Schlichte Eleganz oder reich beschnitzt? Eine aktuelle Ausstellung über die Möbel der „Anderen“

26.06.2026 Niklas Regenbrecht

Niklas Regenbrecht

Wie wohnten eigentlich die Anderen? Wohn- und Einrichtungsstile zweier sozialer Gruppen und den Umgang damit vergleichend gegenüberzustellen, ist die Idee hinter einer aktuellen Sonderausstellung im Bauernhausmuseum Bielefeld. Konkret zeigt die Ausstellung Möbel aus dem 19. Jahrhundert aus den Sammlungen der Stadt Bielefeld und des Stadtmuseums Lippstadt. Die ausgewählten Stücke repräsentieren zeitgleich genutzte, deutlich unterschiedliche Formen von Möbeln. Daneben geht es auch um die Wohnkultur und den späteren Umgang mit den Möbeln.

Bemalter Kleiderschrank, Ravensberger Land 1832, Foto: Regenbrecht/LWL.

In einer kurzen Zeitspanne von etwa 1800 bis 1835 wurden im Ravensberger Land spezifische, bunt bemalte und mit Schnitzereien versehene Möbelstücke hergestellt. Diese qualitativ hochwertigen Einrichtungsgegenstände waren meist aus massivem Eichenholz gefertigte Einzelstücke, die Schnitzereien wurden farbig ausgemalt. Es dominierten schwere Schränke, Anrichten mit integriertem Brotschrank, Himmelbetten und Truhen, die als haltbar, solide und repräsentativ galten. Optisch passten sie zu den reich verzierten Dielentoren, die den Stolz der bäuerlichen Hausbesitzer zum Ausdruck brachten.

Nähkästchen auf Säule, um 1820-1840 und Sofabank, um 1820-1860 aus der Sammlung des Stadtmuseums Lippstadt, Foto: Regenbrecht/LWL.

Die nicht weniger qualitätvollen Möbel aus Lippstadt unterscheiden sich davon deutlich in Form, Farbe und Herstellungsweise. Es handelt sich hier um städtisch-bürgerliche Biedermeiermöbel. Im Gegensatz zu den Ravensberger Bauernmöbeln zeichnen sie sich durch Schlichtheit, helles Holz und Intarsienarbeiten aus. Auch gibt es hier mehr und andere – neue – Möbelformen, wie Kommoden, Klappsekretäre, Schreibschränke oder Sofas. Die Einrichtungsgegenstände sollten eine schlichte Eleganz zum Ausdruck bringen. Sie haben ihre Vorbilder im Klassizismus, wirken filigran und leicht und besitzen glatte spiegelnde Oberflächen.

Schon um 1900 wurden die Ravensberger Betten, Truhen und Schränke zum Inbegriff für „westfälische Bauernmöbel“. Sie galten über ihren Nutzwert hinaus als Visualisierung von Werten wie Beständigkeit, Heimatverbundenheit und Traditionsbewusstsein. Bereits im späten 19. Jahrhundert entwickelte sich seitens der Museen eine Nachfrage nach genau diesen Möbeln, der der Antiquitätenhandel entsprach. Auch in der sich formierenden Heimatbewegung galten diese Art von Möbel als Ausdruck von Heimat- und Traditionsbewusstsein. Dementsprechend wurden zahlreiche Heimatstuben mit ihnen ausstaffiert. Fotografien, Postkarten und Bildbände trugen zur weiteren Musealisierung der Einrichtungsgegenstände bei.

Anders die städtisch-bürgerlichen Biedermeiermöbel: Sie wurden um 1900 nicht als Antiquitäten geschätzt und auch von Museen nicht gesammelt, weil die Bürger es waren, die ins Museum gingen und dort nicht ihre eigene Wohnkultur betrachten wollten – sondern das Wohnen der Anderen.

In der Ausstellung in Bielefeld werden aber nicht nur die unterschiedlichen Möbelformen, sondern auch die verschiedenen Nutzungen gezeigt. Eine Vielzahl an Aufbewahrungsmöbeln veranschaulicht, was man im städtischen und ländlichen Bereich als praktisch, nützlich oder repräsentativ betrachtete.

Die Unterschiede in der Nutzung verschiedener Möbel für ähnlichen Aufbewahrungszwecke wird am Beispiel von Truhe (Land) und Kommode (Stadt) deutlich.

Bemalte Koffertruhe, Ravensberger Land 1820, Foto: Regenbrecht/LWL.
Kommode mit Nussbaumfurnier, Lippstadt um 1800, Foto: Regenbrecht/LWL.

Die Unterschiede in der Gestaltung werden am Beispiel der Betten augenfällig.

Biedermeierbett (Schlittenbett), Lippstadt um 1810-1825, Foto: Regenbrecht/LWL.
Himmelbett mit geschnitztem Dekor von einem wohlhabenden Hof in Bielefeld-Hoberge-Uerentrup 1796, Foto: Regenbrecht/LWL.

Manche Möbel, wie etwa ein Tafelklavier aus Kirschbaumholz, existierten auch schlicht in der Welt der massiven Bauernmöbel nicht.

Tafelklavier, Lippstadt 1810-1850, Foto: Regenbrecht/LWL.

Die Ausstellung macht sichtbar, wie bestimmte Einrichtungsgegenstände zum Inbegriff einer zu pflegenden und zu bewahrenden nationalen Volkskultur geworden sind – und andere eben nicht. Das bürgerliche Interesse für das Wohnen der Anderen fand in einer Musealisierung der Bauernmöbel seinen Ausdruck. Wie andernorts in Europa auch zeigt sich, dass die kleinregionale Verbreitung der Möbel der Stilisierung zu einem nationalen Volksgut nicht im Wege stand, diese im Gegenteil noch beförderte. Die bunten, reich beschnitzten Ravensberger Möbel hielten dem Vergleich mit dem, was auf den Weltausstellungen aus Schweden oder den Niederlanden gezeigt wurde, durchaus stand. Anders als die Biedermeiermöbel waren sie in den Augen der Bürger urwüchsig, einfach und solide – eben so, wie man sich die Volkskultur dachte und wünschte.

Die gezeigten Möbel aus der Bielefelder und der Lippstädter Sammlung wurden teilweise noch nie oder lange nicht gezeigt. Die Ausstellung „Andere wohnen anders. Möbel aus dem 19. Jahrhundert“ ist noch bis zum 27. September 2026 im Bauernhausmuseum Bielefeld zu sehen. Ab dem 14. November 2026 wird sie im Stadtmuseum Lippstadt präsentiert.