„Dekotrend“ aus dem Ravensbergischen: Eine Ausstellung im Bielefelder Bauernhausmuseum zeigt Engel an Torbögen von Bauernhäusern

28.09.2021 Niklas Regenbrecht

In der Ausstellung zu sehen: Der früheste Torbogen-Engel des Schnitzers Peter Henrich Niemann: Upmeier zu Belzen in Jöllenbeck, entstanden 1799. Foto: Ilse Uffmann, Bielefeld.

Lutz Volmer

Das Ravensberger Land, das Gebiet zwischen Teutoburger Wald und Wiehengebirge um Bielefeld und Herford herum, ist bekannt für seine Fachwerk-Bauernhäuser mit oft prächtig beschnitzten Eingängen, den Torbögen. In den Bogenzwickeln, auf sogenannten Kopfbändern, findet man häufig Reliefs mit geflügelten, nackten Engelsfiguren. Es gibt sie in insgesamt rund 180 Fällen, zeitlich zwischen 1789 und dem Ersten Weltkrieg.

Die geflügelten Gestalten hat zuerst Dr. Gertrud Angermann (1923-2010), Historikerin, Studienrätin in Bielefeld und Mitglied der Volkskundlichen Kommission (heute Kommission Alltagskulturforschung) zum Forschungsgegenstand gemacht. Nachdem sie in den frühen 1970er Jahren eine große Zahl beschnitzter Torbögen dokumentiert hatte, veröffentlichte sie 1974 die erste Auflage ihres Buches „Engel an Ravensberger Bauernhäusern“, damals noch im Selbstverlag. Die Publikation ermöglichte es der Autorin, viele ihrer – meist selbst fotografierten – Bilder der Torbogen-Engel zu veröffentlichen. Spätestens die zweite, überarbeitete Auflage ihres Buches hat den Torbogen-Engeln zu einiger Popularität verholfen.

Der älteste bekannte Torbogen-Engel aus Bielefeld-Schildesche datiert auf den 4. August 1789. Der Engel-Torbogen ging leider 1976 nach einem Brand verloren (Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek Bielefeld, Fotosammlung, Aufnahme 1976, Ausschnitt).

Die erstmalige Verwendung des Engel-Motivs auf einem Torbogen ist für ein am 4. August 1789 in Schildesche erbautes Haus belegt. Den Engeln am kleinen Haus von Bernd Henrich Tubbessing (1742-1806) und seiner Frau Margretha Ilsabein Winter (1740-1811), einer Bauerntochter, verlieh der örtliche Zimmermeister Jacob Henrich Bockermann sehr rundliche, fast insektenähnliche Körper. Zunächst war sicher ungewiss, ob diese ungewöhnliche Schnitzerei mehr als ein kurioser Einzelfall bleiben würde.

Wenige Monate später, am 12. November nahmen sich jedoch der Schildescher Zimmermeister Johann Hermann Welhöner (1722-1804) und sein Sohn Johann Friedrich (1752-1836) sowie dessen Frau Anna Maria Ilsabein Papenbrock (1767-1843) der Engel-Idee an. Johann Hermann Welhöner war ein äußerst umtriebiger Mann, der ein erfolgreiches Baugeschäft, bei weitem das größte in Bielefeld, führte. So war es nur selbstverständlich, dass er seine Kinder gut versorgte. Seinem Sohn Johann Friedrich und dessen Frau baute er ein aufwendiges Neubauernhaus in Theesen. Die dort eingeschnitzten Engel waren nun nicht mehr unbeholfen, sondern perfekt ausgearbeitet und folgten der Form spätbarocker Putti.

Zweitältester Torbogen-Engel, datiert auf den 12. November 1789. Haus von Johann Friedrich Welhöner, Sohn des Zimmermeisters Johann Hermann Welhöner in Bielefeld-Theesen. Die Fotografie aus dem Nachlass von Dr. Gertrud Angermann aus der Zeit um 1970 ist auch ein Zeugnis der damaligen fotografischen Möglichkeiten; vielfach musste noch ohne Zoom-Objektiv gearbeitet werden (Sammlung Lutz Volmer).

Die Engelsgestalten gefielen offenbar auch anderen Landleuten. Nachdem sie bald an weiteren Bauernhäusern zu bewundern waren (wie etwa Meier zu Müdehorst in Niederdornberg, 1791 von Hermann Welhöner), entwickelten sie sich zu einem Trend und „must have“ für die Häuser der wohlhabenden Bauern. Von Theesen und Schildesche ausgehend verbreitete sich der „Dekotrend“ nicht nur über das Bielefelder Gebiet, sondern auch in weiten Teilen des Kreises Herford und punktuell im Kreis Gütersloh.

Eine aktuelle Ausstellung im Bauernhausmuseum Bielefeld greift das Thema nun auf. Dies geschieht aus verschiedenen Gründen: Zum einen ist die Bekanntheit der Engel seit den 1980er Jahren noch weiter gewachsen. Die Aktivitäten Einzelner haben dazu geführt, dass die Engel mittlerweile Gegenstand von geführten Radtouren (ausgerichtet etwa über den Bielefelder ADFC) sind, aber auch von einer überall im öffentlichen Raum ausgeschilderten interkommunalen Radroute in Bielefeld und Herford. Vieles davon wäre ohne die Bielefelderin Ilse Uffmann nicht zustande gekommen; sie kennt fast alle Engel-Höfe und besitzt von sehr vielen aktuelle Fotos. Gut 50 Bilder aus ihrem Fundus hat sie nun für eine Ausstellung im Bauernhausmuseum zur Verfügung gestellt.

Torbogen-Engel der späteren Zeit, Heining in Schröttinghausen, datiert 1820. Foto: Ilse Uffmann, Bielefeld. Auch dieses Foto ist Teil der Ausstellung.

Darüber hinaus gibt es auch neue wissenschaftliche Erkenntnisse über die Anfänge des Engel-Dekors 1789 und über ihre kunsthistorische Einordnung, die eine neuerliche Beschäftigung mit dem Thema sinnvoll erscheinen lassen: So taucht das Engel-Motiv seit der römischen Antike auf zahlreichen Bauwerken auf, an die sich die Engel der Ravensberger Bauernhäuser formal eng anlehnen. Der Konstantinsbogen in Rom zeigt schwebende geflügelte Gestalten in den Bogenzwickeln ebenso wie etwa der dortige Titusbogen. Von diesen antiken Vorbildern ausgehend haben Fürsten und Herrscher das Motiv immer wieder aufgegriffen: Ein Portal des Berliner Schlosses (Humboldt-Forum) aus dem frühen 18. Jahrhundert zeigt die geflügelten Gestalten ebenso wie etwa das Brandenburger Tor in Potsdam (spätes 18. Jahrhundert) oder der Arc de Triomphe de l‘Étoile in Paris (frühes 19. Jahrhundert) – an weiteren Beispiele in vielen Ländern Europas und sogar in den Vereinigten Staaten mangelt es nicht.

Inhaltlich durchliefen die geflügelten Göttergestalten freilich einen Bedeutungswandel. Aus den antiken Viktorien, die den Durchzug von Soldaten durch die Triumphbögen begleiteten, wurden christliche Engel. Wichtige Hinweise zu den jeweils möglichen Deutungen geben die Beizeichen. Victoria, die vergöttlichte Personifikation des Sieges aus der römischen Mythologie, wurde häufig fliegend im Knielaufschema und mit einem Lorbeerkranz als Siegessymbol dargestellt.

Provenienz ungeklärt: Späte Engel des Schnitzers Niemann, entstanden wohl um 1810-1820. Foto: Bauernhausmuseum Bielefeld, Lutz Volmer.

Die Engel an den Bauernhäusern erscheinen in vergleichbarer Weise im Knielaufschema und geflügelt. Anders als die antiken Vorbilder sind sie – offensichtlich angelehnt an die Putti in Spätbarock und Rokoko – aber fast immer nackt oder nur mit einem Lendenschurz bekleidet. Sie tragen als wichtigstes Attribut ein häufig gekrümmtes Horn. Viele haben auch einen geschulterten Stab, wohl ein Zepter, bei sich. Die kunsthistorische Bildwissenschaft interpretiert diese Horn-blasende Engel als Jubelengel. Aus theologischer Perspektive boten die Engel Schutz und Hilfe für die Menschen; sie waren aber auch Boten, Überbringer der Botschaften Gottes. Die Inschriften mit christlichen Bezügen in unmittelbarer Nähe der Engel verweisen deutlich auf diesen christlichen Bedeutungszusammenhang.

Plakat zur Ausstellung im BauernhausMuseum Bielefeld 2021.

Die Ausstellung, die vom 09.05. bis zum 19.12. im Bielefelder Bauernmuseum gezeigt wird, nimmt das anhaltende Interesse an dem „Dekotrend“ zum Anlass, anhand zahlreicher Beispiele aus dem Ravensberger Land der Motivgeschichte nachzugehen. Der Eintritt beträgt 4,00 Euro (ermäßigt 2,00 Euro).

 

Literatur:

Angermann, Gertrud: Engel an Ravensberger Bauernhäusern. ein Beitrag zum Wandel des Dekors vom 18. bis 20. Jahrhundert, 2. Aufl. Münster 1986. (Die vergriffene Publikation steht hier auf den Seiten der Kommission Alltagskulturforschung zum Herunterladen bereit, pdf, 25 MB.)

Kategorie: Ankündigungen

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