15.01.2021

Geschichte mit Ausrufezeichen

Rainer Pöppinghege: 18. Januar! Das Deutsche Kaiserreich und seine Geburtstage 1871-1918, Münster 2020.

Christiane Cantauw

 

Pünktlich zum 150. Jahrestag der Reichsgründung veröffentlicht der Paderborner Historiker Rainer Pöppinghege das Buch „18. Januar! Das Deutsche Kaiserreich und seine Geburtstage 1871 – 1918“, das sich erklärtermaßen einreiht in die „Jubiläumsrückblicke zum 150. Jahrestag der Reichsgründung“ (S. 8).

Mit dem 18. Januar – im Jahr 1871 war dies der Tag der Kaiserproklamation des preußischen Königs Wilhelm I. – wählt Pöppinghege ein Datum, welches im Deutschen Kaiserreich zwar kein offizieller Feiertag von nationaler Tragweite war, das jedoch – anders als andere Termine – als einziges „ein durchgängiges Erinnern ermöglichte“ (S. 8).

Pöppinghege nimmt das Tagesdatum als Aufhänger für ein „Kaleidoskop von Politik, Kultur und Gesellschaft im Kaiserreich“ (S. 8): Ein aktuelles – meist der Tagespresse entnommenes – Ereignis wird zum Anlass genommen, um von 1871 bis 1918 Jahr für Jahr ein konkretes Thema näher zu beleuchten. Die Zeitungsartikel aus dem Politikteil, dem Gesellschaftsteil und dem Feuilleton, aber im Einzelfall auch mal die Anzeigenwerbung bilden die im Kaiserreich bereits breit gefächerte Presselandschaft ab: Simplicissimus, Deutscher Reichsanzeiger, Der Sozialdemokrat, Neue Hamburger Zeitung, Berliner Tageblatt und andere sind natürlich nur wenige Beispiele aus der mehr als 3000 Zeitungen umfassenden Presselandschaft des Kaiserreichs. Auch hier zeigt sich ein deutliches Bemühen des Autors um Diversität, wenn eben nicht nur die bekannteren Publikationsorgane herangezogen werden, sondern auch das Musikalische Wochenblatt, das Düsseldorfer Volksblatt, das Osthavelländische Kreisblatt, das Jüdische Volksblatt, die Liller Kriegszeitung, die Berliner Börsen-Zeitung, der Bütower Anzeiger oder die Berliner Gerichts-Zeitung – um nur einige zu nennen. 

Die Flottenpolitik, die Hundesteuer, der Vegetarismus, der Jugendstil oder der Kolonialismus, die Armenfürsorge und die Studentenverbindungen – an Themen, die für die Zeit zwischen 1871 und 1918 relevant waren, mangelt es wahrhaftig nicht. Die thematische Auswahl, die Pöppinghege trifft, zeigt, wie er selbst schreibt, natürlich letzten Ende vor allem „was ein deutscher Historiker in den Monaten vor dem Jahr 2021 für wichtig hielt“ (S. 8). Sie schafft aber auch eine thematische Bandbreite, die vielseitig ist, Interesse hervorruft und die These Pöppingheges unterstreicht, dass das „Deutsche Kaiserreich mehr war als nur der militaristische Obrigkeitsstaat, als der es lange wahrgenommen wurde“ (S. 9).   

In den 49 Kurzbeiträgen (mit dem Jahr 1921 liefert Pöppinghege noch einen Ausblick auf die 1920er und 1930er Jahre, in dem er auf das studentische Milieu verweist, wo sich die Feiern des 18. Januar zu einer Demonstration antirepublikanischer Gesinnung entwickelten) von jeweils zwei bis drei Seiten kann Pöppinghege freilich nur schlaglichtartige Einblicke in die einzelnen Themenfelder geben. Nicht zuletzt wegen der tagesaktuellen Aufhänger gelingt ihm aber eine spannende, durchaus nicht unkritische Darstellung von Politik und Alltag im Deutschen Kaiserreich. Die Kürze der Beiträge weckt Interesse, eine zentrale, immer aktuelle Literaturangabe am Ende aller Beiträge regt zum Weiterlesen an, ebenso wie die sehr knapp gehaltene Überblicksliteratur am Ende des Buches.

Ergänzt werden die einzelnen Kapitel durch 40 Abbildungen. Hier hat sich Pöppinghege dafür entschieden, nicht Faksimiles der jeweiligen Zeitungsartikel abzudrucken, sondern mit den Abbildungen weitere Quellen für den jeweiligen Themenbereich zu präsentieren. Das ist mal mehr und mal weniger überzeugend, alles in allem aber sehr anschaulich.

Ich verstehe das Ausrufezeichen im Titel als Aufforderung zum Aufmerken und als Einladung zu einer differenzierten Sicht auf das Deutsche Kaiserreich. Als solches hat das Satzzeichen durchaus seine Berechtigung.

 

Lit.: Rainer Pöppinghege: 18. Januar! Das Deutsche Kaiserreich und seine Geburtstage 1871-1918, Münster 2020, 156 S., 40 s/w Abbildungen (Aschendorff-Verlag, ISBN 978-3-402-24734-1)       

Kategorie: Besprechungen & Buchvorstellungen

Schlagworte: Kaiserzeit · Christiane Cantauw · Veröffentlichung