„Die drey Reiche der Natur“. Was ein Schulbuch aus dem 19. Jahrhundert über Identitätsbildung verrät

19.05.2026 Niklas Regenbrecht

Das Frontispiz des Schulbuchs „Der Mensch und das Tierreich“ vereint laut „Vorrede“ „Stoff, Lehrgang und Hilfsmittel des ersten naturgeschichtlichen Unterrichts über das Tierreich“. (Foto: Alltagskulturarchiv)

Christiane Cantauw

Unter der Signatur La 272 findet sich in der Bibliothek der Kommission Alltagskulturforschung ein eher unscheinbares Buch. Auf dem Buchrücken sind der Kurztitel „Mensch und Tierreich“ und die beiden Autoren Kraß und Landois eingeprägt. Schlägt man die 256 Seiten starke Publikation auf, so erfährt man, dass es sich um den ersten Band der dreibändigen Reihe „Der Mensch und die drei Reiche der Natur“ handelt; er trägt den Titel „Der Mensch und das Tierreich in Wort und Bild für den Schulunterricht in der Naturgeschichte“. Die vorliegende 13. Ausgabe ist 1903 in der Herderschen Verlagsbuchhandlung in Freiburg erschienen, die erste Ausgabe stammt aus dem Jahr 1877. In den beiden anderen Bände standen „Das Pflanzenreich“ (1. Aufl. 1881) sowie „Das Mineralreich“ (1. Aufl. 1882) im Zentrum.

Bei den beiden Autoren handelt es sich um Dr. Martin Kraß (1837–1925) und Prof. Dr. Hermann Landois (1835–1905), die auf dem Titel als „Schulrat, Kgl. Seminar-Direktor in Münster“ und „Universitätsprofessor in Münster“ bezeichnet werden. Hermann Landois wird den meisten Münster-Kenner:innen bekannt sein. Er gründete dort den Zoologischen Garten, der 1875 seine Tore öffnete, sowie das 1892 der Öffentlichkeit übergebene Westfälische Provinzialmuseum für Naturkunde; als überzeugter Vogelschützer hatte er zudem bereits 1871 den Westfälischen Verein für Vogelschutz, Geflügel- und Singvogelzucht aus der Taufe gehoben. Er war wohl das, was gemeinhin immer als „Original“ beschrieben wird.

„Jagd auf Seehunde“ lautete die originale Bildunterschrift unter dieser Zeichnung, Bild 37. (Foto: Alltagskulturarchiv)

Ebenso wie Martin Kraß war Hermann Landois in den 1860er Jahren am Gymnasium Paulinum in Münster, der ältesten humanistischen Lehranstalt Westfalens, tätig. Die etwa gleichaltrigen Autoren dürften sich bereits aus ihrer Schulzeit gekannt haben, denn beide waren auch Schüler des Paulinums, wenngleich in verschiedenen Klassenstufen. Auch nach ihrer Lehrtätigkeit am Paulinum blieben sie in Kontakt, musizierten beispielsweise gemeinsam in einem Quartett. Auf naturkundlichem Gebiet ergänzten sie sich in idealer Weise: Kraß war begeisterter Insektenforscher und Landois verfügte über das für die universitäre Lehr notwendige Allroundwissen in der Zoologie.

Widmet man sich den Vorworten der ersten bis 13. Auflage, so wird schnell klar, worum es den beiden Autoren geht. Ihr Ziel ist die in der Allgemeinen Verfügung über Einrichtung, Aufgabe und Ziel der Preußischen Volksschule vom 15.10.1872 formulierte „Gewöhnung der Kinder zu einer aufmerksamen Beobachtung und ihre Erziehung zu sinniger Betrachtung der Natur“ (VIII). Das soll sich verbinden mit einer kindgerechten Wissensvermittlung, bei der die Kinder „von Anfang bis Ende gespannt aufmerken“. (VII)

Für die einzelnen Neuauflagen des Schulbuchs wurden Beschreibungen und auch Abbildungen ergänzt. Insgesamt wartet die 13. Auflage mit 207 Lithografien auf, die die Physiologie des Menschen, die Tiere und Pflanzen, ihre Entwicklungsstadien sowie ihre natürliche Umgebung abbilden. Den Abbildungen messen die Autoren besondere Bedeutung bei, ergänzen sie doch nicht nur die eigene Anschauung (durch die Natur oder Präparate), sondern dienen auch als Vorlage für zeichnerische Übungen der Schüler. (VII)

Ein ex libris von August Pelkum deutet an, dass es sich bei dem Besitzer des Buches um einen Schüler handelte. (Foto: Alltagskulturarchiv)

Was aber macht ein naturkundliches Schulbuch in der Bibliothek einer kulturanthropologischen Forschungseinrichtung? Laut Inventarbuch der Bibliothek ist das Buch als Geschenk in die Bibliothek gelangt. Ein ex libris weist August Pelkum aus Enste (Stadtteil von Meschede) als ehemaligen Besitzer aus. Laut Signatur wurde das Buch der Sachgruppe „Landwirtschaft“ zugeordnet. 

Aus der Annahme des Geschenks für die Bibliothek spricht das Bemühen, eine möglichst umfassende und thematisch breit angelegte Bibliothek mit „Westfalica“ aufzubauen. Eine gewisse Rolle bei der Annahme mag gespielt haben, dass das Schulbuch von zwei bekannten Münsterschen Autoren verfasst worden ist.  

Wendet man sich dem Buchinhalt zu, so wird auch deutlich, dass Kraß und Landois offenbar genau abgewogen haben, was den Volksschüler:innen vermittelt werden sollte. Themengebiete wie „Der Mensch“, bei denen die Autoren keine eigene Expertise einbringen konnten, werden mit Bezug auf ältere und auch aktuelle wissenschaftliche Literatur referiert. So beziehen sich die Autoren beim Unterkapitel „Die Menschenrassen“ beispielsweise auf den Göttinger Anthropologen Johann Friedrich Blumenbach (1752–1840) und sein fünfteiliges Klassifizierungssystem des Menschen von 1795. Blumenbach hatte die von ihm beobachteten äußeren Unterschiede von Menschen zunächst als Varietäten bezeichnet; erst später benutzte er den Begriff „Rassen“. Mit Bezug auf Blumenbach stellten Kraß und Landois die „fünf Hauptrassen“ und ihre Unterscheidungskriterien (Hautfarbe, Haarfarbe, Gesicht) nebeneinander, ohne sie zu hierarchisieren. Anschluss an die neuere Forschung erhofften sie sich wohl durch die Anlehnung an den Leipziger Geografen und Anthropologen Oscar Peschel (1826–1875). Er hatte eine Einteilung der Menschen in neun Menschenrassen vorgeschlagen. Kraß und Landois referieren auch diese Einteilung als Aufzählung ohne biopolitische, rassistische Konnotationen, wie sie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bereits weit verbreitet waren.

In dem Schulbuch geht es nicht nur um die Vermittlung von Faktenwissen, sondern auch um Erziehung. Das wird beispielsweise deutlich, wenn im Abschnitt „Mensch“ die „wichtigsten Gesundheitsregeln“ – Mäßigung, Arbeitsamkeit, Reinlichkeit, Vorsicht – aufgelistet werden (S.17) oder wenn die Autoren gegen Eulenvögel betreffenden „Aberglauben“ zu Felde ziehen: „Vor dem Lichte der Wissenschaft zerrinnen die Trugbilder wie vor der aufgehenden Sonne die Dunkel der Nacht. Wer waren denn jene Schatten, die doch sein Auge gesehen und deren unheimliche Stimmen sein Ohr vernommen hat? Es waren harmlose Vögel, Eulen, die im Walde ihre Beute verfolgten und zum Nutzen der Menschen manches schädliche Tier vertilgten.“ (S. 109f.)

„Hausmäuse in der Vorratskammer“ lautet die originale Bildunterschrift zu Bild Nr. 42. (Foto: Alltagskulturarchiv)

Was das Mensch-Tier-Verhältnis betrifft, so ist das Schulbuch durch und durch anthropozentrisch: Nahezu alle Tiere werden danach beurteilt, welchen Nutzen oder Schaden sie dem Menschen erbringen: Eichhörnchen sind possierlich, Mäuse Schädlinge, Löwen gefährlich, Orang-Utans menschenähnlich, Krokodile gefräßig, Adler edel, Pferde und Rinder unentbehrlich, Robben und Seidenspinner nützlich. Walfang („Die starke Specklage eines großen Walfisches liefert gegen 20000 kg Tran.“ (S.81)) und Robbenschlagen („Im Jahre 1870 wurden von 55000 jungen und 33000 alten Seehunden Tran und Felle aus dem Eismeere heimgebracht.“ (S.47)) werden als selbstverständliche Realitäten des täglichen Lebens und Wirtschaftens dargestellt. Alltäglich sind offenbar aber auch Kopfläuse („findet sich vorzugsweise auf dem Kopf unsauber gehaltener Kinder“ (S.225)) und Bettwanzen. Über Letztere heißt es: „Die Wohnungen der Menschen werden von verschiedenem Ungeziefer heimgesucht. Keines aber ist unangenehmer und lästiger und schwerer zu vertilgen als die Bettwanze.“ (S.223) 

Wale werden in dem Schulbuch als „Seeungetüme“ bezeichnet, deren Tran, Fleisch und Knochen den Walfängern finanzielle Gewinne einbringen, Bild 63. (Foto: Alltagskulturarchiv)

An vielen Stellen erlaubt das Schulbuch einen vertieften Zugang zu Identitätskonstruktionen und Identitätsbildungsprozessen. Dies mag als Plädoyer gelesen werden, sich neben dem Unterrichtsmaterial der gesinnungsbildenden Fächer, die bereits seit Beginn des 21. Jahrhunderts im Kontext der Legitimierung nationaler Deutungsmuster untersucht werden, auch den naturwissenschaftlichen Lehrbüchern zuzuwenden.

Mit dem reihentitelgebenden Bezug auf das Gedicht „Die drey Reiche der Natur“ von Gotthold Ephraim Lessing (1729–1781), veröffentlicht 1747 in der Wochenschrift „Der Naturforscher“, postulieren die Autoren jedenfalls einen umfassenden Bildungsanspruch, der sich nicht auf die Schulbildung beschränkte.   

Bild Nr. 54 zeigt laut Bildunterschrift ein „Kamel zu Wüstenreise beladen; ein Dromedar im Hintergrunde“. (Foto: Alltagskulturarchiv)

Quellen und Literatur:

Krass, Martin, Landois, Hermann: Die drei Reiche der Natur. Bd. 1: Der Mensch und das Tierreich in Wort und Bild für den Schulunterricht in der Naturgeschichte, 13. Aufl.. Freiburg 1903.

Fuchs, Eckhard, Niehaus, Inga, Stoletzki, Almut: Das Schulbuch in der Forschung. Analysen und Empfehlungen für die Bildungspraxis. Göttingen 2014.