Echt jetzt? Eine Tagung zum Themenfeld KI und Fotografie/Film in Münster

06.10.2026 Niklas Regenbrecht

Die Tagung "Echt jetzt? Fotografie/Film und KI/AI" in Münster regte zum intensiven Austausch und einer ersten Standortbestimmung an. (Foto: Dörthe Gruttmann)

Jannik Richter

Wer sich mit dem Themenfeld „Fotografie/Film und KI/AI“ auseinandersetzt, wird feststellen, dass viele (vermeintliche) Gewissheiten in Bezug auf die Authentizität und den Wahrheitsgehalt von Fotografie und Film durch die neuen Technologien (erneut) radikal infrage gestellt werden. Daher war es an der Zeit, dass die Kommission Fotografie innerhalb der Deutschen Gesellschaft für empirische Kulturwissenschaft sich mit diesem Themenfeld befasst. Gemeinsam mit der LWL-Kommission Alltagskulturforschung für Westfalen, dem LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte, dem RuhrMuseum/Zentrum für Fotografie, Essen und der Universität Tübingen/Institut für Medienwissenschaft hat die Kommission am 24. und 25. September 2026 in Münster eine Tagung unter dem Titel „Echt jetzt? Fotografie/Film und KI/AI“ veranstaltet.  

In seiner inhaltlichen Einführung knüpfte Ulrich Hägele vom Institut für Medienwissenschaft der Universität Tübingen an ein Standartwerk der Angewandten Kulturwissenschaft an, nämlich Hermann Bausingers Publikation „Volkskultur in der technischen Welt“. Hiervon ausgehend nahm Hägele eine Positionsbestimmung von ‚künstlicher Intelligenz‘ für die visuelle Kultur in fünf Kategorien vor: als Imitationssystem, als Mittel der Erzeugung von Sentimentalität, als Mittel zur Historisierung, als parodistisches, aber auch als propagandistisches Mittel. Anhand zahlreicher Beispiele konnte er nicht nur belegen, wie verbreitet visuelle KI-Erzeugnisse bereits sind, sondern auch wie sie bereits Alltag und  Sehgewohnheiten verändern.

Mit dem Titel „Risiken und Nebenwirkungen: Fragen von recht und Glaubwürdigkeit“ war das erste Panel der Tagung überschrieben. Für den ersten Vortrag hatten die Organisator:innen passenderweise eine Juristin gewählt. Weite Teile der Gesellschaft sind sich zwar einig, dass eine rechtliche Regulation der neunen Technologie sinnvoll und notwendig ist. Welche Möglichkeiten den Europäern angesichts der international tätigen Tech-Riesen in diesem Feld bleiben, ist allerdings fraglich. Über die derzeit bestehenden Regulatorien (beispielsweise AI-Act) und die aus dem deutschen Urheber- und Personenschutzrecht erwachsenden Verpflichtungen informierte die Juristin Pia Pillokat in ihrem Vortrag. Dabei (und in der anschließenden Diskussion) zeigte sich, dass es nach wie vor nicht unerhebliche rechtliche Grauzonen gibt und dass angesichts der massenhaften Verbreitung von KI-Produktionen auch die Frage nach den Möglichkeiten und Grenzen einer strafrechtlichen Verfolgung von Verstößen virulent ist.  

Nach diesem rechtlichen Überblick befasste sich die Informatikerin Simone Rehm mit technischen und ethischen Fragen rund um die KI als Generator von Bildern, Videoclips und Musik. Rehm beschrieb in ihrem Referat die KI als Werkzeugset, aber auch als „Plagiatsmaschine“. Besonders die Anthropomorphisierung der Technik (beispielsweise durch Verwendung von menschlichen Namen und Pronomen) beschrieb Rehm als hochproblematisch. Sie schloss ihre Ausführungen mit dem dringenden Appell, sich auf Standards und Regularien zu verständigen. Speziell im wissenschaftlichen Kontext gelte es, Reliabilität, Validität und Evidenz als wissenschaftliche Grundwerte nicht leichtfertig aufs Spiel zu setzen, indem beispielsweise KI-generierte (Bild-)Inhalte ungeprüft übernommen und weitergegeben werden.

Um die Themenfelder Authentizität und Wahrheit kreiste auch der Beitrag von Vanessa Zallot und Luca Schaffer. In Auseinandersetzung mit Hito Steyerles These der dokumentarischen Unschärferelation loteten sie die Gültigkeit von Unschärfe als Beleg für dokumentarische Wahrheit aus. Haftet dem unscharfen Foto die Aura der Authentizität an, ist es also ein letztes Residuum dokumentarischer Wahrheit oder kann nur dann ein Wahrheitsanspruch behauptet werden, wenn mit Hilfe von KI einem vermeintlichen Bedürfnis nach scharfen und intimen fotografischen Einsichten nachgekommen wird? Beobachten wir derzeit eine Verschiebung hin zum „dokumentarischen Fühlen“?  

Aus einer kunsttheoretischen Perspektive näherte sich dann Maja Jerrentrup aus Landshut an den Themenkomplex Fotografie und KI an. Erkenntnisleitende Frage war für sie, ob KI-Modelle Kunst erschaffen können. Anhand einer Reihe von Definitionen von Kunst ist sie in Intensivinterviews mit zehn kunstaffinen Probanden, die selbst fotografierten, der Frage nachgegangen, wie die Interviewten KI-generierte Bildwerke einschätzten. Schnell wurde dabei deutlich, dass die Befragten sich nicht auf einen überindividuell gültigen Kunstbegriff beriefen. Stattdessen hing, was als Kunst gesehen wurde, häufig neben persönlichen Vorlieben vor allem vom kulturellen Kontext der Befragten ab. Jerrentrup kommt zu dem Ergebnis, dass es angesichts einer Vielfalt an Kunstbegriffen und Zugängen zu Kunst nicht zielführend sei, ‚künstlicher Intelligenz‘ generell den Status als Kunstwerkzeug abzusprechen. Stattdessen sei zu fragen, welche Funktion den KI-Werkzeugen in der Kunst im Einzelnen zukomme und wie der Kunstbegriff in der KI-technisierten Welt anzupassen sei.

Unter dem Titel „Analoge und digitale Entstehungsparadigmen: Arbeiten mit und gegen KI“ ging es im zweiten Panel der Tagung um konkrete Anwendungsbeispiele wie beispielsweise den Umgang von Amateurfotografen mit den Möglichkeiten der Bildbearbeitung durch KI, die Nadine Kulbe, Mitarbeiterin im ISGV in Dresden, in ihrem Beitrag skizzierte.  Während die Befragten der generativen KI eine klare Absage erteilten, waren sie einer Bildbearbeitung mit Hilfe von ‚künstlicher Intelligenz‘ gegenüber deutlich aufgeschlossener. In dem Beitrag wurde deutlich, dass sich die Akteure bewusst gegenüber dem umfassenden Anspruch der neuen Technologien abgrenzten: Das „Gück des Augenblicks“ – im entscheidenden Moment vor Ort zu sein und den Auslöser zu betätigen – wollten sie sich auf keinen Fallvon einer ‚künstlichen Intelligenz‘ nehmen lassen.

Um einen ethisch und wissenschaftlich angemessenen Umgang mit KI-generierten Bildern ging es im nachfolgenden Vortrag. Timo Saalmann, Leiter der historischen Abteilung der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg, ging der Frage nach, wie und mit welchen Folgen der Alltag in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern, hier spezifisch im Arbeitslager Flossenbürg, durch generative KI visualisiert wird/werden kann. Saalmann hob besonders die Wirkung von KI-generierten Visualisierungen hervor, die den Betrachtenden unmittelbare Zeugenschaft vorspiegeln. Mit einfach konsumierbaren Aussagegehalten und emotionalisierenden Inhalten werde in den sozialen Medien Aufmerksamkeit generiert, die sich für die Anbieter auszahle. Detailfehler seien, so Saalmann, in diesem Kontext zwar häufig, würden aber selten bemerkt. Hier seien die wissenschaftlichen Institutionen in der Pflicht, fundierte Darstellungen der Geschichte anzubieten und den einfachen Wahrheiten der sozialen Medien evidenzbasierte Forschung entgegen zu setzen.

Mit der KI-Nutzung für die Darstellung und Vermittlung historischer Themen, Figuren und Objekte befasste sich Lina Ruth Harder, PhD Fellow am Center for Digital Narrative der Universität Bergen. Harder schlug den Begriff „Histobots“ für die Annäherung an historische Persönlichkeiten mittels KI-Modellen vor, und beschrieb den Wechsel von einer quellenbasierten Annäherung an die historische Wahrheit hin zur Erfassung der historischen Wahrscheinlichkeit mittels KI‑Modellen. Sie wies zudem auf Probleme hinsichtlich der Nutzung hin, etwa weil die künstlich erzeugten Wahrscheinlichkeiten stärker an populäre Narrative anknüpfen als an die Quellenüberlieferung. Beispielsweise werde die französische Königin Marie Antoinette auf KI-generierten Visualisierungen oft mit einem Kuchen dargestellt, obwohl ihre Antwort („Lasst sie Kuchen essen“) auf die Problematik einer hungernden Bevölkerung historisch gar nicht überliefert ist. In ähnlicher Weise sei es hochproblematisch wie durch KI-generierte Visualisierungen ethnische Stereotype oder Geschlechterrollen manifestiert würden.

Vom Historischen in die Gegenwart führte sodann André Wunstorf, Stadtfotograf in Berlin, mit seinem Beitrag über die gegenwärtige Stadtfotografie und ihre Beeinflussung durch KI‑Modelle. Wunstorf zeigte anhand seines eigenen fotografischen Wirkens, wie KI-Werkzeuge bei der Bearbeitung von Bildern helfen können, aber auch, dass die Arbeit des Fotografen/der Fotografin letztlich nicht zu ersetzen sei. Er/sie sei es, der/die die Komposition der Bilder plane und die Motive auswähle. Auch gab Wunstorf zu bedenken, dass die Beschränkung auf generative KI einen Verzicht auf eine fotografische Kategorie bedeute, die er als „Beifang“ bezeichnete. Darunter versteht er Fotografien, die für den jeweiligen Auftrag/Zweck unwichtig seien, ihren Wert und ihre Wirkung aber möglicherweise zu einem späteren Zeitpunkt entfalteten. Folgerichtig sei es wichtig, Metadaten und Kontextinformationen der Fotografien akribisch festzuhalten und selbstverständlich auch KI-Bearbeitungen zu dokumentieren.  

In 18 Referatbeiträgen wurden praktische, ethische, rechtliche und gesellschaftskritische Fragen zu Formen, Ergebnissen und Folgen von KI-generierter visueller Kultur erörtert. (Foto: Dörthe Gruttmann)

Die Tagung sollte erklärtermaßen auch dazu dienen, Chancen und Möglichkeiten der praktischen Nutzung von KI für die Erschließung von Bildbeständen vorzustellen. Diesem Thema war der Beitrag von Frederic Kausch aus Bonn gewidmet, der über ein Projekt des Bonner LVR-Instituts für Landeskunde und Regionalgeschichte berichtete, bei dem es um die Erfassung von Bildinhalten mittels ‚künstlicher Intelligenz‘ geht. In einer Studie hat er historische Fotografien aus dem Bestand Wolfgang Schiffer sowohl von KI-Tools als auch von Experten beschreiben lassen. Im Vergleich sei deutlich geworden, dass eine Kombination von KI und Expertenwissen sinnvoll sei, um einerseits eine große Menge an Fotografien zu erfassen und andererseits zugleich auch das detaillierte Kontextwissen zu nutzen, über das Experten verfügen, das aber (noch) nicht zur Datengrundlage der KI gehöre.

Auch Volker Janke, Leiter des mecklenburgischen Freilichtmuseums Schwerin-Mueß, ging es um die praktische Nutzbarmachung von ‚künstlicher Intelligenz‘. Er nutzt KI für ein Retrivelsystem, das eine Recherche in der umfangreichen, nicht verschlagworteten Bilddatenbank des Museums ermöglicht. Angesichts der historischen Bedeutung des analogen Quellenmaterials sei es sinnvoll und wichtig, dieses so gut wie möglich zu erschließen und damit für die Forschung und Vermittlung nutzbar zu machen.  

Im dritten Panel der Tagung ging es erklärtermaßen um Fotografien als Artefakt innewohnende Grenzen und Möglichkeiten. Martin Frech aus Tübingen eröffnete es mit einem Beitrag über die Bedeutung von Farbe in analoger und digitaler Fotografie. Dabei ging er unter anderem der Frage nach, ob sich auf formal-technischer Ebene der Wahrheitsgehalt von auf unterschiedliche Weise erzeugten Fotografien bestimmen lässt. Aus einer fotografiehistorischen Warte näherte sich dann Jörg Müller, Doktorand der Medienwissenschaften an der Universität Tübingen, dem Thema KI-Bilder an. Gegen kulturpessimistische Stimmen wies er zunächst einmal darauf hin, dass der Anteil an KI-generierten Bildern am weltweiten Bilderaufkommen immer noch verschwindend gering ist. Vor dem Hintergrund der technischen Entwicklung der Fotografie seit ihrer Erfindung in den 1830er Jahren argumentierte er, dass es sich bei der Etablierung der KI-Bilder um einen Prozess der Remedialität handele, indem die KI zunächst mit dem Vokabular und den entsprechenden Sehgewohnheiten eines anderen, ähnlichen Mediums, beschrieben werde. Dies berge die Gefahr, dass die der neuen Technik innewohnenden politischen und gesellschaftlichen Implikationen nicht gesehen und untersucht würden.

Viele der Referent:innen rangen darum, eine treffende Bezeichnung für die von einer KI generierten visuellen Ergebnisse zu finden. Luzie Ronkholz schlug in ihrem Beitrag die Bezeichnung „Promptografie“ vor, um die Bilder sprachlich als Ergebnis menschlicher Arbeitsanweisungen zu charakterisieren. Darüber hinaus warb sie dafür, koloniale Narrative und Stereotype zu hinterfragen, die durch die KI-Erzeugnisse aufgrund des Bias der Trainingsdaten verstärkt werden. Mit der Frage nach Machtstrukturen und Deutungshoheiten knüpfte sie an ein Feld an, dass zuvor bereits in den Diskussionen angeklungen war und das auf die Frage hinausläuft, wie dem durch ‚künstliche Intelligenz‘ perpetuierten Rassismus, Antifeminismus und Postkolonialismus begegnet werden kann.

Die Nutzung von KI zur Generierung von Bildern, die menschliche Porträts imitieren, stand im Zentrum des Vortrags von Serafina Andrew aus Zürich. Sie beschrieb, wie mit KI-Werkzeugen fotorealistische Bilder Schwarzer Menschen erstellt werden und stellte darauf aufbauend die Frage, wie ein KI-Modell ethnische Zugehörigkeit evoziert. Anhand einiger Beispiele von der Internet-Plattform Instagram zeigte sie die Rekombination einiger weniger Stereotype auf, die zu ethnischen Zuschreibungen führen, diese marktgerecht aufbereiten und leicht konsumierbar machen.

Im vierten und letzten Panel, das mit „Zwischen Kreativität und Hype“ überschrieben war, berichtete Florian Grundmüller von dem Projekt „ELON Magazine“, für das er als Teil des Gigacities collective mitverantwortlich zeichnet. In einer ersten Ausgabe des Magazins verbanden sich anthropologische, aktivistische und satirische Darstellungen zu einer Kritik an dem Tech-Unternehmer und Multimilliardär Elon Musk. Dabei setzt das Gigacities collective auf KI‑generierte Bilder, um einen alltäglichen Elon Musk zu imaginieren.  Angesichts medienrechtlicher Implikationen stellte sich das Kollektiv die Frage, ob es nicht sinnvoll sei, für die nächste Ausgabe des Magazins auf KI-generierte Bilder zu verzichten. Grundsätzlich mag natürlich auch die Frage gestattet sein, ob jegliche zusätzliche Aufmerksamkeit für einen politisch höchst fragwürdigen Tech-Unternehmer nicht fehl am Platze ist. Ebenfalls im Bereich der Online-Medien angesiedelt war der Beitrag von Maximilian Jun Zhang, der zum Thema der Darstellung von homoerotischer/-sexueller männlicher Intimität in Fangruppen im Internet referierte. Anhand der Dynamiken in den Internet-Fankulturen konnte Zhang aufzeigen, wie KI von den Fans als Mittel zum Ausdruck und zur Erfüllung eigener Sehnsüchte und Vorstellungen genutzt wird.

Mit einer eher kulturpessimistischen Sicht auf ‚künstliche Intelligenz‘ als Gefahr für menschliche Kreativität beschloss Laura Mitlewski die Tagung.

Dieser wie auch andere Vorträge zeigten auf, wie wichtig es ist, machtpolitische Implikationen und Voraussetzungen (Zugriff auf Ressourcen), ökologische Folgen sowie historische und gesellschaftliche Veränderungsprozesse bei der Thematik nicht aus dem Blick zu verlieren. Angesichts der Tatsache, dass die Kulturanthropologie noch am Anfang der Auseinandersetzung mit dem Thema KI und visuelle Medien steht, war es eminent wichtig, einen interdisziplinären Rahmen für den Austausch anzubieten. Für die Zukunft gilt es, begriffliche Klarheit zu schaffen und trotz der rasanten technischen Entwicklung einen kritischen Blick auf gesellschaftspolitische Zusammenhänge zu behalten.

Was nicht angesprochen wurde, war unter anderem das wichtige Thema der Ausbeutung von prekär Beschäftigten, die mit ihrer Arbeit eine Datengrundlage für die ‚künstliche Intelligenz‘ schaffen. Diese Thematik bleibt hoffentlich noch folgenden Anschlussveranstaltungen vorbehalten.

Ein Tagungsband mit allen Vorträgen der Tagung wird im kommenden Jahr in der Reihe „Visuelle Kultur. Studien und Materialien“ (Waxmann-Verlag) erscheinen.