Schwerpunkt Arbeit(en): Ilse Kibgis: Gelsenkirchener Dichterin und Chronistin der Arbeitswelt im Ruhrgebiet

18.09.2026 Niklas Regenbrecht

Anna Seidel

Am 9. August 1991 portraitiert ein Autor der Wochenzeitung Die Zeit die Gelsenkirchener Autorin Ilse Kibgis (1928-2015). Er schreibt: „Hier hat sie geheiratet, gearbeitet, ihren Sohn großgezogen. Demnächst wird sie 63 Jahre alt, und nichts spricht dafür, daß sie in ihrem Leben noch mal hier rauskommt.“ Das klingt despektierlich, um es mal freundlich auszudrücken. Dabei ist das, was der Autor schildert, die Lebensrealität vieler Frauen in Kibgis’ Generation: Sie heiraten, arbeiten, ziehen Kinder groß; manche leben gar in Gelsenkirchen. Der Autor – Roland Kirbach – schreibt all das, um Fallhöhe aufzubauen. Er verleiht seiner wohl ehrlichen Verwunderung darüber Ausdruck, dass eine Ehe- und Hausfrau, Mutter, Mangelfrau, Reinigungskraft, Verkäuferin, Kellnerin – alles Rollen und Professionen in Ilse Kibgis Leben – eben auch als Autorin erfolgreich ist.

Die Autorin Ilse Kibgis in den 1990er-Jahren (Nachlassbestand FHI, Archivalie Kib. 43-37, Bildrechte ebd.)

Im Jahr 1991, als das Portrait in der Zeit erscheint, hat Ilse Kibgis bereits zwei Lyrik-Anthologien als Allein-Autorin veröffentlicht, auf ganz unterschiedlichen Bühnen gelesen – unter anderem im Rahmen der Ruhrfestspiele in Recklinghausen – und der Westdeutsche Rundfunk hat ihr einen Film gewidmet, der heute noch über den Landschaftsverband Westfalen-Lippe abrufbar ist.

Heute ist Ilse Kibgis längst Teil der Gelsenkirchener Stadtgeschichte. Ihr Foto ist im Walk of Fame im Stadtteil Buer eingelassen neben anderen bekannten Persönlichkeiten aus Gelsenkirchen wie Fußballspieler und -manager Rudi Assauer oder Chansonette und Schauspielerin Claire Waldoff. 

Das Gedicht „Es gibt Frauen“ in der Ausstellung Radikale Hoffnung. Kunst und Arbeitskampf im Kunstmuseum Gelsenkirchen (Foto: Anna Seidel)

Aktuell wird Kibgis’ Gedicht „Es gibt Frauen“ (1984) gleich gegenüber von besagtem Walk of Fame prominent in der Ausstellung Radikale Hoffnung. Kunst und Arbeitskampf im Kunstmuseum Gelsenkirchen präsentiert. Es stellt arbeitende Frauen jenen Frauen gegenüber, die sich ausschließlich der Muße widmen können, leistet also einen pointierten Milieuvergleich (lies: widmet sich der Klassenfrage).

Die Kibgis-Archivboxen im Archiv des Fritz-Hüser-Instituts (Foto: Anna Seidel)

Der literarische Nachlass von Kibgis liegt in Nachbarschaft von solchen der Autor:innen Max von der Grün, Fasia Jansen und Josef Reding in Dortmund, im Literaturarchiv des Fritz-Hüser-Instituts für Literatur und Kultur der Arbeitswelt (FHI). In sieben grauen Archivboxen werden Manuskripte, Typoskripte, Korrespondenzen, Notizen, Verträge, Zeitungsausschnitte, Fotos und weitere Archivalien, die sich um Kibgis und ihr literarisches Wirken drehen, aufbewahrt.

Ilse Kibgis als junge Frau vor dem Bücherregal in ihrer Wohnung in Gelsenkirchen-Horst (Nachlassbestand FHI, Archivalie Kib. 43-41, Bildrechte ebd.)

Kibgis lesend und schreibend

Kibgis, die in Interviews und biografischen Texten öfter davon erzählt, dass sie zeitlebens gern liest – Dostojewski, Goethe, Kästner, Bachmann – schreibt nicht nur, aber vor allem Lyrik. Sie verfasst etwa Texte über ihre Heimat, das Ruhrgebiet. Ihr bekanntestes Gedicht ist sicher „Meine Stadt ist kein Knüller in Reisekatalogen“, darin heißt es unter anderem:

„Die Menschen meiner Stadt sind Kumpel
die am schwarzen Roulette
ihre Knochen verspielten
Ihre Sprache ist
der Bergmannsjargon
Worte aus Erde und Stein
grammatische Fehlkonstruktionen
die der Intellektuelle
von hoher Warte
belächelt“ (1977)

Verse, mit denen Kibgis Leuten, wie dem eingangs zitierten Autor der Zeit, direkt den Wind aus den Segeln zu nehmen vermag. Sie schreibt nicht nur über die Arbeit unter Tage und die Kumpel, die in den 1980er-Jahren noch in die Gruben der Region einfahren, obwohl der Strukturwandel längst begonnen hat. Das Thema zieht sich durch viele ihrer Texte. Sie schreibt außerdem über Kaufhäuser (hierzu: Balint 2026) und über Fußball – nicht nur, aber vor allem über den „blau-weißen Riesen“ in ihrer Heimatstadt – so beschreibt sie im eben zitierten Gedicht den FC Schalke 04 (hierzu: Seidel 2026). Und auch politische Gedichte verfasst sie, und zwar aus der Haltung einer Gläubigen, der die Nächstenliebe wichtig und Fremdenhass fremd ist.

Literatur der Arbeitswelt

Ilse Kibgis schreibt als genaue, empathische Beobachterin, etwa über die „Pommesfrau“ (1984), wie eines ihrer Gedichte betitelt ist: „manchmal / zwischen zwei Handgriffen / blickt sie in Gesichter / wie in fremde Welten“, heißt es darin.

In ihrem Nachlass finden sich Typoskripte zu Gedichten mit den Titeln „Beim Chef“, „Alpträume einer Kassiererin“ und „Friseuse“ (alle undatiert).

Typoskript des Gedichts „Alpträume einer Kassiererin“ (Nachlassbestand FHI, Archivalie Kib 33-9, Bildrechte ebd.)
Typoskript des Gedichts: „Beim Chef“ (Nachlassbestand FHI, Archivalie Kib 33-23, Bildrechte ebd.)
Typoskript des Gedichts: „Friseurin“ (Nachlassbestand FHI, Archivalie Kib 33-60, Bildrechte ebd.)

Während Kibgis meist in der dritten Person von ihren Protagonist:innen schreibt, kippt in den „Alpträumen einer Kassiererin“, im Titel noch mit unbestimmtem Artikel, das Ich in den Text: „Cheflaunen / die mich abrichten“. So manches Mal schreibt sie aus der Erfahrung ihrer eigenen Arbeitsbiografie, etwa über die Kassiererin, über Mangelfrauen und Reinigungskräfte (siehe auch: Wortmann 2026). Sie ist mit einem Ofengießer verheiratet und arbeitet immer dann, wenn es die Haushaltskasse erfordert, in ganz verschiedenen Jobs.

Ihr Schreiben ordnet sie dem Alltag unter – und doch gelingt es ihr in aller Regelmäßigkeit, poetisch komplexe Gedanken auf Papier zu bringen; zunächst als handschriftliche Notiz, dann mit der Schreibmaschine getippt und ggf. noch einmal handschriftlich überarbeitet, wie im Typoskript zur „Friseuse“ zu erkennen. Eigene Erfahrungen und pointierte Beobachtungen speisen das Schreiben der Gelsenkirchnerin. Kibgis ist Chronistin einer Region und Chronistin der Arbeitswelt. Sie schreibt über Büroarbeit, wie sie über Handwerk schreibt, wie sie über ungelernte Professionen schreibt: mit einem klugen Blick auf die Verhältnisse und mit Witz.

 

Quellen und Literatur:

Archiv der neueren Sprachen und Literaturen 1/2026 [mit einem Schwerpunkt zu Ilse Kibgis hg. von Iuditha Balint und Thomas Wortmann], S. 1-79.

Balint, Iuditha: Vom Warenhaus zum Supermarkt. Konsum und Verkauf in

Texten von Ilse Kibgis, in: Archiv der neueren Sprachen und Literaturen 1/2026, S. 47–58.

Ilse Kibgis: Wo Menschen wohnen, hg. von Josef Büscher. Essen: Wickenburg 1977.

Ilse Kibgis: Meine Stadt ist kein Knüller in Reisekatalogen. Gedichte von Ilse Kibgis, hg. von Walter Köpping. Oberhausen: Asso Verlag 1984.

Roland Kirbach: Ilse Kibgis. Leben in zwei Welten. In: Die Zeit vom 09.08.1991. (https://www.zeit.de/1991/33/leben-in-zwei-welten)

Anna Seidel: Kennst Du den Mythos vom Horster Markt? Die Autorin Ilse Kigbis als „Fußballfreundin“, in: Archiv der neueren Sprachen und Literaturen 1/2026, S. 33-46.

Thomas Wortmann: Arbeit. Schreibkonstellationen und literarische Verhandlung bei Ilse Kibgis, in: Archiv der neueren Sprachen und Literaturen 1/2026, S. 8-21.