Sebastian Schröder
Der Kreis Lübbecke wird nicht unbedingt als Hochburg revolutionären Treibens der Jahre 1848 und 1849 angesehen – dieses Bild haben bereits einige Zeitgenossen gezeichnet, allen voran der damalige Landrat Adolf von der Horst (1806–1880), ein begüterter Adeliger aus der Region, der ab 1838 beziehungsweise 1839 das Landratsamt des Kreises Lübbecke versah. Bei genauerem Hinsehen gibt es indes Zweifel an dieser Sichtweise. War der Kreis Lübbecke wirklich kein „Terrain für die Demokraten“, wie der Landrat im Dezember 1851 dem Mindener Regierungspräsidenten mitteilte? Weshalb beschäftigten die Ereignisse der Jahre 1848 und 1849 die lokalen Verwaltungsbehörden dann so nachhaltig? Schließlich ist auffällig, dass noch in den 1850er-Jahren Adolf von der Horst genau Protokoll über verdächtige politische Umtriebe und Tendenzen schreiben ließ. Alle Amtmänner seines Kreises, Verwaltungsangestellte, Mediziner, Geistliche, Gutsbesitzer und Adlige gerieten in den Blick. Seine detaillierten Beurteilungslisten bezeugen das deutlich spürbare Misstrauen der preußischen Monarchie gegenüber den eigenen Staatsdienern. Regelmäßig ließ er die Amtmänner Bericht erstatten über etwaige Aufrührer und „Führer der demokratischen Partei“.
Rückblickend urteilte der Landrat über die Revolution im Kreis Lübbecke, „daß wenngleich in einigen Gemeinden der Ämter Dielingen und Wehdem und Levern sich 1848/49 einiges regte, doch allmählich auch hier den Einwohnern die Augen aufgegangen, daher nur noch wenige Träger demokratischer Gesinnungen sind, auch diese sich ganz ruhig verhalten u[nd] Anzeichen der Verbindung mit den Heerden der Umwälzung nicht bemerkbar wurden.“ Das beste Mittel gegen die Demokratie und die „verdorbenen […] Subjekte“ sei deren unverzügliche Verhaftung. Mit dieser unverkennbar antidemokratischen, konservativen Haltung stand von der Horst im Kreis Lübbecke nicht allein da. Der Preußisch Oldendorfer Amtmann Christian Friedrich Leopold Holle pflichtete ihm in der Erinnerung an die „unheilvollen März-Tage 1848“ bei: „Möchten wir insbesondere solche Schreckenstage wie im Jahre 1848 nicht wieder erleben!“ Vordergründig belegen diese Aussagen den Eindruck, ein adliger und reaktionärer Landrat führe im Lübbecker Land ein streng konservatives Regiment.
Trotzdem: Ganz frei von „Linken“ und „Revolutionären“ schien der Kreis Lübbecke doch nicht zu sein. Eigenhändig machte sich Landrat von der Horst entsprechende Notizen. Zufrieden bemerkte der hohe Verwaltungsbeamte, dass ein Großteil der Pastoren „streng conservativ“ sei; unter dem „einflußreichen“ Pfarrer Karl Kunsemüller, ein Vorreiter der sogenannten Minden-Ravensberger Erweckungsbewegung, sei im Kirchspiel Wehdem nunmehr ein „ganz anderer Geist rege geworden“, obschon man dort 1848 „ein paar recht gefährliche Wühler“ beobachtet hätte. Lediglich der Hüllhorster Geistliche Theodor Gieseler, in Opposition zu Kunsemüller der rationalen Theologie zuzuordnen, neige zum „Radikalismus, hält sich aber still“. Auch die meisten Lehrer seines Kreises seien „streng conservativ“, wobei von der Horst den Frotheimer Schulmeister Johann Heinrich Detering kritisch beäugte: „Stand 1848/49 mit den rothen Wählern in Minden in intimer Verbindung und suchte in deren Interesse hier zu wirken, jetzt still.“ Und über den Lehrer Knost in Preußisch Ströhen protokollierte der Landrat: „Ein ganz unzuverlässiger bösartiger Intriguant u[nd] Denunciant, zur rothen Farbe neigend.“ Von der Horst, selbst Spross einer alteingesessenen Adelsfamilie, schreckte überdies nicht davor zurück, die Haltung der Adligen mit spitzer Feder zu kommentieren. Ferdinand von Oheimb, später auch Landrat des Kreises Lübbecke, stand bei von der Horst etwa hoch im Kurs: „durchaus conservativ, ächter Preuße“. Dagegen bemerkte er zum ehemaligen Landrat Georg von dem Bussche zu Benkhausen: „politisch ganz unzurechnungsfähig, glaubt zur Zeit zur Bethmann-Hollwegschen Partey zu gehören, sonst sehr achtungswerther Mann.“ Noch drastischer fiel das Urteil über den Besitzer des Rittersitzes Hüffe, Friedrich Ludwig Conrad von Vely-Junkhenn, aus. Es handele sich um einen „intriguanten Oppositionsmann, der von seinen Standesgenossen gemieden wird, nicht blos wegen seines politischen Verhaltens.“ Ebenfalls „in sehr geringer Achtung“ stand der Eigentümer des Gutes Renkhausen, der Bürgerliche Stille. Er sei „conservativ für den Geldbeutel, mit liberaler Färbung, nur darauf bedacht, Geld zu machen“.
Im April 1854 bilanzierte von der Horst in einer Stellungnahme an die Mindener Regierung die Gesamtlage im Lübbecker Land: „Meiner Ansicht nach werden die Revolutionäre auch hier nicht leicht ein Feld ihrer Thätigkeit suchen, weil sie wohl wissen, daß sie ein ihnen undankbares Terrain finden würden. Der Bauer will Frieden und ist allem politischen Treiben abhold, er wünscht daher auch nichts mehr als Entfernung alles constitutionellen Wesens, das nur Geld koste und Unruhe mache, die kleinen Bürger denken ebenso, wogegen ein großer Theil der sogenannten gebildeten Mittelklasse für den modernen Repräsentativ-Staat schwärmt, hier aber, in den kleinen unbedeutenden Städtchen gar nicht in die Wagschale fällt. Das ländliche Proletariat, der s[o]g[enannte] Heuerlingsstand, ist nur besorgt um sein tägliches Brodt, soweit er dies nicht hat, möchte er nehmen, wo Überfluß ist und sieht mit Neid auf das Wohlleben anderer, trotzdem dürfte es schwerlich gelingen, ihn zum Handeln aufzustacheln, wenn es nicht etwa im Großen zum vollständigen Umsturz kommt.“ Also alles in bester preußischer Ordnung im Kreis Lübbecke?
Der Kreis Lübbecke im Regierungsbezirk Minden war in weiten Teilen landwirtschaftlich geprägt. Besonders im Norden dominierten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts Ackerbau und Viehzucht, während sich im dichter besiedelten Süden auch andere Erwerbszweige aufgetan hatten. Besonderes Gewicht besaß die Verarbeitung von Flachs zu Garn und Leinen. Aufgrund der guten wirtschaftlichen Lage stieg die Bevölkerungszahl schnell an. Spätestens in den 1840er-Jahren wandelte sich aber die Situation. Die Krise der heimgewerblichen Leinenherstellung und gleichzeitig auftretende Missernten führten zu teils drückender Not, die vor allem die ärmeren Heuerlinge traf. Im Januar 1847 wurde die „Noth“ „von Tage zu Tage steigend sichtbar“ und es entstand bei den Verwaltungsbeamten die „große Besorgniß“, dass sich das Sprichwort „Noth bricht Eisen“ bewahrheite, wenn keine Gegenmaßnahmen ergriffen würden.
In dieser Situation reiste Landrat von der Horst Ende Januar beziehungsweise Anfang Februar 1847 nach Berlin. Dort hoffte er, vor Ort persönlich mit den Ministern Ernst von Bodelschwingh dem Älteren und Franz von Duesberg oder sogar König Friedrich Wilhelm IV. über „Gnadengeschenke“ oder zinslose Darlehn verhandeln zu können. Ein Bittbrief aus der Feder des Landrats veranschaulicht sehr eindrücklich seine Sichtweise auf die damalige Situation im Kreis Lübbecke. Das Kreisgebiet umfasse insgesamt eine Fläche von 220.000 Morgen (also ungefähr 55.000 Hektar), von denen die Bevölkerung 72.000 Morgen als Ackerland bestelle. Allerdings müsse bedacht werden, dass circa ein Drittel dieser Fläche zum Anbau von Futtermitteln oder Flachs genutzt werde. Außerdem war die Eigenbehörigkeit noch nicht gänzlich aufgehoben; die Einwohnerschaft habe deshalb teils die Pflicht, Gespanne zu stellen – der Unterhalt der Fuhrwerke fordere weitere Kosten. 50.000 Menschen würden im Kreis leben. Von der Horst errechnete, dass angesichts der angesprochenen Verpflichtungen nicht einmal ein Morgen pro Kopf zur Sicherstellung der Ernährung vorhanden sei. Hinzu komme, dass ein Sechstel der Fläche „neugebrochener Heideboden“ sei, „der gar wenig erträgt, so bleibt wirklich kaum ¾ Morgen pro Kopf ertragbaren Bodens zur Erzielung der Nahrungsmittel“. Zusätzlich werde die Notlage dadurch gesteigert, dass knapp die Hälfte der Bevölkerung völlig besitzlos sei, nämlich 24.000 Menschen. Viele von ihnen gehörten zur Gruppe der Erbpächter, die einzig einen Hausplatz ihr Eigen nannten. Solange das Spinnen und Weben als deren Haupterwerbsquelle ein finanzielles Auskommen bot, hätte es keine Probleme gegeben, berichtete von der Horst. Doch 1846 habe man „ein gänzliches Mißrathen des Roggens, der Kartoffeln u[nd] des Flachses“ beobachten müssen. Infolgedessen würden aktuell 30.000 Bewohnerinnen und Bewohner des Lübbecker Landes „schreien nach Brodt oder Arbeit.“ Der Lübbecker Landrat skizzierte eine düstere Perspektive. Kreis, Ämter und Gemeinden seien außerstande, Unterstützung zu gewähren. „Wenn daher keine Hülfe aus Staatsfonds bald bewilligt wird, ist es unausbleiblich, daß Hungersnoth, ähnlich der irischen, eintritt.“ Mit den hoffentlich zügig gewährten finanziellen Mitteln wolle man den Ankauf von Saatkartoffeln fördern sowie den Anbau von Flachs unterstützen, so von der Horst. Zu einer persönlichen Audienz kam es offenbar trotz dieses Brandbriefs nicht. Schriftlich teilte Minister von Bodelschwingh dem Lübbecker Landrat mit, dass das Finanzministerium über das westfälische Oberpräsidium in Münster Gelder an die betroffenen Kommunen bereitstellen wolle.
Angesichts dieser Schilderung ist leicht zu ersehen, dass im Vorfeld von 1848/49 im Kreis Lübbecke durchaus Potenzial zu Aufruhr und Revolte bestand – und in der Tat sollte es im März 1848 vereinzelt zu teils gewaltsamen Protesten kommen. Insgesamt allerdings hielten sich revolutionäre Unruhen in der Region in Grenzen. Und dennoch ist die Aussage des Landrats, das Lübbecker Land sei ein „undankbares Terrain“ für die Revolution, durchaus differenziert zu betrachten. Auch im Kreis Lübbecke hinterließ die Revolution Spuren, auch hier gab es kleinere Aufstände, Proteste und demokratisch Gesonnene. Dass heutzutage diese Episode der lokalen Geschichte kaum mehr bekannt ist, hängt unter anderem damit zusammen, dass Landrat von der Horst noch Jahre später energisch gegen jede Form des Aufruhrs vorging und jegliche revolutionäre oder demokratische Umtriebe in seinem Zuständigkeitsbereich weit von sich wies. Einer der Hauptakteure des lokalen Revolutionsgeschehens zeichnete dadurch zum Teil selbst ein Geschichtsbild, das über Jahrzehnte in der regionalen Erinnerungskultur verankert blieb.
Quellen: Kommunalarchiv Minden, KLü LR, Nr. 139: Bemühungen des Landrates von der Horst und der Amtsverwaltungen des Kreises Lübbecke um finanzielle Unterstützung der Kreisbewohner durch den Staat Preußen wegen großer verteuerung der Lebensmittel, 1846–1847; Kommunalarchiv Minden, KLü LR, Nr. 240: Höheres Polizeiwesen, 1841–1855.