Wandern als bildungspolitische Pflicht und außenpolitischer Dienst. Zwei Wanderführer des Deutschen Jugendherbergswerks (DJH) aus der NS-Zeit

03.07.2026 Niklas Regenbrecht

Ein Blick auf die beiden Wanderführer, die im Jahr 2008 durch eine Schenkung in das Alltagskulturarchiv kamen (Archiv für Alltagskultur, Sg3009/Sg3011).

Yannick Rüskamp

Hitlerjugend, Bund Deutscher Mädel, Kraft durch Freude – das sind die drei Organisationen, mit denen die Nationalsozialisten neben der Schule und dem Arbeitsleben auch die Freizeit vollständig ihrem Willen unterwerfen und die individuelle Loyalität zum totalitären Staat fördern wollten. Vereine und Verbände, welche nicht verboten oder unmittelbar von NS-Organisationen absorbiert wurden, hatten sich im Jahr 1933 dem propagandistischen Wortlaut nach „gleichzuschalten“ und den neuen Machthabern umfassende Zugriffsrechte zu gewähren. So auch das Deutsche Jugendherbergswerk (DJH), welches 1909 gegründet worden war. Mit dem „Kösener Abkommen zur Zusammenarbeit von Jugendherbergswerk und Reichsjugendführung der NSDAP“ am 12. April 1933 wurde das DJH in die Hitlerjugend (HJ) überführt, indem Reichsjugendführer Baldur von Schirach (1907 – 1974) als Vorsitzender eingesetzt sowie „Marxistische“ (das beinhaltete sozialdemokratische wie jüdische) Funktionäre ausgeschlossen wurden. Das DJH behielt de jure aufgrund seiner Stellung als gemeinnütziger Verein seine nominelle Eigenständigkeit, welche jedoch auf die Vermögensverwaltung begrenzt wurde. Mit-Gründer Richard Schirrmann trat als Vorsitzender zurück, blieb aber bis 1937 als Ehrenvorsitzender für das Herbergswerk tätig, anders als sein früher Mitstreiter Wilhelm Münker (1874 – 1970), der diesem bereits im Sommer 1933 den Rücken gekehrt hatte.

In der Bibliothek der Kommission Alltagskulturforschung befinden sich zwei Wanderführer („Wanderführer durch Schlesien“ und „Wanderführer durch die deutsche Südwestmark Baden“) aus den Jahren 1936 bis 1938. Sie werfen ein Schlaglicht darauf, wie nationalsozialistische Zielsetzungen innerhalb des Verbands und im Kontext des Jugendwanderns verwirklicht werden sollten und wie diese Zielsetzungen – hier in Hinblick auf die revanchistische Außenpolitik – argumentativ vermittelt wurden.

Erarbeitet wurden die Schriften von den jeweiligen DJH-Landesverbänden. Die Veröffentlichung erfolgte über den Reichsverband. Die beiden Wanderführer, deren Verfasser nicht genannt werden, enthalten vieles mehr als bloß die Beschreibung von Wanderrouten. Gemäß der Auffassung, dass die Jugend im Nationalsozialismus nicht zu Genusszwecken wandere, sondern aus Pflichtbewusstsein heraus, betont der schlesische Wanderführer die Vermittlung von historischen, volkstümlichen, kulturellen und geografischen Begebenheiten (vgl. Sg3009: 13). Auch der badische Wanderführer enthält Abhandlungen und Gedichte, begleitet von Landschafts- wie Stadtansichten und anderem Bildmaterial.

Das Jahn-Denkmal auf der Hasenheide in Berlin-Neukölln. Die verblasste Inschrift wird im August 2025 von der Forderung „Macker“ zu „essen“ überlagert, einem feministischen Postulat für den gesellschaftspolitischen Kampf gegen Sexismus und patriachalische Strukturen (Archiv für Alltagskultur, 2026.00011).

Ideologische Grundlagen: Wandern und deutscher Nationalismus

Mit dem sich langsam ab dem ausgehenden 18. Jahrhundert ausbreitenden Phänomen des Freizeitwanderns verbanden sich bereits früh Motive, welche über die individuelle Rekreation hinausgingen. Vor dem Hintergrund der napoleonischen Kriege erblickt der später als „Turnvater“ verehrte Friedrich Ludwig Jahn (1778 – 1852) im Wandern eine notwendige Voraussetzung für die Herausbildung eines deutschen Volkes:

„Kennenlernen muss sich das Volk, als Volk; sonst stirbt es sich ab. Glieder eines ausgebreiteten Geschlechts, die sich nicht persönlich kennen, die in weiter Ferne von einander getrennt sind, leben so hin, als wären sie nicht da“ (Jahn 1813: 441).

Um dieses Volk in der Zukunft zu verteidigen, solle ein Jeder die körperliche Ertüchtigung als Teil der „wahre[n] Volkserziehung“ internalisieren und praktizieren, was Jahn metaphorisch zum Ausdruck bringt:

„Im Dunkel verkümmert die Pflanze, im Winkel verrostet das Schwert, ohne Gebrauch wird der Geist stumpf, ohne Äußerung der Willen zahm. Unsere Körperschaft ist ein vergrabener Schatz; wir lassen ihn schimmeln, bis Fremde sie in Gebrauch setzen“ (vgl. ebd.: 248f.)

Nur durch die Ausübung verschiedener „Leibesübungen“ könne die fortwährende „Demuth“ überwunden werden (vgl. ebd.: 241). Das Wandern nimmt innerhalb dieser körperlichen „Volkserziehung“ eine herausragende Stellung ein. Denn der Deutsche zeichne sich durch einen von seinen germanischen Vorfahren geerbten „Reisetrieb“ (ebd.: 444) aus. Und überhaupt: Das „Gehen, Laufen, (…) Tragen sind kostenfreie Übungen, überall anwendbar, umsonst wie die Luft. Diese kann der Staat von jedem verlangen (…)“ (vgl. ebd.: 243). Das zentrale Motiv vom Dienst am Volk mussten die Nationalsozialisten nicht etablieren. Es blickt bereits auf eine lange Tradition zurück.

Junge Wanderer, ca. 1920 – 1940 (Archiv für Alltagskultur, 0000.S3690).

Wandern im Sinne einer „Grenzland“-Solidarität

Die Linientreue des DJH wird bereits im Geleitwort des schlesischen Wanderführers deutlich. Danach diene das Jugendherbergswesen der nationalsozialistischen Pädagogik. Das Wandern wird in dem Geleitwort ganz in den Dienst nationalsozialistischer Ziele gestellt:

„Und wenn Euch die schlesischen Jugendherbergen helfen, dies zu erreichen, dann haben sie ihre Aufgabe erfüllt. Sie haben dann dazu beigetragen, Euch zu jungen Nationalsozialisten zu erziehen“ (vgl. Sg3009: 7).

Deutschland hatte nach dem Ersten Weltkrieg das Reichthaler Ländchen sowie das Oberschlesische Kohlerevier um Kattowitz (Katowice) an den neugeschaffenen polnischen Staat abzutreten. Der Zipfel um Hultschin (Hlučín) kam an die Tschechoslowakei. Dem Referendum über die Staatszugehörigkeit Oberschlesiens im März 1921 gingen, beispielsweise mit der Erstürmung des (St.) Annabergs, gewaltsame Auseinandersetzungen von deutschen wie polnischen paramilitärischen Gruppierungen voraus. Der Wanderführer rühmt in diesem Kontext die nationalistischen „deutschen Selbstschutzkämpfer[…], unter denen auch Albert Leo Schlageter focht“ (vgl. ebd.: 75).  Der deutlich revisionistische Tonfall wird auch in einem Gedicht von Robert Kurpiun (1869 – 1943) mit dem Titel „Oberschlesien an Deutschland“  spürbar, das in dem Wanderführer abgedruckt ist. Es schließt mit der Zeile: „Sieg oder Tod! Wir bleiben deutsch über das Grab hinaus!“ (vgl. ebd.: 279).

Die Solidarität mit dem „Grenzlandbewohner“ und die Identifikation mit ‚deutschen Kulturleistungen‘ in Schlesien sollen durch die Wanderfahrten befördert werden. Im 120. Abschnitt („Von Jugendherberge zu Jugendherberge im Grenzland rechts der Oder“) heißt es:

„Sie [die deutsche Jugend] will auch dem Grenzlandbewohner zeigen, daß er nicht vergessen und verlassen ist. Deshalb wandert sie hin zu den Volksgenossen, die auf der Grenzwacht stehen. (…) Und hieraus schöpft der Bruder an der Grenze neuen Mut und neue Kraft für seinen schweren Daseinskampf an den Grenzpfählen des Vaterlandes“ (vgl. ebd.: 263).

Die „volkskundliche Bedeutung des Jugendwanderns“ (15. Abschnitt) speise sich vor allem durch diese später beschriebene Praktik zur (performativen) Herstellung einer sogenannten Volksgemeinschaft, welche ein gemeinsames Bewusstsein schaffe, denn:

„Du wirst anders wiederkommen, als du hingegangen bist; denn du hast im Schicksalsbuche deines Volkes gelesen. (…) [D]ie Schönheit der Landschaft wird zu dir sprechen, und heilige Pflicht wird dir’s werden, daheim deinen Brüdern zu künden von Grenzlandschönheit und Grenzlandnot und deutscher Aufgabe im deutschen Osten! (vgl. ebd.: 32; Herv. i. Orig.)

Was man sich unter dieser „Aufgabe“ im „deutschen Osten“ seitens des nationalsozialistischen Regimes vorstellte, zeigte sich bereits wenige Jahre nach der Veröffentlichung. Die politische Zielsetzung, der das Grenzlandwandern entsprach, ist in dem Wanderführer greifbar. Dass man  dem paramilitärischen Zweck entsprechend davon ausging, es werde in Uniform gewandert, lässt sich an dem  Hinweis ablesen, dass „[d]as Tragen von Parteiuniformen sowie das Mitnehmen von Parteiausweisen und -abzeichen (…) beim Überschreiten der Grenze unbedingt verboten“ sei (vgl. ebd.: 17f.). Dennoch wird den Nutzer:innen in einem der Wandervorschläge nahegelegt, bei Zabrze (zwischen 1915 – 1945 Hindenburg genannt) „[d]ie Eigenartige [sic!] Grenze zu besichtigen“ (vgl. ebd.: 287). Andere Wanderrouten betreffen den, an Schlesien angrenzenden, Gebirgszug der Sudeten mit dem Altvater- und Riesengebirge, welcher interessanterweise überwiegend auf tschechoslowakischem Gebiet lag.

„[H]ineingelegt wie in ein gemachtes Bett“ – Legitimierung deutscher Außenpolitik im Westen

Der badische Wanderführer reiht sich rhetorisch in die revisionistische Argumentationslinie ein. Neben der Bezeichnung als „Südwestmark“ im Titel bedient  das Grußwort den aus dem 19. Jahrhundert stammenden Topos von der deutsch-französischen Erbfeindschaft und einer kulturellen Überformung durch französischen Einfluss: „Wir sind das Volk an der südwestdeutschen Grenze und halten Wacht gegen alle fremden, kulturellen Einflüsse“ (Sg3011: 6). Diese Sicht wird auch im Kapitel „Aus der Geschichte der badischen Grenzmark“ (vgl. ebd.: 46 – 121) unterstrichen, welches eine Jahrhunderte alte französische Staatsräson der Rheingrenze, und dieser Politik zuträgliche deutsche „Doudez-Fürsten“, geißelt und an anderer Stelle zur Mystifizierung von sogenannten „Blutzeuge[n]“ wie Albert Leo Schlageter (geb. in Schönau im Schwarzwald) und Fritz Kröber (geb. in Durlach) beiträgt.  Aus dieser Geschichte wird die Dringlichkeit und Sinnhaftigkeit einer territorialen Neuordnung an der Westgrenze abgeleitet. Dazu werden vor allem naturräumliche und kulturelle Argumente aufgeführt, die die Einheit von Baden und dem Elsass unterstreichen sollten: Die Badische und elsässische Rheinebene glichen sich „wie Zwillingsgeschwister“. Der Rhein sei keineswegs eine natürliche Grenze, denn:

„Er verbirgt sich hinter dem grünen Mantel des Baumwaldes, der als dunkles Band die Ebene der Länge nach durchzieht. Der Strom selbst hat ja auch die Ebene, die ein großer geologischer Graben ist, nicht geschaffen; er hat sich in die Ebene hineingelegt wie in ein gemachtes Bett und hat sich, geologisch gesehen, erst seit kurzer Zeit darin häuslich eingerichtet.“

Nie hätte der Fluss „Kulturen geschieden und kulturelle Zusammenschlüsse“ unterbunden. Stattdessen habe reger Schifffahrtsverkehr für eine enge Verflechtung zwischen beiden Regionen gesorgt (vgl. ebd.: 60 – 64).

Fazit

Beide Wanderführer versuchen, die (jugendlichen) Leser:innen anhand von bildlicher Sprache und scheinbar einfacher, logisch wirkender Erklärungen für eine Wanderidee zu gewinnen, die ganz der revanchistischen Außenpolitik untergeordnet war. Die beigestellten Informationen, Bilder und Gedichte waren sorgsam kuratiert und sollten die Leser:innen unter dem Deckmantel der Nützlichkeit  für nationalistische Ziele gewinnen. Ihre Wanderungen waren alles andere als unpolitisch gedacht. Sie wurden vielmehr für die Grenzland-Solidarität oder wahlweise für die Bekräftigung der territorialen Ansprüche auf das Elsass in Anspruch genommen. 

 

Quellen

Jahn, Friedrich Ludwig: Deutsches Volksthum, Leipzig 1813 (Nachdruck in der Serie Volkskundliche Quellen. Neudrucke europäischer Texte und Untersuchungen, Teil VI, hg. v. Gerhard Heilfurth), Hildesheim/New York 1980).

Reichsverband für Deutsche Jugendherbergen (Hg.): Von Jugendherberge zu Jugendherberge durch die deutsche Südwestmark Baden (DJH-Wanderführer, Bd. 6). Archiv für Alltagskultur, Sg3011.

Reichsverband für Deutsche Jugendherbergen (Hg.): Von Jugendherberge zu Jugendherberge durch Schlesien (DJH-Wanderführer, Bd. 3). Archiv für Alltagskultur, Sg3009.