03.11.2020

Skandal am Schillerdenkmal

Ansichtskarte Wilhelmsplatz mit Schillerdenkmal um 1905, Kommunalarchiv Herford.

Christoph Laue

Bald soll es wieder aufgebaut werden, das Herforder Schillerdenkmal. Sobald die neue Schillerbrücke nach jahrelanger Sperrung und noch andauerndem Neubau und der „neue“ Wilhelmsplatz fertiggestellt werden, soll das Denkmal an der Ecke der Straße und des Platzes neben dem neuen Parkplatz wieder einen Platz finden.

Am 9. Mai 1905 wurde es zum ersten Mal eingeweiht und hat seitdem eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Anlass war damals der 100. Geburtstag des großen deutschen Dichters. Auftraggeber des Denkmals waren „eine Anzahl edeldenkender Männer unserer Stadt.“ Der Direktor des Lyzeums Otto Siebert übergab das „malerisch und geschmackvoll am schönen Wilhelmsplatz gelegene Denkmal“ der Stadt und der Oberbürgermeister „übernahm dasselbe in Schutz und Unterhaltung.“ Genutzt wurde eine bronzene Büste eines Modells von Johann Heinrich Dannecker, ausgeführt durch Bildhauer Theodor Wagner, die man auf dem freien Markt erwerben konnte. Dazu wurde eine kleine gärtnerische Anlage rund um einen Sockel mit weit ausladenden Volutenbändern gestaltet.

Am 14. Juli 1905 deckte die sozialdemokratische Zeitung Volkswacht aus Bielefeld einen Skandal auf: „das Schillerdenkmal zierte am hundertsten Gedenktage unter anderem auch ein sogenannter Lebensbaum (Cypresse). Auch auf dem Grabe des vor 19 Jahren verstorbenen Rethemeyer auf den neuen städtischen Friedhofe (an der Hermannstraße) befand sich ein solches Bäumchen, das aber einige Tage vor der Schillerfeier verschwunden war…“. Die Witwe Rethemeyer erkannte das mit dem Wurzelballen verschwundene Bäumchen am Schillerdenkmal wieder und „machte Anzeige bei der Staatsanwaltschaft wegen Kirchhofdiebstahls und Grabschändung.“

Ein Polizeibeamter kam zu ihr und berichtete, das Bäumchen „sei aus Versehen (!) vom Grabe weggeholt worden.“ Sie bestand anstelle einer Entschädigung auf der Rückpflanzung auf dem Grab ihres Mannes. Die Zeitung endete „Jedenfalls würde sich Schiller im Grabe umdrehen, wenn er erführe, dass die Ehrung seiner Person von einem derartigen sonderbaren Versehen abhängig war.“

Zu einem Gerichtsverfahren kam es nicht, aber die Stadtverwaltung wurde tätig. Man einigte sich im August 1905, dass Frau Rethemeyer zufrieden wäre, wenn der Baum im Herbst wieder auf das Grab gestellt würde, stellte fest, dass insgesamt 3 neue Bäume bestellt werden müssten und dann erst die Bäume wieder auf den Friedhof zurückgebracht werden könnten – dieser Verwaltungsakte dauerte bis in den November – und am 17. November meldete der Stadtgärtner Dammann Vollzug: „Am heuteigen Tage ist der Thuja- resp[ektive] Lebensbaum, welcher durch Verfügung des Magistrats wieder zum Friedhof gebracht werden sollte, auf das Grab des verstorbenen Ehemannes der jetzigen Frau Böckmann … gepflanzt worden. Ich bitte den Magistrat, der Frau Böckmann hierüber Mitteilung zukommen zu lassen.“

Schillerbüste vor dem Abbruch, Kommunalarchiv Herford.

Diese Mitteilung schickte die Stadt allerdings erst am 13. Dezember 1905 mit Postzustellungsurkunde sicher zu. Die „Angelegenheit“ betrachtete man nun „als erledigt“. Das „Versehen“ wurde aber nie aufgeklärt, wahrscheinlich war der Stadtgärtner einfach in Not, die Bepflanzung zum 9. Mai fertig zu stellen. Auf den ältesten Ansichtskarten des Denkmals sind drei Lebensbäume gut zu erkennen, auf einer Karte von 1910 schon eher nicht mehr.

Das Schillerdenkmal musste noch weitere Veränderungen überstehen. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Denkmal abgebrochen und die Büste Anfang 1940 demontiert. Sie sollte als Kriegsmetallspende in Hamburg eingeschmolzen werden, was aber nicht geschah. Nachdem sie 1951 auf einem Schrottplatz entdeckt worden war, kaufte der Herforder Verschönerungsverein mit weiteren Spendern die Büste, um sie wieder in Herford aufzustellen. Es vergingen noch fünf Jahre, ehe die Büste von Friedrich Schiller 1956 auf ihrem neuen sehr reduzierten Sockel nah am alten Aufstellungsort eingeweiht werden konnte. Bei Baumaßnahmen an der Schillerstraße setzte die Stadt sie später abermals um und umgab den Sockel mit einer Buchenhecke. Den künftigen Standort legte die Stadt bei der Neugestaltung des Wilhelmsplatzes fest, er befindet sich wieder in der Nähe der ersten Aufstellung.

Zuerst erschienen in: HF-Magazin. Heimatkundliche Beiträge aus dem Kreis Herford, Nr. 114, 24.09.2020, herausgegeben von der Neuen Westfälischen.

Link: https://www.kreisheimatverein.de/wissen/hf-magazin/

 

Kategorie: Aus anderen Sammlungen

Schlagworte: Kaiserzeit · Christoph Laue