Strohfiguren zu ländlichen Festen

11.09.2026 Niklas Regenbrecht

Hochzeit in Austum bei Emsdetten.

Andreas Eiynck

In den Sommermonaten sieht man sie vielerorts am Straßenrand stehen: die überlebensgroßen Figuren aus Strohballen. An markanten Stellen wie Straßenkreuzungen oder Hofzufahrten laden sie zu Schützenfesten und Landjugendpartys ein oder weisen auf Hochzeiten und andere Ereignisse im Ort hin. Und immer wieder wundert man sich über den Aufwand, der mit dem Aufstellen, Dekorieren und Ausstaffieren der Figuren getrieben wird.  Darüber berichtet aktuell auch Munia Nienhaus im „Wochenblatt für Landwirtschaft und Landleben“ am Beispiel eines Schützenfestes in Balve-Garbeck im Märkischen Sauerland.

Voraussetzung für die „Erfindung“ der Figuren aus Strohballen war die Einführung von Ballenpressen für die Strohverarbeitung in der Landwirtschaft, die den Transport und die Lagerung von Stroh erleichterten. In der 1960er- und 1970er-Jahren kamen zuerst die rechteckigen, sogenannten „Hochdruckballen“ in Gebrauch. Sie hatten bei Ausmaßen von ca. 40x50x100 cm ein Gewicht von 10 bis 30 Kilogramm und waren noch von Hand stapelbar. Mit ihnen konnte man schon temporäre Sockel oder Wände im Freien aufbauen, um daran Werbung für Veranstaltungen oder Hinweise auf Ereignisse anzubringen. Die Schriftbänder schmückte man gerne mit Maisstängeln, Sonnenblumen oder Birkengrün.

Als Weiterentwicklung kamen Ende der 1970er-Jahre die Großballen mit größeren Ausmaßen (B = 80-120, H = 50-130, L = 50-320 cm) in Gebrauch, die wegen des höheren Gewichtes nur mit Geräten transportiert werden können. Mitte der 1970er-Jahre kam dann die erste Rundballenpresse zum Einsatz. Die großen runden Ballen haben einen Durchmesser von 90 bis 180 cm, sind über einen Meter breit und über 200 Kilogramm schwer.

Wegen der Ähnlichkeit der Rundballen mit einem menschlichen Kopf kamen findige Landleute rasch auf die Idee, aus Rund- und Großballen Figuren zu gestalten, etwa Brautpaare oder Schützenbrüder mit ihren Damen. Mit den Großfiguren machten sie öffentlich auf Ereignisse wie Hochzeiten oder Schützenfeste aufmerksam. Auch für Scheunenfeste und Landjugendpartys, Ortsjubiläen und Vereinsfeste werben die großen Strohfiguren, die bevorzugt an gut sichtbaren Stellen aufgestellt werden.

Ortsjubiläum in Welbergen.
Scheunenfest in Nordhorn.
Schützenfest in Hauenhorst.

Wo die ersten dieser Figuren aufgestellt wurden, ist unbekannt. Fest steht jedoch, dass sie im In- und Ausland bald Nachahmer fanden. Der Fantasie der Ausgestaltung mit Folien, Textilien und passenden Accessoires sind dabei keine Grenzen gesetzt. Die menschlichen Figuren werden manchmal durch Tiergestalten wie Schafe oder Kühe ergänzt. Bei dem großen Aufwand, der bei der Gestaltung dieser Figuren getrieben wird, gilt es manchmal wohl auch, den Nachbarort oder den Nachbarverein zu übertreffen.

Weil man zur Aufstellung der Figuren außer Fantasie auch Großballen, Maschinen und Platz benötigt, sind die Großballen-Figuren eine typische Erscheinung im ländlichen Raum, die in der Stadt so nicht nachahmbar ist. Damit dient sie auch der Identitätsstiftung der ländlichen Bevölkerung, insbesondere der Schützenvereine, der Cliquen und Nachbarschaften.

Im traditionellen Hochzeitsbrauch und bei den Schützenfesten in Nordwestdeutschland spielten Strohfiguren übrigens keine Rolle.

Hochzeit in Messingen.
Schützenjubiläum in Catenhorn.
Schützenjubiläum in Lingen-Laxten.
Schützenjubiläum in Lünten.
Schützenjubiläum in Ochtrup Alt- und Bollhorst.

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Schlagworte: Andreas Eiynck · Brauch