Fronleichnamsprozessionen in Borgholzhausen im 16. Jahrhundert

02.06.2026 Niklas Regenbrecht

Fronleichnamsprozession in Wolbeck 1969, Fotograf Dietmar Sauermann, Archiv für Alltagskultur in Westfalen, 0000.41160.

Sebastian Schröder

Zwischen den Territorien Osnabrück und Ravensberg herrschte im 16. Jahrhundert Streit. Der Osnabrücker Bischof und der Herzog von Jülich-Kleve-Berg – der damals gleichzeitig als Graf von Ravensberg herrschte – waren sich uneins hinsichtlich des exakten Grenzverlaufs zwischen ihren Ländern. Deshalb benannten sie Kommissare, die die Kontroverse lösen sollten. Ab 1583 tagte die Schlichtungskommission über mehrere Jahre hinweg im osnabrückischen Dissen und vernahm hunderte Zeugen – und auch einige Zeuginnen. Diese sollten Auskunft über den Grenzverlauf und viele weitere Streitfragen geben. Dabei verrieten die Befragten nebenbei auch viel über ihr Leben und ihren Alltag.

Unter anderem befragten die Kommissare am 29. Juni 1583 den in der ravensbergischen Bauerschaft Barnhausen, Kirchspiel Borgholzhausen, wohnenden Heinrich Poelman. Laut eigenen Angaben war er über 60 Jahre alt und hatte sein gesamtes Leben auf der elterlichen Besitzung verbracht („Poelmans Erbe“). Außerdem sei er dem Kapitel zu Bielefeld eigenbehörig. Nicht ganz sicher zeigte sich der Zeuge beim Beschreiben der Territorialgrenze, dennoch nannte er einige Flurstücke, die er als Grenzflächen erachtete. Daneben erwähnte der Mann aus Barnhausen jedoch ein interessantes Detail, das Aufschluss über konfessionelle Praktiken in der Gegend um Borgholzhausen bietet. Denn er berichtete von einer Fronleichnamsprozession, die Poelman einst mit eigenen Augen „gesehen“ und folglich nicht bloß vom Hörensagen gekannt habe. Demzufolge befand sich ursprünglich auf einem Flurstück in der Nähe des „Veerlingen Kampe“, das die Zeitgenossen als „Dwangk“ oder „Dwange“ bezeichneten, ein Kreuz. Dieses Kreuz sei das Ziel der Prozession gewesen, die in Borgholzhausen ihren Anfang genommen hätte. Bei dem Kreuz habe man Rast eingelegt und der Pfarrer gepredigt.

Noch ein weiterer Zeuge konnte sich an derartige Glaubenspraktiken erinnern: Jürgen Horstmann Senior. Den mehr als 70 Jahre alten Mann befragten die landesherrlichen Kommissare am 2. Juli 1583. Sein gesamtes Leben habe er auf „Horstmans Hoeffe“ in der osnabrückischen Bauerschaft Neuenkirchen verbracht und er sei dem Osnabrücker Bischof eigenbehörig. Horstmann wusste sogar von zwei Kreuzen zu erzählen: Vis-à-vis bei dem „Verlinge“ hätten sie gestanden; eines sei von osnabrückischen Untertanen, das andere von Gläubigen aus Borgholzhausen errichtet worden. Bei den Kreuzen hätte man „gepredigt und veste gehalten“ – und zwar zu „vortzeitte[n], als man de hilligen noch gedrag[en]“, also Heiligenprozessionen durchgeführt habe.

Beide Befragten erzählten demzufolge im Rahmen ihrer Aussagen über den Grenzverlauf zwischen Ravensberg und Osnabrück über Fronleichnamsprozessionen im Norden des Kirchspiels Borgholzhausen. Und sie erläuterten, dass derartige Kulthandlungen in den 1580er-Jahren nicht mehr gebräuchlich gewesen seien. Bis wann die Prozessionen stattgefunden hatten, erfährt man indes nicht. Vermutlich werden sich die Männer angesichts ihres Alters bis in die 1520er- beziehungsweise 1530er-Jahre zurückerinnern können. Seinerzeit gehörten die Umzüge zu Fronleichnam noch zum Festkalender der GemeindeBorgholzhausen. Doch auch in der Grafschaft Ravensberg verbreitete sich seit der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts reformatorisches Gedankengut – obschon die ravensbergischen Landesherren einen ganz eigenen konfessionellen Weg beschritten, sozusagen einen „Mittelweg“ zwischen alter Lehre und neuem Glauben.

Ein genaues Stichjahr, wann die Fronleichnamsprozessionen endeten, wird man wohl nicht mehr feststellen können. Genauso wenig lässt sich sagen, wann in Borgholzhausen die Reformation exakt Einzug erhielt. Vielmehr muss von einem schleichenden, länger andauernden Prozess ausgegangen werden – dazu passt, dass die Heiligenumzüge allmählich in Vergessenheit gerieten.

 

Quelle: Niedersächsisches Landesarchiv, Abteilung Osnabrück, Rep. 100, Abschnitt 8, Nr. 1: Grenz- und sonstige Streitigkeiten zwischen den Bischöfen von Osnabrück und den Inhabern der Grafschaft Ravensberg, 1583.