Das Rad der Wahl, Teil 3: E-Bikes und die Umgestaltung der Fahrradkultur

26.05.2026 Niklas Regenbrecht

Timo Luks

Bei der Wahl des Fahrrads stellen sich Fragen alltäglicher Nutzungspraxis, aber auch danach, wer welches Modell bevorzugt – und wie man sich damit von anderen abgrenzt. Die ältere Generation griff zu stabilen, zuverlässigen Modellen, die vor allem Transportmittel waren: für Milchkannen, Einkaufstaschen, Kisten usw. (https://www.alltagskultur.lwl.org/de/blog/das-rad-der-wahl-teil-1-lastenraeder/). Heranwachsenden war es spätestens seit den 1960er Jahren wichtig, „moderne“ Modelle zu wählen (Klappräder, Bonanzaräder oder Sporträder in Rennradästhetik), mit denen man sich von den Älteren und untereinander unterscheiden konnte (https://www.alltagskultur.lwl.org/de/blog/das-rad-der-wahl-teil-2-coole-kids-auf-coolen-raedern/). Damit hielten modische Trends Einzug in die Fahrradkultur. Gleichzeitig wurde Coolness zu einer Geldfrage.

Natürlich waren Fahrräder auch bis in die 1950er Jahre mit – gemessen an den Einkommensverhältnissen – erheblichen Anschaffungskosten verbunden. Die in den 1960er, 1970er und 1980er Jahren zum Segment traditioneller Räder hinzukommenden Klappräder, Bonanzaräder oder Sporträder (später dann BMX-Räder oder Mountainbikes) lagen preislich aber nicht nur über Standardrädern. Vielmehr handelte es sich auch nicht um Anschaffungen für die Ewigkeit, denn Moden kommen und (ver)gehen. Was heute für 13-Jährige cool ist, muss es morgen für 15-Jährige nicht mehr sein. Es sind zwei verschiedene Dinge, ob man ein hochpreisiges Rad kauft, das man für den Rest seines Lebens mit Milchkannen beladen wird, oder ein Bonanzarad, das heute sehnlich gewünscht wird – bis im nächsten Neckermann-Katalog ein Rennrad oder BMX-Rad die Augen glänzen lässt.

Fragen der Nutzungspraxis und der Abgrenzung von anderen – wer fährt welches Rad? Welches Rad ist „cool“? – sind in den letzten Jahren komplizierter geworden. Verantwortlich ist der dramatische Aufstieg der E-Bikes, die auf Straßen und Radwegen und in zahlreichen Fahrradläden die Herrschaft übernommen haben. Das E-Bike ist der Emporkömmling und (unfreiwillige) Revolutionär einer bis dahin stabilen, wenn auch nicht statischen Fahrradkultur. Mit ihm kommen althergebrachte Unterscheidungen ins Wanken.

Erstens macht das E-Bike alle anderen Räder zu „Bio-Bikes“. Dabei werden Muskeleinsatz oder allgemeiner „biologische“ und technische Anteile der Mensch-Fahrrad-Einheit neu wahrgenommen. Die alten Mofas haben das tatsächlich nicht geschafft, wohl auch deshalb, weil sie etwas randständig und „speziell“ geblieben sind.

„Fahrradtransport per Mofa“, Castrop-Rauxel, Dezember 1984, Slg. Helmut Orwat: Das Ruhrgebiet und Westfalen in den 1950er bis 1990er Jahren, © LWL-Medienzentrum für Westfalen, Archivnummer 18_1731.

„Mit all seinen Werkzeugen“, das wusste bereits Sigmund Freud, „vervollkommnet der Mensch seine Organe – die motorischen wie die sensorischen – oder räumt die Schranken für ihre Leistung weg. […] Der Mensch ist sozusagen eine Art Prothesengott geworden, recht großartig, wenn er alle seine Hilfsorgane anlegt, aber sie sind nicht mit ihm verwachsen und machen ihm gelegentlich noch viel zu schaffen.“ Allerdings geht es bei der Wahl der „Prothese“ nicht nur um deren Leistungsfähigkeit. Angesichts der zahlreichen Fortbewegungsmittel und Antriebsarten, zwischen denen Menschen wählen können, haben sich Unterscheidungen herausgebildet – Muskeln oder Motoren, mechanisch oder elektrisch usw. –, die mit dem E-Bike in des Welt des Fahrrads Einzug halten. In Abgrenzung zu Pferd und Motorrad waren alle Radler*innen gleich. Mit und neben E-Biker*innen gilt das nicht mehr. In diesem Sinn kann man sich als Rennradler jemandem, der auf einem „klapprigen Damenrad“ (Farin Urlaub / Die Ärzte) mit dem westfälischen Wind kämpft, oder einer Sechsjährigen, die ihr Kinderrad mit gekonntem Aus-dem-Sattel-Gehen hart beschleunigt, näher fühlen als einem E-Biker. Das ist bemerkenswert. Denn schließlich handelt es sich sowohl bei einem Carbon-Rennrad mit Funkschaltung als auch bei einem E-Bike um die im technischen Sinn „modernen“ beziehungsweise „fortschrittlichsten“ Räder (die beide gelegentlich eine Steckdose brauchen). Zudem bewegen sie sich im selben Preissegment. Mit dem E-Bike kommt aber ein neues Kriterium der Wahrnehmung und Unterscheidung in die Welt, wenn wir uns radelnd begegnen.

Zweitens fehlt der Gruppe der E-Biker*innen ein eindeutiges Profil. Die rasante Verbreitung von E-Bikes hat dazu geführt, dass es keine klar identifizierbare Zielgruppe gibt. Alltagserfahrungen unterwegs legen nahe, dass quer durch die Bevölkerung im Grunde irgendwie alle E-Bike fahren. Man kann das E-Bike – anders als ein Bonanzarad – also nicht bruchlos einer bestimmten Gruppe zuordnen und dann die üblichen Stereotype aufrufen. In einem Moment hält man das E-Bike für ein „Rentnerfahrrad“ und ist hin- und hergerissen angesichts der Vor- und Nachteile, die das hat. Schön, dass eine technische Entwicklung die Mobilität älterer Menschen deutlich erhöht; nicht so schön, dass damit das Risiko von Unfällen und Verletzungen steigt, weil E-Bikes schneller fahren und schwerer (auch in der Handhabung) sind. Im nächsten Moment hält man das E-Bike dann aber für ein langweiliges Gefährt von Berufspendler*innen auf mittleren Strecken. Löblich, aber nicht cool. In Gegenden, die fahrradtouristisch reizvoll und gut erschlossen sind, hält man E-Bikes vielleicht für einen Urlaubsspaß, ähnlich einem Strandbuggy, den man sich bei einem der zahlreichen Verleihs für einen Tag oder auch nur ein paar Stunden mietet. Dass E-Bikes nicht als „Halbstarken“-Fahrrad gelten, liegt nur daran, dass Jugendliche ihr Verkehrsrowdytum inzwischen mit E-Scootern ausleben. Die Liste ließe sich erweitern.

Drittens zeigt das E-Bike, dass sich Coolness nicht (immer) kaufen lässt. Natürlich ist die Preispanne bei E-Bikes ähnlich weit wie bei anderen Fahrrädern. Das Grundniveau ist allerdings deutlich höher. Nur: Dieses ökonomische Kapital lässt sich nicht in soziales, kulturelles oder symbolisches Kapital verwandeln. Kaufkraft entkoppelt sich bei E-Bikes in den meisten Fällen von der sichtbaren und zur Schau gestellten Zugehörigkeit zu dieser oder jener sozialen Gruppe und erst recht von Fragen der Ansehens oder Prestiges. Distinktionsgewinne verspricht ein E-Bike kaum. Dafür ist seine Verbreitung schlicht zu diffus und undifferenziert. Hinzu kommt: Alle Argumente, die für Fahrräder mit „eingebautem Rückenwind“ sprechen sind „praktischer Art“. Ein kleiner Motor macht Menschen mobil, die es zuvor nur eingeschränkt waren, vergrößert also die Gruppe der Radfahrer*innen erheblich. Es erweitert den Radius und die Distanzen, die bewältigt werden (können). Es ermöglicht Transporte von Kindern, Getränkekisten usw. Das sind alles „vernünftige“ Gründe, um ein E-Bike zu benutzen und seinen Gebrauch zu rechtfertigen. Mehr aber auch nicht.

Viertens verlangen E-Bikes eine neue Unterscheidungsfähigkeit. Die Wahl des Rads hängt von der Fähigkeit ab, verschiedene Typen und Modelle zu unterscheiden – und sie im fahrradkulturellen Alltag augenzwinkernd mit einem bestimmten Image und „typischen“ Nutzergruppen zu verbinden. Beim weißen Carbon-Rennrad einer Koblenzer Marke drängen sich andere Assoziationen (Schnöselalarm!) auf als bei einem Mountainbike vor der Stadtbäckerei oder einem Single Speed Fixie beziehungsweise heruntergekommenem Retro-Rennrad vor einem Universitätsgebäude. E-Bike ist dagegen E-Bike, auch wenn die Typen- und Modellvielfalt ebenso groß ist wie bei „Bio-Bikes“. Angebot und Nachfrage bei leichten E-Rennrädern, die sich optisch kaum von ihren unmotorisierten Geschwistern unterscheiden, kommen allerdings gerade erst in Gang. Das hat zur Folge, dass E-Bikes unterschiedslos als die überdimensionierten, klobigen, schweren SUVs des Radfahrens erscheinen. Eines wie das andere und keines ein wirklicher Hingucker. Praktisch, wenn man selbst auf einem fährt; ärgerlich, wenn sie in Gruppen die Wege verstopfen.

Aber natürlich kann eine kleine Blogreihe zur Wahl des Rads nur eine Schlussfolgerung haben: Fahrt doch, was Ihr wollt – und habt Spaß dabei!

 

Literatur

Freud, Sigmund: Das Unbehagen in der Kultur [1929/30]. In: ders.: Fragen der Gesellschaft, Ursprünge der Religion. Frankfurt am Main 1974 (Studienausgabe, Bd. 9), S. 191–270.

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