Jahresschwerpunkt Arbeit(en): Die „Schniederfier“. Was Pausenregelungen über verschiedene Zeiteinteilungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts aussagen

23.10.2026 Niklas Regenbrecht

Christiane Cantauw

Um die Mitte des 18. Jahrhunderts begann – besonders eindrucksvoll im Arbeitsleben – die Ära der Uhr als Zeitmessinstrument. Arbeitsbeginn und Arbeitsende fanden nun ebenso wie die Pausen sukzessive zu festgelegten Uhrzeiten statt. Weckrufe, Kirchenglocken, Werksirenen, Stechuhren, Vorgesetzte oder die (eigene) Taschenuhr sagten den Menschen, wann es Zeit war zu arbeiten und wann eine Pause eingelegt werden durfte. Damit hatte der Einsatz der Uhr die aufgabenbezogene Zeiteinteilung weitgehend abgelöst, wobei Wissenschaftler wie der englische Sozialhistoriker Edward P. Thompson (1924–1993) davon ausgingen, dass eine „Gleichgültigkeit gegenüber der Uhrzeit […] in Kleinbauern- und Fischergemeinschaften ohne ausgebildete Markt- und Verwaltungsorganisation [weiterhin] möglich“ (S.23) und angesichts der Arbeitsaufgaben auch notwendig war.

Die Auswertung einer Frageliste mit dem Untertitel Der Tageslauf im Haushalt, die die Volkskundliche Kommission für Westfalen 1951 an ihre Gewährspersonen in ganz Westfalen verschickte, erlaubt trotz der durch das Erhebungsinstrument bedingten methodischen Mängel Einblicke in die Zeitstrukturen und das Zeitempfinden der ländlichen Bevölkerung zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Speziell das, was die Befragten über Pausen schreiben, zeigt deutlich, wie wenig von der aufgabenbezogenen Zeiteinteilung übriggeblieben war. 

Aufgabe der Gewährspersonen war es, entlang/anhand der vierseitigen Frageliste „eine eingehende Schilderung eines ländlichen Haushaltes vor dem ersten Weltkrieg zu geben“. Eingeleitet wurden die Fragen durch die Feststellung, dass man sich „von der Einfachheit und Anspruchslosigkeit der früheren Lebensweise auf dem Lande (…) kaum noch richtige Vorstellungen“ mache. Das war natürlich suggestiv, fruchtete aber bei den meisten Bearbeiterinnen und Bearbeitern insofern, als sie pflichtschuldigst ausführlich von den Mühen und der nie endenden Arbeit in nicht technisierten Haushalten vor dem Ersten Weltkrieg berichteten. 

Den Erntehelfer:innen wie hier im Siegerland wurden die Mahlzeiten meist zum Feld gebracht. Das sparte die zeitraubenden Gänge zum Hof. Die Mahlzeiten auf dem Feld und die damit verbundenen Pausen waren aber selbstverständlich ebenso getaktet wie diejenigen auf dem Hof. (Alltagskulturarchiv, Foto: Rudolf Lindemann, 1930er Jahre, Sign. 0000.00275)

Sie gliederten den Tageslauf in den Berichten entsprechend der in der Frageliste vorgegebenen Unterteilung entlang der Mahlzeiten, die überall zu genau festgelegten Zeiten stattfanden: „Bei uns sowie bei allen Bauern in Lavesum, Marl-Hüls und Stadtlohn aß man abends um 7 Uhr“. (Ms. 3394). Rund um das erste Frühstück, das zweite Frühstück, das Mittagessen, die Vesper und das Abendessen gab es für alle Mitglieder des Haushalts pausenlos eine Reihe von Arbeitsaufgaben zu erledigen: manchmal wurden auch mehrere Arbeiten gleichzeitig verrichtet: „Viele trugen den Eimer oder große ‚hölzerne‘ ‚Leupen‘ mit Milch auf dem Kopfe und hatten dabei das Strickzeug in den Händen und strickten fleißig, auch bunte Strümpfe.“ (Ms000096)

Pausen erwarteten die Autoren und Autorinnen der Frageliste in der Unterstunde (Mittagsruhe), bei außergewöhnlich hoher Arbeitsbelastung oder in der arbeitsarmen Zeit. Mit entsprechend formulierten Fragen wollten sie dazu wissen: „Wie lange war Arbeitsruhe nach dem Mittagessen? Wie war es in der Ernte? Im Winter?“ In den Abendstunden und beim Zu-Bett-gehen stellte die Frageliste hingegen das Bewirten von Gästen oder die Vorsorge für den folgenden Tag („Wer besorgte das Feuer?“) in den Vordergrund – Zeiten, die nicht als Pause oder Feierabend angesehen wurden.

Den Vorgaben entsprechend enthält das Antwortmaterial somit nur wenige Informationen über Pausen außerhalb des skizzierten Zeitrahmens. Weil aber dezidiert Informationen dazu abgefragt wurden, berichten die meisten Gewährspersonen über die Unterstunde nach der Mittagsmahlzeit: „Die Unterstunde nannten wir ‚Neone‘. Sie dauerte im Sommerhalbjahr eine Stunde, im Winter fiel sie aus.“ (Ms04218) Auf manchen Höfen wurde auch ganz auf eine Unterstunde verzichtet: „Eine längere Mittagspause gab es nicht, dazu war zuviel Arbeit“. (Ms03321) Anderswo wurde aber auch längere Zeit pausiert: „Rund 2 Stunden dauerte die Mittagspause von 11.15 [Uhr] bis 13.15 [Uhr].“ (Ms02813) Andere Gewährspersonen berichten von einer geschlechtsspezifischen Pausenregelung („Bei meinen Schwestern war die Zeit der Ünnerst [Mittagspause] immer um die Dauer des Spülens verkürzt“ (Ms03394)) oder davon, dass die Pause entfiel, wenn sich in der Erntezeit ein Gewitter anbahnte („In der Erntezeit wurde aber auch oft genug die regelrechte Ünnerst durch aufziehende Gewitter vereitelt“ (Ms03321)).

Nicht alle Schneider:innen verfügten über eine eigene Werkstatt. Viele arbeiteten auch beim Arbeitgeber. In Erndtebrück war es offenbar üblich, dass die Schneiderarbeiten bei Einbruch der Dämmerung für eine Schniederfier (Schneiderfeier) unterbrochen wurden. (Alltagskulturarchiv, Foto: Jenrink, Meppen, 1930er Jahre, Sign. 0000.02091)

Als weitgehend durchgetaktet werden die Arbeitstage in den Berichten beschrieben. Taktgeber war die Uhr. Durch die festgelegten Zeiten für die Mahlzeiten entstanden Zeitkontingente, die nach Herkommen und Übereinkunft für bestimmte Arbeiten oder auch für zeitlich genau bemessene Pausen genutzt wurden. Anders als erwartet war jedoch die lange und harte Arbeit während der Erntezeit nicht mit zusätzlichen Pausen verbunden, sondern im Gegenteil mit dem anlassbezogenen Verzicht auf Pausen: Angesichts von Unwettergefahr kehrte die Hofgemeinschaft zur aufgabenbezogenen Zeiteinteilung zurück. 

Ununterbrochenes Tätigsein entsprach zu Beginn des 20. Jahrhunderts dem Rollenmuster einer Hausfrau. Um stets rechtzeitig das Essen auf den Tisch zu bringen, galt es in der Zeit zwischen den Mahlzeiten Vorbereitungen zu treffen. (LWL-Medienzentrum, Sammlung Jäger, Harsewinkel, um 1916, Sign. 15_55)

Eine sehr spezifische Pause schildert Herr W. aus Rinteln [Berichtsort war Erndtebrück]: „Wenn Handwerker wie Schneider und Schuster im Zimmer arbeiteten, gab es bei eintretender Dunkelheit eine sogenannte ‚Schniederfier‘ [,] in welcher sich die alten Leute mit dem Meister unterhielten; die jungen Leute des Hauses und die Gesellen und Lehrjungen hielten sich in dieser Zeit auf der Diele auf. Wenn die Petroleumlampe angesteckt wurde, so war solches das Zeichen, daß es wieder an die Arbeit ging.“ (Ms000096)

Das vorläufige Arbeitsende und die Wiederaufnahme der Arbeit sind hier nicht an eine bestimmte Uhrzeit gebunden, sondern an die Lichtverhältnisse (hereinbrechende Dämmerung respektive Kunstlicht). Sie setzten das Diktat der Uhr für eine kurze „Schniederfier“ (Schneiderfeier) mit Zeit für Gespräche und Kontakte außer Kraft.   

 

Literatur und Quellen:

Alltagskulturarchiv, Frageliste 5: Essen und Trinken (Der Tageslauf im Haushalt)

Edward P. Thompson: Zeit, Arbeitsdisziplin und Industriekapitalismus. In: John Holloway/Edward P. Thompson: Blauer Montag. Über Zeit und Arbeitsdisziplin. Aus dem Engl. übersetzt von Lars Stubbe. Hamburg 2007, S. 19 –96. Zuerst erschienen unter dem Titel „Time, Work-discipline and Industrial Capitalism. In: Past and Present 38 (1967), S. 56–97. Im Deutschen gegenüber der Originalfassung gekürzt unter dem Titel „Zeit, Arbeitsdisziplin und Industriekapitalismus“ in der Übersetzung von Renate Braun erschienen in: Rudolf Braun (Hg.): Gesellschaft in der industriellen Revolution. Köln 1973, S. 81–112.