Bundesbahn rauchfrei. Der Dampflok-Abschied in Rheine 1977

25.08.2026 Niklas Regenbrecht

Zwei Einheitslokomotiven, ein ungleiches Paar: Die am Bahnsteig wartende Lok der Baureihe 01 war ein echtes Schwergewicht des Schnellzugdienstes, während die, auf dem Nebengleis stehende, E41 („E“ für elektrisch; später Baureihe 141) die leichteste Ausführung der Einheitselektrolokomotiven war, welche die Dampfloks auf den elektrifizierten Strecken ablösen sollten (Hamm (Westf.) Personenbahnhof, ca. 1965; Westfälischer Heimatbund/Archiv für Alltagskultur, WHB F 2b.9.176)

Yannick Rüskamp

Ein ganzes Jahrhundert war die Dampflokomotive das Sinnbild für die industrialisierte Moderne. Raum und Zeit lösten sich buchstäblich in Rauch auf. Mitte des 20. Jahrhunderts hatte die Moderne jedoch die „Dampfrösser“ eingeholt. Mit Ausbreitung der Individualmotorisierung und des Flugverkehrs geriet die nach dem Zweiten Weltkrieg ohnehin schwer angeschlagene Bundesbahn zunehmend unter Konkurrenzdruck.

Eine der wichtigsten Maßnahmen, mit welcher die Bundesbahn versuchte, sich den anderen Verkehrsmitteln gegenüber zu behaupten, war die Elektrifizierung der wichtigsten Magistralen im westdeutschen Streckennetz. Mit dieser Modernisierungsmaßnahme verband sich eine tiefgreifende Rationalisierung. Die „Dreckschleudern“ Dampfloks waren nicht nur umweltschädlich, sondern auch teuer im Betrieb, da sie einerseits auf ein dichtes Netz an Versorgungseinrichtungen (Wassertürme, Kohlelager, Drehschreiben) angewiesen waren, und andererseits von zwei Personen – einem Lokomotivführer und einem Heizer – geführt werden mussten. Mit dem Übergang zur Elektro- bzw. Diesellokomotive entfiel die Position des Beimanns komplett. Die Elektrifizierung verband sich zudem mit einem sukzessiven Abbau von unrentablen Zugleistungen bis hin zur Stilllegung ganzer Strecken. In der Zeit zwischen 1949 und 1989 verkleinerte sich so das westdeutsche Streckennetz um ein Zehntel, von 30.344 km auf 27.045 km, während die Personalzahlen beim größten Arbeitgeber der Bundesrepublik um mehr als die Hälfte, von ca. 539.000 auf 249.000 sank (vgl. Schulz 1999: 319).

Eisenbahnknotenpunkt Rheine: Tor zum Emsland

In Rheine, wo 1856 die Hannoversche Westbahn (Emden – Löhne) auf die preußische Strecke von Münster traf, war bereits früh ein bedeutsamer Eisenbahnknotenpunkt entstanden, welcher mit der Eröffnung der Bahnstrecke von Almelo in das benachbarte niedersächsische, Salzbergen (1865) eine direkte Verbindung in die Niederlande erhielt. Weitere Anschlüsse kamen mit der Strecke Duisburg – Quakenbrück (1879) und der Bahn nach Ochtrup (1905) hinzu. Auf der Strecke Almelo – Salzbergen verkehrt heute der Fernzugverkehr zwischen Amsterdam und Berlin.

Doppelte Kraft für schwere Last: Die kohlegefeuerte 044 199-8 zieht gemeinsam mit einer ölgefeuerten Schwester der Baureihe 043 einen Erzzug nach Emden. (Rheine, 17.10.1970; aus dem Dampflokkalender 2024 von Rainer Kohl)

Neben dem Betriebswerk im Bahnhofsbereich (Bw Rheine P) entstand um den in den 1910er-Jahren an der Strecke nach Münster errichteten Rangierbahnhof ein zweites Betriebswerk in Rheine-Hauenhorst mit der Bezeichnung Rheine R. Die „Emslandstrecke“, wie die Bahn zwischen Rheine und Norddeich bezeichnet wird, stellt den kürzesten Weg vom Ruhrgebiet an den Nordseehafen Emden her. Hier wurden unter anderem Kohle- und Erze transportiert (bevor der Erzumschlag 1986 ins niederländische Rotterdam abwanderte). Im Hafen von Emden wurden schwedische Erzimporte für die Industrien an Ruhr und Saar umgeschlagen, während in anderer Richtung Schüttgut-Kohle ausgeführt wurde. Entsprechend ihrer Stellung als Hauptstrecke war auch sie für die Elektrifizierung vorgesehen.  Wegen der späten Umstellung wurden die Emslandstrecke und das Bw Rheine R  zu letzten Rückzugsorten der Dampfloks.

Noch ein ungleiches Paar: Im September 1977 ist das bevorstehende Ende der Dampflokzeit nicht zu übersehen. Die Diesellok 221 150 ersetzt eine der beiden Dampflokomotiven, die bislang den „Langen Heinrich gezogen haben. Wenige Jahre später ist auch die Baureihe 221 (V 200) reif fürs Museum (Emden-Petkum, September 1977; aus dem Dampflokkalender 2018 von Rainer Kohl)

Zuletzt brachten die Züge, welche Schüttgut transportierten, 4.000t auf die Waage. Bespannt wurden sie zumeist mit zwei ölgefeuerten Lokomotiven der Baureihe 44 (ab 1968 Bezeichnung als Baureihe 43). Aufgrund ihrer Länge – sie führten im „Doppelpack“ 50 Selbstentladewagen, die für diese Transporte zusätzlich verstärkt worden waren – wurden sie als Langer Heinrich bezeichnet, was von dem aufgemalten Buchstaben „H“ (für die hydraulische Klappenbetätigung) auf vielen der braunen Wagen herrührt. Autofahrer:innen hingegen, welchen den schweren Güterzügen an Bahnübergangen Vorfahrt zu geben hatten, nannten sie Braune Wand. Die Höchstgeschwindigkeit der Züge war aus Sicherheitsgründen auf 65km/h beschränkt. Auf ihrem Weg mussten die Züge in Lingen (Ems) einen Betriebshalt einlegen, um Wasser zu tanken. Im bereits elektrifizierten Betriebsbahnhof Münster-Nevinghoff (seit 1995 Personenbahnhof Münster Zentrum Nord) erfolgte die Traktionsumstellung von Dampf auf Elektrisch – auch bei Fahrten in umgekehrter Richtung. 

Übersichtskarten mit den eingezeichneten Programmpunkten aus der Festschrift Die Bahn in Rheine

Das Abschiedsfest 1977: Festklänge in Krisenzeiten

Es waren wohl einige der aufregendsten Wochen in der Zeitgeschichte der Stadt Rheine. Ende August 1977 war bereits der 650. Jahrestag der Verleihung der Stadtrechte gefeiert worden. Am Wochenende des 10. und 11. September folgte dann der große Dampflok-Abschied. Die Münstersche Volkszeitung/Rheiner Volksblatt titelte am darauffolgenden Montag, dass „rd. 80.000“ Besucher aus allen Teilen der Bundesrepublik aber auch aus Frankreich, Großbritannien, Australien und Japan nach Rheine gekommen waren. Besonders zahlreich aus dem Ausland vertreten waren die Niederländer, welche teilweise mit zwei Sonderzügen, natürlich dampfbetrieben, gekommen waren.

Das epochale Moment fand große mediale Resonanz. Die Deutsche Presseagentur berichtete ebenso wie der Westdeutsche Rundfunk. Der Deutschlandfunk sendete am Samstagmorgen vom Bahnsteig Nr. 1 des Rheinenser Bahnhofes. Von dort fuhr aus fuhr ein Dampfsonderzug nach Leer (Ostfr.), begleitet von zahlreichen Berichterstatter:innen und Schaulustigen mit Foto-Apparaten und Tonbandgeräten. Die beiden Zugpaare wurden abwechselnd von zwei verschiedenen Lokomotiven gezogen, welche der Nachwelt bis heute erhalten sind. 43 196-5 grüßt vor dem Bahnhof Salzbergen ankommende und abreisende Fahrgäste. 42 113-1, eine sog. Kriegsdampflokomotive, kann unter ihrer ursprünglichen Bezeichnung (vor der Umrüstung von Kohle auf Öl) als 41 113 im Technikmuseum Sinsheim begutachtet werden.

Auch zwischen dem Bahnhof und dem Bw Rheine R (Distanz etwa 3,5km) verkehrte halbstündlich ein Dampfzug. Dort kam 42 186-7 zum Einsatz, welche heute (ebenfalls unter Bezeichnung als 41er) im Eisenbahnmuseum Gummersbach-Dieringhausen beheimatet ist. Im Betriebswerk konnten die Besucher bei der Dampflokparade und der Triebfahrzeugschau eine Vielzahl von Lokomotiven aus gänzlich ungekannten Perspektiven begutachten. Für viele dürften die Mitfahrten auf dem Führerstand ein Höhepunkt gewesen sein. Jüngere Besucher waren besonders von den Wettfahrten mit Draisinen angetan. Ebenso verkehrte im Betriebswerk eine (straßengebundene) Nachbildung des legendären Adlers, mit dem der Bahnbetrieb in Deutschland 1835 zwischen Nürnberg und Fürth begonnen hatte. Daneben gab es Filmvorführungen, eine Bilddokumentation wie eine Modelleisenbahn. Eisenbahn-Fanatiker erfreuten sich zudem einer Verlosung nicht mehr benötigter Einzelteile von Signalen oder Lokomotiven, die nun zu Andenken an die Dampflokzeit wurden.

Neben den Dampfsonderzügen bot die Bundesbahn im Bereich des Bahnhofs weiteres Programm an. Im Bahnhofsgebäude war ein Sonderpostamt eingerichtet worden, welches zum Ereignis passende Briefumschläge und -marken vertrieb. Im Bereich der Güterabfertigung zeigte sich die Bundesbahn in einer Leistungsschau in modernem Gewand, mit aktuellen Intercity-, Schlaf- wie Speisewagen, aber auch verschiedenen Typen von Güterwagen. Es war aber der Elektrotriebzug der Baureihe 420 (auch heiliger ET genannt) welcher der „Star“ der Leistungsschau werden sollte. Von der Verwaltung der Güterabfertigung wurde anlässlich des Dampflok-Abschieds eine Festschrift mit dem Titel „Die Bahn in Rheine“ herausgegeben. Darüber hinaus fanden auf dem Bahnhofsvorplatz Platzkonzerte mit den Bundesbahn-Orchestern Hannover und Rheine, dem Fanfarenzug Wilemsdorfer Jungen und dem Gitarrenkreis des HNH (Hans-Niermann-Haus) statt, wobei das Rheiner Volksblatt kritisch bemerkt,

„daß man am Samstagvormittag während der Trauerfeier für die von den Terroristen Ermordeten besser auf die fröhlichen Klänge hätte verzichten sollen. Sie paßten schlecht zu der Halbmastbeflaggung auf dem Empfangsgebäude und dem Ernst der Stunde“ (Rheiner Volksblatt, Nr. 211 v. 12.09.77)

Eine Woche zuvor, am 5. September, hatte die Rote-Armee-Fraktion (RAF) den Arbeitgeberpräsidenten Hans Martin Schleyer entführt und dabei seine Begleiter erschossen. Das Abschiedsfest konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich mit dem Beginn des sog. Deutschen Herbst die Bundesrepublik in der schwersten Krise seit ihrer Gründung befand.

Die Drehscheibe war eine der wichtigsten Einrichtungen eines Bahnbetriebswerkes in der Dampflok-Ära. Mit der Modernisierung verschwanden die Drehschreiben vielerorts aus dem Gleisbild. Hier zu sehen: 043 085 im Bw Rheine R (Dezember 1976; LWL-Medienzentrum für Westfalen, Sammlung Klaus H. Peters, 11_6433)

„Dampflokverbot“ und gescheiterte Nachnutzung des „Dampflok-Mekka“

Mit der fortschreitenden Elektrifizierung und steigenden Verfügbarkeit von Diesellokomotiven konnte der Dampfbetrieb auf der Emslandstrecke – und damit in der gesamten Bundesrepublik – am 26. Oktober 1977 eingestellt werden. Die Elektrifizierung der gesamten Strecke bis Norddeich sollte jedoch noch bis 1980 dauern, weswegen hier jetzt erstmal Diesellokomotiven der Baureihe 221 übernahmen. Mit Mitternacht des 26./27. Oktober 1977 wurde dann von der Bundesbahn das „Dampflokverbot“ erlassen, welches den Betrieb von Dampflokomotiven auf dem gesamten Streckennetz der Bundesbahn untersagte. Das betraf auch museale Dampflokomotiven, für welche dieses Verbot allerdings acht Jahre später aufgelockert wurde. So konnte im Rahmen des 150. Jahrestages der Eröffnung der Strecke Nürnberg – Fürth die Bundesbahn denn auch einen dampfbetrieben Sonderzugbetrieb veranstalten.

Dem Betriebswerk Rheine R, welches bereits zeitgenössisch „Dampflok-Mekka“ genannt wurde, blieb eine Weiternutzung als Museum verwehrt.  Auch eine gewerbliche Nachnutzung oder der Aufbau eines Container-Umschlagplatzes wurden nie konkretisiert. Das Gelände der letzten Heimat der Dampfloks im Westen wurde zusehends zur Industriebrache. Nach stückweisem Rückbau der Anlagen wurden im Jahr 2024 die letzten verblieben Gebäude, darunter der Lokschuppen, abgerissen.

Das Licht schlägt sich nur mühselig in den Lokschuppen. Rechts zu sehen: 042 097, Oktober 1971 (Urheber: Gunter Petzoldt, Sammlung: Eisenbahnfreunde Lette e. V.).

Dass sich mit der Traktionsumstellung nicht nur ökonomische wie auch ökologische Aspekte, sondern auch Fragen der Betriebssicherheit verbanden, zeigte sich wenige Wochen nach Erlass des „Dampflokverbots“ jenseits der deutsch-deutschen Grenze. Am 28. November berichtete die Honnefer Volkszeitung von einer Kesselexplosion bei einer Personenzuglokomotive im anhaltinischen Bitterfeld bei Halle (Saale), welche acht Todesopfer und 45 Verletzte forderte. In der DDR verkehrten bis Oktober 1988 planmäßig Dampfzüge.

 

Quellen und Literatur:

Güterabfertigung Rheine (1977): Die Bahn in Rheine. Dampflokabschied – Leistungsschau. Bahnbetriebswerk – Güterabfertigung. 10. und 11. September 1977.

Högemann, Josef (2021): Eisenbahnchronik Münsterland. Eisenbahngeschichte im nordwestlichen Westfalen, Freiburg: EK-Verlag.

Honnefer Volkszeitung, Nr. 276 v. 28.11.1977.

Münstersche Zeitung, Ausgaben v. 02.09.1977 – 26.10.1977.

Münsterscher Volkszeitung/Rheiner Volksblatt, Nr. 209 (09.09.1977) – Nr. 211 (12.09.1977).

o. A.: Sehnsuchtsort Bw Rheine. Einst Dampflok-Mekka – bald Biotop, Eisenbahn-Kurier Heft 1/26, S. 32 – 37.

Schulz, Günther (1999): Die Deutsche Bundesbahn 1949 – 1989, in: Gall, Lothar; Pohl, Manfred (Hrsg.): Die Eisenbahn in Deutschland. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, München: C. H. Beck, S. 317 – 376.

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