Schwerpunkt Arbeit(en): „Darüber wurde nicht gesprochen“. Erinnerung, Geschlecht und das Sagbare in den Berichten zu Knechten und Mägden (Teil 2)

15.05.2026 Niklas Regenbrecht

Bäuerliche Familie mit Knechten und Mägden vor dem Hof, Minden-Dankersen, 1903, Fotograf unbekannt, Archiv für Alltagskultur in Westfalen, 2021.00013.

Teil 1 hier!

Annemarie Hallmann

Die im Archiv der Kommission Alltagskulturforschung für Westfalen überlieferten Berichte zur Frageliste 18 („Knechte und Mägde“) geben nicht nur Einblick in Arbeits- und Lebensverhältnisse um 1900, sondern auch in die Weise, wie diese Jahrzehnte später erinnert und dargestellt wurden. Dabei fällt auf, dass Erinnerung selektiv ist und unter anderem entlang geschlechtsspezifischer Muster strukturiert wird. Geschlecht prägt sowohl die beschriebenen Tätigkeiten als auch die Formen des Erzählens und die Grenzen des Sagbaren.

Zunächst zeigt sich, dass die Arbeitswelt von Knechten und Mägden in den Berichten durch eine klare geschlechtliche Ordnung geprägt ist. Männliche Dienstboten erscheinen vor allem im Zusammenhang mit Feldarbeit, Viehversorgung und körperlich anspruchsvollen Tätigkeiten, während weibliche Arbeit in den Bereich von Hausarbeit, Pflege und Fürsorge eingeordnet wird. Immer wieder heißt es, Ackerarbeit, Holzfällen, Roden oder Gräben reinigen seien „reine Männerarbeit“ (MS03062), während „Essenszubereitung, Milchbearbeitung, Viehfutterbearbeitung und Viehfüttern, Hausreinigung, Kleiderflicken und Strümpfe stopfen reine Frauenarbeit“ gewesen seien (MS04103; MS03360). Eine Erzählerin fasst dies lapidar zusammen: „Frauenarbeit blieb Frauenarbeit und Männerarbeit eben Männerarbeit“ (MS04890). Diese Differenz wird in den meisten Berichten nicht weiter reflektiert, sondern als selbstverständlich vorausgesetzt.

Magd, Gremmendorf, 1958, Fotograf Adolf Risse, Archiv für Alltagskultur in Westfalen, 0000.09989.

 „Die Magd galt als Stellvertreterin der Hausfrau“ (MS00578). Ihr Aufgaben- und Arbeitsspektrum gestalteten sich entsprechend. „Die Mägde gingen sofort nach dem Aufstehen an die Melkarbeit [...]. Eine Magd fütterte Kälber und Schweine. Die andere putzte, fegte und machte die Betten, danach half sie der Bäuerin beim Kochen und Gemüse putzen“ (MS04227). Bei Krankheit sprang man ein: „Wenn die Frau im Wochenbett lag, musste das Großmagd allein die Arbeit verrichten; die größeren Kinder versorgten sich“ (MS01788, ins Hochdeutsche übersetzt). Die Position der Magd wird hier eindeutig innerhalb der häuslichen Hierarchie verortet und zugleich funktional bestimmt.

Innerhalb des Gesindes selbst bestanden abgestufte Verantwortlichkeiten. „Der Graute Knecht war der Stellvertreter des Bauern und saß ihm am Tischende gegenüber“ (MS01841). Der „Baumeister“ erscheint als Schlüsselfigur: Er „bestimmte das Tempo“, ordnete die Arbeit und „bestrafte den Kleinknecht, wenn es ihm angebracht schien“ (MS04545). Das macht deutlich, dass die Arbeitsorganisation nicht nur geschlechtlich strukturiert war, sondern auch durch interne Hierarchien geprägt wurde.

Neben diesen strukturellen Aspekten sind Unterschiede in der Art des Erinnerns erkennbar. Die Berichte legen nahe, dass männlich konnotierte Tätigkeiten häufiger im Zusammenhang mit Leistung, Arbeitspensum und Position innerhalb des Hofes beschrieben werden, während weiblich konnotierte Bereiche stärker mit Fürsorge, Haushaltsführung und sozialen Beziehungen verbunden sind.

Diese Differenz verweist darauf, dass Geschlecht nicht nur soziale Praxis strukturiert, sondern auch die Formen ihrer Darstellung beeinflusst.

Erinnerung ist kein neutraler Zugriff auf Vergangenes, sondern ein sozial eingebetteter Prozess, der durch kulturelle Normen und kommunikative Kontexte geprägt ist. Was erinnert wird, ist stets auch davon abhängig, was erzählt werden kann. In diesem Zusammenhang fällt auch die geringe Präsenz expliziter Emotionalität auf. Gefühle werden in den meisten Berichten nicht direkt benannt, sondern bleiben implizit oder werden durch normative Formulierungen überlagert. Dies gilt insbesondere für potenziell negative Erfahrungen, die selten detailliert ausgeführt werden. Strenge und Gewalt erscheinen zumeist normalisiert und dienen der Erzählung als Belege für Disziplin und Durchhaltevermögen. Die geschlechtsspezifischen Unterschiede im Erinnern sind daher nicht ausschließlich als Spiegel unterschiedlicher Tätigkeiten zu verstehen. Sie verweisen vielmehr auf unterschiedliche kulturelle Erwartungen an männliche und weibliche Selbstbeschreibungen. Selektivität ist kein Defizit der Quelle, sondern ein zentraler Bestandteil ihrer Aussagekraft. Sie macht sichtbar, wie Vergangenheit nicht nur bewahrt, sondern aktiv geformt und gedeutet wird.

Auch hier ist schließlich die Erhebungssituation selbst zu berücksichtigen. Die Frageliste lenkte die Aufmerksamkeit auf bestimmte Themenfelder und beeinflusste damit, was erinnert und wie darüber gesprochen wurde. Zudem weist auch der Quellenbestand eine Schieflage auf, da der deutlich größere Teil der Einsendungen von männlichen Gewährspersonen stammt. Die Berichte sind daher nicht nur individuelle Erinnerungen, sondern auch Produkte eines spezifischen wissenschaftlichen Kontextes.

Insgesamt zeigen die Manuskripte, dass Geschlecht eine zentrale Rolle für die Strukturierung von Erinnerung spielt. Es prägt nicht nur die dargestellten Lebensrealitäten, sondern auch die Formen ihrer sprachlichen Verarbeitung. Die Analyse macht damit deutlich, dass sowohl das Gesagte als auch das Nicht-Gesagte Teil einer erinnerungskulturellen Ordnung sind, die in der Vergangenheit sinnhaft organisiert wird.

 

Literatur

Assmann, Aleida: Formen und Wandlungen des kulturellen Gedächtnisses. München 2011.

Hallmann, Annemarie: Erinnerungskulturelle Konstruktion(en) zum Alltag von Knechten und Mägden um 1900 – Eine Analyse der Frageliste 18 im Archiv für Alltagskultur in Westfalen, Masterarbeit im Fach Kulturanthropologie, Universität Münster, Wintersemester 2025/26.

Sauermann, Dietmar: Knechte und Mägde in Westfalen um 1900. Münster 1979.

Torzewski, Christiane: Heimat sammeln: Milieus, Politik und Praktiken im Archiv für westfälische Volkskunde (1951–1955). Münster 2021.

Welzer, Harald: Das kommunikative Gedächtnis. München 2001.