Aleksandra Stojanoska
Viele alltägliche Schriftstücke kommen uns banal oder unwichtig vor und landen dann im Mülleimer. Was soll man auch mit dem Stapel alter Briefe, den Kalendern vom letzten oder vorletzten Jahr, Notizbüchern und Gruß- oder Geburtstagskarten? Wer schaut sich noch alte Haushaltsbücher oder Rechnungen von vor 30 Jahren an? Besonders Haushaltsauflösungen stellen eine Herausforderung dar, denn nach welchen Kriterien entscheidet man über die Hinterlassenschaften eines Menschen? Bei der schieren Menge an dem, was ein Mensch hinterlässt, kommt man nicht darum herum einiges wegzuwerfen. Dass in den unscheinbaren Dingen manchmal wahre Schätze für die kulturhistorische Forschung stecken, ahnen dabei die wenigsten.
Seit einiger Zeit rufen einige Stadtarchive dazu auf, den Mitarbeitenden schriftliche Hinterlassenschaften zur Sichtung zu übergeben. Auch das Archiv für Alltagskultur hat verschiedentlich gebeten, Poesie- und Fotoalben oder Haushaltbücher aus dem Nachlass abzugeben. Mit diesen Aufrufen in Zeitungen, auf Webseiten oder in diesem Blog wird darauf aufmerksam gemacht, dass bei Haushaltauflösungen viele kulturhistorisch wertvolle Dokumente verloren gehen. Die Archive wollen damit auch ein Bewusstsein für die Bedeutung von privaten Nachlässen für die lokale Erinnerungskultur schaffen.
Wieviel Mehrwert alltägliche, als unwichtig erachtete Schriftstücke für die Forschung aufweisen, zeigt ein aktuelles Beispiel: Ein eigenes Forschungsprojekt zu Martha Bringemeier (1900-1991) widmet sich ihrem Werdegang aus wissenschaftshistorischer Perspektive. Dafür sind jegliche schriftliche Dokumente aus ihrem Besitz von großem Interesse, ermöglichen sie doch eine Annäherung an ihre Weltanschauungen, Netzwerke, Ideen und Projekte. Der Großteil von Bringemeiers Nachlass wird im Archiv für Alltagskultur in Westfalen verwahrt und für die Forschung bereitgestellt. Erhalten ist jedoch vor allem das, was sie selbst als wichtig erachtete und aufgrund dessen frühzeitig in die Sammlung gab.