Jahresschwerpunkt Arbeit(en): Dreschtrupp mit Lokomobile – und Fahrrad

23.06.2026 Niklas Regenbrecht

Timo Luks

Die fotografische Dokumentation arbeitender Menschen und unterschiedlicher Arbeitswelten seit dem frühen zwanzigsten Jahrhundert ist vielfältig. Sowohl für die Landwirtschaft als auch für die Industriearbeit existiert eine reichhaltige Überlieferung. Dabei lassen sich drei beziehungsweise, wenn man das Vorhandensein von Menschen nicht zum Kriterium macht, vier Bildtypen unterscheiden: erstens Fotografien einzelner Arbeiter*innen beim konkreten Arbeitsvollzug an einer Maschine oder im geübten Umgang mit „ihrem“ Arbeitsgerät, oft hochkonzentriert und in die Tätigkeit versunken; zweitens Fotografien der gesamten Belegschaft einer Fabrik oder einer Hofgemeinschaft in repräsentativer Aufstellung und gern im „Sonntagsstaat“; drittens Werkstattfotografien, die größere Arbeitsgruppen bzw. Arbeitseinheiten einfingen, oft mit Werkzeugen, aber nicht immer direkt bei der Arbeit; viertens als besonderer Typus die reine Maschinen- oder Arbeitsgerätefotografie, in der sich bestenfalls menschliche (Gebrauchs-)Spuren finden.

Das Foto eines Dreschtrupps, das sich im Archiv für Alltagskultur findet und vermutlich um 1910 aufgenommen wurde, gehört zum dritten Typus. Zu sehen ist eine überschaubare Gruppe von Menschen mit Arbeitsgeräten. Die Inszenierung rückt die verbindende Arbeitsaufgabe ins Zentrum und betont zugleich, dass bestimmte Tätigkeiten nur gemeinsam gemeistert werden können. In der Industriefotografie finden sich für diesen Typus ebenfalls zahlreiche Beispiele, die dann etwa die Schlosserei in einem Großbetrieb einfingen.

Dreschtrupp mit Lokomobile, Westfalen, ca. 1910. Archiv für Alltagskultur, Nr. 1988.02411.

Das Bild zeigt keine Hofgemeinschaft, sondern einen „Lohndreschtrupp“. Mit Blick auf die abgebildeten Personen ist nicht zu entscheiden, wer zum Dreschtrupp gehörte und wer Teil der Hofgemeinschaft war. Das Bild zeigt zwölf Menschen: zwei Frauen und zehn Männer, davon einige offenkundig eher Heranwachsende. Zudem sind ein Hund und natürlich die mächtige Lokomobile zu sehen, also die mobile Dampfmaschine, die in der Landwirtschaft seit der Wende zum 20. Jahrhundert zunehmend Verbreitung als Antriebseinheit für Dreschmaschinen gefunden hatte. Das veränderte die Arbeit wesentlich. Einerseits bedeutete es eine nicht zu übersehende Mechanisierung landwirtschaftlicher Tätigkeiten sowie eine damit verbundene Erleichterung, Vereinfachung und Beschleunigung der Arbeit. Andererseits unterstreichen die Ankunft und der Einsatz einer Lokomobile, in welchem Ausmaß Landwirtschaft ein Zusammenspiel kontinuierlicher, an den Hof und die Hofgemeinschaft gebundener Arbeit auf der einen und mobiler Arbeitsformen auf der anderen Seite ist.

Das Bild zeigt also eine Arbeitsgruppe. Die Gruppe ist entlang der konkreten Tätigkeiten und Aufgaben differenziert. Es machen nicht alle das gleiche, und die Bildkomposition drückt das unmissverständlich aus. Eine wichtige Rolle bei dieser Differenzierung spielen die Arbeitsgeräte und die Position im Verhältnis zur großen, mobilen Dampfmaschine.

Etwas abseits von der Lokomobile stehen die beiden Frauen – mit Rechen und Heugabel. Bei ihnen steht ein sehr junger Mann. Dieses Dreierteam ist für manuelle Arbeit rund um den (teil-)mechanisierten Drescheinsatz eingeplant, aber nicht für die Bedienung der Maschine. Mit Ausnahme von zwei Personen (ich werde darauf zurückkommen) sind alle anderen – alles Männer – als „Maschinenarbeiter“ erkennbar. Im Vordergrund, direkt am Dampfkessel, sehen wir auf der einen Seite einen Mann mit (Kohle-)Schaufel. Auf der anderen Seite legt jemand die Hand auf einen Hebel. Neben ihm steht ein junger Heranwachsender. Zusammen mit dem Dampfkessel muten die drei ein wenig wie Eisenbahner an, die zusammen eine Dampflok in Fahrt halten. Bleiben vier Männer, die nicht mit der Lokomobile verbunden sind, sondern im Hintergrund mit der Dreschmaschine, die von der Lokomobile angetrieben wird. Stolz posieren sie nicht neben, sondern auf der Maschine. Einerseits hat das etwas von der Pose des Bergsteigers oder Eroberers. Zumindest soll es wohl andeuten, wer die Maschine im Griff hat. Andererseits wirken die vier Männer angesichts des metallenen Ungeheuers klein. Das ist typisch auch für Industriefotografien, die oft und gern das Gigantische und Riesenhafte der Maschinen und das Zwergenhafte der sie bedienenden und dann eben doch auch beherrschenden Menschen inszenierten.

Gerahmt wird der Dreschtrupp samt Lokomobile von zwei Menschen, bei denen nicht ganz klar ist, wie sie zum Ganzen in Beziehung standen: Auf der einen Seite steht ein älterer Mann, eine Hand in der Jackentasche, Autorität ausstrahlend. Vielleicht handelt es sich um den Bauern, in jedem Fall aber wohl um denjenigen, der die Verantwortung hat und die Ansagen macht. Auf der anderen Seite sitzt ein Jugendlicher auf einem Fahrrad. Das wirkt lässig, weil er eben nicht neben dem Rad steht, sondern gekonnt im Sattel sitzt und das Gleichgewicht mit dem Fuß auf einen Holzkarren gestützt hält. Es ist offensichtlich, dass der Junge nicht zum Dreschtrupp gehört und wohl auch keine konkrete Aufgabe hatte. Vielleicht ist es ein Sohn des Bauern, zu klären ist das nicht. Jedenfalls scheint es so, als hätte er sich auf das Foto geschlichen. Die gleichzeitige Anwesenheit der Lokomobile und eines Fotografen, überdies die Möglichkeit, sich auf einem Fahrrad sitzend zu präsentieren: eine Gelegenheit, die er wohl nicht verpassen wollte.