Wohlschmeckende Bonbons als Gemüseersatz. Vitamine für die Volksgesundheit im Zweiten Weltkrieg

16.10.2026 Niklas Regenbrecht

Seite aus dem Tagebuch von Renate Brockpähler mit den Eintragungen vom 6. und 8. März 1940 (Archiv für Alltagskultur in Westfalen, K02537).

Niklas Regenbrecht

„Wir kriegen jetzt jeden Tag eine Pille, Vitamin C als Ersatz für Gemüse. Lecker!“ So schrieb Renate Brockpähler am 6. März 1940 drei Tage vor ihrem 13. Geburtstag in ihr Tagebuch.

Zwei Tage später hielt sie noch einmal diese Neuerung im Schulalltag fest: „Weil Frl. Meinhold [eine Lehrerin] fehlte, die das Glas mit den Cebion Pillen hat, gingen wir rauf ins Sekretariat. Dort gab uns eine neue Sekretärin welche. Die katholischen hatten noch Religion, die kriegten von ihrem Lehrer welche, da rannten wir hin und holten uns auch noch welche.“

Die kurzen Textpassagen der Schülerin, die während des Zweiten Weltkriegs in Münster Tagebuch führte, werfen ein Schlaglicht auf einen Aspekt der nationalsozialistischen Gesundheits- und Ernährungspolitik. Die Verteilung und Ausgabe von Ersatzstoffen und Vitaminpräparaten erfolgte während des Krieges nicht nur in großem Ausmaß an Soldaten und Arbeiter, sondern auch an Schülerinnen und Schüler.

Von März bis Mai 1940 hatte erstmals eine derartige Verteilung stattgefunden. In einer im Laufe des Oktobers 1940 in zahlreichen Zeitungen wortgleich veröffentlichten Pressemitteilung wurde diese Aktion resümiert. Unter dem Titel „Bonbons aus Vitamin C“ war etwa in der Westfälischen Tageszeitung vom 27.10.1940 zu lesen, dass diese „auf Anordnung des Reichsministers des Innern und für Erziehung, Wissenschaft und Volksbildung“ – das waren 1940 Wilhelm Frick und Bernhard Rust – durchgeführte „Vitamin-C-Prophylaxe“, ein voller Erfolg gewesen sei.

„Man verabreichte den Kindern den Ergänzungsstoff in Form von wohlschmeckenden Bonbons aus Cebionzucker, die sehr gerne genommen wurden. Insgesamt wurden in den drei Monaten nicht weniger als 60 Millionen Tagesdosen an 1,6 Millionen Schulkinder ausgegeben. Ihr Zweck, die herkömmliche ‚Frühjahrsmüdigkeit‘ zu überwinden und Erkältungskrankheiten zu verhüten, ist vollauf erreicht worden. Trotz der starken Kältewelle und gewisser Schwierigkeiten in der Kohlen- und Obstversorgung, blieb der Gesundheitszustand der Kinder auf Grund dieser großen Vorbeugungsaktion hervorragend.

Insbesondere war eine Verringerung der Infektionsbereitschaft bei denjenigen Kindern zu beobachten, die ihren Lehrern früher als sehr grippeanfällig bekannt waren. In den Fällen aber, in denen katarrhalische Infektionen auftraten, sind sie auffallend leicht und schnell überwunden worden. Die Teilnahme am Unterricht war daher regelmäßiger als in früheren Jahren. In einem Fall wird dem Vitamin-Bonbon sogar eine günstige Beeinflussung der Ansteckungsgefahr bei einer Scharlachepidemie zugeschrieben. Darüber hinaus konnten auch beachtliche Appetitsteigerungen, sowie Gewichts- und Längenzunahmen festgestellt werden. Es ist daher geplant, die Vorbeugungsaktion im nächsten Frühjahr zu wiederholen und auch die Säuglingsfürsorge einzubeziehen.“

Weitere Verteilaktionen dieser Art lassen sich beispielsweise anhand der Presseberichterstattung nachverfolgen, die über die entsprechende Tätigkeit der Gesundheitsämter und der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV) berichtete (bspw. Westfälische Tageszeitung vom 15.12.1940 oder 19.01.1941).

Auch Renate Brockpähler griff ein Jahr später die Verteilung der Ersatzstoffe erneut auf: „Übrigens kriegen wir augenblicklich auch wieder unsere uns bald schon unentbehrlich erscheinenden Pillen.“ (Tagebucheintrag vom 10.03.1941)

Der oben zitierte Zeitungsbericht lässt auch die Rolle der Lehrer bei der Überwachung der Schülergesundheit erkennen. Obgleich der Staat hier als Kümmerer erscheinen soll, der alle Teile der „Volksgemeinschaft“ – hier die Schüler – durch seine Leistungsfähigkeit an den Errungenschaften der modernen medizinischen Forschung teilhaben lässt, enthält er dennoch indirekt das Eingeständnis von Versorgungproblemen.

Die im Ersten Weltkrieg herrschenden Versorgungsprobleme und die daraus gezogenen Lehren waren mit ein Grund dafür, dass die Gabe von Ersatzstoffen nicht nur an Soldaten, sondern auch an die Zivilbevölkerung und insbesondere an Kinder erfolgte. Die Entdeckung der Existenz von Vitaminen und die anschließende Forschung über sie hatte in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts Konjunktur. In den 1930er Jahren gelang der Chemieindustrie die künstliche Synthetisierung von Vitaminen. Der Name Cebion erscheint erstmals 1934 in Deutschland als Markenname für ein Vitamin-C-Präparat.

Die herrschende Begeisterung für Vitamine und die sich bietenden Möglichkeiten im Bereich der Ernährung hatte sich die nationalsozialistische Gesundheitspolitik unter der Überschrift der „Volksgesundheit“ zu Eigen und zu Nutzen gemacht. Ebenso knüpfte man an Ideen der Lebensreformbewegung an. Unter Kriegsbedingungen sollte nun die flächendeckende, staatlich verordnete Zuteilung von Ersatzstoffen die gesundheitliche Versorgung und Kriegstüchtigkeit erhalten.

So dokumentiert sich nicht nur der staatliche Zugriff auf die Ernährung und Gesundheit des Einzelnen, sondern auch das staatliche Streben nach Leistungssteigerung durch die naturwissenschaftlich bereitgestellten Regulierungsmöglichkeiten des einzelnen Körpers. Oder wie es der Wissenschaftshistoriker Stoff nannte: „Ernährungs- und Vitaminforschung waren bedeutsame Bestandteile der nationalsozialistischen Leistungsmedizin.“ (Stoff, S. 254)

In den Tagebüchern von Renate Brockpähler tauchen die Vitamin-Präparate noch einmal gegen Kriegsende auf, gewissermaßen als Durchhaltemittel während eines Bunkeraufenthaltes bei einem Luftangriff. Nun aber tatsächlich in Kombination mit echtem Obst: „So setzten wir 4 uns denn in den Bunker, Dr. Kloster, Ilse, Irmgard und ich. Dr. Kloster [ein Lehrer] verteilte Cebion-Tabl., die er in der Schule aufgestöbert hatte und ich verteilte Pfirsiche, die Wolf noch in seiner Tasche hatte, welche ich, als ich ihn an der Ortsgruppe abmeldete, abgeholt hatte.“ (Tagebucheintrag vom 07.10.1944)

 

Literatur

Heiko Stoff: Wirkstoffe. Eine Wissenschaftsgeschichte der Hormone, Vitamine und Enzyme, 1920–1970, Stuttgart 2012.