Postkolonial vor Ort. Ein Kolonialkriegerdenkmal und der Streit ums Erinnern.

10.07.2026 Niklas Regenbrecht

Kolonialdenkmal, Düsseldorf, Foto Karl Erb.

Claudia Kemper & Christoph Lorke

Ein liegender Bronzesoldat, Kolonialuniform, Gewehr, eine erschöpfte vielleicht sogar entspannte Pose des Soldaten. Darunter, auf dem Sockel, die Inschrift: „DEM GEDENKEN DEUTSCHER KOLONIALHELDEN“. Die Fotografie zeigt auch Bäume hinter und neben dem Kolonialdenkmal, wodurch der Eindruck verstärkt wird, einen zwar gut erhaltenen, aber wenig beachteten Erinnerungsort deutscher Kolonialgeschichte zu betrachten. Jedoch: Über die gesamte Figur ist rote Farbe verlaufen, sie bedeckt in langen Bahnen Kopf, Brust, Hände und Gewehr der Figur. Dick und glänzend vermittelt die rote Farbe den Eindruck von Blut. Dieses Foto ist Auftakt und Coverbild der jüngst erschienenen „Westfälischen Forschungen“, in denen postkoloniale Debatten bewusst „vor Ort“ untersucht werden: Weniger im akademisch Abstrakten, sondern im konkreten Alltag, im Stadtbild und an konkreten Orten in Westfalen und Lippe werden jene Verwerfungen gezeigt, die koloniale Vergangenheit und postkoloniale Gegenwart erzeugen.

Inschrift mit Durchstreichung durch Permanentmarker.

Das Foto entstand in Düsseldorf und zeigt im Original weitere Details postkolonialer Auseinandersetzung. 1909 wurde das Kolonialkriegerdenkmal an der Tannenstraße eingeweiht; es ehrte vier Düsseldorfer, die im Herero-Nama-Krieg 1904–1908 gefallen waren. Heute steht es am Frankenplatz, und seit 2004 erinnert eine Zusatztafel an „die Menschen Namibias“ – eine vergleichsweise frühe öffentliche Anerkennung des Völkermordes während des Kolonialkrieges, ohne diesen freilich als solchen zu bezeichnen. Erst 2021 erkannte die deutsche Bundesregierung nach jahrelangen zähen Verhandlungen den Vernichtungskrieg deutscher Kolonialtruppen gegen die Bevölkerungsgruppen der Herero und Nama als Völkermord an und entschuldigte sich offiziell. Im Kontext dieser Auseinandersetzungen dürfte auch die Rote-Farbe-Aktion zu verorten sein, mit der vor wenigen Jahren eine weitere Umdeutung des Erinnerungsortes im öffentlichen Raum stattfand. In der illegalen nächtlichen Intervention und damit einer unmissverständlichen Geste übergossen Unbekannte die Figur eines Nachts mit roter Farbe. Von derselben (oder einer anderen) Hand wurde das Wort „Helden“ in der Inschrift mit Permanentmarker durchgestrichen, einige Zeit später wurde die Durchstreichung mit roter Farbe nachgezogen und durch das Wort „Genozid“ ergänzt.

Diese mehrfache und konflikthafte Deutung des Denkmals entdeckte der Düsseldorfer Fotograf Karl Erb Ende Mai 2025 zufällig kurz nach dem Vorfall und fotografierte es, bevor die Stadt die Farbe entfernen ließ. Durch den Kontakt mit der Journalistin und Fotografin Tina Adomako, die im selben Jahr ihren Beitrag für die aktuelle Ausgabe der Westfälischen Forschungen verfasste, kam das Foto an das LWL-Institut für westfälische Regionalgeschichte und schließlich auf das Cover der Zeitschrift. Hier wiederum erlebte die Fotografie eine weitere Aneignung, denn die Herausgeber:innen entschieden sich für eine Beschneidung der Fotografie. Um den Blick der Lesenden vor allem auf die umgedeutete Kolonialfigur zu lenken, wurde der untere Bildteil mit dem gesprayten Begriff „Genozid“ abgeschnitten. Mit dem Zeigen dieses Begriffs hätte der Völkermord im Vordergrund gestanden, der ohne Frage ein zentrales Ereignis in der deutschen und namibischen Geschichte und Gegenwart darstellt. Im aktuellen Band der Westfälischen Forschungen spielen jedoch ganz verschiedene, weniger prominente Ebenen der postkolonialen Geschichte eine Rolle, die durch diese Fokussierung in der Aussage des Covers in den Hintergrund zu rücken drohte.

Die kritisch-solidarische Aneignung, die mit Marker vollzogene Korrektur und Übermalung, die spätere Entfernung: All das spiegelt das Sichtbare und Unsichtbare kolonialer Geschichte und die unterschiedlichen Aneignungen und Sichtweisen des Fotografen, von Aktivistinnen und Aktivisten, von Stadtbehörden und in der Stadtgesellschaft: Sie alle haben unterschiedliche Vorstellungen davon, was an einem so spannungsreichen und erinnerungskulturell aufgeladenen Ort gezeigt werden soll und was nicht.

Das Beispiel des Düsseldorfer Denkmals ist kein Einzelfall. Überall in Deutschland stehen Monumente, Straßennamen und bauliche Relikte, die die Kolonialgeschichte des Deutschen Reiches im öffentlichen Raum präsent halten – nicht selten ohne erklärenden Kontext und kritisch-historische Rahmung. Das ist alles andere als unproblematisch, denn der Kolonialismus endete nicht mit dem Versailler Vertrag von 1919. Er wirkte weiter und bis ins Heute: in Strukturen und Wissensordnungen, in einem kollektiven Gedächtnis, das lange kaum Platz hatte für die Perspektiven der Kolonisierten – für den Völkermord an den Herero und Nama im heutigen Namibia, für den Maji-Maji-Krieg in Ostafrika, für Hunderttausende namenlose Tote und vieles mehr.

Denkmäler wie das in Düsseldorf sind deshalb zu einem besonders aufgeladenen Ort postkolonialer Vergegenwärtigung geworden. Die anonyme Aktion mit der roten Farbe ist in diesem Sinne eine Form der Gegenerzählung „von unten“: Sie benennt, was das Denkmal in seiner ursprünglichen Form verschweigt. Dass die Stadt die Farbe umgehend entfernen ließ, ist seinerseits eine Aussage – über die Grenzen des öffentlich Geduldeten und darüber, wessen Geschichte dort (nicht) repräsentiert werden darf.

Genau an dieser Frage setzt der aktuelle Band der „Westfälischen Forschungen“ an, herausgegeben von Claudia Kemper und Christoph Lorke vom LWL-Institut für westfälische Regionalgeschichte. Der Band entstand aus einer Veranstaltungsreihe, die 2024 im Rahmen des LWL-Themenjahres „POWR! Postkoloniales Westfalen-Lippe“ organisiert wurde. Die Grundidee dahinter: Postkoloniale Debatten nicht im akademischen Elfenbeinturm belassen, sondern dort verorten, wo sie konkret und fassbar werden, wenn auch nicht immer auf den ersten Blick: im Revier, im Viertel, in der Schule, im Archiv oder im Museum. Westfalen und Lippe galten lange nicht als „Kolonialmetropolen“ wie Hamburg oder Berlin. Umso aufschlussreicher ist der Befund des Bandes, der zeigt, wie weit koloniale Verflechtungen tatsächlich in die Region reich(t)en: in Unternehmen und Alltagsleben, in Sammlungspraxis und musealer Überlieferung, in Straßennamen und in lokaler Baukultur, in allerlei privaten Verflechtungen und Bezügen.

Der für das Cover der Westfälischen Forschungen ausgewählte Zuschnitt des Fotos.

Das für das Cover ausgewählte Foto bündelt, worum es im Band geht: Koloniale Spuren vor der eigenen Haustür regen zum Nachdenken über die eigene Geschichte und Gegenwart an – auch wenn über die Formen der Auseinandersetzung mit diesem Themenfeld gestritten werden kann und wird. Ein Bild, das zeigt, wie rote Farbe über eine Kolonialkriegerfigur läuft, provoziert Nachdenken und Nachfragen. Was ist legitim? War es Kunst, Vandalismus, politischer Protest, ein Ausdruck von Solidarität und Mitgefühl? Diese Vielschichtigkeit und Deutungsoffenheit machen das Foto zu einem treffenden Aufhänger für einen Band, der die Komplexität postkolonialer Aushandlungsprozesse ernst nimmt. Es macht anschaulich: Postkolonialismus ist keine abstrakte Theorie; er findet mitten in unserer Alltagswelt statt.

 

Westfälische Forschungen Band 75 (2025/2026): Postkolonialismus in Westfalen-Lippe und darüber hinaus, Claudia Kemper und Christoph Lorke (Hg.), IX und 522 Seiten
Aschendorff Verlag, Münster, ISBN 978-3-402-15415-1

https://www.lwl-regionalgeschichte.de/de/publikationen/westfaelische-forschungen/