„In Florenz könnte es mir am besten von allen Städten Italien gefallen.“ Die Reisebeschreibung des Malergesellen Heinrich Althoff aus Langenhorst

28.08.2026 Niklas Regenbrecht

Seine Aufzeichnungen von einer viermonatigen Reise durch Kroatien, Italien, die Schweiz und Deutschland im Jahre 1882 hat Heinrich Althoff mit „Reisebeschreibung.“ überschrieben. (Alltagskulturarchiv, Sign. K542, Foto: Cantauw)

Christiane Cantauw

Reisetagebücher sind historische Quellen, die vielfältige Informationen – beispielsweise über Reiseziele, Reiseverkehrsmittel und Reisekosten – enthalten. Als Ego-Dokumente berichten sie zudem über die Reisenden, die sie verfasst haben. Die nahmen sich während, seltener kurz nach ihrer Reise, die Zeit, Erinnerungswertes aufzuschreiben. In der Regel waren ihre Notizen nicht zur Veröffentlichung gedacht, sondern sie dienten der privaten Rückschau. So auch im Fall des Reisetagebuchs von Heinrich Althoff aus Langenhorst (heute Stadtteil von Ochtrup).

Eine Kopie des 93 Seiten umfassenden Originaldokuments aus dem Jahr 1882 wird im Alltagskulturarchiv unter der Signatur K542 verwahrt. Auf 47 Seiten berichtet Heinrich Althoff darin von den Stationen einer viermonatigen Reise von Kroatien über Italien, die Schweiz und Deutschland. Weitere 34 Seiten sind mit Skizzen gefüllt und am Ende notiert Heinrich Althoff auf insgesamt zwölf Seiten seine Ausgaben und Anschaffungen.

Malergeselle Heinrich Althoff, am 20. August 1853 in Langenhorst geboren, hatte schon vor dieser Reise seit 1874 lange Jahre auf Wanderschaft verbracht. Ob es sich dabei um eine regelgerechte Gesellwanderung (Walz) gehandelt hat, lässt sich auf Basis der Quellen nicht sagen. Ein Arbeitsbuch, in das die Arbeitgeber Zeugnisse hineinschrieben liegt von ihm nicht vor, wohl aber ein Notizbuch, in das er selbst eintrug, wann er wo gearbeitet hat. Nach Stationen in Münster, Hamburg, im Rheinland und in Brüssel wandert er ab 1880 auch durch Süddeutschland und Österreich. Die meist längeren Aufenthalte in den einzelnen Städten lassen darauf schließen, dass Heinrich Althoff in dortigen Betrieben gearbeitet hat. Das belegen auch Einträge in seinem Notizbuch. Als Mitglied des Katholischen Gesellenvereins hat er sich auch in den entsprechenden Ortsvereinen angemeldet. Das geht aus den Einträgen in seinem „Wanderbüchlein“ (1873 – 1883) hervor, die unter anderem bestätigen, dass er während seines Aufenthaltes „ein braves und treues Mitglied“ des Vereins gewesen sei (Hamburg, 30.1.1876) oder dass er „seit Januar hier auf dem Schloß Nordkirchen gearbeitet und sich gut betragen“ habe (Nordkirchen, 24.6.1877). Auch während seiner 1882 unternommenen Reise übernachtet er nach Möglichkeit in den Häusern des Katholischen Gesellenvereins, wie die Eintragungen aus dieser Zeit belegen.

Deckblatt des vom katholischen Gesellenverein herausgegebenen „Wanderbüchlein“ von Heinrich Althoff. Es wurde von 1873 bis 1883 geführt. (Alltagskulturarchiv, Sign. K539, Foto: Cantauw)

1882 unternimmt Heinrich Althoff mit zwei anderen Gesellen eine viermonatige Reise, am 9. Januar 1882 ausgehend vom berühmten Marienwallfahrtsort Marija Bistrica in Kroatien über Triest in Südtirol – beide waren Teile der Donaumonarchie – führte der Weg weiter nach Venedig und dann durch ganz Italien und die Schweiz zurück nach Deutschland. Über seine Reisebegleitung erfährt man aus den Aufzeichnungen leider nicht mehr als ihre Namen. Aus dem Zusammenhang lässt sich schließen, dass auch sie Angehörige des katholischen Gesellenvereins waren und dass Althoff sie bereits seit längerer Zeit kannte. Auf der Rückreise überquert die Reisegruppe am 26. Februar 1882 die Grenze zwischen Italien und der Schweiz. Für die Durchquerung der Alpenrepublik benötigen die Gesellen rund einen Monat. Im Laufe des April und Mai geht es über Konstanz, Straßburg, Baden-Baden und viele weitere Stationen zurück bis nach Münster, wo Heinrich Althoff am 12. Mai 1882 mit dem Zug ankommt: „Samstag morgen 6 Uhr 35 Min wieder [aus Elberfeld] abgereist über Hagen, Unna, Hamm nach Münster“.

Die kurze Aufenthaltsdauer in den italienischen Städten von meist nur ein bis zwei Tagen – lediglich in Rom verbringt er 14 Tage – ist ein Indiz, dass er dort nicht gearbeitet hat; in seinem Bericht schreibt er davon zudem an keiner Stelle. Auch über seine Motivation für die Reise äußert er sich nicht; dennoch wird deutlich, dass es sich um eine Bildungsreise handelt: Heinrich Althoff geht es um handwerkliche Inspirationen in den Fachgebieten Kirchenmalerei, Architektur, Innenausstattung von Kirchen, aber auch um religiöse und kulturelle Bildung, zu der für ihn auch die Besichtigung von örtlichen Sehenswürdigkeiten gehört.

Von einer Schiffspassage von Triest nach Venedig am 14. Januar 1882 abgesehen, ist das wichtigste Reiseverkehrsmittel der kleinen Reisegruppe die Eisenbahn. In Venedig erwerben die Gesellen je ein Rundreisebillet für 88,20 Lira, das für alle Fahrten in Italien genutzt wird. In Kroatien und in der Schweiz bewegt man sich überwiegend zu Fuß, legt dabei auch beträchtliche Tagesetappen zurück. „Am Donnerstag den 12. Januar gingen wir um 8 Uhr los, kamen des Abends um 8 Uhr in Triest an. Der Tagesmarsch war 48 Kilometer (10 Stunden). Diese Tour war auch interessant“, schreibt Heinrich Althoff in sein Tagebuch.

Zu jeder Station der Reise notiert er, wie sie dort hingekommen sind, gibt Auskunft über die genauen Abfahrts- und Ankunftszeiten und wo sie übernachtet haben, nennt nicht immer, aber häufig den Namen des Gasthofs und des Gastwirts, bewertet die Qualität und beziffert die Kosten, beschreibt, was er vor Ort unternommen und was ihn beeindruckt hat. Vielen der Einträge ist seine Begeisterung deutlich anzumerken; so stellt er in Venedig fest: „Von außen ist der Doschenpalast [Dogenpalast] auch ein Kunstwerk[.] die feine Ausführung der Bildhauerarbeit [,] die Bauart ist ganz unbeschreiblig [sic].“ (15.1.1882) und vermerkt für Neapel: „Freitag den 27. besuchten wir den berühmten Friedhof. Derselbe hat viele herrliche Monumente, sehr viele Gruften in Kapellen & Mauern, alles war in Grün wirklich ein Friedhof der wohl einzig in seiner Art in Europa da steht.“ (27.1.1882)

Wenn die einzelnen Einträge auch recht kurz sind, so wird doch deutlich, was Heinrich Althoff besonders interessiert hat: Neben Architektur, Malerei und sakraler Kunst sind das die Landschaft, zu der er vielfach Impressionen notiert, und die herausragenden örtlichen Sehenswürdigkeiten, beispielsweise das Heilige Haus in Loreto, der Markusplatz in Venedig, das antike Pompeii und der Vesuv im Golf von Neapel, das Pantheon in Rom und die vatikanischen Museen, die Antonius-Kirche in Assisi und der schiefe Turm von Pisa. Oft sucht er wie im Schloss Miramare bei Triest Aussichtspunkte auf, um sich einen Überblick zu verschaffen: „Eine schöne Aussicht übers Meer hat man im Park vom Aussichtsturm.“ (Triest, 14.1.1882)

Leumundszeugnisse der Vereinsvorstände im Wanderbüchlein sollten unerwünschtem Verhalten von wandernden Gesellen vorbeugen. (Alltagskulturarchiv, Sign. K539, Foto: Cantauw)

Selten schreibt Heinrich Althoff über das Wetter. Wichtig scheint ihm zu sein, dass es für die jeweiligen Unternehmungen passend war. Beispielsweise war das „Wetter in Rom […] sehr schön, so war jeder Tag zu jedem Plan günstig“ (9.2.1882)). Einmal notiert er, dass es in Neapel sehr heiß gewesen sei (27.1.1882). Auch die Qualität der Reiseverkehrsmittel scheint ihm meist nicht der Erwähnung wert. Nur einmal bemerkt er, man habe auf dem Oberdeck des Schiffs nach Venedig sehr gefroren; als Passagiere der 3. Klasse mussten sie sich während der Überfahrt auf dem Oberdeck aufhalten (Venedig, 14.1.1882)). Und etwas später heißt es, im Zug nach Neapel sei es recht kalt gewesen (Neapel, 27.1.1882). Hinsichtlich des Essens erfährt man manchmal, was es gekostet hat, aber an keiner Stelle, was überhaupt gegessen wurde und ob es geschmeckt hatte.

In Rom wird Heinrich Althoff zufällig Zeuge eines besonderen Ereignisses, das ihn als Katholik stark beeindruckt hat: „Sonntag, den 29. Januar hatte ich das Glück [,] den hl. Vater Leo XIII zu sehen, bei der Gelegenheit der Seligsprechung des Franziskanerbruders Humilis von Bisgnagno [Humilis des Bisignano, 1582 – 1637] [,] gestorben Ende des 17. Jahrhunderts. […] Nur sei erwähnt [,] das [sic] der hl. Vater ein [sic] sehr großen, liebevollen, ehrwürdigen Eindruck auf mich gemacht hat. Derselbe ist klein [,] etwas gebäugt [sic] des Alters wegen. Die Kapelle [,] wo diese Feier war, war von ungefähr 2000 Kerzen Lichter erleuchtet festlich geschmückt.“ (Rom, 29.1.1882) Ähnlich beeindruckt zeigt sich Heinrich Althoff vom Marmertinischen Kerker (Carcer Tullianus) in Rom, wo in christlicher Zeit angeblich die Apostel Petrus und Paulus gefangen gehalten wurden: „Hier ist noch eine Quelle [,] welche auf das Gebet des Hl. Petrus entsprang [,] um 27 Soldaten und 2 Gefängniswärter […] als Neubekehrte zu taufen. Ich habe aus dieser Quelle noch Wasser getrunken.“ (Nachtrag Rom, nicht datiert) Auch der Wallfahrtsort Loreto, die Vielzahl der unterschiedlichen Reliquien in der St.-Antonius-Kirche in Padua oder die Klosterkirche in Bologna, wo der Leichnam der Hl. Katharina auf einem Thron sitzend zu sehen war, hinterlassen bei Heinrich Althoff einen prägenden Eindruck. Hier wie auch in dem Bestreben, der „christlichen Pflicht“ (Besuch der hl. Messe am Sonntag; Beichte) Genüge zu tun, zeigt er sich als gläubiger Katholik. Als solcher nimmt er auch zur Kenntnis, dass es in der Wirtschaft im schweizerischen Altdorf recht lustig zugehe, „obschon es der 1. Fastensonntag war“. (Altdorf, 26.1.1882)

Die Reisebeschreibung von Heinrich Althoff enthält im hinteren Teil auch Skizzen von sakraler Architektur. (Alltagskulturarchiv, Sign. K542, Foto: Cantauw)

In Hinblick auf die Flora und Fauna in Italien notiert er staunend, dass „viele Blumen blühen“ und „viele Bäume wie auch in ganz Italien in vollem Grün“ zu sehen sind (Rom, 9.2.1882). Zwischen Bologna und Padua bemerkt er die fruchtbaren Ebenen, um Rom herum Ödnis und Unfruchtbarkeit. Er ist beeindruckt von felsigen Wegen und rauschenden Flüssen in den Alpen und vom Rheinfall in Schaffhausen.

Die Menschen in den vom ihm bereisten Ländern spielen in seinem Tagebuch eine untergeordnete Rolle: Sie werden aus dem Zug heraus bei der Feldarbeit beobachtet, treten als Hotelbesitzer in Erscheinung oder auch als Rat gebende „Leute in Ariolo“, die die Reisegruppe vor der Überquerung des Gotthardpasses warnen. Auch ihre Kleidung hält Heinrich Althoff manchmal für erwähnenswert. Nur einmal lässt er sich zu einer eher stereotypisierenden Beschreibung der italienischen Landbevölkerung hinreißen, deren Wohnverhältnisse er als „Einfachheit der Römer“ kategorisiert.

Heinrich Althoff gehörte im 19. Jahrhundert sicher nicht zu denjenigen Reisenden, die man auf einer Italien- und Schweizreise erwarten würde. Das waren im 19. Jahrhundert überwiegend männliche Adelige und wohlhabende Bildungsbürger. Sie schlossen ihre Ausbildung mit einer Grand Tour durch europäische Länder ab, deren Schwerpunkt vielfach in Italien oder Großbritannien lag. Selbstverständlich wurden dabei auch all diejenigen Sehenswürdigkeiten aufgesucht, von denen auch Heinrich Althoff berichtete und die in den einschlägigen Reiseführern (Baedecker, Grieben) zur besonderen Beachtung empfohlen wurden.

Heinrich Althoff und seine Mitreisenden belegen, dass die Wohlhabenden gegen Ende des 19. Jahrhunderts in den touristischen Destinationen nicht mehr unter sich waren. Wenn die Handwerksgesellen auch jeden Pfennig umdrehen mussten und sich über hohe Preise und Nepp ärgerten – „für die Gondeln (= Nachen) haben wir zu viel gezahlt“ (Venedig, 15.1.1882); „das Essen war ebenfalls für Handwerker nicht billig“ (Padua, 16./17.1.1882) – , so interessierten auch sie sich für fremde Länder und stellen sich vielleicht für einen (kurzen) Moment auch die Frage, ob und wo man sich ein Leben in Italien vorstellen könnte. Das war für Heinrich Althoff leicht zu beantworten, denn die norditalienische Stadt Florenz hatte ihm ausnehmend gut gefallen: „Schöne Berge, proper [sic], groß, schön etc. etc.“.     

 

Literatur:

Babel, Rainer; Paravicini, Werner (Hrsg.): Grand Tour. Adeliges Reisen und europäische Kultur vom 14. bis zum 18. Jahrhundert. Ostfildern 2005.

Lauterbach, Burkhart: Tourismus. Eine Einführung aus Sicht der volkskundlichen Kulturwissenschaft. Würzburg 2006.   

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Schlagworte: Christiane Cantauw · Handwerk