Schwerpunkt Arbeit(en): Schausteller*innen: Arbeit(en) an Orten des Vergnügens

17.07.2026 Niklas Regenbrecht

Barbara Stambolis

Die „Schaustellerkultur auf Volksfesten in Deutschland“ ist 2026 in die Liste des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen worden. Wissenschaftliches Interesse gilt Volksfesten bereits seit Jahrzehnten, die Arbeitswelt von Schausteller*innen bietet jedoch, wie die Begründung der Welterbe-Jury zeigt, viel Raum für künftige Forschungsprojekte. Welche gesellschaftlichen Faktoren trugen zum Wandel der Lebens- und Arbeitsbedingungen von Schaustellerfamilien bei? Wie langlebig sind verbreitete Vorstellungen über „Kirmesleute“?  Wie veränderte sich die Kirmeskultur? Auch westfälische Volksfeste eignen sich, um diesen Fragen nachzugehen. 

Orte des Vergnügens und gesellschaftlicher Wandel

Im 19. Jahrhundert entwickelten Jahrmärkte eine große Anziehungskraft für breite Bevölkerungsschichten. Sie spiegelten die wachsende Bedeutung von freier, d.h. arbeitsfreier Zeit und Bedürfnissen nach Unterhaltung und Erholung wider. Das Berufsbild der auf Jahrmärkten und Volksfesten Tätigen veränderte sich im 19. Jahrhundert grundlegend. Schlaglichtartig seien einige Beispiele angeführt: Kirmesunternehmer*innen hatten zunehmend einen festen Wohnsitz, sie waren zeitlich begrenzt unterwegs und lebten während dieser Zeit in Wohnwagen aus industrieller Produktion. Die erste Hochblüte des Schaustellergewerbes ging mit der Entwicklung der Karussellindustrie einher. Schaustellungen von Personen und Tieren verloren im Laufe des 19. Jahrhunderts ihre Anziehungskraft. Dampfkraft und Elektrizität veränderten den Karussellbau um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert grundlegend. Autoscooter wurden seit den 1920er Jahren auf Jahrmärkten selbstverständlich. Technische Entwicklungen und Erwartungen des Publikums stellten hohe Anforderungen an das Personal der Kirmesunternehmen. Gleichwohl verbanden viele Menschen vor allem romantisch-abenteuerliche Vorstellungen mit dem Leben hinter den Kulissen von Jahrmärkten.

Bildarchiv Alltagskultur Münster, 1987.00553, Frühjahrssend, Münster, Hindenburgplatz, 20.3.–31.3.1982, Fotograf: Dietmar Sauermann.
Bildarchiv Alltagskultur Münster, 1987.00554, Frühjahrssend, Münster, Hindenburgplatz, 20.3.–31.3.1982, Fotograf: Dietmar Sauermann.
Bildarchiv Alltagskultur Münster, 1987.00753, Frühjahrssend, Münster, Hindenburgplatz, 20.3.–31.3.1982, Fotograf: Dietmar Sauermann.

Kirmes und Abenteuer – eine Frage der Perspektive

Volksfestbesucher*innen betrachteten das Leben auf dem „Rummelplatz“ nicht selten als abenteuerlich und fremd, wie ein Blick in die westfälische Presse der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zeigt. Im Westfälischen Volksblatt erschienen in den 1920er Jahren eine ganze Reihe von Erinnerungen an den Besuch des Volksfestes Libori. Besucher*innen blickten auf persönliche Kirmes-Eindrücke aus Kindheit und Jugend zurück. Ein Zeitzeuge berichtete: „Ein besonderer Reiz lag für uns darin, beim Aufbau der Budenstadt … helfen zu können. Dort kletterte einer auf das Holzgerippe […], hier trugen Jungens Wasser für die Budenleute; andere besorgten Einkäufe für die Schausteller, die uns dafür Freikarten […] schenkten.“ (Westfälisches Volksblatt vom 24.7.1926) Für manche begann die Vorfreude mit der Ankunft der ersten Wohnwagen auf dem Kirmesplatz. (Westfälisches Volksblatt vom 29.7.1919) Einen Einblick in die Arbeitswelt Kirmes bekamen jugendliche Zaungäste wohl nur selten. In Erinnerungen aus der Zwischenkriegszeit überwogen nostalgische Rückblicke auf unwiederbringlich verlorene Kindheitsträume. Einzelne Rückblicke auf Kirmesbesuche in den 1950er Jahren betonen die Attraktion damals besonders modern wirkender Fahrgeschäfte wie die ‚Fahrt zum Mond‘. Ein Zeitzeuge schrieb in der Rückschau auf die Soester Allerheiligenkirmes: „Vor der Kassen- und Steuerkabine unter einer Mondlampe an der höchsten Stelle der ‚Fahrt zum Mond‘ bildete sich immer ein größerer Stau. Hier konnten wir beim ‚Chef des Karussells‘ unsere Musikwünsche für uns oder für jemanden im Wagen Numero soundso anmelden, die dann hoffentlich in Erfüllung gingen. […] ‚Für die nette Dame im Wagen Nr. 7 wünscht sich der junge Mann im Wagen 13 den Titel ‚Teddy Bear‘ von Elvis Presley.“ (Soester Anzeiger vom 2.11.2010)

Bildarchiv Alltagskultur Münster, 1987.00752, Frühjahrssend, Münster, Hindenburgplatz, 20.3.–31.3.1982, Fotograf: Dietmar Sauermann.
Bildarchiv Alltagskultur Münster, 0000.80730, Frühjahrssend, Münster, Hindenburgplatz, 20.3.–31.3.1982, Fotograf: Dietmar Sauermann.

Schaustellerfamilien 

Die Schaustellerkultur verbinde „technische Attraktionen, traditionelle Handwerkstechniken und gastronomische Angebote“; sie mache „Volksfeste zu lebendigen Begegnungsorten“, heißt es in der Begründung für die Aufnahme in die Immaterielle Kulturerbe-Liste. Aus Sicht der Schaustellerin Margit Ramus (geb. 1951) lasse sich die auf diese Weise geehrte Berufsgruppe gut mit „landwirtschaftlichen Familienbetrieben vergleichen, weil hier und dort das Zusammenleben und -arbeiten den Alltag bestimmten.“ Schausteller*innen, betonte sie, seien vielfach „Ehefrau, Mutter, Köchin, Buchhalterin, Kauffrau, Chefin und mehr.“ Viele „Schaustellerkinder“ übernähmen als Jugendliche in selbstverständlicher Weise Verantwortung in der Familie. (Ramus, Schausteller, S. 215)

In Westfalen beheimatete Schaustellerfamilien, in denen mehrere Generationen Familientraditionen weiterführten, haben mehrfach größere mediale Aufmerksamkeit gefunden. Der Familie Schneider war beispielsweise eine WDR-Dokumentation gewidmet. 2015 brachte der Rundfunk Berlin Brandenburg (rbb) den „Steckbrief“ von Hans Schneider (geb. 2006), der seine Heimat in Lippstadt sah, für den aber auch festzustehen schien, dass er Schausteller werden wollte. Heitmann, Steiger und Bröckling wären weitere Namen, die regionale Kirmesgeschichte geschrieben haben, darunter immer wieder Frauen, beispielsweise Maria Steiger, geborene Heitmann (1889-1951), die ihr Familienunternehmen über viele Jahre hinweg leitete. (Freie Presse vom 7.5.1951)

Bildarchiv Alltagskultur Münster, 0000.80735, Kirmes, Bocholt, Kreis Borken 1980, Fotograf: Dietmar Sauermann.
Bildarchiv Alltagskultur Münster, 1987.00776, Frühjahrssend, Münster, Hindenburgplatz, 20.3.–31.3.1982, Fotograf: Dietmar Sauermann.
Bildarchiv Alltagskultur Münster, 1985.01007, Kirmes, Horstmar, Kreis Steinfurt, 15.5.1981–15.6.1981, Fotograf: Dietmar Sauermann.

Herausforderungen und Perspektiven

In den 1980er und 1990er Jahren hatten Historiker*innen und empirische Kulturwissenschaftler*innen Orten und Akteur*innen des Vergnügens ihre Aufmerksamkeit gewidmet. Seither hat sich ihr Blick verändert, Volksfeste erwiesen und erweisen sich auch kolonial- und konsumgeschichtlich als interessant. Forscher*innen untersuchten die Zuschaustellung von Menschen auf Jahrmärkten und Völkerschauen oder visuelle Quellen wie Kulissen von Karussells und Schießbuden, die im 19. Jahrhundert nicht selten exotische Szenen präsentierten. Eine im Münsteraner Stadtmuseum aufbewahrte Schießhalle zeigt etwa den dramatischen Moment einer Großwildjagd: Ein Leopard fällt einen Afrikaner an; ein Europäer gibt den rettenden Schuss ab. (Stambolis, Libori, S. 140f.)

Konsum- und festgeschichtlich ist – um auch hier ein Beispiel zu geben – die Ausbreitung von Bierzelten nach Oktoberfestvorbild auf Kirmessen interessant. Mit Blick auf Freizeitvorlieben im Wandel stellen Freizeitparks – um aktuelle Entwicklungen aufzugreifen – für Schaustellerunternehmen eine Konkurrenz dar. Mit anderen Worten: sowohl in der Forschung als auch für die von der UNSCO ausgezeichneten Akteur*innen gibt es Themen- und Blickwechsel sowie einschneidende Veränderungen.

 

Literatur:

Florian Dering: Volksbelustigungen. Eine bildreiche Kulturgeschichte von den Fahr-, Belustigungs- und Geschicklichkeitsgeschäften der Schausteller vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart, Nördlingen 1986.

Michael Faber: Schausteller. Volkskundliche Untersuchung einer reisenden Berufsgruppe im Köln-Bonner Raum. (= Rheinisches Archiv. Band 113). Bonn 1981

Margit Ramus: Schausteller, in: Sacha Szabo (Hg.): Kultur des Vergnügens. Kirmes und Freizeitparks – Schausteller und Fahrgeschäfte. Facetten nicht-alltäglicher Orte, Bielefeld 2009, S. 209-223.

Barbara Stambolis: Libori, das Kirchen- und Volksfest in Paderborn. Eine Studie zu Geschichte und Wandel historischer Festkultur, Münster, New York 1996.

Internetquellen:

Immaterielles Kulturerbe in Deutschland: https://www.unesco.de/orte/immaterielles-kulturerbe/immaterielles-kulturerbe-in-deutschland/ [zuletzt aufgerufen am 20.4.2026]

Arnd Güttgemanns: Die Kirmeskönige – Familie Schneider, WDR 2010: https://www.youtube.com/watch?v=-a1K6BOqO3o [zuletzt aufgerufen am 20.4.2026]

Rundfunk Berlin-Brandenburg, ARD-Themenwoche Heimat 2015: Ein Schaustellerkind.

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