Ehrenamt: Übersetzen für die Wissenschaft

05.06.2026 Niklas Regenbrecht

Auszug aus einem niederdeutschen Gewährspersonenbericht von Paula Bahr zum Thema Körperpflege (Archiv für Alltagskultur, MS02182).

Clara Weiss

Das Ehrenamt in der Wissenschaft

Wenn über wissenschaftliche Arbeit gesprochen wird, stehen meist Forscher:innen, Institutionen, Veranstaltungen wie Tagungen und Veröffentlichungen im Mittelpunkt. Weniger Beachtung findet hingegen die oft unsichtbare Arbeit, die auf ehrenamtlichem Engagement beruht, wissenschaftliche Projekte unterstützt und teilweise überhaupt erst ermöglicht. Ehrenamt umfasst dabei freiwillige, nicht materiell entlohnte Tätigkeiten, die dem Gemeinwohl dienen und meist innerhalb von Organisationen wie Vereinen ausgeübt werden. Menschen, die auf diese Weise ihre Zeit, ihre (Sprach-)Kenntnisse und ihre regionale Expertise in der Forschung oder Wissensvermittlung einbringen, können als Laienforscher:innen bezeichnet werden. Sie leisten mit ihrer Arbeit einen wichtigen Beitrag zur Erschließung und zum Erhalt kulturellen Erbes. Dennoch wird ihr Wissen häufig nicht in gleicher Weise sichtbar und anerkannt wie akademisch legitimierte Expertise.

Niederdeutsche Gewährspersonenberichte

Wie bedeutend dieses Engagement für wissenschaftliche Projekte sein kann, zeigt sich auch im Archiv der Kommission Alltagskulturforschung für Westfalen. Dort befinden sich rund 6.600 Gewährspersonenberichte, die das Alltagsleben in Westfalen zwischen 1880 und 1950 dokumentieren. Eine Besonderheit stellen darunter über 350 Berichte dar, denn sie wurden in niederdeutscher Sprache verfasst. Das war im Erfassungszeitraum gern gesehen und explizit nachgefragt, um beispielsweise mundartliche Redewendungen oder Bezeichnungen zu dokumentieren. Auch sollte den Gewährspersonen die Möglichkeit gegeben werden, den Bericht in ihrer Alltagssprache zu verfassen.

Niederdeutsch, umgangssprachlich auch Platt genannt, war vor allem in der Nordhälfte Deutschlands verbreitet. Heute ist es in weiten Teilen durch das Hochdeutsche verdrängt worden und wird nur noch von wenigen Menschen gesprochen, weil die Weitergabe der Regionalsprache in den Familien vor zwei bis drei Generationen abgebrochen ist.

Übersetzung des Gewährspersonenberichts von Paula Bahr durch Friedhelm Arno Berthold. In Fußnote 2 wird über das Wort „kriet“ spekuliert (Archiv für Alltagskultur, M02182).

Übersetzungsarbeit im Archiv

Mittlerweile verfügen viele der Archivnutzer:innen – seien es nun Wissenschaftler:innen und Lai:innen – nicht mehr über genügend niederdeutsche Sprachkompetenz, um die Berichte zu lesen. Um sie sowohl der interessierten Öffentlichkeit als auch der Forschung zugänglich zu machen, ließ die Kommission sie deshalb von aktiv Plattdeutschsprechenden ins Hochdeutsche übertragen. Insgesamt gehörten 13 Personen zum Kreis der Übersetzer:innen. Zwischen 2017 und 2022 entstanden auf diese Weise 223 Übersetzungen. Einige Übersetzer:innen übermittelten ihre Arbeiten per E-Mail, die meisten jedoch hand- oder maschinenschriftlich auf dem Postweg.

Die Übersetzungsarbeit wurde zusätzlich dadurch erschwert, dass für das Niederdeutsche keine einheitliche Schriftsprache existiert. Stattdessen gibt es zahlreiche regionale Varianten, die sich in Aussprache, Grammatik, Wortschatz und Satzbau unterscheiden. Dies spiegelt sich auch in den Kommentaren der Übersetzer:innen wider, die bei einzelnen Begriffen häufig über mögliche Bedeutungen im jeweiligen Kontext sinnierten.

Die Arbeit der ehrenamtlichen Übersetzer:innen macht deutlich, dass wissenschaftliche Forschung nicht allein innerhalb akademischer Institutionen entsteht. Durch ihre Sprachkenntnisse und ihre regionale Expertise tragen die Übersetzer:innen der niederdeutschen Berichte wesentlich dazu bei, historische Quellen zugänglich zu machen und kulturelles Wissen zu bewahren. Gerade angesichts des fortschreitenden Rückgangs aktiver niederdeutscher Sprachkompetenz gewinnt dieses Engagement zunehmend an Bedeutung, da mit jeder Generation nicht nur eine Sprache, sondern auch wertvolles Wissen um Zusammenhänge und Kontexte verloren zu gehen droht.

 

Literatur

Cantauw, Christiane, Kamp, Michael & Timm, Elisabeth (Hrsg.) (2017): Zu diesem Band, in: dies. (Hrsg.): Figurationen des Laien zwischen Forschung, Leidenschaft und politischer Mobilisierung (1st, New ed. Aufl.), Waxmann, S. 7 – 10.

Ehrensache (2021): Die Übersetzung niederdeutscher Berichte für das Archiv für Alltagskultur, in: Graugold. Magazin für Alltagskultur, Heft 1, S. 103.

Hollstein, Bettina (2017): Das Ehrenamt. Empirie und Theorie des bürgerschaftlichen Engagements, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, [online] https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/245597/das-ehrenamt-empirie-und-theorie-des-buergerschaftlichen-engagements/ [11.05.2026].

Beauftragter der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten (o. J.): Regionalsprache Niederdeutsch, aussiedlerbeauftragter, [online] https://www.aussiedlerbeauftragter.de/Webs/AUSB/DE/themen/minderheiten-sprachgruppen/niederdeutsch/niederdeutsch.html [05.05.2026].

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