Stadtbilder auf Porzellan

16.06.2026 Niklas Regenbrecht

Tasse mit Ansicht des Lingener Marktplatzes.

Andreas Eiynck

Auf Porzellan gemalte Stadtveduten waren in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts beliebte Sammlerstücke. In vielen Museen finden sich Beispiele, deren Herkunft in der gutbürgerlichen Schicht der Biedermeierzeit zu suchen ist. Als künstlerisch qualitätvolle Dekorations- und Erinnerungsstücke besaßen sie einen hohen Prestigewert. Aber sie waren eben auch sehr teuer und damit für breite Bevölkerungsschichten unerschwinglich.

Dies änderte sich, als in der Zeit um 1860 neue technische Verfahren entstanden, die den Druck von mehrfarbigen Bildern auf Porzellan ermöglichten, die sogenannten Chromo-Lithografien. Das Grundmotiv wurde dabei in schwarzen Linien aufgedruckt und dann mit farbigen, unterschiedlich intensiv gedruckten Flächen koloriert. So entstand auf den ersten Blick der Eindruck eines gemalten Motivs.

Das Verfahren konnte unter Verwendung derselben Vorlagen für farbige Ansichtskarten, die in den 1890er-Jahren in Umlauf kamen und sich rasch zu einem populären Bildmedium entwickelten, ebenso verwendet werden wie für gedruckte Stadtansichten auf Porzellan. Letztere wurden nun für einen breiten Abnehmerkreis erschwinglich.

Neben den romantisierenden Stadtansichten, Straßenszenen und markanten Gebäuden, wie sie für die Biedermeierzeit typisch waren, wurden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auch Motive aus der Welt der Technik populär. So besitzt das Stadtmuseum in Lippstadt einen Teller mit einer Darstellung der königlichen Artillerie-Werkstatt in Lippstadt. Im Emslandmuseum in Lingen befinden sich Porzellangegenstände mit der aufgedruckten Ansicht des Bahnhofes, des Kanalhafens und des Wasserturmes. Fast immer sind die Motive mit einer kurzen Beschriftung in typografischen Buchstaben versehen und erinnern auch damit an die Motive auf Ansichtskarten.

Teller mit der Artillerie-Werkstatt in Lippstadt.
Aschenbecher Bahnhof Lingen.
Zierteller mit Ansicht des Alten Hafens in Lingen.
Zuckertopf und Sahnergießer mit Motiven aus Lingen.

Waren es in der Zeit des Klassizismus und des Biedermeier vor allem Tassen, Teller und Kratervasen, die mit Stadtveduten bemalt wurden, so wurde später jegliches Porzellan bedruckt, welches hübsch und nützlich erschien: Zierteller, Zuckerdosen und Sahnegießer, Blumenvasen, Eierbecher, manchmal sogar kleine Porzellanobjekte in der Form eines Schuhes. Porzellanschiffchen dienten als Gewürzgefäß für Senf, Pfeffer und Salz und Porzellanfigürchen in Gestalt einer Kuhl als Milchgießer.

Eierbecher mit dem Marktplatz in Lippstadt.

Ein Eierbecher aus dem Stadtmuseum in Lippstadt zeigt eine Ansicht des alten Rathauses in Lippstadt. Das gleiche Motiv kommt auch auf einem bedruckten Glasbecher vor, denn mit der Technik der Chromolithografie konnte man auch Glas farbig bedrucken.

Porzellanobjekte mit Stadtansichten waren bis in die 1960er-Jahre sehr populär. Die Darstellung und die Auswahl der Motive änderten sich entsprechend dem jeweiligen Stil der Zeit. Die Formgebung der Objekte folgte bis zum Ersten Weltkrieg vor allem dem Jugendstil, in den 1920er-Jahren dem Art Deco. In den 1930er-Jahren wurden neubarocke Formen bevorzugt. Damals kamen Zigarettenbehälter und Aschenbecher als Bildträger in Mode, die anstelle von Stadtansichten häufig auch Ortswappen zeigen. Diese waren noch in den 1960er-Jahren weit verbreitet.

Zum Verwendungszweck solcher Objekte über das rein Dekorative hinaus kann man nur spekulieren. Vermutlich waren manche der Porzellangegenstände Andenken an Orte, in denen man aufgewachsen war oder gewohnt bzw. gearbeitet hatte. In manchen Fällen wäre auch eine Funktion als Urlaubsandenken oder Mitbringsel vorstellbar, aber bei vielen Orten und bei den technischen Motiven erscheint das eher unwahrscheinlich.

Nicht zu übersehen sind die gestalterischen Parallelen zu den chromolithografierten Ansichtskarten. Häufig wurden damals mehrere Ansichten aus einem Ort als sogenannte Sammelmotive zusammengestellt und auf einer Karte abgedruckt. Solche Sammelmotive kommen auch auf Porzellan vor.

So sind auf einer aufwendig gestalteten Porzellanschale mit Motiven aus dem kleinen Dorf Schapen im Emsland gleich drei Motive dargestellt: die katholische und evangelische Kirche sowie die Handelsschule. Diese private Lehranstalt war verbunden mit einem Internat und zog Schüler aus einem weiten Umkreis in den kleinen Ort. Vielleicht war die Schale ja als Auszeichnung für erfolgreiche Schüler oder als Andenken für verdiente Lehrpersonen gedacht?

Schale mit drei Motiven aus dem Dorf Schapen im Emsland.

 

Literatur:

Hans-Peter Jacobsen: Schlimmer Kitsch und schöne Nippes. 100 Jahr Trivialkultur. Aus der Sammlung Jutta und Günter Griebel. Museum für Angewandte Kunst. Gera 1997.

Ursula Stiehler: Andenken mit Ansichten 1890 – 1980. Eine Einführung. Begleitheft zur Sonderausstellung „Ansichtssache – Glas und Porzellanandenken mit Ansichten vom Taunus bis zum Rhein 1890 – 1980. Museum im Gotischen Haus. Bad Homburg 1999.

 

Die Fotografien stammen von Andreas Eiynck und aus dem Stadtmuseum Lippstadt.

Kategorie: Aus anderen Sammlungen

Schlagworte: Andreas Eiynck · Sachgut