Was bleibt: Nachlässe auf Umwegen

30.06.2026 Niklas Regenbrecht

Abgegebene Dokumente an das Archiv für Alltagskultur, Foto: Liv Malin Böllert.

Aleksandra Stojanoska

Viele alltägliche Schriftstücke kommen uns banal oder unwichtig vor und landen dann im Mülleimer. Was soll man auch mit dem Stapel alter Briefe, den Kalendern vom letzten oder vorletzten Jahr, Notizbüchern und Gruß- oder Geburtstagskarten? Wer schaut sich noch alte Haushaltsbücher oder Rechnungen von vor 30 Jahren an? Besonders Haushaltsauflösungen stellen eine Herausforderung dar, denn nach welchen Kriterien entscheidet man über die Hinterlassenschaften eines Menschen? Bei der schieren Menge an dem, was ein Mensch hinterlässt, kommt man nicht darum herum einiges wegzuwerfen. Dass in den unscheinbaren Dingen manchmal wahre Schätze für die kulturhistorische Forschung stecken, ahnen dabei die wenigsten.

Seit einiger Zeit rufen einige Stadtarchive dazu auf, den Mitarbeitenden schriftliche Hinterlassenschaften zur Sichtung zu übergeben. Auch das Archiv für Alltagskultur hat verschiedentlich gebeten, Poesie- und Fotoalben oder Haushaltbücher aus dem Nachlass abzugeben. Mit diesen Aufrufen in Zeitungen, auf Webseiten oder in diesem Blog wird darauf aufmerksam gemacht, dass bei Haushaltauflösungen viele kulturhistorisch wertvolle Dokumente verloren gehen. Die Archive wollen damit auch ein Bewusstsein für die Bedeutung von privaten Nachlässen für die lokale Erinnerungskultur schaffen.

Wieviel Mehrwert alltägliche, als unwichtig erachtete Schriftstücke für die Forschung aufweisen, zeigt ein aktuelles Beispiel: Ein eigenes Forschungsprojekt zu Martha Bringemeier (1900-1991) widmet sich ihrem Werdegang aus wissenschaftshistorischer Perspektive. Dafür sind jegliche schriftliche Dokumente aus ihrem Besitz von großem Interesse, ermöglichen sie doch eine Annäherung an ihre Weltanschauungen, Netzwerke, Ideen und Projekte. Der Großteil von Bringemeiers Nachlass wird im Archiv für Alltagskultur in Westfalen verwahrt und für die Forschung bereitgestellt. Erhalten ist jedoch vor allem das, was sie selbst als wichtig erachtete und aufgrund dessen frühzeitig in die Sammlung gab.

Abgegebene Dokumente an das Archiv für Alltagskultur, Foto: Liv Malin Böllert.

Was ist jedoch mit den Dokumenten, die sie als unwichtig erachtete? Über diese werden wir nur durch Zufall etwas in Erfahrung bringen können. Ein solcher Zufall ereignete sich, als das Archiv für Alltagskultur 2026 eine Akte mit Schriftgut aus dem Besitz von Martha Bringemeier von der Stadt Drensteinfurt erhielt. Die Unterlagen beinhalten eine vermutlich im Zeitraum von 1985 bis 2005 angelegte Sammlung von Heinz Mewis aus der Zeit zwischen 1933 und 1941. Soweit das heute noch zu rekonstruieren ist trug Mewis seine Sammlungen bei Haushaltsauflösungen im südlichen Westfalen zusammen. Martha Bringemeier war in der genannten Zeitspanne als Dozentin an der Hochschule für Lehrerbildung in Dortmund tätig. Die Dokumente geben Einblicke in ihr Dortmunder Leben während des Nationalsozialismus. Warum der kleine Bestand der Vernichtung entging, ist kaum mehr nachvollziehbar. Gewissheit haben wir jedoch über ihren ungewöhnlichen Weg in das Archiv für Alltagskultur.

Die Sammlung enthält Postkarten, Briefe, Telegramme, unausgefüllte Förderanträge, Landkarten, das Wochenblatt „Der Stürmer“ von 1939, und Quittungen für Spenden an die NS-Volkswohlfahrt. Letztlich sind aber nicht alle überlieferten Dokumente eindeutig Martha Bringemeier zuzuordnen. Ob beispielsweise die Landkarten oder das Wochenblatt in Bringemeiers Besitz waren oder ob es einen Zusammenhang zu ihrer Person gibt, ist nicht nachvollziehbar. Andere Dokumente wiederum weisen einen klaren Bezug zu ihrer Person auf und geben Einblicke in Bringemeiers Leben. Die enthaltenen Anwesenheitslisten für Vorlesungen und Seminare, die sie als Dozentin an der Hochschule für Lehrerbildung hielt, geben beispielweise einen Überblick über die Größe von damaligen Lehrveranstaltungen und wer an diesen teilnahm. Eine Teilnahmebescheinigung für einen Luftschutzlehrgang zwischen 1933 bis 1934, also noch vor der allgemeinen Luftschutzpflicht ab 1935, geben Aufschlüsse über den Arbeitsalltag von Lehrkräften im sich auf den Krieg vorbereitenden Nationalsozialismus.

Quittungen für Spenden an die NS-Volkswohlfahrt, Foto: Liv Malin Böllert.

Was passiert nun nach der Übergabe an das Archiv für Alltagskultur mit der Sammlung? Um die Unterlagen der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, müssen sie in einem ersten Schritt gesichtet und sortiert werden. Ist dies geschafft, werden sie – sofern eindeutig - dem Nachlass Bringemeier zugeordnet, bekommen eine Signatur und werden in die Archivdatenbank eingepflegt, sodass sie auffindbar und damit nutzbar sind. Gleichzeitig werden sie für das Forschungsvorhaben genutzt und komplettieren das Bild der Wissenschaftlerin Martha Bringemeier.