03.09.2021

Mit der Vergangenheit in Richtung Zukunft: Neue Pläne für das Drilandmuseum in Gronau

Das Drilandmuseum Gronau.

Gerhard Lippert und Alexandra Bloch-Pfister

Das Gronauer Stadtmuseum blickt 2021 bereits auf eine über 100-jährige Geschichte zurück. 1912 eröffnet, stand es als Bildungseinrichtung neben der damaligen „Volksbibliothek“ in einem separaten Flügel des seinerzeit großzügig und weitläufig errichteten ersten Gronauer Hallenbades. Die Ausstellung bot zeittypisch zunächst Erstaunliches und Kurioses aus aller Welt, hatte aber von Beginn an auch einen inhaltlichen Schwerpunkt, der als Gronauer Alleinstellungsmerkmal bis heute Bestand hat: das geologische Fenster in ein 140 Millionen Jahre zurückliegendes Erdzeitalter.

Nachdem das Museum 1938 aufgegeben und der Objektbestand über fünf Jahrzehnte nur provisorisch eingelagert worden war, erfuhr das Museum gut 70 Jahre nach seiner Gründung eine inhaltliche Neukonzeption, an der auch der LWL beteiligt war. 1988 konnte die neue Ausstellung, nun unter dem Namen Drilandmuseum der Stadt Gronau im verbliebenen Teil des historischen Rathauses an der Bahnhofstraße eröffnet werden. Der namentliche Bezug zum Driland verweist auf die besondere Lage Gronaus im Schnittpunkt der Grenzen zwischen den Niederlanden, der Grafschaft Bentheim und dem historischen Fürstbistum Münster, heute des nordwestlichen NRW. Ab 2001 wurde das Museum vom Heimatverein Gronau in Kooperation mit dem Stadtarchiv betrieben und beaufsichtigt.

Der Eingang des Drilandmuseums Gronau.

Im Jahr 2020 beschloss der Rat der Stadt Gronau, das Museum noch einmal auf eine neue Grundlage zu stellen und es als stadthistorische und kulturelle Begegnungsstätte in das an dieser Stelle neu geplante „Historische Rathaus Bahnhofstraße“ zu integrieren. Dazu soll in den kommenden Jahren eine überarbeitete und zeitgemäße Konzeption entwickelt werden, die einerseits an die bestehenden musealen Aussagen anknüpft, andererseits als neuer bzw. ergänzender Schwerpunkt die teils sensationellen archäologischen Grabungsfunde des Jahres 2020 im Zentrum Gronaus („Hertiegrube“) ausstellt, vermittelt und dokumentiert.

Sowohl im Museumsentwicklungsplan als auch bei der Erarbeitung der Ausstellungsinhalte wird der LWL eine zentrale Rolle spielen. Als Kompetenzstelle für die Entwicklung der westfälischen Museumslandschaft ist das LWL-Museumsamt in Münster bereits jetzt beratend und fördernd an den ersten Schritten hin zum neuen Museum beteiligt. Gerade abgeschlossen ist die wissenschaftliche „Aushebung“ des musealen Bestandes, die Verzeichnung und Dokumentation von über 1.000 Objekten im Rahmen der Internet- Museumsplattform „museum-digital.de“ durch das Büro für Geschichte & Kommunikation von Dr. Alexandra Bloch Pfister. Mitarbeiter vor Ort war Emil Schoppmann. Was aus dem Objektbestand Eingang in die kommende Ausstellung finden wird, wird die neue, mit dem LWL zu entwickelnde Konzeption ergeben. Beteiligt sind weitere Abteilungen des LWL als Leihgeber der aktuellen Gronauer Grabungsfunde, die überwiegend aus dem 16. Jahrhundert stammen und die zurzeit in Münster konserviert und klassifiziert werden.

Vitrinen im Drilandmuseum Gronau.

Ob das Drilandmuseum auch in Zukunft seinem Namen gerecht wird, hängt von der thematischen Gewichtung innerhalb der nun zu erarbeitenden Konzeption ab. Bis jetzt beinhalteten die zentralen Aussagen der Ausstellung Gronaus Rolle als bedeutender Fundort geologisch-paläontologischer Objekte (Erdgeschichte „Untere Kreide“) und die Geschichte des kleinen Ortes im Schnittpunkt europäischer Glaubenskämpfe und Staatenbildungen („Frühe“ Stadtgeschichte). Die jüngere, eng mit der Entwicklung der Textilindustrie verbundene Stadtgeschichte konnte aber in einem archivischen Gemeinschaftsprojekt von Heimatverein und Stadtarchiv als „Archiv zur Geschichte der Gronauer Textilindustrie“ dem Museum angegliedert werden.

An die ursprünglichen Kernaussagen des Museums können sowohl die aktuellen archäologischen Ergebnisse wie auch die paläontologische „Überraschung“ aus dem Jahr 2012, der „Gronausaurus“, durchaus anknüpfen. Die Fundstücke aus der „Hertiegrube“, die aus der Umgebung des dort noch in Resten vorhandenen Gronauer Schlosses stammen, decken fast alle Lebensbereiche im Übergang vom späten Mittelalter zur frühen Neuzeit ab. Es war die Epoche, die Gronau als gräflich-protestantische, niederländisch geprägte Enklave im katholischen Fürstbistum Münster zu einem nicht völlig unbedeutenden Spielball europäischer Mächte werden ließ. Die „Neuentdeckung“ des bereits 100 Jahre zuvor in Gronau gefundenen Schwimmsauriers als eigene Gattung „Gronausaurus wegneri“ unterstreicht und krönt den bisherigen erdgeschichtlichen Schwerpunkt des Drilandmuseums.

Gefässe und Scherben im Drilandmuseum Gronau.

Bevor das Museum in neuen Räumlichkeiten, in neuem Ausstellungsgewand und auf der Basis neuer Ideen an der Bahnhofstraße einem interessierten Publikum präsentiert werden kann, ist noch viel zu tun. Zunächst werden die Objekte in den kommenden Monaten fachgerecht verpackt und dann einige Jahre gelagert. Während dieser Zeit bietet „museum-digital“ die Möglichkeit, die Objekte des Drilandmuseums mit den zugehörigen Informationen im Internet einzusehen. Die Text- und Bildinformationen zu den Museumsobjekten bilden zusammen das Digitalisat eines Objektes und sind frei und uneingeschränkt zugänglich. Eine Weiternutzung der bereitgestellten Informationen ist – entsprechend der rechtlichen Auszeichnung – möglich.

Zur Information: Museum digital startete in 2009 als eine Initiative der AG Digitalisierung des Museumsverbands Sachsen-Anhalt und wird heute fachlich durch das Berliner Institut für Museumsforschung begleitet. Gegenwärtig sind rund 603 deutsche Museen an museum-digital beteiligt und präsentieren über 320.000 Exponate. Gerade auch kleineren Einrichtungen ermöglicht es museum digital, ohne große Kosten eine eigene Datenbank aufzubauen. Von Anfang an war dabei wichtig, dass die Museen die vollständige Kontrolle über die online gestellten Inhalte behalten. Jedes Museum kann jederzeit selbständig seine Daten deaktivieren, aktualisieren, für eigene Zwecke im museum-digital oder im LIDO-XML Format exportieren. Dabei wird ausschließlich freie Software eingesetzt. Der Einsatz von kontrollierten Vokabularen, Thesauri bzw. Wortnetzen gewährleistet darüber hinaus eine hohe Qualität der Suchergebnisse.

Das Drilandmuseum Gronau auf der Plattform Museum digital.

Neben der Inventarisierung der eigenen Objekte – das Institut für Museumsforschung empfiehlt, regelmäßig PDF-Listen sämtlicher online gestellten Objekte zur Datensicherung anzufertigen – bietet museum-digital den Institutionen und Museen auch die Möglichkeit, digital sichtbar zu werden: Auch kleine Museen können somit mit ihren „Pfunden wuchern“ und ihre Schätze einem weitaus größeren Publikum präsentieren, als es mit Ortsbesuchen zu normalen Öffnungszeiten möglich wäre.

Kategorie: Ankündigungen

Schlagworte: Museum · Gerhard Lippert · Alexandra Bloch Pfister