„wir haben noch nicht einmahl gewünscht, das wir wider in Borgholzhausen währen.“ Edition und Auswertung der Briefe der Auswandererfamilie Schäperkötter

09.06.2026 Niklas Regenbrecht

Titelbild der Publikation: Sebastian Schröder, „Wir leben hier so gut wie der beste Bürger in Borgholzhausen“. Sieben Briefe des Amerikaauswanderers Matthias Schäperkötter zwischen 1853 und 1885.

Christof Spannhoff

Die aktuellen globalen Migrationsbewegungen lenken den Blick erneut auf einen „Klassiker“ der deutschen Geschichtswissenschaft: die Massenauswanderung nach Übersee im 19. Jahrhundert. Während sich die Forschung seit der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts allerdings vor allem auf Ursachen, soziale und wirtschaftliche Rahmenbedingungen sowie die Organisation der Ausreise konzentrierte, blieb das Leben der Migrantinnen und Migranten in der Zielregion lange Zeit unerforscht. Erst seit den 1970er Jahren – unter anderem durch die Arbeiten von Walter D. Kamphoefner – wurde verstärkt nach den Erfahrungen der Ausgewanderten in der „Neuen Welt“ gefragt. Eine zentrale Rolle spielen dabei Selbstzeugnisse wie Briefe, die seither systematisch gesammelt und ausgewertet werden. Diese spannenden Quellen befinden sich teilweise bis heute in Privatbesitz und sind daher oftmals unzugänglich.

In diesen Forschungskontext fügt sich die Arbeit von Sebastian Schröder ein, der sieben Briefe des ostwestfälischen Auswanderers Matthias Schäperkötter (1820–1911) aus Borgholzhausen ediert und auswertet. Die zwischen 1853 und 1885 entstandenen Schreiben richten sich an den Schwager Friedrich Wilhelm („Fritz“) Wesselmann und befanden sich lange im Besitz der Familie, bevor sie dem Stadtarchiv Borgholzhausen übergeben wurden.

Schröder bettet die Briefe zunächst in den regionalhistorischen Hintergrund ein. Dabei wird die Lebenswelt in Borgholzhausen um 1850 als von strukturellen Umbrüchen geprägt beschrieben: Die Krise des Leinengewerbes infolge der Mechanisierung durch Spinnmaschinen und Webstühle führte zum Rückgang der Heimarbeit. Schäperkötter, als Drechsler vermutlich in die Produktion von Bauteilen für diese Geräte eingebunden, war somit direkt von diesem Wandel betroffen. Auch der bürokratische Prozess der Auswanderung – konkret der Ausreiseantrag für die siebenköpfige Familie (Eheleute, vier Kinder und die Mutter) – wird detailliert geschildert.

Über die eigentliche Reise und Überfahrt liegen hingegen keine direkten Informationen vor. Aus einem späteren Brief lässt sich lediglich erkennen, dass die Familie vermutlich im November 1852 in St. Louis ankam. Die überlieferten Briefe gewinnen vor diesem Hintergrund besondere Bedeutung, da sie Einblicke in die Lebensverhältnisse der Auswanderinnen und Auswanderer in den USA bieten.

Inhaltlich berichten die Schreiben vor allem vom Alltag und der beruflichen Entwicklung Schäperkötters. Nach einem ersten Aufenthalt in St. Louis zog die Familie nach Caseyville im St. Clair County (Illinois), später folgten weitere Ortswechsel. Zunächst arbeitete Schäperkötter sieben Monate an der Drehbank, wobei der mechanische Antrieb dieser Apparatur durch seine Ehefrau geleistet werden musste. Schröder nutzt diese Passage, um Arbeitsbedingungen und Formen kleinunternehmerischer Tätigkeit im Tischlergewerbe näher zu beleuchten. In einem späteren Lebensabschnitt wechselte Schäperkötter in die Landwirtschaft und war als Farmer in French Village tätig. Angaben zu seinem Besitz – fünf Pferde, neun Rinder und 16 Schweine – vermitteln ein konkretes Bild der wirtschaftlichen Situation.

Charakteristisch für die Briefe sind wiederkehrende Vergleiche zwischen den Verhältnissen in den USA und der ehemaligen Heimat. So wird etwa darauf hingewiesen, dass in Illinois keine Steckrübensaat verfügbar war, weshalb Schäperkötter um Zusendung aus Deutschland bat. Ähnliches galt für bestimmte landwirtschaftliche Geräte. Diese Beobachtungen ermöglichen Einblicke in Unterschiede hinsichtlich landwirtschaftlicher Praxis und Technisierung. Da die bewirtschafteten Farmen offenbar gepachtet waren, kam es mehrfach zu Ortswechseln der Familie, vermutlich mit dem Ziel, bessere wirtschaftliche Bedingungen zu erreichen.

Neben den Informationen zur Situation in den USA eröffnet Schröder durch eigene Recherchen auch eine Vergleichsperspektive auf die Verhältnisse in der Heimatregion. Anhand von Quellen wie den Registern der „Westfälischen Provinzial-Feuer-Sozietät“ rekonstruiert er die wirtschaftliche Lage und Wohnverhältnisse des in Borgholzhausen verbliebenen Schwagers.

Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf den sozialen Netzwerken der Ausgewanderten. Die Briefe verdeutlichen die anhaltende Bedeutung familiärer und regionaler Bindungen über den Atlantik hinweg. Im Rahmen einer „Kettenwanderung“ folgten weitere Personen aus Borgholzhausen in die USA und siedelten sich in räumlicher Nähe an. Die Korrespondenz zeigt, dass ein intensiver Informationsaustausch aufrechterhalten wurde, wodurch Schäperkötter über Entwicklungen in seiner Heimatregion vergleichsweise gut informiert blieb. Zugleich bieten die Briefe Einblicke in das Familienleben sowie in die Lebenswege anderer Auswandererfamilien.

Darüber hinaus behandeln die Schreiben Themen wie Umweltbedingungen, Wetter und Krankheiten. Auch praktische Hinweise für Ausreisewillige finden sich. So heißt es über die Verpflegung an Bord bei der Überfahrt: „nehmt nicht zu wenig Lebensmittel mit auf die Reise, den[n] auf welchen Schiffen ist die Kost schlecht“. Daraus leitet Schäperkötter konkrete Empfehlungen ab: „guten Steinheger [= Steinhäger], kein Romm [= Rum], eine Pulle mit Essig ist gut und wer die Zwiebeln roh mag, die sind ganz gut, auch Äpfel sind gut.“ Zugleich relativiert er mögliche Ängste vor der Überfahrt: „[Ü]brigens ist die Reise nicht so gefährlig als beschwehrlig, für große oder ledige Personen ist es nicht zu rech[n]en die Beschwerligkeit.“

Zeitgenössische Großereignisse spiegeln sich ebenfalls in den Briefen wider. Der amerikanische Bürgerkrieg wird aus der Perspektive Schäperkötters geschildert, wobei insbesondere die Furcht vor plündernden und mordenden Banden zum Ausdruck kommt.

Eine stereotypisierende Wahrnehmung der indigenen Bevölkerung bietet überdies Einblicke in zeitgenössische Deutungsmuster: "[W]ir haben schon Wilde gesehen. Sie sind beinah kupferbraun, gehen halb nackt, man kan auch nicht mit ihnen sprechen".

Alles in allem fällt die abschließende Bilanz Schäperkötters in seinem letzten Brief jedoch positiv aus: „[U]ns geht es hier ganz gut und wir haben noch nicht einmahl gewünscht, das[s] wir wi[e]der in Borgholzhausen währen.“

Insgesamt zeigt die Studie, welches Erkenntnispotenzial auch eine vergleichsweise kleine Quellengrundlage entfalten kann. Schröders Auswertung zeichnet sich durch eine umfängliche Einbettung der Briefe sowie durch die Verbindung von regional- und migrationsgeschichtlichen Perspektiven aus. Die Arbeit stellt damit eine gute Ergänzung zur bisherigen Auswanderungsforschung dar, insbesondere im Hinblick auf die Rekonstruktion transatlantischer Lebenswelten.

 

Literatur:

Sebastian Schröder, „Wir leben hier so gut wie der beste Bürger in Borgholzhausen“. Sieben Briefe des Amerikaauswanderers Matthias Schäperkötter zwischen 1853 und 1885, Borgholzhausen 2025 (Die Borgholzhausen-Edition 6), ISSN 3053-6375 https://www.borgholzhausen.de/rathaus-politik-wirtschaft/stadtarchiv/borgholzhausen-auswandererbriefe-edition-6.pdf?cid=2r1