Diese mehrfache und konflikthafte Deutung des Denkmals entdeckte der Düsseldorfer Fotograf Karl Erb Ende Mai 2025 zufällig kurz nach dem Vorfall und fotografierte es, bevor die Stadt die Farbe entfernen ließ. Durch den Kontakt mit der Journalistin und Fotografin Tina Adomako, die im selben Jahr ihren Beitrag für die aktuelle Ausgabe der Westfälischen Forschungen verfasste, kam das Foto an das LWL-Institut für westfälische Regionalgeschichte und schließlich auf das Cover der Zeitschrift. Hier wiederum erlebte die Fotografie eine weitere Aneignung, denn die Herausgeber:innen entschieden sich für eine Beschneidung der Fotografie. Um den Blick der Lesenden vor allem auf die umgedeutete Kolonialfigur zu lenken, wurde der untere Bildteil mit dem gesprayten Begriff „Genozid“ abgeschnitten. Mit dem Zeigen dieses Begriffs hätte der Völkermord im Vordergrund gestanden, der ohne Frage ein zentrales Ereignis in der deutschen und namibischen Geschichte und Gegenwart darstellt. Im aktuellen Band der Westfälischen Forschungen spielen jedoch ganz verschiedene, weniger prominente Ebenen der postkolonialen Geschichte eine Rolle, die durch diese Fokussierung in der Aussage des Covers in den Hintergrund zu rücken drohte.
Die kritisch-solidarische Aneignung, die mit Marker vollzogene Korrektur und Übermalung, die spätere Entfernung: All das spiegelt das Sichtbare und Unsichtbare kolonialer Geschichte und die unterschiedlichen Aneignungen und Sichtweisen des Fotografen, von Aktivistinnen und Aktivisten, von Stadtbehörden und in der Stadtgesellschaft: Sie alle haben unterschiedliche Vorstellungen davon, was an einem so spannungsreichen und erinnerungskulturell aufgeladenen Ort gezeigt werden soll und was nicht.
Das Beispiel des Düsseldorfer Denkmals ist kein Einzelfall. Überall in Deutschland stehen Monumente, Straßennamen und bauliche Relikte, die die Kolonialgeschichte des Deutschen Reiches im öffentlichen Raum präsent halten – nicht selten ohne erklärenden Kontext und kritisch-historische Rahmung. Das ist alles andere als unproblematisch, denn der Kolonialismus endete nicht mit dem Versailler Vertrag von 1919. Er wirkte weiter und bis ins Heute: in Strukturen und Wissensordnungen, in einem kollektiven Gedächtnis, das lange kaum Platz hatte für die Perspektiven der Kolonisierten – für den Völkermord an den Herero und Nama im heutigen Namibia, für den Maji-Maji-Krieg in Ostafrika, für Hunderttausende namenlose Tote und vieles mehr.
Denkmäler wie das in Düsseldorf sind deshalb zu einem besonders aufgeladenen Ort postkolonialer Vergegenwärtigung geworden. Die anonyme Aktion mit der roten Farbe ist in diesem Sinne eine Form der Gegenerzählung „von unten“: Sie benennt, was das Denkmal in seiner ursprünglichen Form verschweigt. Dass die Stadt die Farbe umgehend entfernen ließ, ist seinerseits eine Aussage – über die Grenzen des öffentlich Geduldeten und darüber, wessen Geschichte dort (nicht) repräsentiert werden darf.
Genau an dieser Frage setzt der aktuelle Band der „Westfälischen Forschungen“ an, herausgegeben von Claudia Kemper und Christoph Lorke vom LWL-Institut für westfälische Regionalgeschichte. Der Band entstand aus einer Veranstaltungsreihe, die 2024 im Rahmen des LWL-Themenjahres „POWR! Postkoloniales Westfalen-Lippe“ organisiert wurde. Die Grundidee dahinter: Postkoloniale Debatten nicht im akademischen Elfenbeinturm belassen, sondern dort verorten, wo sie konkret und fassbar werden, wenn auch nicht immer auf den ersten Blick: im Revier, im Viertel, in der Schule, im Archiv oder im Museum. Westfalen und Lippe galten lange nicht als „Kolonialmetropolen“ wie Hamburg oder Berlin. Umso aufschlussreicher ist der Befund des Bandes, der zeigt, wie weit koloniale Verflechtungen tatsächlich in die Region reich(t)en: in Unternehmen und Alltagsleben, in Sammlungspraxis und musealer Überlieferung, in Straßennamen und in lokaler Baukultur, in allerlei privaten Verflechtungen und Bezügen.