Yannick Rüskamp
Ein ganzes Jahrhundert war die Dampflokomotive das Sinnbild für die industrialisierte Moderne. Raum und Zeit lösten sich buchstäblich in Rauch auf. Mitte des 20. Jahrhunderts hatte die Moderne jedoch die „Dampfrösser“ eingeholt. Mit Ausbreitung der Individualmotorisierung und des Flugverkehrs geriet die nach dem Zweiten Weltkrieg ohnehin schwer angeschlagene Bundesbahn zunehmend unter Konkurrenzdruck.
Eine der wichtigsten Maßnahmen, mit welcher die Bundesbahn versuchte, sich den anderen Verkehrsmitteln gegenüber zu behaupten, war die Elektrifizierung der wichtigsten Magistralen im westdeutschen Streckennetz. Mit dieser Modernisierungsmaßnahme verband sich eine tiefgreifende Rationalisierung. Die „Dreckschleudern“ Dampfloks waren nicht nur umweltschädlich, sondern auch teuer im Betrieb, da sie einerseits auf ein dichtes Netz an Versorgungseinrichtungen (Wassertürme, Kohlelager, Drehschreiben) angewiesen waren, und andererseits von zwei Personen – einem Lokomotivführer und einem Heizer – geführt werden mussten. Mit dem Übergang zur Elektro- bzw. Diesellokomotive entfiel die Position des Beimanns komplett. Die Elektrifizierung verband sich zudem mit einem sukzessiven Abbau von unrentablen Zugleistungen bis hin zur Stilllegung ganzer Strecken. In der Zeit zwischen 1949 und 1989 verkleinerte sich so das westdeutsche Streckennetz um ein Zehntel, von 30.344 km auf 27.045 km, während die Personalzahlen beim größten Arbeitgeber der Bundesrepublik um mehr als die Hälfte, von ca. 539.000 auf 249.000 sank (vgl. Schulz 1999: 319).