Liv Malin Böllert
Erklärtes Ziel der Sammlungen des Alltagskulturarchivs ist es, möglichst viele Facetten des Alltags der Menschen abzubilden. In Bezug auf die einfachen Leute gestaltet sich dieses Vorhaben vor allem dann als schwierig, wenn man weiter in der Geschichte zurückgeht, da oft nur noch wenige materielle und schriftliche Belege von diesen Alltagen vorhanden sind. So ist es ein besonderer Glücksfall, dass über den Arbeitsalltag zweier Köchinnen, die vor fast hundert Jahren auf verschiedenen münsterländischen Adelssitzen gearbeitet haben, im Bestand K03202 Informationen vorliegen.
Der Bestand um die beiden Schwestern Emmi und Martha Ludtmann kam 2023 in das Archiv der Kommission. Die Nichte der beiden Schwestern gab einen Karton mit biographischen Unterlagen, Fotos, Rezept- und Menübüchern sowie weiteren Zeugnissen zur Berufstätigkeit der beiden Frauen ab. Dieser Bestand wird im Folgenden genauer beleuchtet.
Emmi Ludtmann wurde am 04.03.1911 als Tochter des Tiefbauunternehmers W. Ludtmann in Münster geboren. Sie war vom 01.02.1932 bis zum 31.01.1933 in der Schlossküche des Schlosses Varlar in Coesfeld als „Lehrköchin“ beschäftigt. So bezeichnete man Berufsanfängerinnen, die eine einjährige, praktische Ausbildung zur Köchin absolvierten. Dass Emmi die Stelle als Lehrköchin bekam, scheint eher dem Zufall geschuldet gewesen zu sein. Denn die eigentliche Anwärterin auf die Stelle hatte den Schlosshaushalt „im Stich gelassen“, hieß es in einem Schreiben aus dem fürstlichen Privatsekretariat an Emmi Ludtmann vom 12. Januar 1932. Darin wurde Emmi für einen der nächsten Tage zur Vorstellung „bei dem Küchen-Chef und Ihrer Durchlaucht“ eingeladen. Emmis Arbeitgeberin war Gräfin Rosa Marie Bertha Louise zu Solms-Baruth (1884 - 1945), die mit Otto II zu Salm-Horstmar (1867-1941), Fürst und Rheingraf zu Salm-Horstmar verheiratet war. Dieser war von 1902 - 1908 Präsident des Deutschen Flottenvereins und federführendes Mitglied des sogenannten Alldeutschen Verbandes. Zum Zeitpunkt von Emmis Lehrzeit lebten fünf Kinder des Ehepaares im Haushalt.
Als Bedienstete gehörte Emmi Ludtmann zu einem Hausstand des Hochadels. Über ihren Arbeitsalltag sagt das freilich nicht viel aus. Eine Fotografie zeigt sie mit Kochhaube und Arbeitskleidung in der Küche von Schloss Varlar. Nach ihrer Lehrzeit verließ sie ihre Ausbildungsstätte – aus welchen Gründen ist nicht bekannt, ebenso wenig, ob sie anderswo als Köchin arbeitete. An schlechter Arbeitsleistung dürfte die fehlende Erweiterung des Ausbildungs- in ein Arbeitsverhältnis jedenfalls nicht gelegen haben. Aus einem Arbeitszeugnis, ausgestellt vom Küchenmeister, geht hervor, dass Emmi in der Lehrzeit Kochen, Backen, Einlegen und Einschlachten zu seiner vollständigen Zufriedenheit erlernte und die Küche in einer dreiwöchigen Abwesenheit des Küchenmeisters sogar allein führte.