Niklas Regenbrecht
„Kohlrabi gepflanzt Dvorsky u. Prager Treib“ hielt der Gärtnerlehrling Ernst Wöstmann in seinem „Gärtnerischen Tagebuch“ für den 14. April 1934 fest. Tag für Tag dokumentierte er vom 14. März 1933 bis zum 9. März 1935 seine Aufgaben und Tätigkeiten. Und so hätte er mit Leichtigkeit feststellen können, dass er diese spezifische Sorte Kohlrabi im Jahr zuvor genau vier Tage früher eingepflanzt hatte, und zwar 400 Stück im Pflanzabstand von 30 Zentimetern.
Wöstmann (1906-2001) absolvierte seine Lehrzeit in einem Gartenbaubetrieb in Hamm. Sein Lehrverhältnis begann offiziell am 1. April 1933, tatsächlich hatte er seine Arbeit und seine Aufzeichnungen schon passend zum Gertrudentag Mitte März begonnen. Das sorgfältig und ausführlich geführte Arbeitstagebuch (vergleichbar dem heute von Auszubildenden geführten „Berichtsheft“) war Teil seiner Ausbildung und sollte nicht nur als Nachweis und Dokumentation seiner Tätigkeiten gelten, sondern auch als Nachschlagewerk für den Lehrling. Das Lernen aus selbst gemachten Erfahrungen (und die Bedeutung ihrer schriftlichen Aufzeichnung) betonte auch das Vorwort: „Kein Fachbuch, keine Fachzeitschrift kann uns daher so gute Dienste leisten, wie ein vom ersten Tage der Lehrzeit an gewissenhaft und richtig geführtes Tagebuch.“ Und so enthielt dieses auch extra Raum für „Mißglückte Kulturen und die Ursachen des Fehlschlages“. Hier hielt Wöstmann beispielsweise fest, dass ihm Blumenkohl durch Trockenheit eingegangen war, eine Zwiebelkultur vom Unkraut überwuchert wurde und an Gurken Schäden durch Wühlmäuse entstanden waren.
Der Vordruck des Tagebuches, ein hochformatiges Din A4-Heft mit 72 Seiten, herausgegeben vom Obst- und Gemüsebauverband für Westfalen und Lippe, enthält verschiedene Bestimmungen über die Berufsvertretungen, Prüfungsordnungen, nützliche Literaturhinweise oder Übersetzungen der lateinischen Pflanzennamen. Neben diesen (formalen) Angaben sind aber vor allem die vom Lehrling selbst ausgefüllten Teile interessant.
Die persönlichen Angaben über den Lehrling Wöstmann (und weitere biographische Informationen aus seinem Nachlass) zeigen, dass er sein Botanik-Studium an der Universität Münster aufgrund der Wirtschaftskrise abbrechen musste und daher eine Lehre als Gärtner begann. Wie sich später herausstellen sollte, handelte es sich jedoch nur um eine Unterbrechung seines Studiums, welches er 1941 abschließen konnte.