Geheiminschrift im Wigboldhus

29.05.2026 Niklas Regenbrecht

Weinerstraße 10 mit dem Textilgeschäft Hues (1913).

Andreas Eiynck

Anfang 2026 wurde im Stadtzentrum von Ochtrup ein markantes Bürgerhaus abgebrochen, das sich seit fünf Generationen im Besitz der Familie Hues befand. Im 17. und 18. Jahrhundert wohnten hier in der Weinerstraße 10 die Ochtruper Bürgermeister aus den Familien Eilink und Düker. 1798 ließ der damalige Bürgermeister Wilhelm Düker das Haus umbauen und erweitern. Die Maueranker der damals entstandenen Backsteinfassade zeigen seine Initialen. Über mehrere Jahrhunderte ist das Haus damit als Sitz der Ochtruper Bürgermeister nachweisbar.

Schon im Mittelalter stand an dieser Stelle das erstmals 1342 erwähnte Wigboldhus, das Gemeindehaus, denn Ochtrup war von alters her ein Kirchort mit besonderen Rechten und strebte nach dem Status eines sogenannten Wigbold, einer Minderstadt nach münsterländischem Recht.

Ochtrup lag als Etappenort am Deventer Hellweg, dem alten Handelsweg von der mittelalterlichen Hansestadt an der Ijssel in das Münsterland sowie über Rheine und Osnabrück nach Osten. Dorf und Kirchspiel Ochtrup gehörten zum Fürstbistum Münster. Der Ort war aber umgeben von den Grafschaften Steinfurt und Bentheim sowie der Burg Gronau, die unter der Herrschaft der Grafen von Bentheim standen und im 16. Jahrhundert protestantisch wurden, zunächst lutherisch und später reformiert.

Nachdem die Niederlande ebenfalls protestantisch wurden und sich gegen die Habsburgische Herrschaft erhoben, geriet auch das Münsterland als Versorgungs- und Rückzugsraum in das Blickfeld beider Kriegsparteien. Daher beschloss der Bischof von Münster in der Zeit um 1590, das Dorf Ochtrup zu befestigen, ihm Marktrechte zu erteilen und die Erneuerung der Wigboldrechte in Aussicht zu stellen.

Der Besitzer des Wigboldhauses, Johann Eilink, war von 1593 bis 1632 Bürgermeister. In seine Amtszeit fielen wichtige Ereignisse wie die Befestigung des Dorfes und die Verleihung der Marktrechte im Jahr 1597. 1612 versuchte Eilink, die Wigboldrechte für Ochtrup zu erhalten bzw. zu erneuern. Um diese Zeit soll sich in dem Haus auch eine Gaststätte befunden haben mit dem Namen „tot witte Piärd“ (zum weißen Pferd).

1599 vernichtete ein Großbrand weite Teile des bis dahin eher unregelmäßig bebauten Ortes. Dieser Flächenbrand bot die Gelegenheit, den Stadtgrundriss zu ordnen und die Hausstätten neu zu parzellieren. Die Straßenzüge wurden begradigt und neue Seitenstraßen angelegt, die sich an den neuen Festungsanlagen orientierten.

Plan für die Befestigung des Dorfes Ochtrup, um 1595 (NRW-Landesarchiv, Abt. Westfalen, Karten A 03780).

Der alte Standort des Wigboldhus blieb dabei der Mittelpunkt des Ortes. Das offenbar nur teilweise abgebrannte Gebäude wurde im Folgejahr 1600 wiederhergestellt. Das Baudatum „ANO 1600“ erscheint jedenfalls auf einem Kaminsturz aus Baumberger Sandstein, der schon 1935 bei Bauarbeiten im Wigboldhus entdeckt und später geborgen wurde.

Die fast zwei Meter breite Vorderseite zeigt eine sorgfältig, aber vergleichsweise einfach gestaltete und sehr flache Dekoration im Beschlagwerkstil der Zeit um 1600. Zwei kreisförmige Kartuschen enthalten zwei sehr ähnliche Hausmarken, die vermutlich zwei Generationen der Familie Eilink zuzuordnen sind. Eine dritte, rechteckige Kartusche weist eine weitere Hausmarke auf. Ihr Gegenstück bildet eine Rosette, die von einem Taubandfries eingerahmt wird – ein typisches Motiv der Renaissanceornamentik.

Der Kaminsturz aus Baumberger Sandstein.

Die Kragsteine und die Seitenstücke des Kaminmantels sind aus Bentheimer Sandstein gearbeitet und einfacher gestaltet als die Vorderseite. Die Seitenflächen der volutenartig profilierten Kragsteine zeigen einfaches Blattwerk und christliche Symbole wie Kreuz und Fische. Auf dem erhaltenen Seitenstück des Kaminmantels erscheint eine vereinfachte Kopie der Rosette auf der Vorderseite. Die Pilaster, die unter die Kragsteine montiert waren, besitzen eine einfache Dekoration aus Kanneluren und Rechtecken.

Es handelt sich also zunächst einmal um einen typischen Sandsteinkamin der Zeit um 1600 aus einem münsterländischen Bürgerhaus. Vergleichbare Stücke mit Inschriften und Hausmarken sind z.B. in Burgsteinfurt, Rheine oder Warendorf in einigen historischen Gebäuden noch erhalten.

Nachträglich wurde auf der Vorderseite des Kaminsturzes in Ochtrup jedoch eine weitere Inschrift angebracht, die in kryptischen Buchstaben dargestellt ist. Die zum Teil gespiegelte und teilweise abgewandelte Schreibweise der Buchstaben ist jedoch relativ leicht zu entschlüsseln.

Detail der Kamininschrift.

Bei einer entsprechenden Übertragung ergibt sich eine niederdeutsche Inschrift mit folgendem Wortlaut:

Idt beN[idet M]ANICH dAt

He sYdt UNde MOT docH lid~ [~ ist das Abkürzungszeichen für die Endsilbe "en"]

dAt idt geschiHt   NU is dAT beter benidet Als beklacht

Als dAt godt BeHAGet

Der Text ist also in niederdeutscher Sprache in Versform verfasst, wobei die Verse über die Zeilenenden springen. Die Übersetzung lautet:

Es beneidet mancher was er sieht

und muss doch erleiden, dass es geschieht

Nun ist es aber besser beneidet als beklagt

wenn es Gott behagt

Solche Neidsprüche waren ursprünglich wohl Sprichwörter und Volksweisheiten, seit dem 16. Jahrhundert fanden sie dann als Hausinschriften weite Verbreitung. An dem Ochtruper Kamin sind zwei Neidsprüche kombiniert: der des Neiders, der den Erfolg des anderen ertragen muss, sowie der des Beneideten, der Gott auf seiner Seite sieht.

Während der erste Neidspruch in vielen Varianten allgemein verbreitet ist, lässt sich der zweite Teil der Inschrift inhaltlich und regional genauer eingrenzen.

Die Inschrift „besser beneidet als beklagt, wenn es Gott behagt“ stammt aus dem calvinistischen Umfeld Ostfrieslands im 16. Jahrhundert und ist dort erstmals 1567 als Hausinschrift nachweisbar. Ein etwas unklarer Beleg aus Emden soll bereits aus dem Jahr 1558 stammen.

Der Inhalt des Spruches, nämlich: wenn es Gottes Wille ist, so sei es besser beneidet als beklagt zu werden, bezieht sich eindeutig auf die calvinistische Prädestinationslehre, nach welcher wirtschaftlicher Erfolg einen Hinweis darauf darstellt, zu den von Gott Erwählten zu gehören.

Emden war im 16. Jahrhundert Ziel zahlreicher protestantischer Glaubensflüchtlinge, die sich vor dem niederländischen Kriegsgeschehen sowie der Glaubensverfolgung in den Niederlanden und den katholischen Gebieten Nordwestdeutschlands in Sicherheit bringen wollten. Hierzu gehörten neben den „Wiedertäufern“, die in Emden eine eigene Gemeinde gründen durften, bald auch die Anhänger Calvins, die sogenannten Reformierten, unter denen auch viele Exilanten aus dem Münsterland waren. Aus Ochtrup stammten dort u.a. die Familien Hornemann, Düker, Scho und Koßmann. Sie hielten aus wirtschaftlichen und privaten Gründen enge Kontakte in ihre Heimatorte und verbreiteten auf diesem Wege auch den markanten Neidspruch in den Niederlanden und den angrenzenden Gebieten Westfalens.

1572 erscheint der Spruch als Glockeninschrift in Saerbeck, gegossen vom niederländischen Glockengießer Johann de Borgh aus Utrecht, 1583 in einer Kirche in Gelderland. Seit 1589 zierte er einen Dielentorbalken in Oldenzaal und seit 1593 ein Patrizierhaus in Deventer. In der Zeit um 1600 war er also in der Umgebung von Ochtrup bereits bekannt.

1617 wurde der Spruch nach einem Großbrand in Münster an einem Neubau angebracht, musste aber wieder entfernt werden, weil die Nachbarn sich davon provoziert fühlten, was den provokanten Charakter des Inhaltes unterstreicht. 1650 ist der Spruch auf einem Dielentorbalken in der Kleinstadt Ramsdorf belegt, 1656 und 1658 auf Königsplaketten der St. Pankratius- Schützengilde in Gescher und etwa gleichzeitig auf dem reich dekorierten Messingdeckel eines Bettwärmers in Vreden in der Variante: [AL]ST GODT BEHAEGT BETER BENYIT DAN BECLAEIT NIET SONDER GODT.

Der Sinnspruch als Umschrift auf dem Deckel eines Wärmegerätes aus dem 17. Jahrhundert.

In Münster und im Münsterland folgten ab etwa 1560 viele Bürger und Adelige der Lehre Calvins. Bei der bischöflichen Visitation 1576 wurden sieben Familien in Ochtrup als Anhänger der „Täufer“ eingestuft, wobei unklar ist, ob es sich dabei um Mennoniten oder um Calvinisten handelte. Der Dechant des Klosters Langenhorst, Johann von Syborg, zu dessen Dekanat auch Ochtrup gehörte, musste 1577 von seinem Amt zurücktreten, weil er bei der Visitation eindeutig calvinistische Positionen vertreten hatte: Er glaube an die Heilige Schrift, aber nicht an die Tradition, er interpretiere die Schriften des Paulus anders als Rom, er kenne nur zwei Sakramente: Taufe und Abendmahl, er teile die Kommunion in beiderlei Gestalt aus, halte Beichte sowie Krankensalbung nicht für Sakramente und glaube nicht an das Fegefeuer.

Unter dem Fürstbischof Ferdinand von Bayern (1612-1650) wurden die Protestanten schließlich 1622 bzw. 1624 gezwungen, sich zur katholischen Kirche zu bekennen oder das Land zu verlassen. Viele Familien wanderten damals in die Niederlande aus. Andere blieben im Lande und wurden offiziell wieder katholisch, blieben aber als „Kryptocalvinisten“ heimliche Anhänger der Lehre Calvins.

In dieses Umfeld gehört sicher auch die kryptische Inschrift am Kamin des Wigboldhus in Ochtrup. Wer den Inhalt des Neidspruches kannte, konnte den Text auch in verfälschten Buchstaben leicht erkennen. Anderen blieb der Inhalt der Inschrift durch die Verschlüsselung rätselhaft, so dass sie keinen Verdacht schöpften und schon gar keinen Nachweis einer Verbindung zum Calvinismus erbringen konnten.

 

Quellen und Literatur:

Für den Hinweis auf den Kamin und für die Bergung umfangreicher Bauteile aus dem Abbruch des Hauses danke ich Herrn Bruno Kippelt und Herrn Günter Dinkhoff aus Ochtrup.

Wilhelm Schmülling: Eine niederländisch-westfälische Neidinschrift aus Emden. In: Rheinisch-Westfälische Zeitschrift für Volkskunde 28, 1983, S. 61-88.

Wilhelm Schmülling: Hausinschriften in Westfalen und ihre Abhängigkeit im Baugefüge (= Schriften der Volkskundlichen Kommission 9). Münster 1951.

Bruno Kippelt: Das Haus Weinerstraße 10. In: Ochtruper Heimatblätter 27, 2013, S. 42-45.

Klaus-D. Schreiber: Die Wirkung der Reformation in Ochtrup. In: Ochtruper Heimatblätter 4, 1992, S. 9-12.