Nachdem in einem zweiten Abschnitt („Lengerich vor 1914“) die politischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen, kulturellen und religiösen Ausgangsbedingungen geklärt wurden, folgt im dritten Abschnitt eine detailliert in 13 Unterkapitel aufgegliederte Darstellung der Ereignisse und Entwicklungen in Lengerich zwischen 1914 und 1918.
Basierend auf Schriftquellen aus unterschiedlichen Archiven (Stadtarchiv, Landesarchiv [Landratsamt Tecklenburg], Archiv Ev. Kirche) und Berichten in den lokalen und überregionalen Tageszeitungen hat Alfred Wesselmann viele kleine Mosaiksteinchen zusammengetragen, die das politische und gesellschaftliche Klima in der nordmünsterländischen Kleinstadt nachvollziehbar machen.
Im Ergebnis wird deutlich, dass ein relativ kleiner Kreis an Personen – sämtlich kaisertreu/reaktionär, männlich und evangelisch; konkret waren es Bauern, Fabrikbesitzer, Kaufleute, ev. Pfarrer, Verwaltungsbeamte – in Lengerich tonangebend war. Er hat – so Wesselmann – den Krieg „in allen Facetten bis zum Schluss unterstützt“ (S.149).
Selbstverständlich war die Bevölkerungsstruktur in Lengerich keinesfalls homogen. Im Gegenteil: Es gab nicht wenige abhängig Beschäftigte wie Arbeiter:innen und Handwerksgesellen, hinzu kam auf dem Land die Gruppe der Heuerleute, deren wirtschaftliche und soziale Lage durchaus prekär war. Sie schlossen sich zwar punktuell zusammen, gründeten beispielsweise Vereine, „doch standen meist die Geselligkeit und dann erst der soziale Beistand im Vordergrund“ (S.17). Falls sie sich politisch betätigten – so wie die Mitglieder des sozialdemokratischen Wahlvereins, der sich 1913 „eher informell“ gegründet hatte –, stimmten sie in den Hurra-Patriotismus der tonangebenden Schichten mit ein (S.149). Einzig die Vereinigung der Kriegsbeschädigten scheint zumindest zeitweise eine kritische Haltung zur Regierung eingenommen zu haben (S. 90).
Die Publikation zeigt, wie schnell der Krieg alle Bereiche des alltäglichen Lebens dominierte, sei es durch die allgegenwärtige Kriegspropaganda, durch die Mangelwirtschaft, die Kriegsgefangenen (sie waren in der Kantine der Wicking-Werke untergebracht), die heimkehrenden Kriegsversehrten oder die Todesnachrichten von der Front. Angesichts der jahrelangen Kriegspropaganda, der Durchhalteparolen, der persönlichen Opfer und der patriotischen Predigten in den Kirchen empfanden viele Lengericher:innen die Friedensverhandlungen, die Demobilmachung und den in Versailles geschlossenen Friedensvertrag als Schmach. Und trotz der Gründung von Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräten gab es in Lengerich wie auch andernorts am Ende des Ersten Weltkriegs kaum demokratische Strukturen und Grundhaltungen, die das Bekenntnis zur neuen Staatsform erleichtert hätten. Im Gegenteil: Die Kräfte der Beharrung und der Revision waren nach wie vor tonangebend.
Eine Zeitspanne von vier Jahren isoliert zu betrachten, ist nicht unproblematisch, geht diese Form der Darstellung doch auf Kosten der Betrachtung von längerfristigen Entwicklungslinien und setzt auch einiges an Vorwissen beispielsweise über die Deutsche Kaiserzeit voraus. Andererseits erlaubt die Beschränkung auf die Zeit des Ersten Weltkriegs aber eine genaue und detailreiche Darstellung der Ereignisse und Entwicklungen in dieser in Teilen sicher paradigmatischen nordmünsterländischen Kleinstadt.
Dass trotz aller Akribie einige Aspekte wie die Frage nach dem Alltagsleben von Kindern, Jugendlichen oder von Frauen ein wenig zu kurz gekommen sind, liegt an der Auswahl der Quellen, die leider keine Ego-Dokumente (wie z. B. Kriegskorrespondenz, Tagebücher o. Ä.) enthält. Sie hätten den amtlichen und medialen Quellen eine privat-persönliche Perspektive hinzugefügt und auch denjenigen eine Stimme gegeben, die in Lengerich nicht tonangebend waren.
Das soll den positiven Gesamteindruck aber keinesfalls schmälern: Die verständlich geschriebene Publikation schließt für die Lokalgeschichtsschreibung eine Lücke, die sich mit den hoffentlich noch folgenden weiteren zwei Bänden weiter verkleinern wird.
Bibliografische Angaben:
Alfred Wesselmann (unter Mitarbeit von Bernd Hammerschmidt): Geschichte der Stadt Lengerich von 1914 bis 1945. Teil 1: Lengerich 1914 – 1918. Aschendorff/Verlag für Regionalgeschichte. Münster 2026 (160 S., 19 Abb.).