Schwerpunkt Arbeit(en): Berufswettkämpfe der Landjugend in Westfalen

31.07.2026 Niklas Regenbrecht

Blick auf den Wohnteil von Hof Middendorf zwischen Nienberge und Altenberge bei Münster, Austragungsort der Kreisentscheidung im Berufswettkampf der Landwirte, 1957. (Foto: Adolf Risse, Archiv für Alltagskultur, Sign. 0000.07454)

Christiane Cantauw

Im März 1957 hat der Fotograf Adolf Risse eine Fotoserie mit insgesamt sechs schwarzweiß-Fotos zum Thema „Berufswettkampf der Landjugend“ aufgenommen. Die Veranstaltung fand in der Nähe von Münster auf dem zwischen Nienberge und Altenberge gelegenen Hof Middendorf statt. Geprüft wurden laut Risse das theoretische und praktische Wissen der Jungbauern. Die Prüfungskommission setzte sich aus Lehrern und Landwirten respektive Landwirtschaftsmeistern zusammen. Zur praktischen Prüfung gehörten unter anderem das Rangieren mit Traktor und Anhänger sowie das Anschirren eines Pferdes.

Dass auch die Jungbäuerinnen – in Theorie und hauswirtschaftlicher Praxis – geprüft wurden, schien dem Fotografen, der auch für die beiden münsterschen Tageszeitungen arbeitete, entweder entgangen zu sein oder nicht weiter bemerkenswert. Er schreibt lediglich, dass die Jungbäuerinnen in schwarzer Kleidung bei Tisch bedienten. Dass das Auftragen der Speisen aber ebenso wie die Zubereitung der Mahlzeit Teil ihrer praktischen Prüfung beim „Berufswettkampf der Landjugend“ war, bleibt unerwähnt.

Der fachgerechte Umgang mit dem Pferdewagen gehörte 1957 noch zu den praktischen Fertigkeiten, deren Beherrschung ein Jungbauer im Berufswettkampf unter Beweis stellen musste. (Foto: Adolf Risse, Archiv für Alltagskultur, Sign. 0000.07455)

Landwirtschaftliche Berufswettkämpfe gab es zu diesem Zeitpunkt bereits seit vier Jahren. Sie wurden alle zwei Jahre vom Bund der deutscher Landjugend (BDL), dem Deutschen Bauernverband (DBV), dem Deutschen Landfrauenverband und der Schorlemer-Stiftung des Deutschen Bauernverbandes e. V. ausgerichtet. Förderer des Leistungsvergleichs waren in den 1950er Jahren das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten, dem als Minister der spätere Bundepräsident Heinrich Lübke vorstand, sowie die Landwirtschaftliche Rentenbank. Erklärtes Ziel der Berufswettkämpfe war es, die Wahrnehmbarkeit der Berufe in der Landwirtschaft zu erhöhen und im eigenen Berufsstand ein Bewusstsein zu schaffen für die Sinnhaftigkeit beruflicher (Fort- und Weiter-)Bildung. Dazu schien ein freiwilliger Leistungsvergleich auf theoretischem und praktischem Gebiet sinnvoll. Ausgetragen wurden die Berufswettkämpfe auf der Kreis- bis hin zur Bundesebene.  

Treibende Kraft des Leistungsvergleichs war der überkonfessionelle und überparteiliche BDL. Er war im Dezember 1949 im sauerländischen Fredeburg als föderativer Zusammenschluss der Landesverbände der Landjugend gegründet worden, von denen es 1949 erst drei – Westfalen-Lippe, Württemberg-Baden und Pfalz – gab, die aber in den Folgejahren überall in Deutschland ins Leben gerufen wurden. Schnell entwickelte sich der BDL zu einer mitgliederstarken und auch politisch aktiven Lobbygruppe, die seit 1950 jährlich sogenannte Landjugendtage ausrichtete, an denen eine schnell zunehmende Zahl von jungen Leuten teilnahm.

Das versierte Rangieren mit Trecker und Anhänger wurde 1957 im Berufswettkampf ebenfalls geprüft. Als Treckerfahrer ist der Verwalter eines Schulzenhofes zu sehen, der sich in Kleidungsfragen durchaus von den Jungbauern unterschied. (Foto: Adolf Risse, Archiv für Alltagskultur, Sign. 0000.07456)

Ende September 1953 fand erstmals ein Landjugendtag in Westfalen-Lippe statt. Ehrengast der Veranstaltung in Münster, im Rahmen derer auch der Berufswettkampf stattfand, war Bundespräsident Theodor Heuss. Er erlebte ein Großereignis, bei dem sich der ländliche Berufsnachwuchs weiter organisierte (Gründung von bundesweiten Arbeitskreisen, Verbandszeitschrift) und für die Berufs- und politische Bildung auf dem Land Position bezog.

Gegenwind kam von der katholischen Kirche, die sich auf der Dechantenkonferenz im Mai 1953 besorgt um den Fortbestand der Katholischen Landjugendbewegung gezeigt hatte, für die man den BDL als Konkurrenz empfand. Der Bischof von Münster Michael Keller (1896–1961) äußerte sich in „ernster Sorge um die Jugend“: Es könne „nicht gleichgültig sein, ob und wie die Jugend von der Kirche oder von den Betrieben bzw. von den bäuerlichen Verbänden geformt werde. Er hoffe und wünsche, daß Herr Diözesanpräses Wissing, der als Bundesseelsorger für die Landjugend vorgesehen sei, in dieser Hinsicht erfolgreich wirke.“ (Landjugendseelsorge, Protokoll, S.10)

Prüflinge im Austausch vor der schriftlichen Prüfung; neben der Berufspraxis mussten auch theoretische Kenntnisse im Berufswettkampf nachgewiesen werden. (Foto: Adolf Risse, Archiv für Alltagskultur, Sign. 0000.07459)

Zur pessimistischen Sichtweise des Bischofs hatte wohl auch ein dem Referat von Rektor Wiggenhorn von der Katholischen Landvolkshochschule Schorlemer Alst im münsterländischen Freckenhorst  zur „Landjugendseelsorge“ vorausgegangenes Statement des Lehrstuhlinhabers für Christliche Sozialwissenschaften an der damaligen Westfälischen Wilhelms-Universität und späteren Kardinals Joseph Höffner (1906–1987) beigetragen. Höffner konstatierte einen tiefgreifenden ländlichen Strukturwandel, der sich in der Abwanderung von Arbeitskräften und einem Modernisierungs- und Technisierungsdruck auf die Betriebe äußere. Diese Diagnose entsprach durchaus den Tatsachen, nicht aber die Ursachen, auf die Höffner sie zurückführte. Er machte in erster Linie den Verlust einer „geschlossene[n] religiösen und sittlichen Lebensauffassung“ für die als bedrohlich begriffenen wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen aus. Das Leben und Denken in Dorf und Stadt werde nicht mehr wie in der Vergangenheit bestimmt „von der religiösen Gemeinschaft, d. h. von der Pfarrei“, sondern weit mehr „von der sog. bürgerlichen Gemeinde“ [damit meinte er die staatliche Verwaltung, C.C.]. Daraus leitete Höffner für die katholische Kirche drei Arbeitsaufgaben ab: 1. Die „Verkündigung der Frohbotschaft Christi in ihrer unbedingten Übernatürlichkeit“, 2. Die „Pflege eines christlichen Arbeits- und Berufsethos im bäuerlichen Menschen“ und 3. Die Nächstenliebe. (Protokoll, S. 9)  

Während der Bund der deutschen Landjugend 1953 angesichts des tiefgreifenden Strukturwandels um eine effizientere Landwirtschaft und die zukünftigen Rollen der Landwirte und Landwirtinnen in der Gesellschaft rang, sah die katholische Kirche die Lösung in der Rückkehr zu einer religiösen und sittlichen Lebensauffassung.   

 

Quellen und Literatur:

Bischöfliches Generalvikariat Bistum Münster: Protokoll der Dechantenkonferenz vom 25. bis 27. Mai 1953. In: Amtskirchliches Mitteilungsblatt, Jg. 1953.

Bund der deutschen Landjugend e.V. (Hg.): 75 Jahre Bund der Deutschen Landjugend. Berlin 2024 (https://www.landjugend.de/publikationen/75-jahre-bund-der-deutschen-landjugend/)

Plank, Ulrich: Die Lebenslage der westdeutschen Land-Jugend. 2. Bde., München 1956

Ebd.: Landjugend im sozialen Wandel. Ergebnisse einer Trenduntersuchung über die Lebenslage der westdeutschen Landjugend. München 1970.