„Die Geschichte gehört uns allen“. Dekolonialwarenladen: Schublade auf und Zuhören

19.06.2026 Dörthe Gruttmann

Der Dekolonialwarenladen in Gelsenkirchen-Ückendorf wirkt wie ein kleines Ladenlokal (alle Fotos im Beitrag: Dörthe Gruttmann).
Im Hörsalon von Stefan Demming muss man die Schubladen der Möbelstücke aufziehen, um einen Audiobeitrag zu hören.

Dörthe Gruttmann

Noch bis zum 19. Juli 2026 ist in der Bochumer Straße 96 in Gelsenkirchen die Installation von Stefan Demming zum Thema „Wie dekolonisiere ich?“ zu sehen. Rund 30 Audiobeiträge von Menschen, die aus der ein oder anderen Warte etwas zum Thema (Post)Kolonialismus zu sagen haben, werden im Hörsalon, wie der Künstler Stefan Demming seine Installation bezeichnet, zu Gehör gebracht. Im „Dekolonialwarenladen“ kann man nichts kaufen, sondern nur zuhören. Die Waren sind Botschaften, die zwar in Schubladen untergebracht sind, inhaltlich aber wegführen wollen vom Schubladendenken. Wenn man eine Schublade aufzieht, fängt der/die Interviewte an zu erzählen. Dabei dient die Schublade gleichzeitig als Lautstärkeregler: je nachdem, wie weit man sie aufzieht, sind die Stimmen leise oder laut zu hören. Neben den Audiobeiträgen gibt es ein Soundscape des Musikers KMRU (Joseph Kamaru), den die Besucher:innen durch Drehen an unterschiedlichen Reglern teils selbst beeinflussen können.

Die Rapperin Maali verarbeitet Rassismuserfahrungen in ihren Texten.

In einer der Schubladen ist zum Beispiel Maali zu hören, eine Rapperin mit bosnisch-kenianischen Wurzeln. Ihr sind Texte als persönliches Ventil wichtig, um eigene Erfahrungen wie Rassismus, den sie seit ihrer Kindheit in unterschiedlichen Situationen immer wieder erlebt, zu verarbeiten und zu teilen. Ein weiterer Audiobeitrag stammt von Israel Kaunatijike, gebürtig aus Namibia, Herero-Nachfahre und -Aktivist, der sich intensiv mit dem Völkermord im damaligen Deutsch-Südwestafrika auseinandersetzt. Er sucht nach Spuren: „Es muss weitererzählt werden. Wir haben alles noch nicht dekolonisiert. Die Spuren von Kolonialismus sind immer noch vorhanden in Deutschland.“ Damit meint er Straßennamen und Denkmäler, die aus kolonialen Zeiten stammen, gestohlene Kulturgüter aus den ehemals kolonisierten Gebieten sowie auch menschliche Überreste – Human Remains – in Museen und Sammlungen.

Zu Wort kommen aber auch Wissenschaftler:innen wie Barbara Rommé, Direktorin des Stadtmuseums Münster, die die Ausstellung „Aus Westfalen in die Südsee. Katholische Mission in den deutschen Kolonien“ 2018/2019 mitkuratiert hat oder Andreas Eckl, Historiker und Namibianist am Institut für Diaspora- und Genozidforschung der Ruhr Universität Bochum, der der Überzeugung ist, dass Kolonialismus überhaupt erst durch das Vorhandensein von Rassismus möglich ist.

Wichtige Fragen, die sich die Interviewten im Hörsalon stellen, beziehen sich darauf, wodurch sich koloniale Kontinuitäten auszeichnen, wie man sie überwinden und damit umgehen kann. Dabei wird schnell deutlich: Es gibt kein Patentrezept, aber es gibt viele Menschen, die sich auf ganz unterschiedliche Weise mit der kolonialen Vergangenheit Deutschlands auseinandersetzen.

Anlass für das Projekt war Demmings Tante Hildegard Overkamp, die als Schwester Bernardis von 1968 bis 1993 in Papua-Neuguinea im Auftrag des Ordens der Missionsschwestern vom Heiligsten Herzen Jesu in Münster-Hiltrup einheimische Frauen in Hauswirtschaftslehre unterrichtete. Nach 25 Jahren beendete sie ihre Missionstätigkeit und ging mit einer Freundin in die USA. Sie hat sich später von der Mission distanziert: „Und darum wollte ich kein Hindernis sein, dass sie ihre eigene Kultur nicht ausleben können. Als Europäer willst Du Deinen Kopf durchsetzen. Und dann sollten sie das tun, was Du willst – Aber im Grunde ist das falsch. Du musst sie so lassen wie sie sind!“ (Zitat Sr. Bernardis aus: Stefan Demming: Die kleinste Show der Welt 2. Ein Wanderzirkus. S. 14)

Dieses Fotoalbum, vermutlich von einer Missionsschwester, fand Stefan Demming auf einem Flohmarkt.
Aus dieser Schublade darf man sich auch etwas mitnehmen.

Die Installation wurde ursprünglich für das Festival Flurstücke 2024 in Münster realisiert. In Gelsenkirchen ist sie nun in einem Quartier ganz im Süden der Stadt zu finden, welches seit einigen Jahren als Großprojekt einen umfangreichen Sanierungs- und Revitalisierungsprozess durchläuft. Im Zuge der Industrialisierung um die Jahrhundertwende war die Bochumer Straße eine Prachtstraße, die vom Ückendorfer Platz (in unmittelbarer Nähe zu Wattenscheid) Richtung Hauptbahnhof Gelsenkirchen verläuft. Hier waren Direktorenvillen der lokalen Großunternehmen gebaut worden, viele Mietshäuser mit Geschäften und Restaurationen im Erdgeschoss – stark geprägt durch die Gründerzeitarchitektur und in Teilen durch den Backsteinexpressionismus (z. B. Heilig Kreuz Kirche). Am Ende der Straße, wo heute der Wissenschaftspark mit dem Institut für Stadtgeschichte ansässig ist, stand vormals die Produktionsstätte der Gussstahl und Eisenwerke AG, die 1984 geschlossen wurde. Viele Jahre lang war die Bochumer Straße von Verfall, fehlenden Sanierungsmaßnahmen und Investitionen betroffen. Seit einigen Jahren betreibt die Stadt Gelsenkirchen hier ein Modellprojekt zur Quartierserneuerung, in welchem nun neben Wohnprojekten, Gastronomie und Kulturangebote im Vordergrund stehen.

Die Dekolonialwarenladen im Sanierungsgebiet Bochumer Straße in Gelsenkirchen-Ückendorf.

In dem Haus Nr. 96 an der Bochumer Straße, in dem die Installation zu finden ist, war im Erdgeschoss zuvor ein Kiosk angesiedelt. Heute ist der ehemalige kleine Laden ein Raum für temporäre Projekte, künstlerische Interventionen und unterschiedliche Formate. Im Haus ist zudem das Wohnprojekt „ninety6“ für junge Leute und Kreative untergebracht, die nicht nur im Haus zusammenleben, sondern dieses sowie auch das Quartier(sleben) aktiv mitgestalten. Der Hörsalon passt gut in dieses neue Szeneviertel, wo es viel um Reflektieren und Verändern geht, um Miteinander und Zuhören. Denn „[d]ie Geschichte gehört uns allen. […] Wir müssen gemeinsam überlegen, wie wir diese Geschichte aufarbeiten“ (Israel Kaunatijike).

Wer mehr über den besuchenswerten Hörsalon und über den Künstler Stefan Demming erfahren möchte, kann sich auf folgenden Webseiten informieren: https://dekolonialwarenladen.de sowie https://stefandemming.de.