Der Nationalsozialist Walther Stennes und seine westfälische Heimat

06.11.2026 Niklas Regenbrecht

Jannik Richter

„Westfalen ist mehr als nur ein Regendach“ ist die Überschrift eines neunseitigen Textbeitrags von Walther Stennes, der als einer von 50 Artikeln in dem 1978 erschienenen Sammelband „Westfalen unter sich über sich“ abgedruckt wurde. Was zunächst wie ein unscheinbarer Kurztext in einem wenig bemerkenswerten Stück Heimatliteratur anmutet, ist tatsächlich ein Selbstzeugnis aus dem Leben eines umtriebigen Nationalsozialisten.

Walther Stennes mag dem einen oder anderen vielleicht als SA-Führer in Berlin bekannt sein, der 1931 mit Hitlers Legalitätskurs brach und eine Revolte von Teilen der SA gegen die Partei durchführte – in diesem Zusammenhang taucht er übrigens auch in der Fernsehserie „Babylon Berlin“ auf. Abseits der Geschichtsschreibung ist der weitere Werdegang von Stennes den meisten Menschen aber wohl eher unbekannt, obwohl Stennes selbst sich seit den 1950er Jahren sehr um öffentliche Wahrnehmung –unter anderem als Gegner des Nationalsozialismus – bemühte.

Diesem Bemühen um eine positive Selbstdarstellung in der Öffentlichkeit war es wohl auch geschuldet, dass Stennes die Einladung von Rainer Schepper annahm, einen Text zu einem Sammelband unter dem Titel „Westfalen unter sich über sich“ beizusteuern. Bei dem Sammelband handelt es sich um ein Veröffentlichungsprojekt, das – so das Vorwort des Herausgebers – von dem Frankfurter Verleger Wolfgang Weidlich (1928 – 2019) angestoßen worden war. Die Publikation entsprach von ihrem Zuschnitt her dem Verlagsprogramm, waren dort in den 1960er und 1970er Jahren doch auch weitere populäre Schriften mit regionalspezifischem Zuschnitt erschienen. Darunter finden sich Titel wie „Typisch sächsisch – Das Hausbuch des sächsischen Humors“ (1976) oder „Burgen und Schlösser in Württemberg und Hohenzollern.“ (1959).

„Westfalen unter sich über sich“ im Westfälischen Rot. (Foto: Jannik Richter)

„Westfalen unter sich über sich“ passt nicht nur in das Verlagsprogramm, sondern ist Teil einer ganzen Reihe mit derselben Titelkonstruktion, etwa: „Pfälzer unter sich über sich“ (1977) oder „Schwaben unter sich und über sich.“ (1976) Gemein haben die Bände, dass sie jeweils von regional vernetzten Akteuren aus der Heimatbewegung herausgegeben wurden, die sich auch um die Rekrutierung passender Beitragsschreiber:innen kümmerten. An Rainer Schepper wurde wohl deshalb die Herausgeberschaft herangetragen, weil er dem Verleger durch den zuvor im Weidlich-Verlag veröffentlichten Band „Typisch Westfälisch“ (1977) bekannt war. Grundidee des Sammelbandes war es, „westfälische Persönlichkeiten aus den verschiedensten Bereichen des öffentlichen Lebens“ (S. 9) um einen Beitrag zur Frage „welche Bedeutung […] für sie […] ihrer eigentlichen oder ihrer ursprünglichen westfälischen Heimat zukomme“ (S. 9) zu bitten. Nicht alle der angefragten Personen aus Kunst, Wissenschaft, Kultur und Verwaltung sagten zu. Schepper führt im Vorwort verschiedene Gründe für Absagen an, darunter: anderweitige Auslastung, Abwesenheit von schriftstellerischen Ambitionen und ein genereller Unwille gegenüber der Fragestellung sowie Probleme mit der Identifikation als Westfale/Westfälin.

Walther Stennes beginnt seinen Textbeitrag unter dem Titel „Westfalen ist mehr als nur ein Regendach“ mit einer Beschreibung seiner Abkunft aus einer Linie von „Amtsmännern in westfälischen Gemeinden [und] Berufssoldaten.“ (S. 211) Wert legt er auf den Status seines Vaters als „ein in Deutschland und darüber hinaus bekannter Fischzüchter.“ (S. 211) In seinem Geburtsort Fürstenberg verbrachte er nur die frühen Lebensjahre, mit zehn Jahren trat er in die Kadettenanstalt in Köln ein und verließ Westfalen damit für die nächsten Jahrzehnte seines Lebens. 1913 machte Stennes sein Abitur und nahm später als Offizier am Ersten Weltkrieg teil. Auch darüber berichtet er kaum.

Wesentlich mehr erfährt man über die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg: Wie viele Offiziere des kaiserlichen Heeres hatte Stennes offenbar große Probleme, in der Weimarer Republik anzukommen, und blieb seinen Verbindungen ins rechtsradikale Milieu treu. Stennes schreibt dazu: „Ich konnte, wie es sich ergab, Soldat bleiben und stellte noch 1918 das Freikorps Hacketau auf,“ (S. 212). Als Teil dieser Formation nahm er an den blutigen Niederschlagungen der Roten Ruhr-Armee teil. Danach führte es ihn in die Hauptstadt der Republik: „Ein Jahr später wurde ich zur Schutzpolizei […] nach Berlin geholt und mit der Aufstellung einer aus erfahrenen Männern bestehenden Hundertschaft zur Bekämpfung von Aufruhr und vergleichbaren Unruhen beauftragt.“ (S. 212)

Details zu seiner Zeit in der Schutzpolizei gibt Stennes nicht preis. Forschungen des Historikers Bernhard Sauer erlauben es jedoch, seine Rolle in Berlin nachzuzeichnen. Die Berliner Sicherheitspolizei wurde unter der sozialdemokratischen preußischen Regierung aufgestellt, und sollte als kasernierte Polizei in den bürgerkriegsähnlichen Zuständen der frühen Republik für die Sicherheit in der Hauptstadt sorgen. Stennes Einheit war für das Regierungsviertel zuständig. In diesem Kommando bewährte er sich jedoch nicht, und lief 1920 im Kapp-Putsch zu den republikfeindlichen Freikorps über. Dennoch durfte er nach dem Abzug der Putschisten zunächst im Amt verbleiben. Stennes nutzte das unter anderem aus, um Militärgerät zur Seite zu schaffen. Als einer von Stennes Beamten dies melden wollte, wurde er ermordet – ob und inwieweit Stennes in diesen Mord involviert war, ist nicht nachweisbar. Nach Übergriffen auf Zivilisten und Gerüchten über ein Femegericht – ein geheimer Zusammenschluss um außergerichtlich über vermeintliche Verräter zu richten, üblicherweise durch die Ermordung dieser – in der Einheit kam es zu verstärkter Kritik an der Sicherheitspolizei. Stennes schied im August 1921 aus der Sicherheitspolizei aus und verließ im Februar 1922 den Polizeidienst ganz. Danach war er eine Weile bei der Schwarzen Reichswehr – also geheimen paramilitärischen Gruppen mit Verbindung zur Reichswehr – aktiv, bildete dort unter anderem den späteren Fememörder Robert Grütter aus und nahm am Küstriner Putsch gegen die Republik teil. Wieder einmal kam er straflos davon.

Seinen Beitritt zur SA plausibilisiert Stennes mit als Teilnahem an einer Massenbewegung: „Die SA erhielt bald großen Zulauf, vor allem aus den Kreisen der Arbeiterschaft und der ‘kleinen Leute‘, denn in den zwanziger Jahren bleiben die Verhältnisse in Deutschland trotz Währungsreform unsicher und verworren. Adolf Hitler nutzte das aus. Seine Anhängerschaft wuchs, obwohl viele nicht recht wußten, was denn der bisher unbekannte Mann genau wollte. Den meisten aber schien eines klar: So kann es nicht weitergehen! An die Republik konnte sich ein großer Teil der Deutschen nicht oder nur schlecht gewöhnen. […] Damals versuchte man sich zurecht zufinden. Hauptmann von Pfeffer war es, der mich 1927 mit Billigung Hitlers aufforderte die Führung der SA östlich der Elbe zu übernehmen.“ (S. 213f.)

Walther Stennes in SA-Uniform mit verschiedenen militärischen Orden. (Bundesarchiv, Bild 119-2608 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 DE, via Wikimedia Commons)

Stennes’ Darstellung seiner Zeit bei der SA ist kurz und ambivalent. Konkrete Aussagen zu seiner Funktion oder spezifischen Ereignissen macht er nicht. Dafür betont er seine besondere Nähe zu verschiedenen NS-Größen wie Hitler, Goebbels und Göring. Auch den Reichspräsidenten Paul von Hindenburg will er gut gekannt haben. Stennes stilisiert sich in dieser Lebensphase als gut vernetzten Politakteur, aber auch als Widerständler gegen Adolf Hitler. Tatsächlich war es aber wohl Hitlers Legalitätskurs, dem er sich verweigerte. Anstatt die Macht in den Parlamenten und im Verbund mit den traditionellen Eliten zu erringen, wollten einige SA-Leute, darunter Stennes, die noch in den Bürgerkriegsideen der Jahre 1918–1923 dachten, auf einen gewaltsamen Umsturz der Republik hinarbeiten. Über die Revolte schreibt Stennes: „Am 1. April 1931 kam es zu dem was in Lexika und Büchern über jene Zeit vereinfachend als ‚Stennes-Putsch‘ bezeichnet wird. Wir wollten in der NSDAP ordentliche Zustände herstellen d.h. auch, Adolf Hitler entweder zur Vernunft bringen […] oder ihn zum Verzicht auf seine Ämter zwingen.“ (S. 215)

Tatsächlich bestand der sogenannte Putsch nur aus der Besetzung einiger NS-Partei- und Verlagsgebäude durch SA‑Männer, wobei es zu Zusammenstößen mit SS-Männern kam. Stennes verfügte zwar bei Teilen der norddeutschen SA über Sympathien, aber außerhalb Berlins konnte sich der Aufstand nicht ausbreiten. Die Gebäude wurden bald mithilfe der Berliner Polizei geräumt. Neben Stennes wurden etwa 500 Personen aus der NSDAP und SA ausgeschlossen. Die Aktion war ohnehin eine Reaktion auf die Abberufung von Stennes als oberster SA‑Führer-Stellvertreter Ost gewesen und kein geplanter Putsch. Dass Stennes sich nicht aus hehren Prinzipien gegen Hitler stellte, zeigt sich auch daran, dass er nach seinem Ausschluss aus der NSDAP dem dissidentischen Nationalsozialismus treu blieb. Er gründete die Nationalsozialistische Kampfbewegung Deutschlands (NSKD) und hielt Kontakt zu Otto Strasser, diente sich dann später dem Reichskanzler Kurt von Schleicher und dem Projekt einer Präsidialdiktatur an.

Bereits vor seiner Absetzung als SA-Oberführer hatte er nach eigener Aussage Kontakte nach China geknüpft: „Seit 1930 stand ich mit der nationalchinesischen Regierung des Marschalls Tschiang Kai-schek [Chian Kai-shek] in Verbindung, um in China eine Aufgabe zu übernehmen […] Bald überschlugen sich die Ereignisse. Ich hatte den rechten Termin der Abreise nach China verpaßt, wurde unmittelbar nach der Machtübernahme in Mecklenburg von der Gestapo festgenommen und nach Spandau gebracht.“ (S. 215)

Seine Verhaftung nutzt Stennes später, um sich als Opfer des Nationalsozialismus zu stilisieren. Wie es zu seiner Freilassung kam, bleibt letztlich fraglich. Es ist wahrscheinlich, dass sich verschiedene Personen für ihn eingesetzt hatten. Darunter der Kölner Erzbischof Karl Josef Schulte, zu dem er familiäre Verbindungen hatte, sein Stubenkamerad aus Kadettenzeiten Hermann Göring, der Päpstliche Nuntius und neben Hindenburg auch die hohen Offiziere Ludendorff und Mackensen. Stennes’ Ausreise nach China (gemeinsam mit seiner Frau und seiner Tochter) war also wohl das Ergebnis guter Beziehungen.

Über seine Zeit als Militärberater in China wurde erst vor Kurzem ein Beitrag von Pablo Arias Meneses im Band „Kolonialismus dezentriert“ veröffentlicht. In seiner eigenen Darstellung nutzt Stennes seinen China-Aufenthalt dazu, sich als eine Art „Auslandswestfale“ zu gerieren – vergleichbar einem Werner Rolevinck (1425–1502), der seine lobenden Worte auf Westfalen aus dem Rheinland schrieb, und gerade dort eine besondere Leidenschaft für Westfalen entwickelte. Anders als andere Beitragschreiber:innen kann er eine wie auch immer geartete westfälische Identität nicht an  Kindheitserfahrungen, einer Familiengeschichte oder einer Berufstätigkeit in Westfalen festmachen. Sein Westfalentum beschränkt sich auf eine Sammlung von Klischees, Stereotypen und völkischem Stammesdenken, so führt er über die Fürstenberger aus: dass sie ehrliche und treue Menschen seien, „Fromme Leute […]aber bei Weitem keine Frömmler.“ Er führt weiter Sturheit „Fleiß, Gutmütigkeit und Freiheitsdrang“ (S.217) als Merkmale der westfälischen Landbevölkerung an.

Die erste Seite des Inhaltsverzeichnisses. Neben dem Gründer des Mühlenhof-Freilichtmuseums finden sich auch Adelige und Politiker. Die Überschriften geben einen Einblick in den Ton des Buches. (Foto: Jannik Richter)

Dass der Text von Stennes in vielen Bereichen immer wieder bekannte Klischees verwendet, kann nur partiell mit seiner Unerfahrenheit als Schriftsteller und seiner eher losen Verbindung zum Thema erklärt werden, denn auch die anderen Beiträge im Band kranken an ähnlichen Problemen. Diese profitieren jedoch in der Regel davon, dass ihre Verfasser mehr Bezug zur Region haben.

Warum der Herausgeber Rainer Schepper Walther Stennes überhaupt um einen Beitrag gebeten hatte, bleibt an dieser Stelle ebenso ungeklärt wie die Frage, warum Schepper den Beitrag nicht zurückgewiesen hat, hatte er selbst sich in seiner Jugend doch erklärtermaßen dem NS-Regime durch Desertion entzogen – dazu veröffentlichte er 2009 das Buch „Ich war Deserteur - Reminiszenzen aus dem Jahre 1945“ – und setzte sich auch später kritisch mit der NS-Vergangenheit der Heimatbewegung auseinander, etwa in einem Band über den Heimatforscher und NS-Unterstützer Karl Wagenfeld.

Kann der Beitrag als partielle Offenheit der Heimatbewegung der 1970er Jahre für antidemokratische und völkische Ideen gewertet werden, deren (vermeintlich) kleinster gemeinsamer Nenner das „Westfalenbewusstsein“ war? Der Historiker Willi Oberkrome zeigt jedenfalls auf, dass die Heimatbewegung nach dem Zweiten Weltkrieg zumindest in Teilen ein Sammelbecken für antidemokratische, völkische und nationale Kräfte war, denen die Bonner Republik zunehmend weniger Platz bot. Dabei half auch, dass der regionale Bezug zur „Heimat“ Platz bot, um viele in diesen Kreisen verbreitete Annahmen mehr oder weniger unkritisch beizubehalten.

Wie wenig kontrovers Stennes Beitrag diskutiert wurde, zeigt sich jedenfalls auch daran, dass die kurze Rezension des Bandes in den Westfälischen Nachrichten vom 22. März 1979 seinen Beitrag mit keinem Wort erwähnt.

Quellen

Schepper, Rainer, Hrsg. Westfalen unter sich über sich. Weidlich, 1978

Westfälische Nachrichten (Münster). „Kaleidoskop Westfalens“. 22. März 1979.

Bibliographie

Jäger, Jens. „Heimat“. Docupedia -Zeitgeschichte, Online-Vorab-Publikation, 2017. https://dx.doi.org/10.14765/zzf.dok.2.1113.v1.

Kruppa, Bernd. Rechtsradikalismus in Berlin 1918-1928. 2. Overall, 1988.

Meneses, Pablo Arias. „Walter Stennes Ein Sauerländer Söldner in China“. In Kolonialismus Dezentriert, herausgegeben von Fabian Fechner, Dennis Schmidt, und Barbara Schneider. Metropol, 2026.

Oberkrome. „Deutsche Heimat“ Nationale Konzeption und regionale Praxis von Naturschutz, Landschaftsgestaltung und Kulturpolitik in Westfalen-Lippe und Thüringen (1900-1960). Forschungen zur Regionalgeschichte 47. Ferdinand Schöningh, 2004.

Sauer, Bernhard. „Zur politischen Haltung der Berliner Sicherheitspolizei in der Weimarer Republik“. Zeitschrift für Geschichtswissenschaft (Berlin), 2005.

Schieder, Wolfgang. Ein faschistischer Diktator Adolf Hitler- Biografie. 1. WBG Theiss, 2023.