Barbara Stambolis
Die „Schaustellerkultur auf Volksfesten in Deutschland“ ist 2026 in die Liste des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen worden. Wissenschaftliches Interesse gilt Volksfesten bereits seit Jahrzehnten, die Arbeitswelt von Schausteller*innen bietet jedoch, wie die Begründung der Welterbe-Jury zeigt, viel Raum für künftige Forschungsprojekte. Welche gesellschaftlichen Faktoren trugen zum Wandel der Lebens- und Arbeitsbedingungen von Schaustellerfamilien bei? Wie langlebig sind verbreitete Vorstellungen über „Kirmesleute“? Wie veränderte sich die Kirmeskultur? Auch westfälische Volksfeste eignen sich, um diesen Fragen nachzugehen.
Orte des Vergnügens und gesellschaftlicher Wandel
Im 19. Jahrhundert entwickelten Jahrmärkte eine große Anziehungskraft für breite Bevölkerungsschichten. Sie spiegelten die wachsende Bedeutung von freier, d.h. arbeitsfreier Zeit und Bedürfnissen nach Unterhaltung und Erholung wider. Das Berufsbild der auf Jahrmärkten und Volksfesten Tätigen veränderte sich im 19. Jahrhundert grundlegend. Schlaglichtartig seien einige Beispiele angeführt: Kirmesunternehmer*innen hatten zunehmend einen festen Wohnsitz, sie waren zeitlich begrenzt unterwegs und lebten während dieser Zeit in Wohnwagen aus industrieller Produktion. Die erste Hochblüte des Schaustellergewerbes ging mit der Entwicklung der Karussellindustrie einher. Schaustellungen von Personen und Tieren verloren im Laufe des 19. Jahrhunderts ihre Anziehungskraft. Dampfkraft und Elektrizität veränderten den Karussellbau um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert grundlegend. Autoscooter wurden seit den 1920er Jahren auf Jahrmärkten selbstverständlich. Technische Entwicklungen und Erwartungen des Publikums stellten hohe Anforderungen an das Personal der Kirmesunternehmen. Gleichwohl verbanden viele Menschen vor allem romantisch-abenteuerliche Vorstellungen mit dem Leben hinter den Kulissen von Jahrmärkten.