„Betriebsgemeinschaft“ in den 1930er Jahren

28.07.2026 Niklas Regenbrecht

Mit Fähnchen aus der Firma: Die Kinder der „Gefolgschaft“ mit Betreuerinnen 1939 (Filmausschnitte Familienarchiv Ahlers).

Filme aus dem Archiv der Familie Ahlers zeigen die Einbindung der Wirtschaft in das NS-System. Auch seltene Aufnahmen aus der Produktion bei Ahlers gehören zu den Filmen, die in der Gedenkstätte Zellentrakt zu sehen sind.

Christoph Laue

Im Archiv der Familie Ahlers sind acht Filme überliefert, die einen besonderen Einblick in den zum 1. Mai 1939 als „NS-Musterbetrieb“ ausgezeichneten Textilbetrieb Adolf Ahlers bieten. Die Filme – teilweise in Farbe – aus den Jahren 1938 bis 1940 zeigen das Leben in den Betrieben des Konzerns und die besonderen innerbetrieblichen Leistungen, die auch zur damaligen Auszeichnung beitrugen. Es handelt sich nicht um vom „Betriebsführer“ Adolf Ahlers beauftragte Propaganda-Filme, sondern um dokumentarische Beiträge, die aber sehr gut die Einbindung der Betriebsangehörigen in die NS-Zeit illustrieren und so einen besonderen Beitrag zur aktuellen Ausstellung in der Gedenkstätte Zellentrakt zur Nazifizierung der Herforder Gesellschaft darstellen. Dies bestätigte auch die Diskussion nach der ersten Vorführung am 2. Mai 2026 dort.

Dank an den „Führer“: Die Fabrik in Elverdissen im Mai 1939, ein halbes Jahr vor Kriegsbeginn (Filmausschnitte Familienarchiv Ahlers).
Arbeiten unter dem Hitlerbild: Ein seltener Blick in die Produktion im Jahr 1939 (Filmausschnitte Familienarchiv Ahlers).

Adolf Ahlers (1899–1968) hatte sich 1919 als selbständiger Textilvertreter und Textilgroßhändler in seiner Heimatstadt Jever niedergelassen und zog 1925 mit seiner Firma nach Oldenburg um. 1932 erwarb er die Fabrikgebäude der pleite gegangenen Baumwollweberei Erwin Seidel in Elverdissen und benannte sie als „Westfälisches Textilwerk Adolf Ahlers.“ Wettbewerber wunderten sich über seine „Waghalsigkeit“ kurz nach der großen Wirtschaftskrise. In den Jahren 1933 bis 1939 erfolgte die ständige Vergrößerung des dortigen Hauptbetriebes inklusive des Aufbaus einer firmeneigenen Busflotte, der Entstehung einer Werkssiedlung, Werksküche, Lehrlingswerkstatt und eines Kindergartens. Durch Uniformen für die vielen Gliederungen der NSDAP und die neue Wehrpflicht ergaben sich große Auftragssteigerungen. 1934 hatte die Firma in Elverdissen ca. 800 Mitarbeiter, errichtete den neuen großen Nähsaal und 1939 ein neues Verwaltungsgebäude. 1934 erfolgte der Erwerb des Fabrikgebäudes der 1932 in Konkurs gegangenen Firma „Elsbach und von Nordheim“ an der Goebenstrasse in Herford. Im Gebäude, bis 1936 vom Arbeitsdienst genutzt, entstanden die „Adolf Ahlers Wäschefabriken GmbH.“ 1938 „arisierte“ Ahlers die gegenüberliegende Firma Elsbach AG mit ca. 850 Mitarbeitenden. Zur am 1. Mai 1939 erfolgten Verleihung des Titels „NS-Musterbetrieb“ mit Übergabe der „Goldenen Fahne“ berichtete die Herforder Zeitung ausführlich, nun gab es insgesamt weit über 2000 „Gefolgschaftsmitglieder“.

Das „Gesetz zur Ordnung der nationalen Arbeit“ vom Januar 1934 hatte das Konzept von Arbeitgeber und Arbeitnehmer durch das der “Betriebsgemeinschaft“. ersetzt. Der Unternehmer wurde „Betriebsführer“, die Arbeiter und Angestellten zur „Gefolgschaft.“ Der Betriebsführer traf nun Entscheidungen allein, ohne Kontrolle durch Betriebsräte oder Gewerkschaften, die ab 1933 in die „Deutsche Arbeitsfront“ eingegangen waren. Das Führerprinzip in der Wirtschaft war ein Werkzeug, um die Privat- in die nationalsozialistische Befehls-Wirtschaft und Aufrüstungspolitik einzubinden. 

Reden an die „Gefolgschaft“: Gauleiter Meyer und Betriebsführer Adolf Ahlers (Filmausschnitte Familienarchiv Ahlers).
Blumen für den Gauleiter. Alfred Meyer war zu Besuch in Elverdissen (Filmausschnitte Familienarchiv Ahlers).

Genau dies illustrieren die vom „Gefolgschaftsmitglied“ Erich Korte, Angestellter im Ahlers Werk Elverdissen, erstellten Filme. Sie dokumentieren Betriebsfeiern, Reisen der Belegschaft in die nähere Umgebung, aber auch nach Bayern und eine Fahrt mit dem „Kraft durch Freude“-Dampfer „Robert Ley“ nach Norwegen. In zwei Werksfilmen von 1939 werden die Werke in Elverdissen, Herford – auch der „arisierte“ Elsbach-Betrieb – Lage und Löhne sowie die sozialen, sportlichen, kulturellen Einrichtungen und die Höhepunkte aus dem betrieblichen Leben, wie der Besuch der ersten „Volkswagen“, die Maifeier 1939, die Übergabe der „goldenen Fahne“ und der erste Marsch mit ihr durch Herford, sowie der Besuch des Gauleiters der NSDAP Westfalen-Nord Dr. Alfred Meyer gezeigt. Sehr selten sind zudem die Aufnahmen aus der Produktion in den Ahlers Betrieben, die alle Arbeitsschritte und die große Zahl der eingesetzten Arbeitskräfte verdeutlichen. Anhand der im Kommunalarchiv Herford überlieferten Werkszeitungen können die Filminhalte genauer erläutert werden. Die Filme werden während der Laufzeit der Ausstellung „Herford gehört(e) dem Führer? – Die Nazifizierung des Alltags im Raum Herford 1933–1939“ noch mehrfach kommentiert gezeigt: www.zellentrakt.de.

 

 

Zuerst erschienen in: HF-Magazin. Heimatkundliche Beiträge aus dem Kreis Herford, Nr. 137, 17.06.2026, herausgegeben von der Neuen Westfälischen.

 

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