Ein rätselhaftes Objekt aus dem Kloster Gravenhorst

14.08.2026 Niklas Regenbrecht

Kathrin Burgdorf

In der aktuellen sechsten Ausgabe von Graugold. Magazin für Alltagskultur stellt Uta C. Schmidt in der Rubrik „Was ist das?“ ein bis dato unidentifiziertes Objekt vor, das bei Ausgrabungen im ehemaligen Zisterzienserinnenkloster Gravenhorst zwischen 1999 und 2002 gefunden worden war.

Die mysteriöse „Knochenschnitzerei“ aus der Ausgrabung im Kloster Gravenhorst (Foto: LWL-Archäologie für Westfalen/Stefan Brentführer).

Da auch die ausgrabenden Personen zum damaligen Zeitpunkt nicht genau wussten, um was es sich handeln könnte, wurde das 4,8 Zentimeter hohe Objekt auf dem zugehörigen Fundzettel relativ unspezifisch als „Knochenschnitzerei“ aufgenommen. Vielleicht handelt es sich bei dem Material des 4,8 Zentimeter hohen Objektes aber auch um Geweih. Aufgrund der Schicht, in der es ausgegraben wurde, kann es ins 14./15. Jahrhundert datiert werden.

Bei der Bearbeitung der Funde kurz nach der Ausgrabung wurde eine Ansprache als Spielstein oder Petschaftgriff (Griff eines Siegelstempels) diskutiert, jedoch wieder verworfen und nach weiteren Erklärungen gesucht (siehe Publikation zu den Ausgrabungen im Kloster Gravenhorst). Aufgrund der Form lag die Vermutung nahe, dass es sich um den Steg eines Saiteninstrumentes handeln könnte. Diese Deutung wurde lange Zeit als die wahrscheinlichste betrachtet, da sich so die Kerben und die zwei Löcher erklären ließen.

Wie so oft half schließlich der Zufall mit. Da ich als wissenschaftliche Referentin im Zentralen Fundarchiv der LWL-Archäologie das Objekt für Frau Schmidts kleinen Artikel nochmal genau vermaß, hatte ich sein Aussehen recht gut im Kopf. Daher fiel mir beim Durchblättern eines Buches über Schachfiguren aus archäologischen Kontexten direkt eine Abbildung ins Auge, die dem fraglichen Objekt frappierend ähnlich sah.

Schachfigur aus Gnesen in Polen (Quelle: Stempin 2018, 52, fig. 13c).

Das Vergleichsobjekt stammt von einer archäologischen Ausgrabung am Fuß eines Burghügels in Gniezno (preußisch Gnesen) in Polen. Dieses Objekt ist mit 5,7 Zentimetern Höhe etwas größer, nicht ganz vollständig erhalten und aus Geweih geschnitzt. Es steht auf einem leicht profilierten, runden Sockel und ist darüber als flache, ursprünglich symmetrische Figur angelegt. Seitlich besitzt es zwei geschwungene flügelartige Gebilde. Im nach unten weisenden Flügel ist es durchlocht und von dem Loch geht ein offener Schlitz nach unten. Bei diesem Stück ließen die Umstände der Ausgrabung keine nähere Datierung zu. Es wird aber, wiederum über Vergleichsstücke, eindeutig als Schachfigur angesprochen, genauer als Turm. Das vormals mysteriöse Objekt ist also doch ein Spielstein, wie schon früh gemutmaßt.

Die Figur des Turms im Schachspiel hat im Laufe der Zeit einen deutlichen Wandel erfahren. Ihre indisch-persische Urform stellte einen Streitwagen dar; in der arabischen Formensprache wurde sie zur einzigen Figur mit rechteckiger Standfläche. Die arabischen Schachfiguren des 8. und 9. Jahrhunderts sind zwar stark abstrahiert, gehen aber im Kern auf die figürlichen Darstellungen der Ursprungsform zurück. Aus dem indischen Streitwagen entwickelte sich so eine längliche Figur mit zwei Auswüchsen im oberen Bereich und einer rechteckigen Basis. Diese beiden oberen Auswüchse biegen sich meist leicht nach außen und erinnern in ihrer Form an norditalienische Schwalbenschwanzzinnen – oder eben an Flügel. In Europa blieben diese Flügel bis ins 15. und 16. Jahrhundert das charakteristische Erkennungszeichen der Schachfigur, bevor sie ihre heute gebräuchliche runde Turmform bekam.

Entwicklung der Schachfigur des Turms vom arabischen Typ bis zur modernen Form (Grafik: Doris Fischer).

Auch etymologisch ist die Entwicklung des Schachturms sehr interessant. Vom indischen ratha (Streitwagen) wandelte er sich zum arabischen rukhkh, welches nur noch als Bezeichnung für diese Schachfigur diente. In Europa formte sich daraus im Laufe der Zeit rogue in Spanien, roc in Frankreich, rocco in Italien und roch im Mittelhochdeutschen (wovon sich auch der Begriff Rochade – ein Zug im Schach – ableitet), während er im Englischen bis heute rook heißt. Aus der Verbindung des abstrahierten (Streit)Wagens und der Benennung, die an Felsgestein erinnert, wurde diese Figur in Europa mit der Zeit zum Turm.

Wappen von Frickingen, einem Ortsteil von Dischingen, mit der Schachfigur des Rochen in verwechselten Farben in einem von Rot und Silber gespaltenem Schild (Quelle: www.dischingen.de/frickingen, 11.08.2026)

Übrigens ist der Roch zudem ein heraldisches Symbol und wird auch als Rochen oder Schachroch bezeichnet. Als Wappenfigur erinnert er mit seinen zwei nach außen geschwungenen Flügeln an eine Lilie. Im Unterschied zu dieser ist der Roch jedoch meist an seinem runden Sockel zu erkennen, der ihn als Schachfigur kennzeichnet.

Wer mehr über darüber erfahren möchte, kann das bald in der Zeitschrift Archäologie in Westfalen-Lippe 2025.

Literatur

Kathrin Burgdorf und Birgit Münz-Vierboom: Endlich erkannt – eine Schachfigur aus dem Zisterzienserinnenkloster Gravenhorst. In: Archäologie in Westfalen-Lippe 2025 (Publikation in Vorbereitung).

Doris Fischer: Spielen wie im Mittelalter. 50 Anleitungen zum Nachbauen und Mitspielen. Stuttgart 2013.

Birgit Münz-Vierboom: Von Klostermauern und frommen Frauen. Die Ergebnisse der Ausgrabungen im ehemaligen Zisterzienserinnenkloster Gravenhorst. Münster 2007.

Uta C. Schmidt: Was ist das? In: Graugold. Magazin für Alltagskultur 2026, S. 126–127.

Agnieszka Stempin (Hg.): The Cultural Role of Chess in Medieval and Modern Times. 50th Anniversary Jubilee of the Sandomierz Chess Discovery. Poznań 2018 (Bibliotheca Fontes Archaeologici Posnanienses, 21).