Der doppelseitig angelegte Vordruck ermöglicht die Abbildung eines Kommunikationsverlaufes, so dass das Register einen schnellen Überblick darüber gewährte, ob Briefe schon beantwortet wurden oder nicht - Informationen, die mit dem heutigen Mailverkehr auf einen Klick vorhanden sind. In der Praxis geht das System nicht immer auf und so werden auch einzelne Briefe vermerkt, die ohne Antwortschreiben blieben. Die Gründe hierfür können vielfältig sein.
Anhand der Handschriften wird deutlich, dass die Bücher von unterschiedlichen Personen geführt wurden. Verantwortlich für solche Tätigkeiten war im Regelfall das Sekretariat. Welche Informationen wie detailliert eingetragen wurden, hing somit nicht zuletzt von der personellen Besetzung ab: Beispielsweise lassen sich im Jahr 1952 mindestens drei verschiedene Schriften identifizieren. Unter Bemerkungen wurden die Kürzel der für die Korrespondenz verantwortlichen Personen notiert, beispielsweise „Dr. Bri“ für die Archivgründerin und langjährige Geschäftsführerin Martha Bringemeier.
Um nähere Einblicke in die Praxis der Führung des Briefregisters zu erhalten, soll dies am Beispiel eines der dreizehn Bücher gesehenen, dem Jahrgang 1952/53. Das Buch deckt das ganze Jahr 1952 sowie Januar/Februar 1953 ab. 1952 sind insgesamt 829 Einträge verzeichnet und für die beiden Monate 1953 weitere 160. Diese Zahl bezieht sich jedoch nicht auf die Anzahl der Briefe insgesamt, sondern nur auf die Zeile des Eintrags und ermöglicht eine schnellere Navigation durch das Verzeichnis.
Eine Vielzahl von Kürzeln werden unter dem Feld „Aktenzeichen“ genutzt. Eines der häufigsten Kürzel ist „A“. Mit dem Kürzel A sind Korrespondenzen im Zusammenhang mit dem Archiv für westfälische Volkskunde markiert. Diese enthalten vor allem Anfragen zur Mitarbeit im Archiv, die Versendung von spezifischen Fragelisten und den Dank für erhaltene Berichte. Unter B lassen sich Bestellungen identifizieren, in der Mehrheit Buchbestellungen. Auch inhaltliche Schwerpunkte der Arbeit werden deutlich: unter W sammeln sich Korrespondenzen zum Wörterbuch, beispielweise Anfragen zu Flurnamen. Eine spannende Rubrik ist „Korr. Ausl.“ (Korrespondenz Ausland). Zwar lassen sich die Kontakte, die die Volkskundliche Kommission pflegte, mehrheitlich kleinregional in Nordrhein-Westfalen verorten, jedoch verdeutlicht das Register 1952/53 auch das internationale Netzwerk der Volkskundlichen Kommission in die Niederlande (Amsterdam, Leiden, Wassenaar), die Schweiz (Basel), nach Dänemark (Kopenhagen), nach Belgien (Brüssel, Zellik), Finnland (Helsinki) und Schweden (Lund, Stockholm).
Briefregister schaffen in der historisch-forschenden Betrachtung einen schnellen Überblick über Netzwerke und geben Aufschluss über Arbeitsabläufe vor der Digitalisierung der Büroarbeit. Auch lassen sich hier innerbetriebliche Hierarchien ablesen. Briefregister können durchaus Lücken in der Überlieferung füllen, weshalb ein Blick in diese oft übersehene Quelle durchaus lohnenswert ist.
Literatur:
Krüger, Christine G. / Meifort, Franziska / Witkowski, Mareike, Briefe für Gunill. Einleitende Überlegungen zum Brief als historische Quelle, in: Christine G. Krüger, Franziska Meifort, Mareike Witkowski (Hg.): Korrespondenzen aus der Vergangenheit. Briefe als historische Quelle, Göttingen 2025, S. 11-28.
Schönborn, Sibylle. Brief und Tagebuch/Brieftagebuch, in: Marie Isabel Matthews-Schlinzig, Jörg Schuster, Gesa Steinbrink and Jochen Strobel (Hg.): Handbuch Brief. Von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart, Berlin, Boston 2020, S. 322-338.