Hinter dem Maschendraht der Stacheldraht

24.07.2026 Aleksandra Stojanoska

Timo Luks

Im Archiv für Alltagskultur in Westfalen befindet sich ein umfangreicher Bildbestand des Westfälischen Heimatbundes. Es handelt sich um einen Fundus, der unter anderem dem Zweck diente, Bildmaterial für verschiedene Publikationen bereitzustellen. Stil und dahinterstehende Haltung rücken den Bestand in die Nähe des volkskundlich-dokumentarischen Einsatzes der Fotografie, der intendierte Gebrauch unterschiedet sich aber. Wichtig zur zeitlichen Einordnung: Im Bestand befindet sich Bildmaterial, das für die zwischen 1934 und 1943 erschienene und vom Westfälischen Heimatbund herausgegebene Zeitschrift Heimat und Reich. Monatshefte für westfälisches Volkstum aufgenommen wurde. Das heißt, es handelt sich um eine Form tendenziöser Fotografie, bei der eine vordergründig häufig dokumentarische Ästhetik lediglich Instrument völkischer Indoktrination war.

1955 erschien im Westfälischen Heimatkalender ein Beitrag des Lehrers und Autors Wilhelm Segin (1889–1980), der seit 1953 Kreisheimatpfleger für das Paderborner Land war. Unter dem Titel „Den Garten hegen“ schrieb er, der „rechte Garten“ sei ein „in sich geschlossener Raum, dessen Natur durch den Menschen zu echter Kultur veredelt ist.“ Der Beitrag verweist auf den biblischen Kontext und darauf, dass „der Mensch sich das Paradies als Garten“ vorstelle. Segin betonte, dass ein „rechter Garten“ das Nützliche mit dem Schönen verbinden solle. Die „Fähigkeit, den Garten zu hegen“, so die Klage des Heimatpflegers, hätten die „modernen Menschen aber in geradezu erschreckendem Maße verloren“. Das ist ein deutliches Echo des Antimodernismus, der für Teile der Heimatbewegung seit ihrer Entstehung charakteristisch war.

„Hecken zu kunstvollen Zierformen gestaltet, können ein schöner Schmuck auch für den Hausgarten sein.“ Archiv für Alltagskultur, WHB F 4.1.278_a.

Wilhelm Segins Artikel kreist um das Konzept des Hegens. Dieses meine nämlich: etwas „mit einem Hag schützend umschließen“; die räumliche Ausdehnung „so gegen die Umgebung begrenzen, daß eine für sich bestehende Einheit daraus wird.“ Angesichts dessen verwundert es nicht, dass er nicht über Gemüse oder Blumen schreibt, sondern über Zäune: ein Lob des Lattenzauns, da dieser „so viel materielle Substanz [habe], daß er für das Auge die Flächenausdehnung begrenzt und so einen Raum bildet“; eine Hymne auf „die lebende Hecke“; schließlich ein Verdikt über Betonmauern, Betonpfeiler und Maschendraht. Natürlich böten Betonmauer, Betonpfeiler und Maschendraht „eine gute und feste Sicherung, die Unberufenen den Zugriff verwehrt.“ Allerdings: Auf diese Art entstehe kein „Garten“, sondern eine „einbetonierte und eingedrahtete Gemüseerzeugungsfläche“. Solche Flächen könnten kein Eigenleben entfalten, weil man durch Maschendraht hindurchsehen könne, der Raum also nicht wirklich begrenzt werde.

Die im Artikel abgebildeten Fotos finden sich (teilweise) im Bestand des Archivs für Alltagskultur.

"Weniger aus Ersparnisgründen als aus Gedankenlosigkeit werden für Einfriedigungen allzuoft noch unschöne Drahtzäune verwendet, vielfach in unnötiger Höhe.“ Archiv für Alltagskultur, WHB F 4.1.278_b.

Die im Heimatkalender hinzugefügten Bildunterschriften lassen keinen Zweifel über die gartenästhetischen Wertvorstellungen Wilhelm Segins offen; und sie zeigen, wie der WHB an seinem Bemühen um eine Ästhetisierung der Heimat als einer expliziten „Kulturlandschaft“ festhielt und seine diesbezügliche Deutungshoheit (weiterhin) geltend zu machen suchte:

„Hecken zu kunstvollen Zierformen gestaltet, können ein schöner Schmuck auch für den Hausgarten sein.“

„Weniger aus Ersparnisgründen als aus Gedankenlosigkeit werden für Einfriedigungen allzuoft noch unschöne Drahtzäune verwendet, vielfach in unnötiger Höhe.“

Fast noch spannender ist der Umstand, dass sich im Archiv eine weitere Fotografie findet. Aufschlussreich ist ein Vermerk auf der Rückseite: „WHK 1955, S. 80“. Der Vermerk ist durchgestrichen. Es scheint, als sei das Foto für den Beitrag vorgesehen oder in die engere Auswahl genommen, dann aber verworfen worden. Im Artikel ist es nicht abgedruckt.

"Indiskutabel als Teil der westfälischen Gartenkultur: Stacheldraht", Archiv für Alltagskultur, WHB F 4.1.280.

Da ich Dozent am Institut für Kulturanthropologie/Europäische Ethnologie der Universität Münster bin, frage ich mich oft, wie ich Quellenfunde, die ich hier vorstelle, wohl mit Studierenden im Seminar aufarbeiten könnte.

Der Artikel aus dem Heimatkalender samt der dazugehörigen Fotos bietet sich an, um Einblicke in die (westfälische) Heimatbewegung und ihre ästhetischen Vorstellungen zu gewinnen; also etwa dazu, wie „Heimat“ in der Vorstellungswelt – hier der 1950er Jahre – aussehen sollte und was ihre „Pflege“ im Kleinen und Kleinsten bedeutete. Ebenso interessant sind Fragen, ob und wie sich das von der Vorstellungswelt aus der Vorkriegszeit unterscheidet. Aufschlussreich ist dabei sicher vor allem das Aufeinandertreffen eines zeitlich weit zurückreichenden Antimodernismus der Heimatbewegung sowie der völkischen Neudefinitionen von Heimat in der Zwischenkriegszeit mit eher pragmatisch anmutenden Gartenpraktiken der 1950er Jahre.

Daran anschließend ist die Perspektive der materiellen Kultur produktiv, macht Wilhelm Segin doch mit dem Maschendraht ein konkretes, eigentlich alltägliches Objekt zu einem grundlegenden Problem. Das vielleicht angedachte, aber nicht verwendete Foto lenkt den Blick zudem auf ein weiteres Objekt: den Stacheldraht, der den Leserinnen und Lesern des Westfälischen Heimatkalenders zehn Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und den nationalsozialistischen Verbrechen offenkundig nicht zugemutet werden sollte.

Der Grusel des Stacheldrahts versteht sich nun aber nicht von selbst, sondern erschließt sich erst aus konkreten historischen Situationen und Bedeutungszuschreibungen. Die Kulturanthropologin Gudrun M. König ist dem nachgegangen. Sie hat auf grundlegend „unterschiedlich gewichtete Symboldiskurse“ hingewiesen. In den USA „verbindet sich der Stacheldraht vor allem mit den Mythen der Eroberung des ‚Wilden Westens‘, mit der Folklore um Cowboys und Prärie. Stacheldrahtmuseen bewahren die patriotisch umgedeutete Erinnerung an die Kolonisation, an die Stacheldrahtkriege zwischen den Viehbaronen und den Farmern sowie an die Zivilisation der ‚freien Natur‘, meist ungeachtet dessen, dass der Stacheldraht die Jagdgründe der Indianer durchschnitt und ihre Lebensgrundlage bedrohte.“ Diese Rahmung ist eine völlig andere als in Europa, denn hier haben die zwei Weltkriege mit ihren Schützengräben sowie die Kriegsgefangenen-, Internierungs- und Konzentrationslager den Stacheldraht untrennbar mit Gewalt, Terrorherrschaft und Verbrechen verbunden – und ihn in der Folge auch zum „Mahnmalszeichen“ gemacht.

Gudrun M. König weist darauf hin, dass in Firmenschriften und wirtschaftshistorischen Abhandlungen zur im Deutschen Reich boomenden Drahtindustrie der Stacheldraht gegenüber anderen Produkten kaum oder gar nicht erwähnt wird. Die Zentren der Drahtindustrie lagen im Übrigen in Westfalen: in Hamm, in Hohenlimburg, in der Region Iserlohn usw. Und die westfälische Drahtindustrie produzierte nicht nur Klavierdrähte oder Glühdrähte für Grubenlampen, sondern war auch führend in der Herstellung von Stacheldraht. Im diesem Sinn lässt sich der Artikel des Heimatpflegers Segin nicht nur als Versuch lesen, den mit Gewaltherrschaft verbundenen Stacheldraht aus den Augen und dem Sinn zu verbannen, sondern auch das industrielle Westfalen an den Rand zu drängen.

Die Geschichte des Stacheldrahts und seiner Verwendung liest sich im Lichte des Artikels von Wilhelm Segin auch einigermaßen ironisch. Denn der militärische Einsatz stand nicht am Anfang dieser Geschichte. Frühe französische Patente argumentierten damit, so Gudrun M. König, „dass der Stacheldraht den ‚lebenden Zaun‘ imitieren sollte, wie er etwa aus Weißdornbüschen und anderen Pflanzenarten als Alternative zu Mauern und Holzzäunen genutzt wurde. Diese französischen Patentanmeldungen der sechziger Jahre des 19. Jahrhunderts operierten rhetorisch mit der Gleichsetzung von Sporn und Dorn, um den Ersatz von Naturmaterial durch ein fabriziertes, artifizielles Material kenntlich zu machen.“

Geht man in der Aufarbeitung der Quelle einen Schritt weiter, kommt man noch einmal zu ganz anderen Themen.

Der Soziologe Zygmunt Bauman, dem wir grundlegende Einsichten in die Herrschaftstechniken und Denkweisen moderner Gesellschaften verdanken, hat in einem immens einflussreichen Buch die „Suche nach Ordnung“ ins Zentrum unseres Verständnisses von „Moderne“ gerückt – und dabei die Metapher des Gärtnerns prominent gemacht. Der moderne Staat, so sein Argument, übertrage die Logik des Gärtners auf Menschen und die Ordnung des Sozialen: Er „hege“ und „pflege“, „jäte Unkraut“ usw. Kurz: Moderne Staaten betreiben ein Social Engineering, das in der Überzeugung gründet, die „Kräfte der Natur“ dürften nicht sich selbst überlassen und „Wildwuchs“ müsse verhindert werden.

Der Anthropologe Philippe Descola wiederum lenkt die Aufmerksamkeit auf unterschiedliche Vorstellungen von „Natur“ in verschiedenen Gesellschaften. „Gärten“ geraten dabei als Grenzbereiche in den Blick, in denen je nach Gesellschaft und der ihr zugehörigen Kosmologie Trennungen und Übergänge zwischen dem „Wilden“ und dem „Domestizierten“ verhandelt werden. Sie sind also Ausdruck einer Grenzziehungsarbeit, die sich in zahlreichen Gesellschaften findet, aber jeweils ganz eigene Formen annimmt. In zahlreichen Gesellschaften, so schreibt Descola, würden Räume über den Grad der Veränderung durch menschliche Subsistenztechniken voneinander unterschieden und klassifiziert. Am Amazonas ebenso wie in den Reihen des Weltfälischen Heimatbunds, auch wenn Descola als profilierter Kenner Amazoniens von letzterem sicher nichts weiß.

Literatur

Bauman, Zygmunt: Moderne und Ambivalenz. Das Ende der Eindeutigkeit, Hamburg 2005 [1991].

Descola, Philippe: Leben und Sterben in Amazonien. Bei den Jívaro-Indianern, Berlin 2011 [1993].

Descola, Philippe: Jenseits von Natur und Kultur, Berlin 2011 [2005].

König, Gudrun M.: Stacheldraht. Die Analyse materieller Kultur und das Prinzip der Dingbedeutsamkeit. In: Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften, Bd. 15, H. 4, 2004, S. 50–72.

Oberkrome, Willi: „Deutsche Heimat“. Nationale Konzeption und regionale Praxis von Naturschutz, Landschaftsgestaltung und Kulturpolitik in Westfalen-Lippe und Thüringen (1900–1960), Paderborn u.a. 2004.

Segin, Wilhelm: Den Garten hegen. In: Westfälischer Heimatkalender, 1955, S. 79–82.

Kategorie: Aus unserer Sammlung

Schlagwort: Timo Luks