Schwerpunkt Arbeit(en): Die Putzfrau in der Literatur: (Zu) viel sehen und unsichtbar bleiben– zum Tag der Reinigungskräfte

03.11.2026 Niklas Regenbrecht

Anna Seidel

„Es ist die Leichtigkeit, die den Herrn am Tisch von der Putzfrau unterscheidet“, so betitelt die Autorin Slata Roschal ihren im Sommer 2026 erscheinenden Roman. Kurz vor der Veröffentlichung hatte sie noch Auszüge davon beim Bachmannpreis im österreichischen Klagenfurt gelesen – und für Aufsehen gesorgt, weil sie sich anschließend entgegen den Gepflogenheiten der Jury-Diskussion entzog. Gelesen hatte sie aber eben doch aus ihrem Text, der schon im Titel die Aufmerksamkeit auf eine Berufsgruppe lenkt, die oft übersehen wird, weil ihre Arbeit meist unsichtbar ist: „Nummer siebzehn ist weg zum Frühstück, denkt Hana um neun Uhr fünfzehn. Ich klopfe. Halte die Karte ran, rolle den Wagen rein, die Tür soll offen bleiben. Mache ein Fenster auf. Im Mülleimer im Bad sind Slipeinlagen und irgendwas im Toilettenpapier, im Schlafzimmer eine Bananenschale, eine kleine Plastikflasche, ein leeres Nussglas, das soll in die Küche zurück. Ich hole neue Mülltüten und spanne sie auf, mache das Bett, sammle Kleidung vom Boden. Dunkelrote Hose, schwarze Bluse, so dünn, dass sie sich nicht falten lässt, Socken, Wäsche, die Unterhose hat mehr Luft als Stoff, wohl breite Hüften und kleine Brust. Wische die Krümel vom Tisch, gehe den Staubsauger holen, am ersten Tag lassen die Leute alles liegen, dann merken sie, dass ich da bin, und räumen auf.“ (Roschal 2026, S. 15) Reinigungskraft Hana sieht alles und wird nicht gesehen. Diese Unsichtbarkeit soll heute Thema sein, am 8. November, dem Tag der Reinigungskräfte.

Installation von Nicole Prinz im Schallplattenkunsthaus Recklinghausen: „Wir fordern 15 Euro Mindestlohn“ (2025). (Foto: Anna Seidel)

Die Putzfrau als Krimi-Protagonistin

Ins Leben gerufen hat den Tag die aus dem Ruhrgebiet stammende Krimi-Autorin Gesine Schulz. Sie widmet 2004 ihrer Regiokrimi-Protagonistin Karo Rutkowsky zu deren Geburtstag den internationalen Tag der Putzfrau – heute auch Tag der Reinigungskräfte.

Die Putzfrau hat in der Literatur durchaus ihren Platz. Die Literaturwissenschaftlerin Gisela Ecker schreibt unter anderem über Gesine Schulz, aber auch über den Bestseller der Schweizer Autorin Milena Moser: Die Putzfraueninsel (1991) – in zehn Sprachen übersetzt und 1996 mit Jasmin Tabatabai in der Hauptrolle verfilmt (vgl. Ecker 2012), spielt der Roman auf Mallorca, der Insel, die pejorativ als ‚Putzfraueninsel‘ bezeichnet wurde, weil sie dank des Massentourismus auch ärmeren Schichten einen Urlaub ermöglicht.

Ganz allgemein scheint sich die Figur der Putzfrau – vielleicht gerade wegen ihrer vermeintlichen Unsichtbarkeit – hervorragend als Krimi-Figur zu eignen. Das ist nicht nur bei Schulz und Moser der Fall (und zu einem gewissen Grad bei Roschal – wobei das Genre Krimi hier zu kurz greift; Roschal schreibt mit ihrem Roman Literatur der Arbeitswelt, Klassenliteratur), sondern auch schon bei Agatha Christie. In ihrem Hercule Poirot-Krimi Vier Frauen und ein Mord (Original: Mrs. McGinty’s Dead, 1952) wird die Putzfrau zum Mordopfer, weil sie zu viel gesehen hat.

Unsichtbar, außer wenn sie fehlt

Die Reinigungskraft bleibt weitestgehend unsichtbar, bemerkt die Soziologin Yasemin Ece Örmeci in ihrer Studie zu türkischen Reinigungskräften in Deutschland (2026). Die Wirtschaftswissenschaftlerin Jana Costas putzt im Rahmen einer ethnografischen Studie über Wochen bei verschiedene Reinigungstrupps am Potsdamer Platz mit und beschreibt Ähnliches. Ihre Kolleg:innen auf Zeit putzen ohne Handschuhe und in der Regel ohne Wertschätzung: „Die Reinigung ist der prototypische Fall einer stigmatisierten Tätigkeit, die wenig Respekt genießt und keinerlei Prestige einbringt.“ (Costas 2023, S. 12) Die Reinigungskräfte leisten schlicht Drecksarbeit.

Oft verrichten die gering entlohnten, nur selten Vollzeit arbeitenden Reinigungskräfte ihre Arbeit nach dem Feierabend der anderen, vor deren Dienstbeginn – jedenfalls jenseits des ‚9 to 5‘. Auffallen tut die Reinigungskraft oft erst dann, wenn sie ihre Arbeit nicht verrichtet, wenn das Toilettenpapier nicht wie selbstverständlich aufgefüllt, der Papierkorb nicht geleert ist.

Reinigungsroutinen bei Ilse Kibgis

Die Putzfrau wird auch mehrfach zur Protagonistin in den Gedichten der Gelsenkirchener Lyrikerin Ilse Kibgis, die ich hier vor kurzem vorstellen durfte. Eines ihrer Gedichte heißt schlicht:

 

Putzfrau

wenn die Elite geht
kommt sie mit ihrem
Aufgebot an Staubsaugern

wirft ihren Kennerblick
auf Schreibtische
und Akten

leert Papierkörbe
und wischt respektlos
über die Sitzfläche
des Chefsessels

dann lüftet sie
das Paradezimmer
von Top-Gedanken

rückt Konferenzstühle
in die richtige
Rangordnung

saugt vom Teppichboden
unsichtbare Fußspuren

und hinterlässt
eine saubere Welt
den Geschäften (Kibgis 1984, S. 110)

Typoskript des Gedichts: „Die zwei Gesichter der Putzfrau Else“ (Nachlassbestand FHI, Archivalie Kib 33-264, Bildrechte ebd.)

Kibgis weiß 1984, was die Putzfrau sieht, kann, leistet und durchschaut – sie weiß das auch aus eigener Erfahrung. Wieder einmal zeichnet sich die Dichterin als genaue Beobachterin aus, die auf poetische Art sozialkritisch einzuordnen weiß, ohne ihre Protagonistin zu verraten oder ins allzu Moralische zu kippen.

Nicht genau datiert ist ein weiteres Gedicht von Kibgis mit einer putzenden Protagonistin, das sich als Typoskript im Archiv des Dortmunder Fritz-Hüser-Instituts für Literatur und Kultur der Arbeitswelt finden lässt: „Die zwei Gesichter der Putzfrau Else“ (Signatur: Kib/33-264). Als „Lyrik der Gegensätzlichkeit“ beschreibt der Literaturwissenschaftler Julian Sieler die Gedichte von Ilse Kibgis (Sieler 2026, S. 22). Der Gegensatz ist auch das vorherrschende Stilmittel in diesem Text: der Morgen trifft auf den Abend, „das sauer verdiente Geld“ auf das „süße Leben“, die Pflicht auf die Kür. Es ist die Leichtigkeit, die die Else am Abend von der Else am Morgen unterscheidet.

Quellen und Literatur:

Jana Costas: Im Minusbereich. Reinigungskräfte und ihr Kampf um Würde. Aus dem Englischen von Richard Barth, Stephan Gebauer und Michael Müller. Berlin: Suhrkamp 2023.

Gisela Ecker: Schaltstellen des Kategorienwechsels: Putzfrauen in Literatur und Film, in: Zeitschrift für Germanistik, 1/2012, S. 101-114.

Ilse Kibgis: Putzfrau, in: Dies.: Meine Stadt ist kein Knüller in Reisekatalogen. Gedichte von Ilse Kibgis, hg. von Walter Köpping. Oberhausen: Asso Verlag 1984.

Yasemin Ece Örmeci: The Sense of Sight in Cleaning Practices and The Search for Visibility: Turkish Cleaners in Germany, in: Mareen Heying, Vanessa Höving, Henning Podulski und Andrea Schütte (Hg.): ‚Drecksarbeit‘. Semantiken, Materialitäten und Praktiken entwerteter Arbeit. Bielefeld: transcript 2026. [im Erscheinen]

Slata Roschal: Es ist die Leichtigkeit, die den Herrn am Tisch von der Putzfrau unterscheidet. Berlin: Claassen 2026.

Julian Sieler: Von Kamelen und Dromedaren – der Gegensatz von arm und reich in den Gedichten von Ilse Kibgis, in: Archiv der neueren Sprachen und Literaturen 1/2026, S. 22-32.