Schwerpunkt Arbeit(en): Ein Gärtnerisches Tagebuch

14.04.2026 Niklas Regenbrecht

„Ausbildung zum Gärtnergehilfen, Pflanzen von Setzlingen“, Ernst Wöstmann links im Bild, Fotograf unbekannt, Hamm 1933-1935, Archiv für Alltagskultur in Westfalen, 2015.00847.

Niklas Regenbrecht

„Kohlrabi gepflanzt Dvorsky u. Prager Treib“ hielt der Gärtnerlehrling Ernst Wöstmann in seinem „Gärtnerischen Tagebuch“ für den 14. April 1934 fest. Tag für Tag dokumentierte er vom 14. März 1933 bis zum 9. März 1935 seine Aufgaben und Tätigkeiten. Und so hätte er mit Leichtigkeit feststellen können, dass er diese spezifische Sorte Kohlrabi im Jahr zuvor genau vier Tage früher eingepflanzt hatte, und zwar 400 Stück im Pflanzabstand von 30 Zentimetern.

Wöstmann (1906-2001) absolvierte seine Lehrzeit in einem Gartenbaubetrieb in Hamm. Sein Lehrverhältnis begann offiziell am 1. April 1933, tatsächlich hatte er seine Arbeit und seine Aufzeichnungen schon passend zum Gertrudentag Mitte März begonnen. Das sorgfältig und ausführlich geführte Arbeitstagebuch (vergleichbar dem heute von Auszubildenden geführten „Berichtsheft“) war Teil seiner Ausbildung und sollte nicht nur als Nachweis und Dokumentation seiner Tätigkeiten gelten, sondern auch als Nachschlagewerk für den Lehrling. Das Lernen aus selbst gemachten Erfahrungen (und die Bedeutung ihrer schriftlichen Aufzeichnung) betonte auch das Vorwort: „Kein Fachbuch, keine Fachzeitschrift kann uns daher so gute Dienste leisten, wie ein vom ersten Tage der Lehrzeit an gewissenhaft und richtig geführtes Tagebuch.“ Und so enthielt dieses auch extra Raum für „Mißglückte Kulturen und die Ursachen des Fehlschlages“. Hier hielt Wöstmann beispielsweise fest, dass ihm Blumenkohl durch Trockenheit eingegangen war, eine Zwiebelkultur vom Unkraut überwuchert wurde und an Gurken Schäden durch Wühlmäuse entstanden waren.

Der Vordruck des Tagebuches, ein hochformatiges Din A4-Heft mit 72 Seiten, herausgegeben vom Obst- und Gemüsebauverband für Westfalen und Lippe, enthält verschiedene Bestimmungen über die Berufsvertretungen, Prüfungsordnungen, nützliche Literaturhinweise oder Übersetzungen der lateinischen Pflanzennamen. Neben diesen (formalen) Angaben sind aber vor allem die vom Lehrling selbst ausgefüllten Teile interessant.

Die persönlichen Angaben über den Lehrling Wöstmann (und weitere biographische Informationen aus seinem Nachlass) zeigen, dass er sein Botanik-Studium an der Universität Münster aufgrund der Wirtschaftskrise abbrechen musste und daher eine Lehre als Gärtner begann. Wie sich später herausstellen sollte, handelte es sich jedoch nur um eine Unterbrechung seines Studiums, welches er 1941 abschließen konnte.

„Gärtnerei“, Ernst Wöstmann links im Bild, Fotograf unbekannt, Hamm 1933-1935, Archiv für Alltagskultur in Westfalen, 2015.00848.

Dem persönlichen Teil folgt ein weitaus umfangreicherer Fragebogen zum Lehrbetrieb. Diesem sind nicht nur detaillierte Angaben zur Betriebsgröße (Größe von Ländereien, Beeten, Gewächshäusern – bis hin zur Größe der Fensterscheiben in Zentimetern) und deren technische Ausstattung zu entnehmen. Die vorrangig angebauten Zierpflanzen, Obst- und Gemüsesorten und -mengen werden erfasst, aber auch Angaben zu den übrigen Beschäftigten. Dabei sind vor allem deren Bezeichnungen interessant: „3 Gehilfen, 3 Lehrlinge, 2 Arbeiter, 2 Frauen, 1 Laufbursche, 1 Knecht.“ Leider wird nicht erläutert, wie sich die Tätigkeiten dieser Beschäftigten unterschieden. Wohl aber, dass die „Arbeitsfrauen“ 0,25 RM Stundenlohn erhielten, die „Arbeiter“ 0,30 RM. Die hier vom Lehrling zu erfassenden Angaben über den Betrieb sollten ihm – so das Vorwort – auch Informationen und Vergleichsmaterial für eine spätere eigene Betriebsgründung liefern. Am Beispiel von erfassten Leistungswerten beim Umgraben in Quadratmeter und Stunde, nach Geschlecht aufgeschlüsselt: „Dann kannst du später, wenn du einmal Leute anstellen sollst, dir leicht berechnen, wieviel Zeit du ansetzen mußt, um eine bestimmte Fläche umzugraben, wenn dir nur 3 Frauen zur Verfügung stehen und wie hoch du demnach die Unkosten veranschlagen mußt.“

Das Gärtnerische Tagebuch mit der Seite für die „15. Woche 1933 vom 9. April bis 15. April“ (Ausschnitt).

Das eigentliche Arbeitstagebuch enthält eine Seite pro Arbeitswoche. Unter Angaben zur Witterung (3 Temperaturmessungen pro Tag, Niederschlag und Wind) folgen die täglichen Eintragungen. Zum ersten Arbeitstag der Woche sind meist Eintragungen darüber zu finden, welche Pflanzen zu dieser Zeit blühten. In der Woche vom 9. bis 15. April 1933 waren das „Pelargonien und Hortensien“. Für die Folgetage wurde meist eine Zierpflanze oder Gemüse ausgewählt und in der nebenstehenden Spalte die dazugehörigen Arbeiten ausgeführt.

Das „Gärtnerische Tagebuch“ fand über den Nachlass seines Verfassers Eingang ins Archiv für Alltagskultur in Westfalen. Es handelt sich um eine Mischung aus Arbeitstagebuch und Gartenkalender. Man sieht, welche Aufgaben ein Gärtnerlehrling Anfang der 1930er Jahre durchzuführen hatte, beziehungsweise welche seiner Aufgaben er für aufzeichnungswürdig hielt, und wie ein entsprechender Betrieb in dieser Zeit arbeitete (Größe, Personal, angebaute Pflanzen). Man erfährt auch etwas über das Bild des Gärtners in dieser Zeit. Das Bild vom Beruf an sich, welches der Verband im Vorwort formuliert, mutet mit seiner Betonung von Aspekten wie Glück und Zufriedenheit in Bezug auf das Erwerbsleben schon fast modern an: „Einer der einschneidensten Schritte im Leben ist die Berufswahl. Glück im Leben haben, heißt auch: Zufrieden mit seinem Beruf sein. Zufrieden mit seinem Berufe kann aber nur der werden, welcher mit der für den Beruf erforderlichen Gesundheit ausgerüstet, den inneren Drang und die innere Liebe zum Beruf mitbringt, die notwendig sind, um auch mit Ausdauer Rückschläge und Wiederwärtigkeiten [sic!] im Beruf zu überwinden. Ein jeder Beruf hat neben seinen Lichtseiten auch Schattenseiten.“

Am 14. April 1933 hat sich Wöstmann übrigens mit Geranien beschäftigt: „Pelargonium zonale ausgeputzt“.

 

Quellen:

Gärtnerisches Tagebuch für das Jahr 1933/34, Archiv für Alltagskultur in Westfalen, K02878.0002.

Gärtnerisches Tagebuch für das Jahr 1934/35, Archiv für Alltagskultur in Westfalen, K02878.0003.