10.11.2020

Der Mensch und der Maulwurf – eine schwierige Beziehungsgeschichte

Maulwurfshaufen, Foto: Sebastian Schröder, 29.09.2020.

Sebastian Schröder

„Wer hat mir auf den Kopf gemacht?“ So lautet der Titel eines Kinderbuches. Darin sucht ein Maulwurf den Übeltäter, der sein „Geschäft“ auf seinem Haupt verrichtet hat. Diese Angelegenheit ist für das Säugetier mit den großen, schaufelartigen Vorderläufen sicherlich sehr unangenehm gewesen. Doch auch die Hinterlassenschaften des Maulwurfs, der im ausgewachsenen Zustand ungefähr 13 Zentimeter groß und knapp 90 Gramm schwer ist, sind vielen Menschen ein Dorn im Auge. Penible Gärtner erzürnt der Blick auf die Erdhaufen inmitten ihrer ansonsten akkurat gepflegten Rasenflächen. Und Politiker schimpfen über „Maulwürfe“ in ihren Reihen, die geheime Details der Presse zuspielen. Der Talpa europaea – wie das Tier in Fachkreisen genannt wird – sorgt aber nicht nur heute für Unmut im heimischen Garten, sondern auch schon vor einigen Jahrhunderten, wie folgendes Beispiel zeigt.

Vor den Toren der Stadt Lübbecke im Norden Westfalens, einst zugehörig zum Fürstentum Minden, lag die sogenannte Feldmark. Sie erstreckte sich zwischen den städtischen Befestigungsanlagen und der Landwehr, die die Stadtflur gegen das Land abgrenzte. Die Feldmark war in vier Viertel eingeteilt, die mit der innerstädtischen Gliederung korrespondierten. Jeder vollberechtigte Bürger durfte dort sein Vieh weiden lassen, wobei es abgestufte Nutzungsrechte gab. Die Verwaltung der Feldmark lag in den Händen von sogenannten Bruchherren, Schützenmeistern und Scheffen. Sie legten beispielsweise Kontingente zum Eintrieb der Tiere fest, beaufsichtigten und kontrollierten die Nutzung und ahndeten Verstöße gegen die geltenden Normen. Regelmäßig fanden sogenannte Bruchversammlungen statt, vor allem im Frühjahr, kurz bevor Kühe, Rinder, Schweine und Pferde erstmals nach dem Winter wieder auf die Weide durften. Während der Zusammenkünfte wurden zum einen die Hirten bestellt. Zum anderen ebnete man die Maulwurfshügel in der Feldmark ein – in der niederdeutschen Mundart des 17. Jahrhunderts heißt es: „die wannenbülte ebenen loßen“ oder die „wanneworpß bülte eben loßen“. Bruchherren, Schützenmeister und Scheffen zogen gemeinsam mit entsprechenden Gerätschaften in Feld und Flur, um die kleinen Erdhügel der rastlosen Gräber auseinander zu harken, damit an den Stellen, wo die schwarzfarbigen Tiere gewühlt hatten, wieder Gras wachsen konnte.

Maulwurf; „Fig. 28. Der gemeine Maulwurf (Talpa europaea, L.) und sein Bau“, aus: Gustav von Hayek, Illustrierter Leitfaden der Naturgeschichte des Thierreiches, Wien 1876.

Dass Maulwürfe aber nicht nur in der Feldmark Schäden anrichten konnten, zeigt ein Beispiel aus Bockhorst, einer kleinen Gemeinde im Westen der früheren Grafschaft Ravensberg, die lediglich aus wenigen eingepfarrten Hofstellen besteht. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts befanden sich die geistlichen Gebäude, also das Kirchengebäude, das Küsterwohnhaus und vor allem auch das Gehöft des örtlichen Geistlichen, in einem erbärmlichen Zustand. Im Jahr 1799 beklagte sich Pfarrer Riese persönlich bei den zuständigen preußischen Behörden über seine Wohnsituation: „Der bewohnte Theil des Hauses ist nunmehro völlig in die Erde versunken, der Maulwurf wühlet in der Wohnstube und der Schlafkammer. Bei naßer Witterung steigt das Waßer in Stube und Cammer, Thüren und Fenster schützen nicht mehr vor Wind und Wetter, Wände und Grund-Mauern stürzen eins nach dem andern ein, so daß das Haus Dieben und bösen Hunden des Nachts offen liegt.“ Das Bockhorster Pfarrhaus besaß also folglich keinen steinernen Fußboden, sondern ganz im Gegenteil entweder einen fest gestampften Lehmboden oder einen Belag aus hölzernen Dielen, die wahrscheinlich bis dato abgängig waren. Es ist also nicht völlig abwegig, dass der Maulwurf tatsächlich den Erdaushub seiner Gänge im Wohntrakt des Pfarrers verteilte. Gleichwohl ist natürlich auch nicht ausgeschlossen, dass der Geistliche ein wenig übertrieben hat, um die Dringlichkeit seiner Lage zu unterstreichen. Dabei nutzte er das Bild des damals als besonders schädlich wahrgenommenen Tieres, um die eigene Not nachdrücklich darzustellen. Der nahezu blinde Insektenfresser war gerade kein Lebewesen, das man gerne in den häuslichen vier Wänden begrüßen wollte.

Der Maulwurf stellte für die Menschen der Frühen Neuzeit also einen nicht allzu beliebten Zeitgenossen dar. Folglich wurde er bejagt, um seinem Treiben Einhalt gebieten zu können. Gleichwohl setzte man beispielsweise die Leber des Säugetiers in der Humanheilkunde ein. So heißt es in einem vermutlich Ende des 17. Jahrhunderts abgefassten Lübbecker „Arzneibuch“ aus adligem Besitz, dass man bei Fieber die Leber eines Maulwurfs zu Pulver stoßen und mit Wein zu sich nehmen sollte. Insofern sprach man dem Säuger dann doch eine nützliche Bedeutung zu. Alles in allem betrachtete man den Maulwurf allerdings als Schädling, der erbarmungslos bekämpft wurde. Die Beziehung zwischen Mensch und Maulwurf – von jeher problematisch …

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Schlagworte: Landwirtschaft · Tiere · Sebastian Schröder