Da ich Dozent am Institut für Kulturanthropologie/Europäische Ethnologie der Universität Münster bin, frage ich mich oft, wie ich Quellenfunde, die ich hier vorstelle, wohl mit Studierenden im Seminar aufarbeiten könnte.
Der Artikel aus dem Heimatkalender samt der dazugehörigen Fotos bietet sich an, um Einblicke in die (westfälische) Heimatbewegung und ihre ästhetischen Vorstellungen zu gewinnen; also etwa dazu, wie „Heimat“ in der Vorstellungswelt – hier der 1950er Jahre – aussehen sollte und was ihre „Pflege“ im Kleinen und Kleinsten bedeutete. Ebenso interessant sind Fragen, ob und wie sich das von der Vorstellungswelt aus der Vorkriegszeit unterscheidet. Aufschlussreich ist dabei sicher vor allem das Aufeinandertreffen eines zeitlich weit zurückreichenden Antimodernismus der Heimatbewegung sowie der völkischen Neudefinitionen von Heimat in der Zwischenkriegszeit mit eher pragmatisch anmutenden Gartenpraktiken der 1950er Jahre.
Daran anschließend ist die Perspektive der materiellen Kultur produktiv, macht Wilhelm Segin doch mit dem Maschendraht ein konkretes, eigentlich alltägliches Objekt zu einem grundlegenden Problem. Das vielleicht angedachte, aber nicht verwendete Foto lenkt den Blick zudem auf ein weiteres Objekt: den Stacheldraht, der den Leserinnen und Lesern des Westfälischen Heimatkalenders zehn Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und den nationalsozialistischen Verbrechen offenkundig nicht zugemutet werden sollte.
Der Grusel des Stacheldrahts versteht sich nun aber nicht von selbst, sondern erschließt sich erst aus konkreten historischen Situationen und Bedeutungszuschreibungen. Die Kulturanthropologin Gudrun M. König ist dem nachgegangen. Sie hat auf grundlegend „unterschiedlich gewichtete Symboldiskurse“ hingewiesen. In den USA „verbindet sich der Stacheldraht vor allem mit den Mythen der Eroberung des ‚Wilden Westens‘, mit der Folklore um Cowboys und Prärie. Stacheldrahtmuseen bewahren die patriotisch umgedeutete Erinnerung an die Kolonisation, an die Stacheldrahtkriege zwischen den Viehbaronen und den Farmern sowie an die Zivilisation der ‚freien Natur‘, meist ungeachtet dessen, dass der Stacheldraht die Jagdgründe der Indianer durchschnitt und ihre Lebensgrundlage bedrohte.“ Diese Rahmung ist eine völlig andere als in Europa, denn hier haben die zwei Weltkriege mit ihren Schützengräben sowie die Kriegsgefangenen-, Internierungs- und Konzentrationslager den Stacheldraht untrennbar mit Gewalt, Terrorherrschaft und Verbrechen verbunden – und ihn in der Folge auch zum „Mahnmalszeichen“ gemacht.
Gudrun M. König weist darauf hin, dass in Firmenschriften und wirtschaftshistorischen Abhandlungen zur im Deutschen Reich boomenden Drahtindustrie der Stacheldraht gegenüber anderen Produkten kaum oder gar nicht erwähnt wird. Die Zentren der Drahtindustrie lagen im Übrigen in Westfalen: in Hamm, in Hohenlimburg, in der Region Iserlohn usw. Und die westfälische Drahtindustrie produzierte nicht nur Klavierdrähte oder Glühdrähte für Grubenlampen, sondern war auch führend in der Herstellung von Stacheldraht. Im diesem Sinn lässt sich der Artikel des Heimatpflegers Segin nicht nur als Versuch lesen, den mit Gewaltherrschaft verbundenen Stacheldraht aus den Augen und dem Sinn zu verbannen, sondern auch das industrielle Westfalen an den Rand zu drängen.
Die Geschichte des Stacheldrahts und seiner Verwendung liest sich im Lichte des Artikels von Wilhelm Segin auch einigermaßen ironisch. Denn der militärische Einsatz stand nicht am Anfang dieser Geschichte. Frühe französische Patente argumentierten damit, so Gudrun M. König, „dass der Stacheldraht den ‚lebenden Zaun‘ imitieren sollte, wie er etwa aus Weißdornbüschen und anderen Pflanzenarten als Alternative zu Mauern und Holzzäunen genutzt wurde. Diese französischen Patentanmeldungen der sechziger Jahre des 19. Jahrhunderts operierten rhetorisch mit der Gleichsetzung von Sporn und Dorn, um den Ersatz von Naturmaterial durch ein fabriziertes, artifizielles Material kenntlich zu machen.“
Geht man in der Aufarbeitung der Quelle einen Schritt weiter, kommt man noch einmal zu ganz anderen Themen.
Der Soziologe Zygmunt Bauman, dem wir grundlegende Einsichten in die Herrschaftstechniken und Denkweisen moderner Gesellschaften verdanken, hat in einem immens einflussreichen Buch die „Suche nach Ordnung“ ins Zentrum unseres Verständnisses von „Moderne“ gerückt – und dabei die Metapher des Gärtnerns prominent gemacht. Der moderne Staat, so sein Argument, übertrage die Logik des Gärtners auf Menschen und die Ordnung des Sozialen: Er „hege“ und „pflege“, „jäte Unkraut“ usw. Kurz: Moderne Staaten betreiben ein Social Engineering, das in der Überzeugung gründet, die „Kräfte der Natur“ dürften nicht sich selbst überlassen und „Wildwuchs“ müsse verhindert werden.
Der Anthropologe Philippe Descola wiederum lenkt die Aufmerksamkeit auf unterschiedliche Vorstellungen von „Natur“ in verschiedenen Gesellschaften. „Gärten“ geraten dabei als Grenzbereiche in den Blick, in denen je nach Gesellschaft und der ihr zugehörigen Kosmologie Trennungen und Übergänge zwischen dem „Wilden“ und dem „Domestizierten“ verhandelt werden. Sie sind also Ausdruck einer Grenzziehungsarbeit, die sich in zahlreichen Gesellschaften findet, aber jeweils ganz eigene Formen annimmt. In zahlreichen Gesellschaften, so schreibt Descola, würden Räume über den Grad der Veränderung durch menschliche Subsistenztechniken voneinander unterschieden und klassifiziert. Am Amazonas ebenso wie in den Reihen des Weltfälischen Heimatbunds, auch wenn Descola als profilierter Kenner Amazoniens von letzterem sicher nichts weiß.
Literatur
Bauman, Zygmunt: Moderne und Ambivalenz. Das Ende der Eindeutigkeit, Hamburg 2005 [1991].
Descola, Philippe: Leben und Sterben in Amazonien. Bei den Jívaro-Indianern, Berlin 2011 [1993].
Descola, Philippe: Jenseits von Natur und Kultur, Berlin 2011 [2005].
König, Gudrun M.: Stacheldraht. Die Analyse materieller Kultur und das Prinzip der Dingbedeutsamkeit. In: Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften, Bd. 15, H. 4, 2004, S. 50–72.
Oberkrome, Willi: „Deutsche Heimat“. Nationale Konzeption und regionale Praxis von Naturschutz, Landschaftsgestaltung und Kulturpolitik in Westfalen-Lippe und Thüringen (1900–1960), Paderborn u.a. 2004.
Segin, Wilhelm: Den Garten hegen. In: Westfälischer Heimatkalender, 1955, S. 79–82.