Schwerpunkt Arbeit(en): Zwei Schwestern als Lehrköchinnen auf westfälischen Schlössern

13.10.2026 Niklas Regenbrecht

Liv Malin Böllert

Erklärtes Ziel der Sammlungen des Alltagskulturarchivs ist es, möglichst viele Facetten des Alltags der Menschen abzubilden. In Bezug auf die einfachen Leute gestaltet sich dieses Vorhaben vor allem dann als schwierig, wenn man weiter in der Geschichte zurückgeht, da oft nur noch wenige materielle und schriftliche Belege von diesen Alltagen vorhanden sind. So ist es ein besonderer Glücksfall, dass über den Arbeitsalltag zweier Köchinnen, die vor fast hundert Jahren auf verschiedenen münsterländischen Adelssitzen gearbeitet haben, im Bestand K03202 Informationen vorliegen.  

Der Bestand um die beiden Schwestern Emmi und Martha Ludtmann kam 2023 in das Archiv der Kommission. Die Nichte der beiden Schwestern gab einen Karton mit biographischen Unterlagen, Fotos, Rezept- und Menübüchern sowie weiteren Zeugnissen zur Berufstätigkeit der beiden Frauen ab. Dieser Bestand wird im Folgenden genauer beleuchtet.

Emmi Ludtmann wurde am 04.03.1911 als Tochter des Tiefbauunternehmers W. Ludtmann in Münster geboren. Sie war vom 01.02.1932 bis zum 31.01.1933 in der Schlossküche des Schlosses Varlar in Coesfeld als „Lehrköchin“ beschäftigt. So bezeichnete man Berufsanfängerinnen, die eine einjährige, praktische Ausbildung zur Köchin absolvierten. Dass Emmi die Stelle als Lehrköchin bekam, scheint eher dem Zufall geschuldet gewesen zu sein. Denn die eigentliche Anwärterin auf die Stelle hatte den Schlosshaushalt „im Stich gelassen“, hieß es in einem Schreiben aus dem fürstlichen Privatsekretariat an Emmi Ludtmann vom 12. Januar 1932. Darin wurde Emmi für einen der nächsten Tage zur Vorstellung „bei dem Küchen-Chef und Ihrer Durchlaucht“ eingeladen. Emmis Arbeitgeberin war Gräfin Rosa Marie Bertha Louise zu Solms-Baruth (1884 - 1945), die mit Otto II zu Salm-Horstmar (1867-1941), Fürst und Rheingraf zu Salm-Horstmar verheiratet war. Dieser war von 1902 - 1908 Präsident des Deutschen Flottenvereins und federführendes Mitglied des sogenannten Alldeutschen Verbandes. Zum Zeitpunkt von Emmis Lehrzeit lebten fünf Kinder des Ehepaares im Haushalt.

Als Bedienstete gehörte Emmi Ludtmann zu einem Hausstand des Hochadels. Über ihren Arbeitsalltag sagt das freilich nicht viel aus.  Eine Fotografie zeigt sie mit Kochhaube und Arbeitskleidung in der Küche von Schloss Varlar. Nach ihrer Lehrzeit verließ sie ihre Ausbildungsstätte – aus welchen Gründen ist nicht bekannt, ebenso wenig, ob sie anderswo als Köchin arbeitete. An schlechter Arbeitsleistung dürfte die fehlende Erweiterung des Ausbildungs- in ein Arbeitsverhältnis jedenfalls nicht gelegen haben. Aus einem Arbeitszeugnis, ausgestellt vom Küchenmeister, geht hervor, dass Emmi in der Lehrzeit Kochen, Backen, Einlegen und Einschlachten zu seiner vollständigen Zufriedenheit erlernte und die Küche in einer dreiwöchigen Abwesenheit des Küchenmeisters sogar allein führte.

Emmi Ludtmann in der Küche von Schloss Varlar (Archiv für Alltagskultur, Personenbestand Ludtmann, K03202.0014)

Martha Ludtmann wurde etwa ein Jahr nach ihrer Schwester, am 21.5.1912, ebenfalls in Münster geboren. Nach kurzer kaufmännischer Tätigkeit im Unternehmen ihres Vaters besuchte Martha Ludtmann eine Handarbeitsschule. Vom 15.10.1933 bis zum 14.10.1934 absolvierte sie eine einjährige Lehrzeit in der fürstlichen Schlossküche zu Burgsteinfurt, in der sie die feine und bürgerliche Küche erlernen sollte. Während ihrer Zeit als Auszubildende war Viktor Adolf Fürst zu Bentheim-Steinfurt Schlossherr. Dieser hatte 1931 Rosa Helene von Solms-Hohensolms-Lich als zweite Frau geehelicht. Auch wenn der Fürst Marthas offizieller Arbeitgeber war, war sie einer Köchin und Wirtschafterin unterstellt. Zur Zeit von Marthas Lehre dürften drei Kinder im Haushalt gelebt haben. Nach ihrer Lehre arbeitete Martha Ludtmann als Köchin beim selben Arbeitgeber.

Tischordnung für ein Dinner mit adeligen Gästen (Archiv für Alltagskultur, Personenbestand Ludtmann, K03202.0006)

Verschiedene Unterlagen zeugen von den alltäglichen Aufgaben der Auszubildenden. So ist beispielsweise die Tischordnung eines Festessens schriftlich festgehalten. Es ist leider nicht bekannt, wann dieses Essen ausgerichtet wurde, jedoch ist davon auszugehen, dass es sich bei dem Fürstenpaar um Otto II zu Salm-Horstmar und seine Frau handelt. Die Bleistiftzeichnungen stammen somit vermutlich von Emmi Ludtmann und zeugen davon, dass die Aufgaben der Köchinnen auch über die Zubereitung der Speisen hinausgingen. Betrachtet man die Namen auf der Tischordnung fällt auf, dass Adelige aus dem Münsterland eingeladen worden waren. Neben dem Fürstenpaar zu Bentheim waren weitere adelige Personen anwesend, darunter Graf und Gräfin von Alvensleben, Gräfin von Merveldt, Baronin Twickel sowie Baron und Baronin Wendt. Außerdem eingeladen waren Rittmeister von Heyden Linden und Rittmeister von Roden, sowie Herr von Papen und seine Frau und Herr von Szily mit seiner Frau. Bei Herrn von Papen handelt es sich wahrscheinlich um Franz von Papen, der als Unterstützer Adolf Hitlers bekannt war und selbst von 1933 bis 1934 als Vizekanzler agierte. Bei Herrn von Szily handelt es sich wahrscheinlich um Aurel von Szily, der ab 1924 Direktor der Universitätsaugenklinik Münster war und aufgrund seiner jüdischen Herkunft ab 1935 aus akademischen Kreisen verdrängt wurde.

Speisenfolge eines Abendessens am 18. Dezember 1933 (Archiv für Alltagskultur, Personenbestand Ludtmann, K03202.0012)

Verschiedene geprägte Menüfolgen zeigen, wie die hochstehenden Gäste verköstigt wurden. Ein Abendessen am 18.12.1933 bestand beispielsweise aus folgender Speisenfolge:

Bouillonsuppe dazu Maderia - Steinbutt mit Holl. Sauce dazu 1925 Graacher Humberg - Wildente mit Rosenkohl dazu 1924 Chât. Le Désert - Fürst Pücklerbombe dazu Sekt - Frische Ananas - Dessert

Anweisung per Post an Martha Ludtmann (Archiv für Alltagskultur, Personenbestand Ludtmann, K03202.0011)

Ein Brief vom 01.08.1934 zeigt, wie der hochadelige Haushalt organisiert war: Darin wird um das Servieren von Kalbsteaks am 08.08.1934 mittags für vier Personen gebeten. Der Brief stammt aus Bentheim und war an Martha Ludtmann im Schloss Burgsteinfurt adressiert. Während der Fürst und die Fürstin also gar nicht vor Ort waren, planten sie trotzdem die Speisefolge für das Mittagessen und gingen ganz selbstverständlich davon aus, dass die Angestellten die Zutaten rechtzeitig einkauften, die Mahlzeit entsprechend zubereiteten und zur gewünschten Zeit servierten.

Das Herzstück des Bestandes bilden mehrere handschriftliche Rezept- und Menübücher. Emmi Ludtmann führte während ihrer Zeit auf Schloss Varlar ein Rezeptbuch. Im ersten Teil des Buches notierte sie verschiedene Süßspeisen wie „Karamellhäppchen“, „Makronenkuchen“ und „Schokoladenauflauf“. Im zweiten Teil folgen dann deftige Speisen, darunter „Aal in Aspick“, „Gebratenes Rebhuhn“ und „Hase in Rotwein“. Auf weitere Süßspeisen folgt der Abschnitt „Erfrischende Getränke und Kaltschalen“. Suppen, Saucen und Salate, gefolgt von weiteren Süßspeisen und der Abschnitt „Einlegen“ vervollständigen das Kochbuch. Die Vielzahl der Rezepte für Süßspeisen in dem Rezeptbuch ist durchaus bemerkenswert und legt die Vermutung nahe, dass diese auf Schloss Varlar sehr geschätzt wurden.

Rezeptbuch von Emmi Ludtmann auf Schloss Varlar (Archiv für Alltagskultur, Personenbestand Ludtmann, K03202.0007, Foto: Liv Malin Böllert)

Martha Ludtmann führte ebenfalls ein Rezeptbuch. Das Rezeptbuch ist ebenso wie das ihrer Schwester nach Kategorien wie Fleisch, Fisch, Kartoffelgerichte und Nachspeisen geordnet.

Rezeptbuch von Martha Ludtmann auf Schloss Burgsteinfurt (Archiv für Alltagskultur, Personenbestand Ludtmann, K03202.0010, Foto: Liv Malin Böllert)

Ein Menübuch von 1933 und 1934, ebenfalls geführt von Martha Ludtmann, zeigt geordnet nach Datum, was an den jeweiligen Tagen in der Schlossküche zu Bentheim-Steinfurt zubereitet wurde. Am Montag, den 14. Mai, beispielsweise wurde Folgendes serviert:

Kümmelsuppe

Spargel

Filetsteaks, Salat

Sahneeis mit Aprikosen

Abends:

Spargel m. Schinken

Käse, Kompott

Menübuch von Martha Ludtmann auf Schloss Burgsteinfurt (Archiv für Alltagskultur, Personenbestand Ludtmann, K03202.0009, Foto: Liv Malin Böllert)

Die Tatsache, dass an einem Wochentag Filetsteaks serviert wurden, deutet ebenso auf einen gehobenen Lebensstil hin, wie Spargel als Gemüsebeilage und Sahneeis als Nachspeise, dessen Zubereitung durchaus aufwendig war. Wenn man das Menübuch durchblättert, fällt auf, dass immer drei Gänge serviert wurden. Täglich kam Fleisch, wie Kalbsbraten, Schnitzel und Hühnerfleisch oder auch mal Wildpret auf den Tisch. Dazu gab es Gemüse der Saison, zum Dessert auch wohl Südfrüchte oder Kompott aus heimischem Obst. Insgesamt ist die Auswahl an Speisen sehr abwechslungsreich. Auffällig ist, dass keine Beilagen notiert wurden. Es ist davon auszugehen, dass zu den Fleischgerichten auch Kartoffeln, Reis und ähnliches serviert wurde, jedoch scheint dies so selbstverständlich gewesen zu sein, dass es nicht extra aufgeschrieben wurde.

Die verschiedenen Quellen dokumentieren die Arbeitsergebnisse des Küchenpersonals, die Essgewohnheiten der adeligen Schlossbewohner:innen sowie in die zeittypische Speisezubereitung. Was sie nicht (oder nur am Rande) dokumentieren, sind die Arbeitsorganisation in der Küche, der Verdienst und die Arbeitsbedingungen sowie das Verhältnis der Arbeitgeber:innen zu den Bediensteten. Vielleicht ist es aber positiv zu bewerten, dass Martha Ludtmann nach ihrer Ausbildung auch weiterhin bei der Familie von Bentheim-Steinfurt gearbeitet hat.