08.01.2021

Ein Apfelbaum für einen Kaiser

Kaiser-Wilhelm-Apfel, Foto: Sebastian Schröder, 2020.

Sebastian Schröder

„Meines Lebens schönster Traum hängt an diesem Apfelbaum!“ Bitterliche Tränen vergoss die Witwe Bolte in Wilhelm Buschs Erzählung von „Max und Moritz“. Denn die betagte Dame erfreute sich nicht etwa an den prächtigen Früchten, die ihr der Baum zu bieten hatte, sondern beklagte sich über den „ersten“ Streich, den ihr Max und Moritz gespielt hatten. Die Lausbuben hatten vier Brotstückchen mit Fäden verknotet. Diese Köstlichkeiten verspeisten die drei Hühner und der prächtige Hahn der Witwe – „Aber als sie sich besinnen, konnte keines recht von hinnen.“ Das Federvieh war aneinander gefesselt. Panisch lief es umher, doch die Fäden mochten sich nicht lösen. Die gackernden Tiere „Flattern auf und in die Höh‘, ach herrje, herrjemine! Ach, sie bleiben an dem langen, dürren Ast des Baumes hangen, und ihr Hals wird lang und länger, ihr Gesang wird bang und bänger. Jedes legt noch schnell ein Ei, Und dann kommt der Tod herbei.“ Der ganze Stolz von Witwe Bolte starb aufgrund einer hinterhältigen Tat.

Hühnerzüchter und Vogelliebhaber können sicherlich mit der Witwe mitfühlen. Der Anblick des Apfelbaumes mit den an Fäden an einem Ast baumelnden Tieren muss wahrlich ein Schock gewesen sein. Nun hängt natürlich nicht in allen Obstbäumen Federvieh, sondern – zumindest wenn die Witterung wohlgesonnen ist – reiche Frucht. Obstbauern und Landwirte rufen dann ebenfalls aus: „Meines Lebens schönster Traum hängt an diesem Apfelbaum!“

Kaiser-Wilhelm-Apfelbaum, Foto: Sebastian Schröder, 2020.

Hühnerzüchter und Vogelliebhaber können sicherlich mit der Witwe mitfühlen. Der Anblick des Apfelbaumes mit den an Fäden an einem Ast baumelnden Tieren muss wahrlich ein Schock gewesen sein. Nun hängt natürlich nicht in allen Obstbäumen Federvieh, sondern – zumindest wenn die Witterung wohlgesonnen ist – reiche Frucht. Obstbauern und Landwirte rufen dann ebenfalls aus: „Meines Lebens schönster Traum hängt an diesem Apfelbaum!“

Besonders ab dem 19. Jahrhundert lassen sich aber auch in Westfalen vermehrt Bestrebungen nachweisen, Obstsorten zu veredeln und züchterisch weiterzuentwickeln. Im Bemühen, die „Landeskultur“ zu heben, förderte insbesondere der preußische Staat die Anlage von Baumschulen, die Beamten ließen des Weiteren Musterplantagen anlegen oder riefen zu Obstbaukursen auf. Außerdem nahmen die landwirtschaftlichen Vereine und Institutionen die Zucht und Pflege der Obstbaumbestände in ihre Satzungen auf. Im Folgenden steht dabei eine Apfelsorte im Fokus, die in ganz Westfalen verbreitet war, die aber eigentlich eine gebürtige Rheinländerin war.

Von der wachsenden Begeisterung für Äpfel, Birnen oder Pflaumen ließ sich auch der Hauptlehrer Carl Hesselmann aus dem rheinischen Witzhelden, heute ein Stadtteil von Leichlingen, anstecken. Intensiv beschäftigte er sich mit der Züchtung und warb für das Pflanzen von Obstbäumen. Bekanntheit erlangte er aber aufgrund der folgenden Begebenheit: Im Jahr 1864 hatte er eine Apfelsorte im Garten des Gutes Bürgel bei Monheim entdeckt, die ihm unbekannt war. Der Lehrer kostete von der Frucht und war positiv beeindruckt. Zudem stellte sich heraus, dass sich der Apfel bis ins Frühjahr lagern ließ, eine wahrlich vortreffliche Eigenschaft. 1875 schickte Hesselmann zu Weihnachten ungefähr 30 Äpfel nach Berlin. Adressat der Sendung: kein geringerer als Kaiser Wilhelm I. (1797–1888). Der Monarch sollte das Geschenk probieren und Pate für den Namen der von Hesselmann aufgefundenen Apfelsorte sein. Seine kaiserliche Majestät war tatsächlich begeistert von diesem gelb bis goldgelben Apfel, der an der Sonnenseite dunkel gerötet war und zwischen Ende September bis Mitte Oktober geerntet werden konnte. Das süße, ein wenig nach Wein schmeckende mürbe und saftige Fruchtfleisch ließ er sich im Dezember 1875 schmecken, daher antwortete der Kaiser noch vor Weihnachten des Jahres, dass gegen eine Benennung als „Kaiser-Wilhelm-Apfel“ nichts einzuwenden sei. So erhielt der „Malus domestica ‚Kaiser Wilhelm‘“ seine wissenschaftliche und zugleich herrschaftliche Bezeichnung. Hauptlehrer Hesselmann konnte mächtig stolz auf seinen Coup sein! Schnell erlangte sein Fund im gesamten Deutschen Reich Berühmtheit und entwickelte sich zu einem sehr beliebten Winterapfel, der sich sowohl als Tafel-, Back-, Koch- und Mostapfel eignete. Das „Patenkind“ des Kaisers gedeiht vor allem auf nährstoffreichen, schweren Böden und kann sogar ein etwas raueres Klima vertragen. Bis heute wird die Sorte von Allergikern geschätzt, da die enthaltenen Polyphenole allergene Stoffe unschädlich machen. Kein Wunder also, dass die Frucht im Jahr 2007 als Apfelsorte des Jahres gekürt worden ist. Der Kaiser-Wilhelm-Apfel ist also eine wahrlich royale, edle Frucht, mag man annehmen.

Kaiser-Wilhelm-Apfelbaum, Foto: Sebastian Schröder, 2020.

In der früheren DDR würdigte man zwar ebenfalls den Geschmack und die guten Lagereigenschaften, doch der Name bereitete der sozialistischen Regierung Probleme. Deshalb firmierte die Frucht dort stattdessen als „Wilhelmsapfel“.

Im Rahmen eines vom Landschaftsverband Rheinland angestoßenen und ausgerechnet von der biologischen Station des Hauses Bürgel mitgetragenen Projekts über „lokale und regionale Obstsorten“, das zwischen 2008 und 2016 durchgeführt wurde, fanden die beteiligten Wissenschaftler heraus, dass sich die Vertreter der DDR um die Namensgebung eigentlich keine Sorgen hätten machen müssen. Mithilfe molekulargenetischer Untersuchungen nahmen sie alle aufgefundenen Obstsorten genau unter die Lupe, unter ihnen auch den Kaiser-Wilhelm-Apfel. Dabei stellte sich heraus, dass er vollständig identisch mit der Sorte „Peter Broich“ ist! Diesen Apfel soll der Vikar Johann Wilhelm Schumacher aus Rommerskirchen-Ramrath im Kreis Neuss gezüchtet haben. Er hatte in Ramrath im Jahr 1830 eine Obstbaumschule ins Leben gerufen, die er bis 1864 betrieb. Schon in den 1930er-Jahren hatten Experten beobachtet, dass sich Peter Broich und Kaiser Wilhelm sehr ähnelten. Doch erst die jüngsten Analysen brachten Gewissheit: Der wilhelminische Apfel ist gar nicht kaiserlichen Ursprungs! Peter Broich war übrigens der Gastgeber von Vikar Schumacher auf dem Ramrather Hof bei Grevenbroich – ein Bürgerlicher also, dem der Kaiser unwissentlich die Patenschaft streitig gemacht hatte. So oder so: Sicher können weder der gastfreundliche Broich noch das Oberhaupt des Deutschen Reiches bestreiten: An apple a day keeps the doctor away! Beim Kosten des der nach ihnen benannten Apfelsorte verfliegt im Rheinland, in Westfalen und anderswo bestimmt jeder Streit um den „wahren“ Namen. In diesem Sinne: Wohl bekomm’s!

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Schlagworte: Kaiserzeit · Nahrung · Landwirtschaft · Sebastian Schröder