielerorts noch für viele Jahre ungenügend. Der ländliche Raum war dabei doppelt benachteiligt. Einerseits lagen die wenigen, noch leistungsschwachen Sender in urbanen Gebieten, andererseits verfügte die ländliche Bevölkerung nicht über die finanziellen Mittel sich mit den, anfangs sehr teuren, Empfangsgeräten auszustatten. Das Radio blieb in der Weimarer Republik ein großstädtisches „Mittelschichtsmedium“, welches an der Wende zu den 1930er-Jahren bereits in jedem zweiten Beamten- und Angestelltenhaushalt, gegenüber jedem siebten Arbeiterhaushalt, zu finden war. Auf dem Land war die Abdeckung mit Radiogeräten eher gering. Das zeigt sich auch anhand der Rundfunkgebühren, die nur etwa 13 Prozent der ländlichen Haushalte entrichteten.
Hör- und Sehmedien waren innerhalb der historischen Forschung durch ihr politisches Instrumentalisierungspotential lange Zeit diskreditiert. Die frühe Zeitgeschichte gab dem geschriebenen Wort gegenüber audiovisuellen Medien den Vorzug. Entsprechend dieser Tendenz verstand sich die historische Forschung zum Rundfunk lange Zeit als Institutionen- und Politikgeschichte. In jüngerer Zeit kamen zwar programmgeschichtliche Betrachtungen hinzu, doch der Blick auf den Rundfunk von Seite der Produktion persistiert. Die Perspektive von Radiohörer:innen wurde bislang kaum eingenommen. Für die Einführungsphase des Rundfunks ist diese Perspektive mangels Quellen auch schwer zu fassen. Die konkreten Hörerlebnisse können wegen fehlender Originalaufnahmen früher Radiosendungen heute kaum mehr nachvollzogen werden. Hinzu kommt, dass der derzeit bekannte Bestand an verschriftlichten Erinnerungen der ersten Radiohöhrer:innen sehr überschaubar ist.