Sebastian Schröder
Es handelt sich bloß um einen Dreizeiler auf einem kleinen, länglichen Stück Papier, sozusagen – modern gesprochen – um eine Ansage im „Twitter-Stil“, die allerdings eine große Sprengkraft besaß: Der Adlige Lambert von Bevessen erklärte den Edelherren Simon und Bernhard zur Lippe die Fehde. Wörtlich verlautbarte er, er wolle ihr Feind sein. Grund des Konflikts war eine nicht näher bezeichnete Auseinandersetzung der Edelherren mit dem Adeligen Reineke von der Lippe, mit dem Lambert von Bevessen wohl ein Bündnis geschlossen hatte. Rückseitig drückte er sein Siegel auf das Papier; Reste des schwarzen Wachses und Bruchstücke des Siegels haben sich bis heute erhalten. Dagegen fehlen Orts- und Datumsangaben; immerhin lässt sich die Schrift als „gotische Kursive“ identifizieren, die ab dem Spätmittelalter allmählich als Gebrauchsschrift aufkam und bis in das 16. Jahrhundert hinein in den Kanzleien verwendet wurde. Zugegeben: Das ist ein ziemlich langer Zeitraum und für eine genaue Datierung eher unbefriedigend.
Sogleich stellen sich deshalb mehrere Nachfragen: Wann könnte Lambert von Bevessen das Schriftstück besiegelt haben? Welcher Simon und welcher Bernhard werden eigentlich konkret angesprochen – schließlich gab es ja mehrere Träger dieses Namens in dieser lippischen Herrscherfamilie? Und weshalb sah sich Lambert von Bevessen zu dem weitreichenden Schritt veranlasst, den Edelherren zur Lippe den Fehdehandschuh hinzuwerfen?
Zur Beantwortung dieser Fragen ist ein Blick in die Aufzeichnungen des lippischen Archivars Johann Ludwig Knoch (1712–1808) hilfreich. Als Knoch in Diensten der lippischen Landesherren begann, die bis dato ungeordneten Akten und Urkunden zu sortieren, verfuhr er nach dem sogenannten Pertinenzprinzip – er ordnete die ihm vorliegenden Dokumente also nach Sachthemen. Seine Ordnungskategorien vermerkte er zumeist auf den Schriftstücken selbst. Im Fall der undatierten Urkunde von Lambert von Bevessen ist der Begriff „Fehd“ zu erkennen. In einem zweiten Schritt verzeichnete Knoch die derart geordneten Unterlagen in Findmitteln, denen er kurze Inhaltsangaben hinzufügte. Zwar konnte Knoch ebenfalls kein genaues Datum präsentieren, aber er hat durch Vergleiche mit anderen Urkunden bemerkt, dass noch andere lokale Adlige mit den Edelherren zur Lippe verfeindet waren. Unter anderem gelobte Ernst von Modeksen den lippischen Landesherren Simon und Bernhard Bündnistreue, wenn es zur gewaltsamen Auseinandersetzung mit Reineke von der Lippe käme. Letztgenannter Reineke war mit Lambert von Bevessen verbündet; es kam demzufolge zur Parteibildung zweier gegnerischer Lager. Diese Urkunde, mit der Ernst von Modeksen den Edelherren Gefolgschaft verspricht, ist exakt datierbar, nämlich auf den Tag beziehungsweise die Nacht vor dem Geburtstag der heiligen Jungfrau Maria 1402 – womit der 8. September gemeint ist. Man darf daher stark davon ausgehen, dass Lambert von Bevessen ungefähr im Jahr 1402 den lippischen Edelherren die Fehde erklärte – ein genaues Datum, mithin der Beginn der etwaigen kriegerischen Auseinandersetzung zwischen den verfeindeten Parteien bleibt zwar nach wie vor unbekannt, doch in den Urkunden sind eindeutige Indizien enthalten: Alles spitzt sich auf das Jahr 1402 zu.