Wandern im Sinne einer „Grenzland“-Solidarität
Die Linientreue des DJH wird bereits im Geleitwort des schlesischen Wanderführers deutlich. Danach diene das Jugendherbergswesen der nationalsozialistischen Pädagogik. Das Wandern wird in dem Geleitwort ganz in den Dienst nationalsozialistischer Ziele gestellt:
„Und wenn Euch die schlesischen Jugendherbergen helfen, dies zu erreichen, dann haben sie ihre Aufgabe erfüllt. Sie haben dann dazu beigetragen, Euch zu jungen Nationalsozialisten zu erziehen“ (vgl. Sg3009: 7).
Deutschland hatte nach dem Ersten Weltkrieg das Reichthaler Ländchen sowie das Oberschlesische Kohlerevier um Kattowitz (Katowice) an den neugeschaffenen polnischen Staat abzutreten. Der Zipfel um Hultschin (Hlučín) kam an die Tschechoslowakei. Dem Referendum über die Staatszugehörigkeit Oberschlesiens im März 1921 gingen, beispielsweise mit der Erstürmung des (St.) Annabergs, gewaltsame Auseinandersetzungen von deutschen wie polnischen paramilitärischen Gruppierungen voraus. Der Wanderführer rühmt in diesem Kontext die nationalistischen „deutschen Selbstschutzkämpfer[…], unter denen auch Albert Leo Schlageter focht“ (vgl. ebd.: 75). Der deutlich revisionistische Tonfall wird auch in einem Gedicht von Robert Kurpiun (1869 – 1943) mit dem Titel „Oberschlesien an Deutschland“ spürbar, das in dem Wanderführer abgedruckt ist. Es schließt mit der Zeile: „Sieg oder Tod! Wir bleiben deutsch über das Grab hinaus!“ (vgl. ebd.: 279).
Die Solidarität mit dem „Grenzlandbewohner“ und die Identifikation mit ‚deutschen Kulturleistungen‘ in Schlesien sollen durch die Wanderfahrten befördert werden. Im 120. Abschnitt („Von Jugendherberge zu Jugendherberge im Grenzland rechts der Oder“) heißt es:
„Sie [die deutsche Jugend] will auch dem Grenzlandbewohner zeigen, daß er nicht vergessen und verlassen ist. Deshalb wandert sie hin zu den Volksgenossen, die auf der Grenzwacht stehen. (…) Und hieraus schöpft der Bruder an der Grenze neuen Mut und neue Kraft für seinen schweren Daseinskampf an den Grenzpfählen des Vaterlandes“ (vgl. ebd.: 263).
Die „volkskundliche Bedeutung des Jugendwanderns“ (15. Abschnitt) speise sich vor allem durch diese später beschriebene Praktik zur (performativen) Herstellung einer sogenannten Volksgemeinschaft, welche ein gemeinsames Bewusstsein schaffe, denn:
„Du wirst anders wiederkommen, als du hingegangen bist; denn du hast im Schicksalsbuche deines Volkes gelesen. (…) [D]ie Schönheit der Landschaft wird zu dir sprechen, und heilige Pflicht wird dir’s werden, daheim deinen Brüdern zu künden von Grenzlandschönheit und Grenzlandnot und deutscher Aufgabe im deutschen Osten! (vgl. ebd.: 32; Herv. i. Orig.)
Was man sich unter dieser „Aufgabe“ im „deutschen Osten“ seitens des nationalsozialistischen Regimes vorstellte, zeigte sich bereits wenige Jahre nach der Veröffentlichung. Die politische Zielsetzung, der das Grenzlandwandern entsprach, ist in dem Wanderführer greifbar. Dass man dem paramilitärischen Zweck entsprechend davon ausging, es werde in Uniform gewandert, lässt sich an dem Hinweis ablesen, dass „[d]as Tragen von Parteiuniformen sowie das Mitnehmen von Parteiausweisen und -abzeichen (…) beim Überschreiten der Grenze unbedingt verboten“ sei (vgl. ebd.: 17f.). Dennoch wird den Nutzer:innen in einem der Wandervorschläge nahegelegt, bei Zabrze (zwischen 1915 – 1945 Hindenburg genannt) „[d]ie Eigenartige [sic!] Grenze zu besichtigen“ (vgl. ebd.: 287). Andere Wanderrouten betreffen den, an Schlesien angrenzenden, Gebirgszug der Sudeten mit dem Altvater- und Riesengebirge, welcher interessanterweise überwiegend auf tschechoslowakischem Gebiet lag.
„[H]ineingelegt wie in ein gemachtes Bett“ – Legitimierung deutscher Außenpolitik im Westen
Der badische Wanderführer reiht sich rhetorisch in die revisionistische Argumentationslinie ein. Neben der Bezeichnung als „Südwestmark“ im Titel bedient das Grußwort den aus dem 19. Jahrhundert stammenden Topos von der deutsch-französischen Erbfeindschaft und einer kulturellen Überformung durch französischen Einfluss: „Wir sind das Volk an der südwestdeutschen Grenze und halten Wacht gegen alle fremden, kulturellen Einflüsse“ (Sg3011: 6). Diese Sicht wird auch im Kapitel „Aus der Geschichte der badischen Grenzmark“ (vgl. ebd.: 46 – 121) unterstrichen, welches eine Jahrhunderte alte französische Staatsräson der Rheingrenze, und dieser Politik zuträgliche deutsche „Doudez-Fürsten“, geißelt und an anderer Stelle zur Mystifizierung von sogenannten „Blutzeuge[n]“ wie Albert Leo Schlageter (geb. in Schönau im Schwarzwald) und Fritz Kröber (geb. in Durlach) beiträgt. Aus dieser Geschichte wird die Dringlichkeit und Sinnhaftigkeit einer territorialen Neuordnung an der Westgrenze abgeleitet. Dazu werden vor allem naturräumliche und kulturelle Argumente aufgeführt, die die Einheit von Baden und dem Elsass unterstreichen sollten: Die Badische und elsässische Rheinebene glichen sich „wie Zwillingsgeschwister“. Der Rhein sei keineswegs eine natürliche Grenze, denn:
„Er verbirgt sich hinter dem grünen Mantel des Baumwaldes, der als dunkles Band die Ebene der Länge nach durchzieht. Der Strom selbst hat ja auch die Ebene, die ein großer geologischer Graben ist, nicht geschaffen; er hat sich in die Ebene hineingelegt wie in ein gemachtes Bett und hat sich, geologisch gesehen, erst seit kurzer Zeit darin häuslich eingerichtet.“
Nie hätte der Fluss „Kulturen geschieden und kulturelle Zusammenschlüsse“ unterbunden. Stattdessen habe reger Schifffahrtsverkehr für eine enge Verflechtung zwischen beiden Regionen gesorgt (vgl. ebd.: 60 – 64).
Fazit
Beide Wanderführer versuchen, die (jugendlichen) Leser:innen anhand von bildlicher Sprache und scheinbar einfacher, logisch wirkender Erklärungen für eine Wanderidee zu gewinnen, die ganz der revanchistischen Außenpolitik untergeordnet war. Die beigestellten Informationen, Bilder und Gedichte waren sorgsam kuratiert und sollten die Leser:innen unter dem Deckmantel der Nützlichkeit für nationalistische Ziele gewinnen. Ihre Wanderungen waren alles andere als unpolitisch gedacht. Sie wurden vielmehr für die Grenzland-Solidarität oder wahlweise für die Bekräftigung der territorialen Ansprüche auf das Elsass in Anspruch genommen.
Quellen
Jahn, Friedrich Ludwig: Deutsches Volksthum, Leipzig 1813 (Nachdruck in der Serie Volkskundliche Quellen. Neudrucke europäischer Texte und Untersuchungen, Teil VI, hg. v. Gerhard Heilfurth), Hildesheim/New York 1980).
Reichsverband für Deutsche Jugendherbergen (Hg.): Von Jugendherberge zu Jugendherberge durch die deutsche Südwestmark Baden (DJH-Wanderführer, Bd. 6). Archiv für Alltagskultur, Sg3011.
Reichsverband für Deutsche Jugendherbergen (Hg.): Von Jugendherberge zu Jugendherberge durch Schlesien (DJH-Wanderführer, Bd. 3). Archiv für Alltagskultur, Sg3009.