Jobben, malochen, keulen, schuften, knechten, werkeln, ackern und rackern: Arbeit(en) ist das Schwerpunktthema für 2026

06.01.2026 Niklas Regenbrecht

Christiane Cantauw

Seit einigen Jahren benennen wir für das Alltagskultur-Blog jeweils ein Jahresschwerpunktthema, zu dem in loser Folge Beiträge veröffentlicht werden. Im vergangenen Jahr haben wir um Zusendungen zum Thema „Sammeln und Aufbewahren“ aufgerufen; in insgesamt 13 Beiträgen konnte dieser thematische Schwerpunkt von unterschiedlicher Warte her beleuchtet werden. Mit dem Themenfeld „Arbeit(en)“ wenden wir uns in diesem Jahr einem Bereich zu, der in der gesellschaftspolitischen Wahrnehmung um einiges präsenter ist. Angesichts von New Work, Fachkräftemangel, Arbeitsmigration, Work-Life-Balance, Renten- und Lebensarbeitszeitdiskussionen, um nur einige aktuelle Diskussionspunkte zu nennen, erscheint es uns angebracht, sich mit Fragen des historischen und aktuellen Arbeitens und seinen alltäglichen Implikationen zu beschäftigen.     

Zwar haben sich in diesem Blog in der Vergangenheit schon Autor:innen mit Aspekten der Arbeit und des Arbeitslebens befasst: So gab es unter anderen Artikel zum Bierbrauen und Kellnern, über die Holzschuhmacher, zur Büroarbeit, über Friseure, Kirchenschweizer und Berufskleidung, zur Hausfrauenarbeit und zur Ausbeutung von Menschen in den Kolonien, um nur einige der Beiträge hervorzuheben. Zudem ist spätestens seit dem Deutschen Volkskundekongress „Arbeit und Volksleben“ 1965 in Marburg die wissenschaftliche Befassung mit Arbeit ein Kernthema unseres Faches.   

Fabrikarbeiterinnen (möglicherweise einer Schreibfederfabrik in Iserlohn), 1920er oder 1930er Jahre, Fotograf: Theo Klein-Happe, Archiv für Alltagskultur in Westfalen, 2014.01280.
Setzer bei der Arbeit, Oelde, 1960er oder 1970er Jahre, Fotograf unbekannt, Archiv für Alltagskultur in Westfalen, 2011.00004.
Berufsschule für Tischler im Hochsauerlandkreis, 1981, Fotograf: Helmut Orwat, Archiv für Alltagskultur in Westfalen, 2006.00141.

Dennoch machen wir „Arbeit(en)“ zum Jahresschwerpunkt 2026, möchten damit die Aufmerksamkeit der Leser:innen und Autor:innen gezielt auf ein Thema lenken, dessen Facettenreichtum längst noch nicht ausgeschöpft ist, das immer wieder neue Fragestellungen kreiert und daher eine Fokussierung rechtfertigt. In einer Gesellschaft, die sich vorgeblich über Arbeit definiert und damit einschränkend und ausgrenzend in der Regel Berufstätigkeit meint, sind etwa Fragen nach der räumlichen und visuellen Komponente des Arbeitens angebracht: Wo ist Arbeit sichtbar und wo eher nicht? Warum? Welche Machtverhältnisse drücken sich an Orten der Arbeit aus? Wo und wie kommen Gesichtspunkte der Intersektionalität zum Ausdruck? Wie nehmen sich die Arbeiten derjenigen aus, die Arbeit – zum Beispiel als Bildhauer:innen, Maler:innen, Theaterschaffende oder Fotograf:innen – in Szene setzen?

Arbeit und Materialität hängen eng zusammen. Regeln und Veränderungen des Arbeitens materialisieren sich in Lohntüten, Werkzeugen, Büromöbeln/-utensilien, Kaffeetassen oder Brotdosen, Zeiterfassungssystemen, Mobilitäten und Maschinen – um nur einige zu nennen. Welche Rolle spielt in diesem Kontext betriebliches und/oder gesellschaftliches Oben und Unten? In diesem Zusammenhang könnte man auch eine Verknüpfung zum Arbeits- und Leistungsvermögen des Individuums sowie der Gesellschaft im Allgemeinen herstellen: In welchen arbeitsalltäglichen Dingen drück(t)en sich Kompetenzen oder Verantwortlichkeiten aus? Wie funktionierte und funktioniert Inklusion?

Kaufmännischer Lehrling, Fotograf: Wolfgang Schiffer, Archiv für Alltagskultur in Westfalen, 2004.05899.
Bürokräfte bei der Arbeit, 1960er Jahre, Fotograf: Ertmer, Archiv für Alltagskultur in Westfalen, 2004.06109.
Büroarbeit, 1920er oder 1930er Jahre, Fotograf unbekannt, Archiv für Alltagskultur in Westfalen, 1999.00610.
Frau bei der Gartenarbeit, Warendorf, 1980, Fotograf: Walter Suwelack, Archiv für Alltagskultur in Westfalen, 2011.02884.

Lohnend ist auch der Blick auf die Arbeitenden selbst: Welche Selbst- und Fremdbilder lassen sich in verschiedenen Berufsgruppen, bei ihren Interessensvertretungen oder bei Nicht-Berufs- und unentgeltlich Tätigen ausmachen? Welchem Wandel sind sie unterzogen und wie hat sich der Blick der (Alltagskultur)Forschung auf sie verändert? Lassen sich hier historische Linien ausmachen? Gibt es geschlechterspezifische Arbeit? Wie sah und wie sieht sie aus? Ist sie Produkt einer in tradierten männlichen und weiblichen Rollenbildern denkenden Gesellschaft?

Und nicht nur die Wahrnehmung von Arbeit an sich ist untersuchenswert. Ebenso lassen sich Berufe oder Berufswahlen analysieren. Welche Berufe sind verschwunden?  Aus welchen Gründen werden manche Berufe wie zum Beispiel das rückläufige Silberschmiedehandwerk von Auszubildenden nicht mehr nachgefragt? Welche neuen Berufe und Gewerbe etablieren sich?

Auch auf der Mentalitätsebene drängen sich viele Fragen auf: Wie funktionierte und funktioniert eigentlich die Konditionierung im Sinne eines Arbeits- oder Berufsethos? Wer sollte und soll wann, wie, wo und von wem zur Arbeitsamkeit erzogen werden? Was gilt als Arbeitserfolg und was nehmen Menschen auf sich, um in Arbeit zu kommen oder zu bleiben? Was bedeutet es, selbstständig oder abhängig zu arbeiten? Wie ging und geht man mit Scheitern und Gescheiterten um? Was ist der Arbeit gerechter Lohn und was erwarten, erhielten oder erhalten Arbeitnehmer:innen neben Geld als Entlohnung? Wie sieht es auf dem Zweiten Arbeitsmarkt aus? Welche Rollen spielt ehrenamtliche Arbeit? In welchen Arbeitsfeldern kann KI menschliche Arbeit ersetzen? Gibt es technische Grenzen? Wo sind die ethischen Grenzen?

Bergmann, Recklinghausen, Fotograf: Röttger, Archiv für Alltagskultur in Westfalen, 2000.02070.
Stempeluhr in der Volkskundlichen Kommission für Westfalen, Münster, 2000, Fotograf unbekannt, Archiv für Alltagskultur in Westfalen, 2002.00760.

Viele weitere Fragekomplexe lassen sich benennen, darunter prekäre Arbeit, das Schreiben über Arbeit und das Schreiben als Arbeit, Rituale des Arbeitens oder – aus sprachwissenschaftlicher und namenkundlicher Sicht – Arbeit(en) in Sprichwörtern und Redewendungen und Namen mit Bezug zur Arbeit.

Es zeigt sich: Das Themenfeld „Arbeit(en)“ ist aus vielen verschiedenen Fachperspektiven lohnend. Daher sind wir guter Dinge, dass dieses Blog 2026 mit vielen lesenswerten, merkwürdigen, lehrreichen, bedenkenswerten und amüsanten Beiträgen zum Jahresschwerpunktthema gefüllt wird, auch wenn auf Leser- und Autorenschaft auf die ein oder andere Weise eine ganze Menge Arbeit zukommen wird. Wir freuen uns jedenfalls, wenn am Ende des Jahres 2026 die Erkenntnis steht, dass sie sich gelohnt hat, weil sich neue und vielleicht auch ungewohnte Perspektiven eröffnet haben.