Christiane Cantauw
Um die Mitte des 18. Jahrhunderts begann – besonders eindrucksvoll im Arbeitsleben – die Ära der Uhr als Zeitmessinstrument. Arbeitsbeginn und Arbeitsende fanden nun ebenso wie die Pausen sukzessive zu festgelegten Uhrzeiten statt. Weckrufe, Kirchenglocken, Werksirenen, Stechuhren, Vorgesetzte oder die (eigene) Taschenuhr sagten den Menschen, wann es Zeit war zu arbeiten und wann eine Pause eingelegt werden durfte. Damit hatte der Einsatz der Uhr die aufgabenbezogene Zeiteinteilung weitgehend abgelöst, wobei Wissenschaftler wie der englische Sozialhistoriker Edward P. Thompson (1924–1993) davon ausgingen, dass eine „Gleichgültigkeit gegenüber der Uhrzeit […] in Kleinbauern- und Fischergemeinschaften ohne ausgebildete Markt- und Verwaltungsorganisation [weiterhin] möglich“ (S.23) und angesichts der Arbeitsaufgaben auch notwendig war.
Die Auswertung einer Frageliste mit dem Untertitel Der Tageslauf im Haushalt, die die Volkskundliche Kommission für Westfalen 1951 an ihre Gewährspersonen in ganz Westfalen verschickte, erlaubt trotz der durch das Erhebungsinstrument bedingten methodischen Mängel Einblicke in die Zeitstrukturen und das Zeitempfinden der ländlichen Bevölkerung zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Speziell das, was die Befragten über Pausen schreiben, zeigt deutlich, wie wenig von der aufgabenbezogenen Zeiteinteilung übriggeblieben war.
Aufgabe der Gewährspersonen war es, entlang/anhand der vierseitigen Frageliste „eine eingehende Schilderung eines ländlichen Haushaltes vor dem ersten Weltkrieg zu geben“. Eingeleitet wurden die Fragen durch die Feststellung, dass man sich „von der Einfachheit und Anspruchslosigkeit der früheren Lebensweise auf dem Lande (…) kaum noch richtige Vorstellungen“ mache. Das war natürlich suggestiv, fruchtete aber bei den meisten Bearbeiterinnen und Bearbeitern insofern, als sie pflichtschuldigst ausführlich von den Mühen und der nie endenden Arbeit in nicht technisierten Haushalten vor dem Ersten Weltkrieg berichteten.